„Der Brief ist der dünne Faden, der unsere Identität und Zugehörigkeit noch bestätigen und aufrechterhalten kann. Er wird ersehnt und gleichzeitig gefürchtet.”
— Cecilia Boisier
Der Brief diente Künstler*innen immer wieder als Motiv und Format, um Empfindungen von Sehnsucht und Einsamkeit zu verhandeln. Das Briefeschreiben gehörte für viele Menschen, die fernab ihres Herkunftslandes lebten, zu den wichtigsten Kommunikationsmitteln. Unter den Bedingungen des Kalten Krieges, verschiedener Militärdiktaturen und des Lebens im Exil war der Postweg oft die einzige Verbindung zu Angehörigen und Freund*innen. Telefonate waren teuer und unsicher, Reisen waren eingeschränkt oder unmöglich. In Briefen sammelten sich daher Hinweise auf politische Entwicklungen, Berichte über Verhaftungen, Flucht oder Verluste.
(1981)
Die Malerin Cecilia Boisier (* 1943 in Santiago de Chile; † September 2026 in Berlin) lebte und arbeitete in Chile, bis sie durch den Militärputsch von 1973 dazu gezwungen wurde, das Land mit ihren beiden Kindern zu verlassen. Über Argentinien ging sie 1975 nach West-Berlin. Boisiers Malereien sind getragen von einer stillen Melancholie, die von der Isolation und den Herausforderungen des Lebens im Exil erzählt. Schlafend II zeigt eine im Bett liegende Frau mit einem Brief in der Hand. Boisier sagte hierzu: „Der Brief ist der dünne Faden, der unsere Identität und Zugehörigkeit noch bestätigen und aufrechterhalten kann. Er wird ersehnt und gleichzeitig gefürchtet, denn er kann neue Schmerzen ankündigen oder Hoffnungen nähren. Sein Eintreffen folgt keinem Zeitplan und wenn er da ist, beschäftigt er uns die ganze Zeit und oft schlafen wir mit ihm ein.“

Kreuzberg: Kunst und Migration seit 1960, Installationsansicht, Gropius Bau, 2026
© Gropius Bau, Foto: Rosa Merk

Kreuzberg: Kunst und Migration seit 1960, Installationsansicht, Gropius Bau, 2026
© Gropius Bau, Foto: Rosa Merk
(1979 / 2026)
Seit den 1980er Jahren hat Hyun-Sook Song eine unverwechselbare Bildsprache entwickelt, in deren Mittelpunkt der Pinselstrich steht. 1972 kam sie als eine von rund 11.000 Krankenpflegerinnen, die zwischen 1966 und 1977 aus Südkorea angeworben wurden, nach Westdeutschland. Ursprünglich plante sie, nach einigen Jahren wieder nach Südkorea zurückzukehren, studierte dann aber von 1976 bis 1981 Malerei an der Hochschule für bildende Künste Hamburg und 1984 an der Nationaluniversität in Gwangju. Die in der Ausstellung gezeigten Werke entstanden davor, im Krankenhaus. In ruhigeren Nachtschichten wurde das Dienstzimmer zum Arbeitsraum: Song schrieb Briefe und zeichnete. Dabei verarbeitete sie ihre Erlebnisse als Krankenschwester, Einsamkeit und die Sehnsucht nach ihrer Familie und dem Leben in einer Dorfgemeinschaft.
Nach ihrer Ankunft gründeten koreanische Krankenpflegerinnen in West-Berlin ihren eigenen Verein; aus dem Kampf gegen die eigene Abschiebung entstand 1978 die bundesweite Koreanische Frauengruppe, in der sich Song später für die Rechte der Angeworbenen einsetzte.