Bilder eines Stadtviertels

„Dieses Kreuzberg war so brüchig, mit diesen Kriegsspuren, so unfertig. Ich bin mit sechs Jahren in die Stadt gekommen und da war Berlin eine Ruine.“

— Evelyn Kuwertz

Trümmerberge, Brandmauern, Baulücken und marode Altbauten: Die hier versammelten Werke zeigen ein eindrückliches Bild vom Kreuzberg der 1970er und 1980er Jahre, das wohnpolitisch wie städtebaulich vernachlässigt war. Durch Leerstand und günstige Mieten bot der Stadtteil für Arbeitsmigrant*innen jedoch eine der wenigen Möglichkeiten, eine Unterkunft abseits von betrieblichen Wohnheimen zu finden. Neben Hausbesetzer*innen und Studierenden zog es auch Künstler*innen nach Kreuzberg, die hier in Ateliers arbeiteten und ihre Beobachtungen des Stadtteils in ihren Werken festhielten.

Aus dieser Vielfalt und Dichte entstand eine eigene Struktur, die von Selbstorganisation und gelebter Solidarität getragen war. Die Bewohner*innen nahmen Renovierungen und Reparaturen selbst in die Hand und belebten leerstehende Ladenlokale mit Cafés, Geschäften und kollektiven Räumen.

Doch auch hier wurde der Zugang zu Wohnraum zunehmend erschwert. 1975 verbot eine Zuzugssperre Menschen, die keine Staatsbürger*innen der Europäischen Gemeinschaft waren, den Zuzug und familiären Nachzug nach Kreuzberg, Wedding und Tiergarten. Ab 1978 sollten höchstens 10% der Wohneinheiten in West-Berlin an Nicht-Staatsangehörige vermietet werden. Rechtliche und private Diskriminierungen griffen dabei ineinander: 1980 forderten fast alle Wohnungsanzeigen in West-Berlin „nur Deutsche“. Dieser Verdrängung und Ausgrenzung begegneten die migrantischen Bewohner*innen Kreuzbergs mit Widerstand: Ihre Geschäfte und Betriebe schrieben sich nachhaltig in das Straßenbild ein und Häuserfassaden wurden zu Schauplätzen politischer und künstlerischer Botschaften. Diese Entwicklungen machten Kreuzberg zu einem legendären Ort, der als Nährboden für kulturelle Strömungen weit über die Grenzen der Bundesrepublik hinaus bekannt wurde.

Grazia Eminente

1976 veröffentlichte Grazia Eminente eine Serie von Schwarz-Weiß-Fotografien in einem gemeinsamen Katalog mit ihrem Partner Eduardo Arroyo. Das Buch mit dem Titel Kreuzberg 1976 entstand anlässlich Arroyos Teilnahme am Berliner Künstlerprogramm des DAAD zwischen 1975 und 1976, für die Eminente ihn nach West-Berlin begleitet hatte. Eminentes Aufnahmen lenken den Blick auf ihre unmittelbare Umgebung, ohne sie zu bewerten. Sie zeigen Schaufenster, Ladenlokale, ägyptische Altertümer in den Vitrinen Berliner Museen, aber auch Personen in den Straßen des Bezirks. Die Fotografien sind stille Zeuginnen der Veränderungen durch Migration und dokumentieren deren Präsenz im städtischen Alltag: vom Imperial-Reisebüro, das Direktflüge zwischen Berlin und Istanbul anbietet, bis zum Schnellrestaurant mit Baklava und Pizza.

Mathèos Florakis

Schlesisches Tor. Die Mauer 

Nach seinem Studium der Malerei an der École nationale supérieure des beaux-arts de Paris kehrte Mathèos Florakis 1964 nach Griechenland zurück. In den 1970er Jahren zog er nach West-Berlin, wo er in seinem Kreuzberger Atelier zunehmend Druckgrafiken schuf. Sie zeigen realistische bis fantastische Bildwelten, die Elemente der Kreuzberger Stadtumgebung mit Naturlandschaften und Erinnerungsbildern vereinen. In seinen teils düsteren Grafiken arbeitete Florakis mythologische und poetische Symboliken aus Literatur und Philosophie ein. So können die eingesperrten Raben in Schlesisches Tor. Die Mauer als Unglücksbringer verstanden werden, die auf die Teilung Deutschlands verweisen. In einer Reihe von Arbeiten der 1970er Jahre sind Kreuzberger Hinterhöfe und Stadtarchitektur dargestellt, die noch stark von den Zerstörungen des Zweiten Weltkriegs geprägt waren.

Drei gerahmte Kunstwerke an einer weißen Wand, Abstand zwischen den Bildern.

Kreuzberg: Kunst und Migration seit 1960, Installationsansicht, Gropius Bau, 2026

© Gropius Bau, Foto: Rosa Merk

Abuzer Güler

In der Fremde

Abuzer Güler kam in den 1970er Jahren nach West-Berlin und studierte Malerei an der Hochschule der Künste. In seinen Werken überlagern sich persönliche Erinnerungen an seine alevitisch-kurdische Familie in der Türkei mit alltäglichen Beobachtungen im Kreuzberg der 1980er Jahre. In In der Fremde verschmelzen Frauen unterschiedlichen Alters mit Häuserfassaden und architektonischen Elementen. Vom Künstler als „tragende Säulen der Familie“ beschrieben, behaupten sie mit selbstbewusster Haltung ihren Platz im städtischen Gefüge. Gleichzeitig verweist ihre Präsenz auf politische Debatten um migrantisierte Frauen: Heute wie damals werden an ihnen Diskussionen über kulturelle Identität, Integration und Selbstbestimmung ausgetragen.

Aykan Safoğlu

Paydos (Feierabend)

Während seines Studiums an der Universität der Künste Berlin fielen Aykan Safoğlu erstmals die politischen Wandmalereien auf den Rollläden von Kreuzbergs Schaufenstern auf. Teilweise im Siebdruckverfahren angefertigt, sind sie für ihn „Oberflächen des politischen Begehrens“. Paydos (Feierabend) reflektiert das Medium des Siebdrucks und stellt das künstlerische Arbeitsmittel selbst aus. An dem Siebdruckrahmen sind zahlreiche händische Abriebe von städtischen Oberflächen aus Kreuzberg zu sehen, darunter die Wände und Böden des Gropius Bau, der ursprünglich als Kunstgewerbemuseum und -schule errichtet wurde. Diese Spuren verdichten sich zu der Gestalt Karagöz, dem Antihelden des traditionellen Schattenspiels aus der Türkei. Karagöz ist eine unverblümte und mutige Figur aus der breiten Bevölkerung, die durch Wortwitz gesellschaftliche Konventionen und Hierarchien kommentiert. Kreuzbergs Oberflächen sind das Material, aus dem sich dieses widerständige „migrantische Bild“ zusammensetzt. Je nach Blickwinkel gleichermaßen im Werden und Vergehen begriffen, verhandelt Paydos (Feierabend) nicht nur die Geschichte des Viertels, sondern auch künstlerische Produktion und Arbeitszeit.

Person steht in einem Raum auf hellem Holzboden, dahinter türkisfarbene Wandkunst.

Aykan Safoğlu

© Gropius Bau, Foto: Marina Hoppmann

Monika Sieveking

Zusammensetzungen, Beraber Durmak

In Zusammensetzungen, Beraber Durmak hält Monika Sieveking die Auslage eines Kreuzberger Fotostudios fest, das in den 1980er Jahren in der Nähe der Köpenicker Straße von Migrant*innen aus der Türkei geführt wurde. Ihr fiel die aufwändige Schaufenstergestaltung auf, in der unterschiedliche Fotoformate – neben Passbildern auch Porträts, Familien- und Hochzeitsfotos – mit Schmuck und Stoffen in ornamentierten Rahmen zusammengestellt wurden. Die Inszenierung verschiedener Momente im Leben der Porträtierten hatte einen besonderen Stellenwert für viele Arbeitsmigrant*innen und diente als visuelle Botschaft an Familie und Freund*innen im Herkunftsland. Der Titel bezieht sich auf den türkischen Schriftzug „Beraber Durmak“, der damals im Schaufenster zu lesen war und sich als „Zusammensetzungen“, „gemeinsam bleiben“ oder „zusammenhalten“ übersetzen lässt. Das Werk hängt seit vielen Jahren neben Malereien von Hanefi Yeter und anderen Künstler*innen im familiengeführten Restaurant Sofram in der Potsdamer Straße, das seit den 1970er Jahren ein sozialer Treffpunkt ist.

Hanefi Yeter

Kreuzung Adalbertstraße

Hanefi Yeters Gemälde Kreuzung Adalbertstraße gibt einen Eindruck vom Zustand Kreuzbergs in den 1970er Jahren: Die Infrastruktur war notdürftig und die Zerstörungen des Zweiten Weltkriegs sollten erst schrittweise durch Renovierungen oder Neubauten behoben werden. Eigentümer*innen vermieteten Wohnungen vor den geplanten Sanierungsarbeiten an migrantische Familien, die im Kontext der Anwerbeabkommen als temporäre Mieter*innen angesehen wurden. Da rassistische Vorurteile die Wohnungssuche erschwerten, waren Migrant*innen gezwungen, in solche Sanierungsgebiete zu ziehen – meist zu überteuerten Mieten. Trotz dieser Bedingungen entwickelten sie Strategien, um ihre Lebensumstände im Viertel zu verbessern: Einzelhandelsbetriebe, wie sie Yeter darstellt, versorgten ganz Kreuzberg und schafften neue, lebenswerte Räume.

Hausfassade mit einem Gemüsestand in bunten Farben.

Hanefi Yeter, Kreuzberg Adalbertstr., 1979, Courtesy: Kunstraum Kreuzberg/Bethanien

© Hanefi Yeter