Concert
Neuwirth / Tschaikowsky / Rachmaninow
The digital programme is only available in German.
Olga Neuwirths Orchesterwerke
von Martin Wilkening
Wenn man nach einer Konstante im vielfältigen und umfangreichen Schaffen der Komponistin Olga Neuwirth sucht, dann bietet sich die Vorstellung des Unterwegs-Seins an. Dieses aber folgt keiner Beliebigkeit, sondern wird, wie die Komponistin selbst erklärte, angetrieben von einer „Suche nach Verortung und Identität“. Die Fäden, die diese Suche ausspinnt, ziehen sich durch verschiedene Kulturkreise, und die Referenzen, die dabei aufgenommen werden, tragen den Charakter einer sehr persönlichen und hierarchielosen Wahl. In ihrer Jugend war Neuwirth Jazztrompeterin und Punk, gleich nach der Schule begann sie ein bis heute nomadisches Leben, das sie zunächst vom ländlichen Österreich nach Kalifornien führte, wo sie nicht nur Musik, sondern auch Film studierte – eine Zweigleisigkeit ihrer Arbeit, die sich nicht nur in zahlreichen multimedialen Projekten weiterentwickelte, sondern auch die imaginären Räume ihrer rein musikalischen Werke beeinflusst. Die Themen ihrer Stücke beschäftigen sich oft mit Außenseitern.

Olga Neuwirth
© Harald Hoffmann
Peter I. Tschaikowskys Violinkonzert
von Martin Wilkening
„In dem Augenblick, als Peter Iljitsch, aus dem Eisenbahnwagen steigend, seinen Fuß auf Moskauer Boden setzte, erfasste ihn die Idee, Moskau so bald als möglich wieder zu verlassen.“ Der Raum, den dieser Satz öffnet, erscheint wie der Anfang eines russischen Romans, den man so bald nicht mehr aus der Hand legen wird. Das Zitat stammt aber aus der ersten Darstellung des Lebens von Peter Tschaikowsky, die sein Bruder Modest im Jahr 1900 schrieb. In einem einzigen Satz verdichten sich das innere und das äußere Leben des Komponisten in jener Zeit, als er sein Violinkonzert schrieb: Tschaikowskys Eheschließung, um dem Moskauer Klatsch über seine Homosexualität ein Ende zu setzen, die unmittelbar folgende Flucht aus dieser Ehe, die Aufgabe seiner zwar ehrenvollen, aber belastenden Tätigkeit am Moskauer Konservatorium und die Ablehnung aller Verpflichtungen als öffentliche Person. Möglich wurde diese Befreiung von äußeren Zwängen vor allem dadurch, dass in jener Zuspitzung der Lebenskrisen mit Nadeschda von Meck eine andere Frau in Tschaikowskys Leben trat, die ihn großzügig finanziell unterstützte und mit ihm einen intensiven Briefwechsel unterhielt, ohne dass sich die beiden jemals begegneten.

Blake Pouliot
© Lauren Hurt
Sergej Rachmaninows 3. Sinfonie
von Martin Wilkening
Ähnlich wie Peter Tschaikowsky sein Violinkonzert beginnt auch Sergej Rachmaninow seine 3. Sinfonie mit einer knappen Einleitung. Sie bildet eine Art Erzähleingang, der den Grundton des Folgenden zusammenfasst – dessen Stimmung ebenso wie seine motivische Basis. Vor allem aber schafft sie eine Art Rahmung, die das ganze Werk in einen größeren Zusammenhang stellt. Diese Rahmungen weisen jedoch bei Tschaikowsky und Rachmaninow auf ganz unterschiedliche Ursprünge zurück. Tschaikowsky entwirft zu Beginn ein in Tönen idealisiertes Bild jener Alpenlandschaft, in der diese Musik in zwei glücklichen Wochen entstand. Die Motivik der Einleitung wie auch der Beginn des Hauptthemas intonieren einen Ausschnitt aus der Naturtonreihe, der an die Melodie eines Alphorns erinnert – und interessanterweise genau mit jener melodischen Sequenz korrespondiert, durch die Brahms im Finale seiner 1. Sinfonie den Auftritt des Alphorns inszeniert. Für Tschaikowsky ist es die Landschaft, die das Aufbegehren und die Freiheitsideen Rousseaus und des Manfred von Lord Byron beschwört, dem er später ja noch eine eigene Sinfonie widmen sollte.

Sergei Rachmaninoff, painting by Boris Dimitrievich Grigoriev, c. 1920
© akg-images