Vorausgegangen waren der Geschichte vom Soldaten verschiedene Miniaturen wie die Trois Pièces für Streichquartett und damit Stücke, deren aphoristische, reduzierte Anlage dem exzessiven Stil des Sacre du printemps diametral entgegengesetzt ist. Diese Tendenz zum kleinen Format, zum Holzschnittartigen, Abstrakten wirkt in der Geschichte vom Soldaten in vielfacher Weise nach. Sie steht nun nicht mehr im Zentrum des Werks wie in den Miniaturen, geht aber in Gestalt des Aufbaus aus kürzeren, in sich geschlossenen Nummern als ein wesentliches Element in die musiktheatrale Konzeption ein.
Innerhalb der Geschichte des Musiktheaters manifestiert sich die Tendenz zur Reduktion als Wendung gegen das Opulente und den äußeren Aufwand. Während nur wenige Jahre zuvor Opern wie Der Rosenkavalier von Richard Strauss oder Der ferne Klang von Franz Schreker entstanden, deren Komponisten auf ihre Weise an das Musiktheater Richard Wagners anknüpften, stößt sich Strawinsky in der Geschichte vom Soldaten von diesem Stil dezidiert ab. Tatsächlich steht das Werk quer zu allen Gattungstraditionen, ist weder als Oper noch als Ballett zu begreifen und stellt eine eigene Art des Musiktheaters dar, mit der Strawinsky neue Formen der Kammeroper und des sogenannten „Neuen Musiktheaters“ begründete. Bedeutsam ist in diesem Zusammenhang die Behandlung der Stimme. In der Geschichte vom Soldaten ist kein Sänger, sondern ein Sprecher besetzt, der sowohl als gelegentlich kommentierender Vorleser wie als Darsteller fungiert und an einigen Stellen auch direkt in die Handlung eingreift.
Er trägt seinen Part überwiegend allein vor, also unabhängig von der Musik, teils aber auch innerhalb der Musikstücke. An einigen dieser Stellen, insbesondere am Anfang, ist die deklamatorische Führung der Stimme im französischen Original im Instrumentalpart vorgezeichnet, ihre Notation bleibt aber die Ausnahme. Hierin besteht ein grundsätzlicher Unterschied zur Behandlung der Sprechstimme in Arnold Schönbergs Pierrot lunaire aus dem Jahr 1912, den Strawinsky hoch schätzte und von dem er sich offenbar hatte anregen lassen. In den 1920er-Jahren wurde die polemische Stellung der Geschichte vom Soldaten gegen die traditionelle Oper etwa im Musiktheater von Kurt Weill und Bertolt Brecht aufgegriffen.
Die Impulse, die von der Geschichte vom Soldaten ausgehen, lassen sich aber noch viel weiter bis in unsere Gegenwart und zu so unterschiedlichen Werken wie der Kammeroper Jakob Lenz von Wolfgang Rihm und dem Zyklus der Kafka-Fragmente von György Kurtág verfolgen.
Entstehung und Inhalt
Die skizzierte Ästhetik der Reduktion hängt aufs Engste mit den Umständen der Entstehung des Stücks gegen Ende des Ersten Weltkriegs zusammen. Strawinsky verbrachte die Kriegsjahre im Schweizer Exil am Genfer See, wo er sich mit einigen Schweizer Künstlern wie dem Literaten Charles Ferdinand Ramuz und dem Dirigenten Ernest Ansermet anfreundete. Mit zunehmender Dauer des Krieges sahen sich Ramuz und Strawinsky in einer ähnlich bedrängten finanziellen Lage, da ihre Einnahmen ausblieben, und so verabredeten sie im Herbst 1917 eine Zusammenarbeit. Gedacht war an eine Art Thespiskarren, ein mit minimalen Mitteln realisierbares Wandertheater mit Musik. Damit war die Sphäre von Jahrmarkttheater, Puppenspiel und Commedia dell’Arte aufgerufen. Einen geeigneten Stoff fanden die beiden Künstler in der russischen Märchenwelt, wie sie in der berühmten Sammlung von Alexander N. Afanassjew, dem russischen Pendant zu den Grimm’schen Märchen, vorlag. Konkret bildete die Geschichte Der fahnenflüchtige Soldat und der Teufel die Vorlage, die Strawinsky und Ramuz allerdings einschneidend veränderten.
Es geht in der Geschichte vom Soldaten um einen Pakt mit dem Teufel. Ein Soldat hat ein paar Tage Urlaub und trifft auf der Wanderung zu seinem Heimatdorf auf den Teufel in Gestalt eines alten Mannes. Dieser überredet den Soldaten dazu, seine Geige gegen ein Zauberbuch zu tauschen und ihn für drei Tage zu begleiten, um ihm das Geigenspiel beizubringen. In seinem Heimatdorf angekommen, merkt der Soldat zu seiner Verzweiflung, dass in Wirklichkeit statt drei Tagen drei Jahre vergangen sind. Niemand im Dorf erkennt ihn mehr, und da er fahnenflüchtig geworden ist, kann er auch nicht mehr zurück ins Soldatenleben. Da erscheint der Teufel wieder und erklärt dem Soldaten, was er mit dem Zauberbuch anfangen kann, das zukünftige Börsenkurse enthält. Der Soldat wird schnell reich, bleibt aber unglücklich und wirft das Buch schließlich von sich. Hiermit endet der erste Teil des Werks. Im zweiten Teil kommt als neue Hauptfigur eine Prinzessin hinzu, die an einer rätselhaften Krankheit leidet. Sie ist demjenigen versprochen, der sie wieder gesund zu machen vermöge, was aber nur mithilfe der Geige geschehen kann, die sich immer noch in der Hand des Teufels befindet. Bei einem Kartenspiel gelingt es dem Soldaten, den Teufel zu übertölpeln und sein Instrument wiederzuerlangen, das er sogleich mit dem Kleinen Konzert ausprobiert. Der Soldat wird zur kranken Prinzessin vorgelassen und spielt ihr die Drei Tänze vor, zu denen sie geheilt zu tanzen beginnt. Als der Teufel wutentbrannt erscheint, greift der Soldat wieder zur Geige – und nun muss der Teufel tanzen, bis er schließlich vor Erschöpfung zusammenbricht. Besiegt spricht er noch einen Bannfluch aus: Der Soldat werde ihm verfallen, sobald er die Grenze des Königreichs verlasse. Das tragische Ende, das in der letzten Szene folgt, dreht den Märchentopos, in dem der Teufel in der Regel der Dümmere ist, um. Die Prinzessin überredet den Soldaten, ihr sein Heimatdorf und damit seine Vergangenheit zu zeigen. Als beide dort ankommen, werden sie vom Teufel schon erwartet. Während die Prinzessin diesseits der Grenze bleibt, überschreitet sie der Soldat und muss nun dem Teufel folgen.
Der angeschlagene Märchenton ist von Beginn an insofern gebrochen, als Soldaten zur Zeit der Uraufführung gegen Ende des Krieges im Alltagsleben sehr präsent waren. Konsequenterweise trug der Darsteller des Soldaten bei der Premiere eine Schweizer Uniform. Vollends aus der Märchensphäre gerissen wird man durch den Handlungsstrang des – Börsenkurse voraussagenden – Zauberbuchs. Bei der Gestaltung dieses Stoffes gingen Ramuz und Strawinsky weitgehend unabhängig voneinander vor, was der Konzeption, aber auch den Entstehungsbedingungen geschuldet war, da sie so leichter und schneller arbeiten konnten. Im fertigen Stück hat sich dies als relativ klare Trennung von Musik und Sprache niedergeschlagen. Diese beiden Werkschichten sind zwar eng aufeinander bezogen, laufen aber in weiten Teilen nicht gleichzeitig, sondern im Wechsel miteinander ab. Dadurch war es möglich, eine Anzahl von Stücken aus dem Bühnenkontext herauszulösen und zu einer Konzertsuite für Violine, Klarinette und Klavier zusammenzustellen, die häufig aufgeführt wird. Auch wenn die Ausformulierung des Textes die Aufgabe von Ramuz war, hatte Strawinsky doch an der literarischen Konzeption der Geschichte vom Soldaten großen Anteil, was er später deutlich unterstrichen hat. Für die Musik griff der Komponist auf diverses Material zurück, das er zunächst für ganz andere Zusammenhänge gedacht, aber nicht verwendet hatte, sodass die Anfänge der Musik bis ins Jahr 1915 zurückreichen.
So wichtig finanzielle Überlegungen im ersten Stadium der Werkentwicklung waren, so wenig entsprach die Schlussfassung diesen Anfängen. Nach einigen vergeblichen Anfragen nach Aufführungsmöglichkeiten sprang der Schweizer Mäzen Werner Reinhart ein, dem das Stück dann gewidmet wurde. Reinhart finanzierte 1918 die Uraufführung und später die wichtige deutsche Erstaufführung am 20. Juni 1923 unter der Leitung von Hermann Scherchen, die im Unterschied zur Lausanner Premiere weite Beachtung fand. Reinharts Bruder, der Literat Hans Reinhart, übernahm die Aufgabe, den französischen Originaltext ins Deutsche zu übertragen. Gleich nach der Uraufführung begann Strawinsky mit der einschneidenden Revision des Notentextes, die sich bis zur Frankfurter Aufführung hinzog und kaum einen Takt unverändert ließ.
Die musikalische Gestaltung
Die Geschichte vom Soldaten ist für ein siebenköpfiges Instrumentarium geschrieben, das von den Hauptgruppen des Orchesters der Streicher, Holz- und Blechbläser jeweils zwei Vertreter sowie ein relativ großes Schlagwerk umfasst. Es stellt eine Art Miniaturorchester dar, das sich aber auch in eine Gruppe von Dorfmusikanten oder eine Tangokapelle verwandeln kann. Die Auswahl und Behandlung der Instrumente ist ungemein charakteristisch, wobei diese Instrumentalcharaktere, nimmt man den traditionellen Gebrauch als Maßstab, oft verzerrt wirken. Das gilt zumal von der Violine, die häufig perkussiv, dafür aber nie gesanglich eingesetzt wird. Anstelle der Trompete ist ein Cornet à pistons vorgesehen, das der Sphäre der Unterhaltungsmusik zugeordnet ist. Selbst der Kontrabass wird weitgehend als perkussives Zupfinstrument verwendet. Schon am Instrumentarium ist ablesbar, dass Strawinsky verschiedene musikalische Topoi von der Militärmusik bis zur pastoralen Szene aufruft. Viele dieser Topoi erscheinen mit grimmiger Ironie, wie zu Totenmasken verzerrt, etwa die beiden Choräle oder die populären Drei Tänze: Tango, Walzer und Ragtime. Dabei ändert sich die Funktion der Musik im Lauf des Stücks. Bis in den zweiten Teil hinein sind die Musikstücke in lockerer Folge in die Handlung eingestreut, die sie begleiten und illustrieren. Vom Kleinen Konzert an vollzieht sich die Handlung dann wesentlich in den Musikstücken selbst. Die Heilung der Prinzessin, der zur Erschöpfung führende Tanz des Teufels, die Feier des glücklichen Paares, schließlich der Sieg des Teufels – all diese Stationen der Handlung werden in Form von Musikstücken dargestellt.
Wesentlich für die musikalische Gestaltung im Einzelnen ist der Aufbau aus kurzen, prägnanten Bausteinen. Mit diesen Kurzmelodien verfährt Strawinsky betont unorganisch: Einzelne Töne oder Pausen werden nach Belieben eingefügt oder herausgenommen, sie werden gestaucht oder gedehnt, und ganze Teile werden gleichsam abgeschnitten. Entscheidend ist dabei das Überlagern verschiedener, rhythmisch voneinander unabhängiger Schichten, wofür der Marsch zu Beginn ein anschauliches Beispiel gibt. Hier läuft im Kontrabass konsequent und unveränderlich dieselbe elementare Marschbewegung durch. Zu diesem unerschütterlichen „Eins-und-Zwei-und“ erscheinen in den übrigen Stimmen Marsch- und Fanfarenmotive, die grundsätzlich anders verfasst sind und etwa auch Dreier- und Fünferelemente enthalten. Sie fügen sich mal in den Bewegungsduktus des Kontrabasses ein, mal weichen sie von ihm ab – wobei Strawinskys Verfahrensweise zu einem ständigen Wechsel zwischen beiden Möglichkeiten führt. Dies wirkt zurück auf den Duktus der Kontrabass-Schicht, die allmählich zwischen einem strikten Metrum mit gleichbleibender Folge von starken und schwachen Taktteilen und einer gleichmäßig verlaufenden, aber unregelmäßig akzentuierten rhythmischen Bewegung zu oszillieren beginnt. Eine feste Taktordnung gibt es somit in der Geschichte vom Soldaten nicht mehr.
Zur Inszenierung
Dass Die Geschichte vom Soldaten aus inhaltlichen und gestalterischen Gründen wie für die Bühne eines Marionettentheaters gemacht erscheint, fiel schon dem Mäzen Werner Reinhart auf, der diese Kunstform nachhaltig förderte. Die Entwürfe der Marionetten der vorliegenden Aufführung stammen von einem der prominentesten Künstler unserer Zeit, von Georg Baselitz. Der Maler, Bildhauer und Grafiker, geboren im Jahr 1938 im sächsischen Deutschbaselitz, machte vor allem mit auf dem Kopf stehenden Bildern und Werkreihen wie den Helden Furore. Für das Marionettentheater interessiert er sich schon seit langem, und so ergab es sich fast zwangsläufig, dass sich aus einem Besuch des Salzburger Marionettentheaters die Idee einer Zusammenarbeit entwickelte. Rasch fiel die Wahl auf Die Geschichte vom Soldaten. Baselitz konnte als Kenner der zeitgenössischen Musik zudem auf verschiedene Erfahrungen zurückgreifen, die er seit Anfang der 1990er-Jahre bei der Arbeit an Bühnenbildern für eine Reihe von Opern gesammelt hatte. Seine künstlerische Kompromisslosigkeit führte dazu, dass er die erste Version der Marionetten verwarf und eine zweite, radikalere Variante schuf. Leitend waren die Gedanken, dass das Marionettentheater von sich aus eine verfremdete, nicht naturalistische Darstellungsweise nahelegt und die Marionetten mit einfachsten Mitteln und auf das Wesentliche reduziert gestaltet sein sollten – als ob sie von Kinderhand gezeichnet seien. Die Ausstattung bekennt sich so zum artifiziell Hergestellten und Gemachten des Theaters und zielt gleichzeitig auf die Bewahrung des Staunens ab, mit dem Kinder dem Marionettentheater begegnen.