Concert

Kansas City Symphony

Neuwirth / Tschaikowsky / Rachmaninow

The digital programme is only available in German.

Zeit und Endlichkeit

Olga Neuwirths Orchesterwerke

von Martin Wilkening

Wenn man nach einer Konstante im vielfältigen und umfangreichen Schaffen der Komponistin Olga Neuwirth sucht, dann bietet sich die Vorstellung des Unterwegs-Seins an. Dieses aber folgt keiner Beliebigkeit, sondern wird, wie die Komponistin selbst erklärte, angetrieben von einer „Suche nach Verortung und Identität“. Die Fäden, die diese Suche ausspinnt, ziehen sich durch verschiedene Kulturkreise, und die Referenzen, die dabei aufgenommen werden, tragen den Charakter einer sehr persönlichen und hierarchielosen Wahl. In ihrer Jugend war Neuwirth Jazztrompeterin und Punk, gleich nach der Schule begann sie ein bis heute nomadisches Leben, das sie zunächst vom ländlichen Österreich nach Kalifornien führte, wo sie nicht nur Musik, sondern auch Film studierte – eine Zweigleisigkeit ihrer Arbeit, die sich nicht nur in zahlreichen multimedialen Projekten weiterentwickelte, sondern auch die imaginären Räume ihrer rein musikalischen Werke beeinflusst. Die Themen ihrer Stücke beschäftigen sich oft mit Außenseitern.

Insofern mag es vielleicht überraschen, dass eines der beiden heute zu hörenden Werke der übergroßen Gestalt des Komponisten Pierre Boulez gewidmet ist und sich als „Tombeau“ (Grabmal) zudem in eine Tradition stellt, die auf Andacht gerichtet ist – normalerweise eine ironiefreie Zone, was wiederum nicht unbedingt als Markenzeichen dieser gewitzten Komponistin gilt. So gedacht, vergisst man aber all die wirklich wie verzauberten kleinen und größeren Momente, die in ihrer Musik ebenfalls aufscheinen und denen erst die Ironie einen abgesicherten Raum verschafft. Auf diese Weise findet in diesem Tombeau, der einem Gedankenfluss zarter, ineinander gleitender Klangfarben folgt, eine Annäherung als Suchbewegung statt, bei der sich beide Seiten aufeinander zubewegen: die Suchende und der Gesuchte. Boulez erscheint hier nicht auf einem Sockel, nicht als Eminenz des Neue-Musik-Betriebs, die er auch war, sondern in der Annäherung an jene Innerlichkeit, die er lebenslang so gut verbarg.

Aber die Haltung des Stückes geht doch nicht ungebrochen in dieser Empfindsamkeit auf. Der Fortissimo-Ausbruch, von dem aus sich das stille Stück entwickelt, erzeugt wenig später noch einmal Echos mit dumpfen Schlägen, deren rhythmische Gestik wiederum wie ein ferneres Echo des Trauermarsches aus Wagners Oper Götterdämmerung wirkt. Damit und in manchen späteren Momenten erhält das Werk gewissermaßen einen doppelten Boden: Es verweist über die stille Trauer hinaus auf die Erinnerung an Boulez als bedeutenden Wagner-Dirigenten und persifliert auf diese Weise vielleicht auch eine mögliche Identifikation mit dem Heldenhaften. Ein zugespieltes Sample wirkt mit leisem Surren am Schluss als Brechung zum stillen Pathos und zur Innerlichkeit des Vorhergegangenen, ohne diese zu zerstören. Mit den Klängen einer um einen Sechstelton verstimmten E-Gitarre erinnert Neuwirth zudem an ihren eigenen Punk-Underground und würdigt Boulez als einen der Pioniere der Mikrointervallik im Konzertsaal.

Verdichtet wird das Spiel mit Referenzen in Dreydl, einem Stück, das auf ganz andere Weise, nämlich als abstrahierter Tanz, die Themen Lebenszeit, Endlichkeit und Erinnerung umkreist. Entstanden ist es am Ende der Corona-Pandemie. Der Titel bezieht sich auf das jiddisch-amerikanische Kinderlied Ikh bin a kleyner Dreydl: Es beschreibt einen sich auf dem Spieltisch drehenden kleinen Kreisel, den Dreydl, der auf seiner Spitze tanzt und dann beim Umfallen auf seinen abgeflachten Seiten anzeigt, was der Spieler an kleinen, eher symbolisch gedachten Summen, um die hier gespielt wird, gewonnen oder verloren hat. Der Partitur beigegeben ist außerdem ein Gedicht des auf Jiddisch schreibenden Dichters Mark Markowytsch Warschafskyj, der von 1848 bis 1907 in Odessa und Kiew lebte. Es beklagt am Beispiel eines verarmten Müllers die Vergeblichkeit der Mühen eines sinnlos und unablässig verstreichenden Lebens.

Musikalisch gefasst hat Neuwirth ihr Stück unverkennbar als Nachklang wie auch als Gegenentwurf zu einem der populärsten Stücke im Konzertsaal, Maurice Ravels Boléro, allerdings ohne dessen etwas „schneidigen“ Glanz. So verwendet die Komponistin statt der militärischen Snare-Drum für eine ostinate perkussive Grundierung die Bongos. Das Stück erhält dadurch und durch die spezielle schräge Farbigkeit der Instrumentation etwas vom Charakter einer Jam-Session, vielleicht im Freien, im Park. Die „ausgeleierte“ ornamentale Melodie, die zuerst von einem Synthesizer mit zwei mikrotonal gegeneinander verstimmten Tastaturen gespielt wird, weckt die Erinnerung an Ravels Boléro ebenso wie an Klezmer-Musik. Auf jeden Fall erzeugt sie aber gerade in ihrem Anspielungsreichtum und ihrer „Schrägheit“ eine besondere Art von Authentizität als ein „Komponieren von Musik als Heimat und Fremde zugleich“. So hat die Komponistin einmal ihr Ziel benannt.

A woman with dark curly hair looks directly into the camera with a smile on her lips.

Olga Neuwirth

© Harald Hoffmann

Erfüllte Augenblicke

Peter I. Tschaikowskys Violinkonzert

von Martin Wilkening

„In dem Augenblick, als Peter Iljitsch, aus dem Eisenbahnwagen steigend, seinen Fuß auf Moskauer Boden setzte, erfasste ihn die Idee, Moskau so bald als möglich wieder zu verlassen.“ Der Raum, den dieser Satz öffnet, erscheint wie der Anfang eines russischen Romans, den man so bald nicht mehr aus der Hand legen wird. Das Zitat stammt aber aus der ersten Darstellung des Lebens von Peter Tschaikowsky, die sein Bruder Modest im Jahr 1900 schrieb. In einem einzigen Satz verdichten sich das innere und das äußere Leben des Komponisten in jener Zeit, als er sein Violinkonzert schrieb: Tschaikowskys Eheschließung, um dem Moskauer Klatsch über seine Homosexualität ein Ende zu setzen, die unmittelbar folgende Flucht aus dieser Ehe, die Aufgabe seiner zwar ehrenvollen, aber belastenden Tätigkeit am Moskauer Konservatorium und die Ablehnung aller Verpflichtungen als öffentliche Person. Möglich wurde diese Befreiung von äußeren Zwängen vor allem dadurch, dass in jener Zuspitzung der Lebenskrisen mit Nadeschda von Meck eine andere Frau in Tschaikowskys Leben trat, die ihn großzügig finanziell unterstützte und mit ihm einen intensiven Briefwechsel unterhielt, ohne dass sich die beiden jemals begegneten.

Peter Tschaikowsky, dessen Leben sich bis dahin weitgehend zwischen Moskau und St. Petersburg sowie den Landsitzen von Verwandten abgespielt hatte, war nun unermüdlich auf Reisen zwischen dem Zarenreich und Westeuropa. Dort kannte man den Komponisten, der bereits bedeutende Werke wie das später so berühmt gewordene 1. Klavierkonzert geschrieben hatte, noch kaum. Seine Reisen in jener Zeit waren keine Konzertreisen wie ein Jahrzehnt später, sondern Streifzüge eines Ruhelosen ohne feste Verpflichtungen. Meist begleitete ihn einer seiner Brüder, Modest oder dessen Zwillingsbruder Anatol, und egal wo, es gab immer Besuche bei oder von anderen Russen, die alleine oder mit Familie zwischen Quartieren in Italien, Frankreich und der Schweiz unterwegs waren.

Dort, in Clarens am Genfer See, besuchte den Komponisten bei seinem Aufenthalt im Frühjahr 1878 der mit ihm befreundete Geiger Jossif Kotek, und während dieses Treffens schrieb Tschaikowsky innerhalb von nur zwei Wochen sein Violinkonzert: Musik von innerer Erfülltheit und emotionaler Präsenz – berauschend wirkt sie in der oft hymnischen Stimmung, dem unerschöpflich variantenreichen Umkreisen des Hauptthemas im 1. Satz und berührend wirkt sie in der Verinnerlichung, der Schlichtheit des 2. Satzes, der durchgehend mit Dämpfer gespielt werden soll.

Der virtuose Schlusssatz hingegen besitzt in seiner Ausgelassenheit auch etwas grotesk Überzogenes und vermittelt ein Gefühl von Überdrehtheit und Taumel, etwa durch die vom Komponisten vorgeschriebenen Tempoverschiebungen oder die zugespitzt springenden Arten des Bogenstrichs. Dem rhythmischen Charakter nach ist dieses Finale ein Trepak, ein Kosakentanz nur für Männer. Dessen tollkühne und ekstatische Steigerungen feiern die Vitalität der Soldaten im Wissen um die präsente Todesgefahr. So wurde der Trepak fast gleichzeitig mit Tschaikowsky von Modest Mussorgsky in dessen Liedern und Tänzen des Todes auch explizit als Totentanz in Szene gesetzt. Tschaikowsky dagegen, dessen persönliche Krisen ihn zuvor an lebensbedrohliche Abgründe geführt hatten, beschwört mit diesem Tanz eine Lebensfreude, die der Verzweiflung trotzt.

A man with reddish-blond hair and a beard smiles sideways at the camera. He is seated and holding a violin in his hand.

Blake Pouliot

© Lauren Hurt

Zwischen den Zeiten

Sergej Rachmaninows 3. Sinfonie

von Martin Wilkening

Ähnlich wie Peter Tschaikowsky sein Violinkonzert beginnt auch Sergej Rachmaninow seine 3. Sinfonie mit einer knappen Einleitung. Sie bildet eine Art Erzähleingang, der den Grundton des Folgenden zusammenfasst – dessen Stimmung ebenso wie seine motivische Basis. Vor allem aber schafft sie eine Art Rahmung, die das ganze Werk in einen größeren Zusammenhang stellt. Diese Rahmungen weisen jedoch bei Tschaikowsky und Rachmaninow auf ganz unterschiedliche Ursprünge zurück. Tschaikowsky entwirft zu Beginn ein in Tönen idealisiertes Bild jener Alpenlandschaft, in der diese Musik in zwei glücklichen Wochen entstand. Die Motivik der Einleitung wie auch der Beginn des Hauptthemas intonieren einen Ausschnitt aus der Naturtonreihe, der an die Melodie eines Alphorns erinnert – und interessanterweise genau mit jener melodischen Sequenz korrespondiert, durch die Brahms im Finale seiner 1. Sinfonie den Auftritt des Alphorns inszeniert. Für Tschaikowsky ist es die Landschaft, die das Aufbegehren und die Freiheitsideen Rousseaus und des Manfred von Lord Byron beschwört, dem er später ja noch eine eigene Sinfonie widmen sollte.

Bei Rachmaninow erinnert die Einleitung mit ihrem engen Kreisen um drei Töne an einen russischen Kirchengesang. Damit schlägt der Komponist einen Bogen aus dem Jahr 1935 zurück in einen Kulturraum, von dem er seit fast zwei Jahrzehnten, seit seiner Flucht aus dem revolutionären Russland, getrennt war. Es ist eine Musik des Exils, die sich auch klingend zwischen jenen Regionen bewegt, in denen Rachmaninows Leben sich nun abspielte: Westeuropa und die USA. Die Erinnerung an die Heimat gehört dazu, aber auch europäische Traditionen und ein unüberhörbarer amerikanischer Unterton mit synkopischen Rhythmen, manchmal durchscheinenden Jazz-Harmonien und dem erweiterten Schlagzeug mit prominentem Xylophon-Part. Entstanden ist das Werk 1935/36 in der Schweiz, die Uraufführung fand 1936 durch das Philadelphia Orchestra statt.

Die farbige Instrumentation, die auch so selten benutzte Instrumente wie eine Kontra-Alt-Trompete einschließt, führt in diesem Stück weniger zu verstärkter Opulenz, sondern vielmehr zu einer ganz ungewöhnlichen Farbigkeit, in der sich sehr unterschiedlich klingende Episoden aneinanderfügen. So wird etwa das Thema des langsamen Satzes von Hörnern mit Harfenbegleitung vorgetragen, und es gibt viele andere Passagen, die durch ungewöhnliche Klangfarben hervorstechen, etwa die solistischen Stellen der Bassklarinette oder das reich verwendete Schlagzeug.

Der Charakter des Episodischen spiegelt sich auch in der konstruktiven Idee wider, den Scherzo-Satz als Mittelteil in den langsamen Satz zu integrieren und so die romantische Viersätzigkeit in der äußeren Dreisätzigkeit zu spiegeln.

Umrahmt wird das Ganze aber durch die Einleitung, die an entscheidenden Stellen des Werkes immer wieder auftritt. Alle drei Sätze beginnen und enden mit diesem Motto der Einleitung oder mit Ableitungen davon. Zu Beginn des Finales erscheint das Motto aber in einem größeren Anlauf eher versteckt, und am Ende des Finales wird es transformiert und kristallisiert sich zum Zitat jener berühmten mittelalterlichen Sequenz, die Rachmaninows kompositorisches Schaffen schon seit den Anfängen prägt: das Dies irae, das in der Totenmesse den Tag des Jüngsten Gerichts beschreibt. Es gehört wie selbstverständlich zu Rachmaninows geistigem Horizont, und so besitzt es hier auch kaum den drohenden Charakter eines Menetekels, sondern strahlt einen fast befeuernden Schwung aus – ein ernster, aber energiegeladener Aufruf, jeden Tag des Lebens zu nutzen: „Carpe Diem“.

Male-presenting individual with wrinkled face and dark attire, reading from a book against a sparse background.

Sergei Rachmaninoff, painting by Boris Dimitrievich Grigoriev, c. 1920

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