Concert
Alex Nante / Jean-Claude Touche / Jehan Alain / Yvonne Loriod (UA)
The digital programme is only available in German.
Der Komponist Alex Nante im Gespräch mit Olivia Artner über die Bedeutung von Spiritualität und das Komponieren als meditative Übung
Olivia Artner: Ihr Orchesterwerk Ein feste Burg basiert auf dem gleichnamigen Choralgesang von Johann Sebastian Bach BWV 302. Wie ist diese Idee entstanden?
Alex Nante: Kent Nagano hat mich gebeten, ein Werk auf der Basis dieses Bach-Chorals zu schreiben. In seinen Konzertprogrammen verfolgt er immer einen roten Faden, sozusagen ein Leitmotiv.
Im Fall des Konzerts mit der Dresdner Philharmonie, für die ich das Werk 2025 komponierte, war das Mendelssohns 5. Sinfonie, die das Kirchenlied in seiner ursprünglichen lutheranischen Fassung im Finalsatz aufgreift. Kent wollte den Choral in einer von mir orchestrierten Fassung an den Anfang des Konzerts setzen und Mendelssohns Fünfte ans Ende. Mir gefiel die Idee sehr, denn ich liebe Bach, aber das Vorhaben stellte mich vor eine große Herausforderung: Es war wichtig, dass der Choral klar erkennbar bleibt und ich mich nicht zu weit von Bachs Stil entferne. Ich wollte mich aber nicht auf eine reine Instrumentierung beschränken. Im Verlauf des Stücks verfahre ich mit dem Choral auf verschiedenste Arten. Ich nehme etwa einzelne Stimmen heraus und komponiere neue Gegenstimmen dazu. Dabei habe ich mich sehr streng an den Stil Bachs gehalten, nur selten entgleiten die Stimmen dieser Stilistik: manchmal in die Richtung mittelalterlicher Musik, manchmal auch in Richtung meiner eigenen Musik, aber nur sehr subtil. Das Skelett des Chorals bildet im ganzen Stück die Basis der Musik.

Alex Nante
© private
Olivia Artner: Wenn Sie von der Entstehung dieses Werkes sprechen, erzählen Sie davon, dass das Komponieren eine meditative und asketische Arbeit war. Wie meinen Sie das?
Alex Nante: Der Choral ist extrem kurz. Ich habe versucht, immer und immer wieder zu diesen wenigen Notenzeilen zurückzukehren – das ist eine meditative Übung, fast wie eine Art Mantra. Ich mache das häufig in meiner Musik. Jedes Mal betrachte ich das Material aus einer anderen Perspektive und einem neuen Blickwinkel. Wenn man das gleiche Stück oder den gleichen Psalm periodisch – zum Beispiel jede Woche, wenn man in die Kirche geht – wiederholt, entdeckt man etwas Neues, obwohl die Musik immer dieselbe bleibt. Diese beobachtende Perspektive ist das, was mich daran so anzieht. Man könnte meinen, das hätte etwas Starres an sich, aber in Wahrheit ermöglicht das Zurückkehren zum immer Gleichen das Entdecken neuer Facetten – das Material eröffnet uns Zugang zu neuen Informationen. Das geschieht sehr subtil, es ist nicht rational. Dieser Aspekt der Askese, der Wiederholung, des Rituals – das ist wichtig in meiner Musik. Auch das Thema Religion ist mir wichtig. Das Wort Religion beinhaltet zwei Ideen: die Idee des Vereinens und die Idee des Wiederlesens, also des wiederholenden Lesens des immer gleichen Textes. Es ist kein oberflächliches, künstliches Lesen, sondern ein tiefgründiges Lesen, ein Lesen des Inneren.
Yvonne Loriod ist unbestritten eine der bedeutendsten Pianistinnen des 20. Jahrhunderts. Sie stellte unter anderem Béla Bartóks Klavierkonzerte der französischen Öffentlichkeit vor, ihr Studienkollege Pierre Boulez hatte sie auserkoren, die Unspielbarkeit seiner Klavierwerke zu widerlegen, und schon als Teenager hatte sich Loriod mit dem Schaffen Bachs und Mozarts auf den Konzertbühnen profiliert. Untrennbar verbunden ist ihr Name auch mit den intrikaten Klavierstücken ihres späteren Ehemannes Olivier Messiaen, den Loriod zunächst am Pariser Konservatorium kennengelernt hatte. Ab 1941, nach seiner Rückkehr aus der Kriegsgefangenschaft, übernahm Messiaen in Paris eine Professur für Harmonie, Analyse, Ästhetik und Rhythmus. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde seine Klasse zu einem Anziehungspunkt für eine ganze Generation junger Komponist*innen, die das Musikleben der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts prägten, darunter Karlheinz Stockhausen, Iannis Xenakis, Mikis Theodorakis, Michèle Foison oder später – der jüngste unter ihnen – George Benjamin. Selbst jene, die, wie George Benjamin, mit Yvonne Loriod eng vertraut waren, fielen aus allen Wolken, als sie vor einiger Zeit erstmals davon hörten, dass die Künstlerin auch ein kompositorisches Erbe hinterlassen hatte. „I had no idea!“, staunt George Benjamin im Interview mit dem Musikjournalisten Philipp Quiring. „She never ever mentioned it. Not at all.“ [1]

Yvonne Loriod, 1965
© Photo Ingi Paris / akg-images
Mit rund 250 Partiturseiten ist La Sainte Face eine der am weitesten ausgearbeiteten Partituren im Nachlass von Loriod. Nicht nur der Titel, auch das auf der Titelseite des Manuskripts vermerkte Datum ist religiös konnotiert: Pfingsten 1945. Yvonne Loriod war zu diesem Zeitpunkt 21 Jahre alt. Eine dem Notentext vorangestellte Notiz der Komponistin weist das anderthalbstündige, aus 15 Sätzen bestehende Werk als eine Kontemplation über das Heilige Antlitz in der Tradition der Heiligen Thérèse de Lisieux aus. Sie ist eine 1873 geborene, im katholischen Frankreich verehrte Heilige, deren vollständiger Ordensname Thérèse de l’Enfant Jésus et de la Sainte Face lautet und deren Schrift Histoire d’une âme unmittelbar nach Thérèses Tode 1897 weite Verbreitung erfuhr. Bereits 1925 wurde sie von Papst Pius XI. heiliggesprochen.

Yvonne Loriod, “La Sainte Face” – Manuscript
© Fonds Olivier Messiaen – Yvonne Loriod, Département de la musique, Bibliothèque nationale de France
Wie Yvonne Loriod studierte Jean-Claude Touche am Conservatoire de Paris, und zwar bei Marcel Dupré, der die Orgelklasse am Pariser Konservatorium von 1926 bis 1954 leitete und auch wichtiger Förderer von Olivier Messiaen war. Die Orgelstudien bei Marcel Dupré beendete Touche 1944 mit dem Ersten Preis.
Heute ist die Lage wie folgt: Kein Strom, kein Gas, keine U-Bahnen, keine französische Polizei, fast keine Züge. Keine Postboten, die Postämter sind geschlossen. Bald wird auch das Wasser knapp werden. Es ist beinahe eine Zeit der Hungersnot oder der Belagerung, die Paris droht, wenn die Amerikaner nicht am Sonntag oder Montag einmarschieren. Sie kämpfen gegen die Deutschen, genauso wie die Widerstandsgruppen – Franzosen in den Diensten der Engländer, die durch ihre Hingabe und Selbstaufopferung ihrem Land redlich gedient haben, ihrem schönen Land Frankreich, das seit vier Jahren besetzt ist und nun kurz vor der Befreiung durch die Amerikaner steht.
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