Concert
Felix Mendelssohn Bartholdy
The digital programme is only available in German.
Jordi Savall, wellige weiße Haare, kurzer weißer Vollbart, schwarzer Pullover, sitzt vor den Büchern in seinem Domizil in den Bergen nördlich von Barcelona, ein Raum mit einer Balkendecke. Durch die Fenster scheint die Februarsonne auf Savalls freundliches Gesicht, eher das eines 70-Jährigen als eines 84-Jährigen. Gerade erst hat er nach Mendelssohn Bartholdys Italienischer Sinfonie auch die Schottische mit Le Concert des Nations aufgenommen, er ist mitten drin im Thema und könnte darüber auf Spanisch, Portugiesisch, Französisch, Englisch reden. Mit Volker Hagedorn spricht er Deutsch, bedächtig. Wenn ihm, was selten ist, ein Wort fehlt, entnimmt er es einer der anderen Sprachen.

Jordi Savall
© Photo: David Ignaszewski
Volker Hagedorn: Fangen wir an mit dem berühmtesten Stück aus Ihrem Programm für Berlin. Sie haben die Italienische Sinfonie vor drei Jahren in zwei Fassungen aufgenommen: die gängige von 1833 und Mendelssohns Neufassung von 1834. In welche Richtung gehen die Änderungen, die er vornahm?
Jordi Savall: Es sind Änderungen im 2., 3. und 4. Satz, und eigentlich geht es um eine Synthese. Mendelssohn nimmt alles weg, was unnötig ist, und macht es poetischer, besonders im langsamen Satz. Es gibt Momente wie in einem Bach-Choral. Da ist so eine tiefe Emotion, mit einem Ostinato im Bass, das ganz leicht daherkommt.
Volker Hagedorn: Das erste Thema im Andante ist einfacher geworden, ohne den Achtelbogen im dritten Takt.
Jordi Savall: Das ist alles so wunderbar schön! Er geht an die Essenz der Musik, auch in den anderen Sätzen. Weniger pum, pum, pum, weniger pompös. Ich kannte diese letzte Fassung lange nicht und war überrascht. Sie zeigt Mendelssohns Suche nach dem, was wirklich essentiell ist. Ich dachte, ich muss das aufnehmen! Es ist so interessant, beide Fassungen zu vergleichen. Ich glaube, man kann Mendelssohn dann besser verstehen. Er suchte nach der Idealfassung.
Volker Hagedorn: Dabei war doch die erste Fassung, die alle kennen, so ein Erfolg!
Jordi Savall: Sogar seine Schwester sagte, „Felix, das ist verrückt, was du machst! Alle Leute lieben das!“ Trotzdem hat er es korrigiert, aber wegen des schnellen großen Erfolgs wurde die erste Fassung von 1833 gedruckt, und das neue Autograf von 1834 ist unbekannt geblieben.
Volker Hagedorn: Es klingt für mich, als würde Ihnen die späte Fassung besser gefallen.
Jordi Savall: Absolut! Ich finde sie perfekt. Und wenn er sich die Mühe gegeben hat, warum sollte man das nicht respektieren als Interpret? Wir spielen in Berlin natürlich die zweite Fassung. Die andere hat man schon tausendmal gehört.
Schottland und Italien als Inspirationsquellen für Felix Mendelssohn Bartholdy
von Volker Hagedorn
Am 8. August 1829 steigen sie um 5 Uhr morgens auf den kleinen Dampfer im Hafen von Tobermorey, Hauptstadt der Isle of Mull im Nordwesten Schottlands. Das Wetter hat sich über Nacht verschlechtert, das Barometer ist gefallen, die See geht hoch, so hoch, dass auf der Fahrt um die Insel herum die wenigsten ihr Frühstück bei sich behalten. „Ich wollte mein ReisePechbruder wäre nicht unter ihnen gewesen, aber er verträgt sich mit dem Meere besser als Künstler denn als Mensch, oder als Magen“, schreibt Karl Klingemann über seinen jungen Freund Felix Mendelssohn Bartholdy, mit dem er seit knapp drei Wochen Schottland bereist. Heute wollen sie zur Felseninsel Staffa, so winzig wie berühmt für ihre Basaltsäulen und die gewaltige Höhle, die das Meer geschaffen hat.

Joseph Mallord William Turner, Sea View, the 1820s
© Scottish National Gallery
Weit mehr als seine Stippvisite beim Bestsellerautor Scott beeindruckten den Komponisten die Spuren von Maria Stuart in Edinburgh. „In der tiefen Dämmerung gingen wir heut nach dem Pallaste wo Königinn Maria gelebt und geliebt hat“, schreibt er am 30. Juli 1829. „Der Kapelle daneben fehlt nun das Dach, Gras und Epheu wächst viel darin, und am zerbrochnen Altar wurde Maria zur Königinn von Schottland gekrönt. Es ist da alles zerbrochen, morsch, und der heitre Himmel scheint hinein. Ich glaube, ich habe heut da den Anfang meiner Schottischen Symphonie gefunden.“

Joseph Mallord William Turner, Staffa, Fingal’s Cave, 1831
© Yale Center for British Art, Paul Mellon Collection
Die Italienische Sinfonie hat mit der Schottischen (und der Hebriden-Ouvertüre) gemeinsam, dass sie auf Anregungen „vor Ort“ zurückgeht und eine unverwechselbare Stimmung und Farbigkeit entwickelt, ohne einem konkreten Programm zu folgen. Welche Vielfalt an Eindrücken mitspielt, wird schon in den Zeilen deutlich, die Mendelssohn 1830 aus Rom an seinen einstigen Kompositionslehrer Carl Friedrich Zelter schreibt: „Auch verdanke ich dem, was nicht die eigentliche, unmittelbare Musik ist: den Ruinen, den Bildern, der Heiterkeit der Natur, am meisten Musik.“

Joseph Mallord William Turner, Modern Rome – Campo Vacino, 1839
© The J. Paul Getty Museum, Los Angeles