Das eigene Bild behaupten

„Die Gesellschaftsnormen ‚mumifizieren‘ die Frau in dem Konzept der Weiblichkeit.“

— Azade Köker

Die Frauen, die im Zuge der Anwerbeabkommen in die Bundesrepublik kamen, brachten verschiedene Sprachen, Biografien, Berufe und Formen von Wissen mit. Die Bezeichnung „Gastarbeiterin“ reduzierte diese Vielheit auf eine wirtschaftliche Funktion. Entgegen der allgemeinen Wahrnehmung kam die Mehrheit dieser Frauen nicht über den Familiennachzug nach West-Berlin, sondern durch die gezielte Anwerbung der westdeutschen Elektroindustrie: In Großunternehmen, die ihnen besondere feinmotorische Fähigkeiten zuschrieben, waren sie sehr gefragt, wurden aber in die niedrigsten Lohngruppen eingestuft.

Zugleich waren einige dieser Frauen Künstlerinnen oder Schriftstellerinnen. Im Selbstporträt fanden sie eine Möglichkeit, dem Stereotyp der „Gastarbeiterin“ als konkrete Personen mit individuellen Geschichten gegenüberzutreten: Wer sich selbst darstellt, bestimmt Rahmen, Haltung und Blickrichtung und auch die Bedingungen, unter denen das eigene Bild verbreitet wird. Die Porträts migrantischer Frauen dienten somit nicht nur der bloßen Sichtbarkeit, sondern auch der Selbstermächtigung durch künstlerische Mittel. 

Was in diesen Bildern von Frauen bereits anklingt, erhielt in Kreuzberg eine kollektive Form. In Frauenläden, in feministischen Gruppen, auf der Straße und in besetzten Häusern formierte sich seit Ende der 1970er Jahre eine migrantische Frauenbewegung, die ihre Rechte auch politisch einforderte: auf einen von der Ehe unabhängigen Aufenthaltsstatus, eigenen Wohnraum und eigenen Lohn.

Atiye Altül

Otoportre / Selbstporträt 1–5

(1984–1990)

Atiye Altüls Selbstporträts sind Ausdruck ihrer kontinuierlichen Selbsterforschung und bilden eine Bestandsaufnahme ihres Lebens in der Bundesrepublik: In den zarten Bleistiftzeichnungen blickt die Künstlerin den Betrachter*innen selbstbewusst entgegen, während Schattierungen bereits auf einen Zustand der Erschöpfung deuten. In späteren Selbstbildnissen wirken die Gesichtszüge durch die starken Konturen und Kontraste verhärtet. 1970 kam Altül im Rahmen der Anwerbeabkommen nach West-Berlin, um in der Elektroindustrie bei Siemens und AEG-Telefunken zu arbeiten. Parallel studierte sie an der Hochschule für Bildende Künste und engagierte sich später in dem Frauenladen des Nachbarschaftsheim Schöneberg e.V. In den Werken, die in dieser Zeit entstanden, scheint Altül ihre Erfahrungen von harter körperlicher Arbeit, aber auch ihre Forderungen nach Selbstbestimmung und politischer Teilhabe ins Bild zu setzen: „Wenn du Arbeiterin wirst, schaust du anders auf die Dinge. Du erlebst Ausbeutung hautnah. Dadurch wirst du politisiert.“

Zeichnung einer Person mit dunklen Haaren, ernstem Blick und Hemd.

Atiye Altül, Otoportre 3 / Selbstporträt 3, 1990, Courtesy: die Künstlerin und Ayşe Tunca

© Atiye Altül

Emine Sevgi Özdamar

Person von hinten betrachtet Porträtzeichnungen an einer weißen Galerie-Wand.

Kreuzberg: Kunst und Migration seit 1960, Ausstellungseröffnung, Gropius Bau, 2026

© Gropius Bau, Foto: Rosa Merk

Self-Portraits (Selbstporträts)

(1985)

Emine Sevgi Özdamar ist Schriftstellerin, Schauspielerin, Theaterregisseurin und Künstlerin. Im Zuge der Anwerbeabkommen zwischen der Türkei und der Bundesrepublik kam sie 1965 erstmals für zwei Jahre nach West-Berlin, wo sie unter anderem beim Elektrohersteller Telefunken arbeitete. Ihre Erfahrungen dieser Zeit verarbeitete sie später in ihrem wegweisenden Roman Die Brücke vom Goldenen Horn (1998), der Einblicke in die Lebensrealitäten von sogenannten Gastarbeiter*innen eröffnet. 1976 zog sie nach Ost-Berlin, um dem Regisseur und Intendanten der Berliner Volksbühne Benno Besson zu assistieren. In den folgenden Jahren setzte sie ihre Arbeit in der Regie und als Schauspielerin an unterschiedlichen Theatern in Deutschland und in Frankreich fort. Aus Skizzen, die sie während der Proben als Erinnerungsstützen anfertigte, entwickelte sich eine eigenständige künstlerische Sprache. Mitte der 1980er Jahre entstand die in der Ausstellung gezeigte Serie von Selbstporträts. In ihrer Farbintensität und Direktheit zeigen sie eine Künstlerin, die den privaten Raum als Bühne nutzt, um sich selbst zum Sujet zu machen.

Filiz Taşkın

Die Fotografien Wohnheim Stresemannstraße, Filiz (Zimmer mit 4 Frauen), Zimmer Wohnheim Stresemannstraße, Silvester 1965 mit Zimmergenossinnen, Hertie am Halleschen Tor, Filiz kauft einen Kodak-Fotoapparat, der Verkäufer fotografiert sie, 1965, Telefunken Betriebsausflug Dampferfahrt Wannsee 1965, Fotografin: eine griechische Freundin und Ausflug Grunewald 1. Mai 1965 (alle: 1965/2026) zeigen Filiz Taşkın, die 1964 als junge Arbeitsmigrantin nach Berlin kam und sich seither politisch für die Rechte von Frauen und Arbeiter*innen engagierte. Als gelernte Schneiderin wurde sie für feinmotorische Arbeiten von Telefunken angeworben und lebte als eine der ersten Bewohnerinnen in dem betriebseigenen Frauenwohnheim in der Stresemannstraße 30, unweit der damaligen Kriegsruine des Gropius Bau. Später war sie für die Firma Bosch tätig und wurde dort 1972 zur Betriebsrätin gewählt. Entgegen dem ersten Eindruck sind die Fotografien keine spontanen Aufnahmen, sondern in weiten Teilen inszeniert für die in den Herkunftsländern verbliebenen Familien und Freund*innenkreise. Die Bilder rahmen sorgfältig ausgewählte Ausschnitte als Erinnerung und Dokumentation ihres Lebens in Deutschland. Dabei stellen sie der eindimensionalen medialen Darstellung von sogenannten Gastarbeiterinnen selbstgewählte Momente fernab der Arbeit entgegen.

Fünf kleine Fotos an weißer Wand in einer Reihe nebeneinander.

Kreuzberg: Kunst und Migration seit 1960, Installationsansicht, Gropius Bau, 2026

© Gropius Bau, Foto: Rosa Merk

Evanthia Tsantila

Amazon on Horseback (Amazone zu Pferde)

(2026)

Evanthia Tsantila verhandelt in ihren Werken, wie Erinnerungskultur Vorstellungen von Zugehörigkeit und Gemeinschaft prägt. In dem vergrößerten Druck Amazon on Horseback, der durch digitale Collage und Malerei entstanden ist, eignet sie sich Louis Tuaillons kaiserzeitliche Statue Amazone zu Pferde (1895) an, die heute im Kolonnadenhof auf der Berliner Museumsinsel steht. Die mythische Kriegerin ersetzte sie dabei mit der italienischen Arbeitsmigrantin Emilia Ginolfi. Als Vorlage diente eine Fotografie von 1972, die zeigt, wie die angeworbene Arbeiterin auf einer Baustelle die Last aufeinandergestapelter Ziegelsteine auf dem Kopf trägt. Der rahmende Text geht auf ein Graffito aus Istanbul zurück, das Gabriel García Márquez’ Roman Der Herbst des Patriarchen (1975) über eine fiktive Militärdiktatur entlehnt ist: „Aber mein General, mein Leben war von Kopf bis Fuß eine Liebe, ihr habt das eben nicht verstanden.“ Die Geschichte entstammt einer Zeit, die von Diktaturen und Widerstandsbewegungen weltweit geprägt war. Tsantilas künstlerische Darstellungsstrategie fragt danach, welche Identitäten in das kollektive Gedächtnis eingeschrieben oder davon ausgeschlossen werden.

Person in Schwarz legt weißes Papier über ein Kunstwerk mit stilisierten weißen Formen auf schwarzem Hintergrund.

Evanthia Tsantila

© Gropius Bau, Foto: Marina Hoppmann

Serpil Yeter

Drei Figuren in düsteren Farben, mittelste nackt, zwei andere mit Hut; emotionale Szene.

Kreuzberg: Kunst und Migration seit 1960, Installationsansicht, Gropius Bau, 2026

© Gropius Bau, Foto: Rosa Merk

ENDİŞE (Sorge)

(1985)

Serpil Yeter gehörte zu den wenigen Künstlerinnen aus der Türkei, die in Kreuzberg lebten. Den Bezirk teilte sie mit vielen migrantischen Frauen, die als Arbeitskräfte, Studentinnen, Ehefrauen oder Mütter nach West-Berlin kamen. Das Leben der Frauen war hier oft von Mehrfachdiskriminierung, struktureller Benachteiligung und Zukunftssorgen bestimmt. Die Frauenfiguren in ENDİŞE (Sorge) stehen dicht gedrängt unter einem allmächtig wirkenden Vogel, der an den deutschen Staatsadler erinnert. Gemeinsam versuchen sie sich – so die Künstlerin – „Halt und Schutz zu geben“. Die Arbeit lässt sich somit als Verweis auf Yeters Erfahrung als migrantische Frau in einem Staat lesen, der von Rassismus und patriarchalen Strukturen geprägt ist. In ihrer Kunst fand Yeter eine Möglichkeit, sich für die Rechte von Frauen einzusetzen. Eines ihrer Werke wurde 1988 als Plakatmotiv für das Internationale Frauenfest im TIO, einem Treff- und Informationsort für Frauen aus der Türkei in Kreuzberg verwendet.