Vom Filmemacher zum politischen Aktionisten, vom Theater- und Opernregisseur zum Schauspieler und bildenden Künstler: Christoph Schlingensiefs Praxis sprengt Genregrenzen und erzeugt überbordende Material- und Bedeutungsschichten. Seine Projekte sind dabei von intensiver Überforderung, Mehrdeutigkeit und kollaborativer Arbeit geprägt. Es ist nicht mehr mein Problem, macht eure Scheiße alleine versammelt Werke aus den späten 1990er und den 2000er Jahren: von medienwirksamen Aktionen, die mit theatralen Mitteln in die politische Öffentlichkeit eingriffen, über künstlerische Installationen, bis hin zu Operninszenierungen, die das Genre an sich herausforderten.
In Schlingensiefs Schaffen wird Kunst als Befragung gesellschaftlicher Wirklichkeiten erfahrbar. Durch gezielte Provokationen und humorvolle Parodien – aber auch durch die bewusste Reproduktion diskriminierender Bilder und Sprache – überschritt er immer wieder die Grenzen des Sag- und Machbaren. Schlingensief scheute dabei nicht die öffentliche Auseinandersetzung mit dem Publikum und hinterfragte seine Rolle als Künstler immer wieder. Während die Werke fest in den Fragestellungen ihrer Zeit verortet sind, wird ihre Relevanz gerade im Hier und Jetzt deutlich: Sowohl seine frühe Auseinandersetzung mit Kolonialismus, Rechtsextremismus und Diskriminierung als auch die ungebrochene Forderung nach Austausch und Konfrontation berühren wesentliche Debatten der Gegenwart. Ein heutiger Blick auf Schlingensiefs Projekte, die gesellschaftliche Konflikte aktivistisch und performativ begleiteten, macht die Bedeutung seines Schaffens auch für unsere Zeit sichtbar.
2006 / 2007
Die Installation Kaprow City umfasst eine der wenigen erhaltenen Bühneninstallationen Schlingensiefs. Die ursprünglich begehbare Drehbühne entstand anlässlich des gleichnamigen Theaterstücks an der Berliner Volksbühne, das über die letzten Stunden der britischen Prinzessin Lady Diana vor ihrem Unfalltod 1997 spekuliert. Die Zuschauer*innen waren auf die 18 Räume der Drehbühne verteilt und konnten somit nur Bruchteile der Handlung verfolgen. Das Geschehen wurde gefilmt, sodass das außenstehende Publikum einzelne Sequenzen über eine Live-Projektion verfolgen konnte. So reflektiert die Arbeit, wie die Wahrnehmung der Wirklichkeit durch mediale Darstellungen immer fragmentarisch bleibt. Für das Projekt orientierte sich Schlingensief an 18 Happenings in 6 Parts (1959) des US-amerikanischen Künstlers Allan Kaprow, bei dem die Betrachter*innen in 18 Räumen auf künstlerische Elemente sowie alltägliche Handlungen trafen. Ähnlich wie Kaprow hob Schlingensief damit die Trennung zwischen Bühnen- und Zuschauer*innenraum auf und stellte die Grenzen zwischen Realität und Fiktion infrage.
Schlingensief transformierte die Drehbühne 2007 für die Präsentation im Migros Museum für Gegenwartskunst, Zürich, zu einer künstlerischen Installation. Hier zeichnet sich in seiner Praxis ein bedeutender Übergang vom Theater zur bildenden Kunst ab. Die einzelnen Räume von Kaprow City wurden dabei zu Kinokammern, in denen sich Aufnahmen aus der Theaterinszenierung mit Fragmenten aus früheren Filmprojekten wie Fremdverstümmelung (2007) und privaten Super-8-Filmaufnahmen aus Schlingensiefs Kindheit verschränken. Transparente Folien erschweren dabei gezielt die Wahrnehmung. Ein klares Bild oder eine eindeutige Erzählung existieren nicht: Überlagerungen, Doppel- und Mehrfachbelichtungen folgen Schlingensiefs Prinzip der visuellen Überforderung, das sein gesamtes Werk durchzieht.
2003
Im Mittelpunkt von Church of Fear steht Christoph Schlingensiefs Auseinandersetzung mit Angst, Unsicherheit und staatlicher Kontrolle. Das Projekt entstand vor dem Hintergrund der Reaktionen auf die Anschläge vom 11. September 2001, die von der islamistischen Terrororganisation al-Qaida auf das World Trade Center in New York verübt wurden: Kriegseinsätze in Afghanistan und im Irak sowie die Ausweitung von Überwachungsmaßnahmen fanden in vielen westlichen Staaten breite politische und gesellschaftliche Unterstützung, obwohl die Legitimität dieser Schritte teilweise umstritten war. Die öffentliche Debatte war von einer rassistischen Berichterstattung geprägt, die muslimisch gelesene Bevölkerungsgruppen mit Terrorismus in Verbindung brachte und Angst schürte. Am Tag der US-amerikanischen Invasion des Iraks gründete Schlingensief die Church of Fear als parodistische Glaubensgemeinschaft, die sich individuellen und kollektiven Ängsten sowie deren Instrumentalisierung widmete.
Im Rahmen von Church of Fear thematisierte Schlingensief in Predigten und ritualhaften Veranstaltungen die Sorgen und Befürchtungen des Publikums sowie die gesellschaftlichen Entwicklungen, die ihnen zu Grunde liegen. Während dieser meist im öffentlichen Raum stattfindenden Aktionen forderte er die Menschen dazu auf, Mitglieder seiner Glaubensgemeinschaft zu werden. Für das Projekt eignete sich Schlingensief kulturelle und religiöse Elemente an – vom christlichen Kirchengebäude über den islamischen Gebetsruf des Muezzins bis hin zu Masken, die an Voodoo-Praktiken erinnern. Sie verweisen auf kollektive Ängste vor dem vermeintlich „Fremden“ und den politischen Missbrauch von Furcht zur Stabilisierung von Machtverhältnissen. Die hier gezeigte Holzkirche wurde erstmals 2003 auf der Biennale in Venedig gezeigt, wo Schlingensief außerdem einen Wettbewerb im Pfahlsitzen veranstaltete: Teilnehmende sollten mehrere Stunden lang über ihre Ängste meditieren, um sie besser zu verstehen und sich so vor deren Vereinnahmung zu schützen.
2007
Christoph Schlingensief setzte sich immer wieder intensiv mit den Werken des Komponisten Richard Wagner (1813–1883) auseinander. In dessen Oper Der fliegende Holländer (1843) wird ein Kapitän während einer Schiffsreise dazu verflucht, ewig auf See herumzuirren. In diesem Raum ist eine Filmsequenz zu sehen, die im Kontext von Schlingensiefs Inszenierung des Stücks für das Teatro Amazonas in Manaus, Brasilien, entstanden ist. Dabei brachte er Themen wie Leben, Tod und Erlösung mit ökologischen und postkolonialen Kontexten zusammen. Die Inszenierung verweist etwa auf den Kautschukhandel, durch den der Bau des Teatro Amazonas – ein Schauplatz europäischer „Hochkultur“ – Ende des 19. Jahrhunderts finanziert wurde. Der Anbau des Rohstoffs beruhte maßgeblich auf der Ausbeutung der Indigenen Bevölkerung und der lokalen Ökosysteme.
In Anlehnung an Wagner verstand Schlingensief die Oper als ein „Gesamtkunstwerk“, das Musik, Tanz und Architektur vereinen und für ein breites Publikum zugänglich sein sollte. Insbesondere in seinem Spätwerk brachte Wagner diese verbindende Kraft der Oper mit der Vorstellung einer kulturell und ethnisch definierten Gemeinschaft – dem „deutschen Volk“ – zusammen, die auf nationalistischen und antisemitischen Ideen basierte. Schlingensief hatte in seinen Opernprojekten hingegen die Absicht, ein „Kunstwerk für alle“ zu schaffen, das sowohl die Grenzen zwischen Kunst und Gesellschaft als auch zwischen unterschiedlichen kulturellen Kontexten aufheben sollte. Für Der fliegende Holländer arbeitete er in Manaus mit den Menschen vor Ort zusammen und bezog lokale Tänze und Musik ein, um die Oper von ihrem eurozentrischen und elitären Charakter zu lösen. Schlingensief verwendete dabei auf umstrittene Weise koloniale Motive: Teil des Stücks waren auch kurze 16-mm Filme, die er als „Abenteurer“ im Gebiet des Amazonas aufnahm und so seine eigene Rolle als europäischer Künstler kritisch kommentierte. Die Filme zeigen neben Mitgliedern des Opernensembles die Bewohner*innen und Umgebung von Manaus und erinnern an die Bildsprache der Kolonialzeit.
2005 / 2007
The African Twin Towers verknüpft Themen wie den deutschen Kolonialismus und globale Ausbeutung mit mythologischen Motiven. Das ursprüngliche Drehbuch des Projekts war angelehnt an Schlingensiefs konfliktreiche Zusammenarbeit mit der Familie Richard Wagners im Rahmen der Bayreuther Festspiele (2004–2007). Ausgehend von dieser Erfahrung plante er eine fiktive Erzählung über die Nachfahren des deutschen Komponisten, die in Namibia ein Musikfestival veranstalten wollen. Nachdem das Drehbuch scheiterte, fokussierte Schlingensief den kooperativen und improvisatorischen Prozess des Projekts: Gemeinsam mit Schauspieler*innen sowie Bewohner*innen der namibischen Stadt Lüderitz und Umgebung stellte Schlingensief germanische Heldensagen aus Wagners Opern, westliche Filmklassiker und Szenen aus der Kolonialzeit nach.
Der Projekttitel verweist auf ein Ungleichgewicht in der medialen Berichterstattung: Während Bedrohungen des Westens – wie die Anschläge vom 11. September – wochenlang die Schlagzeilen dominierten, wurden die Folgen der deutschen Verbrechen in Namibia und des Genozids an den Ovaherero und Nama kaum verhandelt. Indem er Bilder „deutscher Hochkultur” mit Darstellungen der gewaltsamen Kolonialisierung Namibias (1884–1914) auf eine Ebene setzt, rückt Schlingensief diesen weitgehend verdrängten Teil deutscher Geschichte in den Fokus. In den Filmsequenzen legt er rassistische Handlungen durch ihre überspitzte Darstellung offen und reflektiert in teils fragwürdigen und bewusst provokanten Inszenierungen auch seine eigene Rolle als deutscher Filmemacher in Namibia. Zur Nachstellung geschichtlicher Ereignisse nutzt er performative Mittel und eine überbordende Bilderflut, um die (Un-)Möglichkeit der Vergegenwärtigung und Darstellung kolonialer Gewalt zu thematisieren.
2002
In Freakstars 3000 nutzte Christoph Schlingensief Formate wie Castingshows und politische Talkshows, um gesellschaftliche Normvorstellungen grundsätzlich in Frage zu stellen. In dem Projekt setzte er seine langjährige, enge Zusammenarbeit mit Darsteller*innen mit Behinderungen fort, die von Anfang an kontrovers diskutiert wurde. Zu den Mitwirkenden gehörten Bewohner*innen des Tiele-Winckler-Hauses, einer Einrichtung für Menschen mit Behinderungen in Berlin-Lichtenrade. In der sechsteiligen Castingshow für den Fernsehsender Viva Plus inszenierte er unter anderem einen fiktiven Talentwettbewerb, der zur Gründung einer Popband für ein Konzert in der Berliner Volksbühne führen sollte. Mit solch parodistischen Nachstellungen legte er die Mechanismen, die diesen Formaten zugrunde liegen, schonungslos offen und führte sie ins Absurde.
Der Titel verbindet zeitgenössische Unterhaltungsformate mit den sogenannten Freakshows des 20. Jahrhunderts, in denen die Zurschaustellung von Behinderungen zur Attraktion von Jahrmärkten und Zirkussen wurde. Schlingensiefs Bezüge zur „Freakshow“ lassen sich als Provokation verstehen, die Fragen nach selbstbestimmter Repräsentation und Teilhabe von Menschen mit Behinderungen aufwirft. Im offenen Ablauf von Freakstars 3000 gestalteten die Teilnehmenden der Castingshow den künstlerischen Prozess durch Improvisation aktiv mit. Im Format der politischen Talkshow stellten sie als Schauspieler*innen außerdem bekannte Politiker*innen nach. Dabei kehrten sie Blick und Machtverhältnisse um, indem sie Personen aus der Dominanzgesellschaft satirisch kommentierten. Mit ihrer selbstbestimmten Präsenz konfrontieren die Beteiligten das Publikum und zeigen schonungslos auf, wie Medien diskriminierende Idealbilder von Körpern und sozialen Verhaltensweisen produzieren und verbreiten.
Christoph Schlingensief arbeitete in zahlreichen Projekten mit Menschen mit Behinderungen zusammen. Da es im Rahmen der Ausstellung nicht möglich war, die von allen Beteiligten bevorzugten Selbstbezeichnungen zu ermitteln, verwenden wir hier den Sammelbegriff „Menschen mit Behinderungen“.
2001
In Hamlet – This Is Your Family brachte Christoph Schlingensief William Shakespeares Tragödie Hamlet (um 1600) mit zeitgenössischen Debatten um den gesellschaftlichen Umgang mit Rechtsextremist*innen zusammen. Damit reagierte er auf das „Aussteigerprogramm“ für Neonazis, das die Bundesregierung im selben Jahr auf den Weg gebracht hatte. Statt anonymer Beratung und Unterstützung forderte Schlingensief eine öffentliche Auseinandersetzung mit Rechtsextremist*innen, ihrem Weltbild sowie der Glaubwürdigkeit ihrer vermeintlichen Abkehr von der rechten Szene. In seiner Hamlet-Inszenierung für das Schauspielhaus Zürich, die anschließend auch an der Volksbühne in Berlin gezeigt wurde, bezog er dafür vermeintlich aussteigewillige Neonazis ein.
In Shakespeares Stück erfährt der Prinz Hamlet von dem Geist seines Vaters, dass dieser von Hamlets Onkel ermordet wurde. Den Wendepunkt der Tragödie bildet die sogenannte Mausefalle-Szene: Hamlet entwickelt darin selbst ein Theaterstück, in dem er den Mord an seinem Vater nachstellt und sich durch die Reaktion seines Onkels in seinem Verdacht bestätigt sieht. In seiner kontroversen Inszenierung brachte Schlingensief an dieser Stelle die Neonazis auf die Bühne, begleitet von dröhnender Rockmusik aus der rechten Szene sowie Uniformen und Emblemen, die die Bildsprache des Nationalsozialismus zitierten. In Anlehnung an Hamlets Misstrauen und Suche nach der Wahrheit gab Schlingensief der Frage Raum, ob die Aussteiger*innen tatsächlich ihre rechten Ideologien hinter sich gelassen haben.
Es folgten provokante Aktionen im öffentlichen Raum in Berlin und Zürich, bei denen Schlingensief neben dem „Aussteigerprogramm“ etwa den Erfolg der rechten Schweizerischen Volkspartei (SVP) thematisierte. Obwohl das Projekt fest in den 2000er Jahren verortet ist, bleibt Schlingensiefs umstrittene Forderung, auch mit Rechtsradikalen ins Gespräch zu gehen, heute aktueller denn je.
1998
Mit Chance 2000 gründete Christoph Schlingensief eine politische Partei, die Kunst, Aktivismus und demokratische Teilhabe verband. Unter dem Motto „Scheitern als Chance“ bot die Partei jenen eine Plattform, die im politischen System nicht ausreichend repräsentiert sind oder von der Leistungsgesellschaft ausgegrenzt werden – etwa Menschen mit Behinderungen sowie Personen, die erwerbs- oder wohnungslos sind oder Sozialhilfe empfangen. Mit dem Wahlspruch „Wähle dich selbst!“ forderte Schlingensief alle Beteiligten dazu auf, ihre politische Repräsentation selbst in die Hand zu nehmen. So suchte er etwa bei öffentlichen Veranstaltungen wie Demonstrationen von erwerbslosen Menschen nach Kandidat*innen für seine Partei. Jede Person hatte durch genügend Unterschriften eine Chance auf einen Wahllistenplatz und wurde beim Wahlkampf von Schlingensiefs Partei unterstützt.
Chance 2000 wurde in einem Zirkuszelt an der Berliner Volksbühne gegründet und kurz darauf zur deutschen Bundestagswahl 1998 zugelassen. Durch Aktionen wie diesen „Wahlkampfzirkus“ mit seinen chaotisch-skurrilen Showeinlagen sowie durch inszenierte Spaltungen und Pleiten der Partei entwickelte sich das Projekt zu einer beißenden Parodie auf den Politikbetrieb. Seinen Höhepunkt erreichte der Wahlkampf am Wolfgangsee in Österreich – dem Feriendomizil des früheren deutschen Bundeskanzlers Helmut Kohl. Dort rief Schlingensief sechs Millionen Erwerbslose zum Baden auf, um den Wasserspiegel zu erhöhen und den Parteigegner Kohl mitsamt seinem Grundstück zu überfluten. Trotz des geringen Wahlerfolgs wurde Chance 2000 zu einem viel diskutierten Beispiel für künstlerischen Aktivismus, das demokratische Teilhabe zwischen Happening und Realpolitik, zwischen Protest und Spiel neu dachte.
2005 / 2006
Ursuppe. Birth of a Nation entstand als Teil der begehbaren Theaterinstallation Area 7: Eine Matthäusexpedition (2006) am Burgtheater in Wien und wurde im Anschluss von Schlingensief als eigenständige Installation gezeigt. In der Mitte des Theaterraums befand sich ein sogenannter Animatograph – eine Drehbühne, die Schlingensief im Township Area 7 nahe Lüderitz, Namibia, gebaut hatte und in Wien rekonstruierte. Der Begriff „Animatograph“ wurde im 19. Jahrhundert für Filmprojektoren verwendet und bedeutet wörtlich „Seelenschreiber“. Schlingensiefs Animatographen, wie sie zuvor in Island und Brandenburg entstanden waren, kombinieren Bild- und Lebenswelten des Entstehungsortes mit Elementen aus nordischen Heldensagen, Opern, Filmklassikern und der Kunstgeschichte. Dieses mehrdeutige Geflecht aus Alltags-, Kunst- und Mythenwelten erinnert an das menschliche Bewusstsein, das Sinneseindrücke sowie Erinnerungen kombiniert und überlagert.
Für Ursuppe. Birth of a Nation platzierte Schlingensief Porträts der Künstler Jonathan Meese (*1970), Andy Warhol (1928–1987) und Hermann Nitsch (1938–2022), des Sängers Michael Jackson (1958–2009) und der Filmemacherin Leni Riefenstahl (1902–2003) in Kinderwagen. Die Wagen werden dabei zu einer Art Wiege künstlerischer Selbstentwürfe: Sie verweisen darauf, wie Künstler*innen an den Bildern und Mythen um ihre eigene Person und ihr Werk mitwirkten. In Anspielung darauf bezeichnet der titelgebende Begriff Ursuppe chemische Mischungen, aus denen Leben entsteht. Der Untertitel Birth of a Nation ist den beiden gleichnamigen Filmen von D. W. Griffith (1915) und Jonas Mekas (1997) entlehnt: Während Griffiths Film den Rassismus in den USA verherrlicht, versammelte Mekas Privataufnahmen von Künstler*innen, die sich einer solchen rassistischen Kulturproduktion entgegenstellten. In Mekas Film ist jedoch auch Riefenstahl zu sehen, die sich trotz ihrer Propagandafilme in der Nachkriegszeit als unschuldige Mitläuferin des Nationalsozialismus darstellte.
2007
Die Videoinstallation bündelt verschiedene Filme aus Schlingensiefs Opernprojekten zu einer Gesamtkomposition. Hasenverwesung und Drosophila Melanogaster wurden in seinen Inszenierungen der Wagner-Opern Parsifal (2004–2007) und Der fliegende Holländer (2007) in den Bühnenraum projiziert. Die Filme reflektieren nicht nur die Handlungen der jeweiligen Opern, sondern sind auch als Metaphern für zentrale Motive aus Wagners Werk, wie den Kreislauf von Leben, Verfall und Neubeginn, sowie die Erlösung, zu verstehen.
Hinzu kommen die Filme Holländer 2C. Ausweitung der Dunkelphase, in dem Schlingensief nächtliche Orchesterproben im brasilianischen Regenwald bei Manaus aufnimmt, und Fremdverstümmelung. Letzterer entstand im Rahmen der geplanten Oper Freax (2007) und verweist auf Schlingensiefs langjährige Zusammenarbeit mit Performer*innen mit Behinderungen. Darin werden Szenen aus Tod Brownings Horrorfilm Freaks (1932) nachgestellt, der im Kontext der sogenannten Freakshows spielt. In diesem Unterhaltungsformat des 20. Jahrhunderts traten Menschen auf Jahrmärkten und in Zirkussen auf. Zwischen bloßer Zurschaustellung und eigenständiger Performance wurden ihre Körper, die gesellschaftlich vorherrschenden Idealvorstellungen entgegenstanden, dabei zur „Attraktion“. Brownings Horrorfilm erzählt von der Selbstermächtigung der Performer*innen durch ihre Rache an ihren nicht-behinderten, hinterlistigen Kolleg*innen. Die Videoinstallation versammelt damit zentrale Themen aus Schlingensiefs Auseinandersetzung mit der Oper: das Herausfordern ihres ausschließenden und eurozentrischen Charakters, seine Zusammenarbeit mit Menschen jenseits gängiger Körperideale sowie die Frage, wie Kunst Räume öffnen kann, die gleichermaßen irritieren und verbinden.
Seit seinen ersten Filmen war die künstlerische Arbeit von Christoph Schlingensief (1960–2010) immer wieder Gegenstand von ästhetischen und politischen Kontroversen. Früh zeigte sich sein charakteristisches Prinzip der Überlagerung und Überforderung – ein Arbeiten an den Rändern des Wahrnehmbaren, in denen neue Erzählräume entstehen.
Bereits in seiner Kindheit und Jugend begeisterte sich Schlingensief für das Filmemachen. In den 1980er Jahren arbeitete er in Mülheim an der Ruhr als Assistenz des Experimentalfilmers Werner Nekes und drehte selbst zahlreiche Filme. Seine ersten Theaterinszenierungen folgten Anfang der 1990er Jahre an der Berliner Volksbühne, am Burgtheater in Wien und am Schauspielhaus Zürich. Parallel dazu schuf er mehrere Langfilme, die Aspekte der deutschen Geschichte thematisieren, von der Kolonialgeschichte über den Nationalsozialismus und dessen Nachwirkungen bis hin zur Wende.
In den späten 1990er und 2000er Jahren rückte Schlingensief mit politisch aufgeladenen Interventionen in den Fokus der Öffentlichkeit und entwickelte ein eigenständiges Theater- und Opernschaffen. Mit seinen aktionistischen Projekten außerhalb des Theaters wirkte er weit über die Kunstwelt hinaus und erfuhr internationale Aufmerksamkeit. Im Jahr 2008 erhielt er die Diagnose Lungenkrebs, eine Erfahrung, die seine späten Arbeiten prägt. Ein Jahr nach seinem Tod 2010 wurde er für den Deutschen Pavillon auf der Biennale in Venedig mit dem Goldenen Löwen ausgezeichnet