„Am Anfang hab’ ich mich fremd gefühlt ...Trostlosigkeit mit Hoffnung.“
— Abuzer Güler
Die Werke in diesem Raum widmen sich Momenten des Unterwegs-Seins und des Wartens, die den Lebensalltag vieler Arbeitsmigrant*innen prägten. Dabei wird die eintönige Fabrikarbeit als Zentrum eines Lebens im Transit sichtbar: Sie war der Grund für den Umzug nach Deutschland und für die täglichen, oft langen Arbeitswege. Diese Erfahrungen des fortwährenden Nicht-Ankommens und der Ortlosigkeit spiegeln sich in den Darstellungen des beziehungslosen Nebeneinanders in der U-Bahn und im öffentlichen Raum.
Sohrab Shahid Saless studierte in den 1960er Jahren Regie in Wien und Paris. Mitte der 1970er Jahre sah er sich aufgrund der Zensur im Schah-Regime gezwungen, den Iran endgültig zu verlassen, und emigrierte nach Westdeutschland, wo er bis 1995 lebte. Viele seiner in der Bundesrepublik entstandenen Filme nehmen die Erfahrungen von Menschen in den Blick, die an den Rand der Gesellschaft gedrängt werden. Für den Spielfilm In der Fremde arbeitete Saless hauptsächlich mit migrantischen Laiendarsteller*innen aus Kreuzberg zusammen; lediglich der Hauptdarsteller wurde von dem iranischen Schauspieler Parviz Sayyad verkörpert. In der Fremde erzählt von Husseyin, einem aus der Türkei angeworbenen Arbeiter, der in einer Wohngemeinschaft in Kreuzberg mit weiteren Arbeitsmigranten und deren Angehörigen lebt. Sein eng getakteter Alltag ist von monotoner Fabrikarbeit, Rassismus und dem Scheitern von Kontaktaufnahmen geprägt. Neben diesen Momenten der sozialen Isolation vermittelt der Film die Hoffnungen und Sehnsüchte, die ihn und seine Mitmenschen antreiben.
Seit den späten 1970er Jahren stehen Berlins Stadtlandschaften im Zentrum von Evelyn Kuwertz’ Werk. Die Künstlerin interessiert sich insbesondere für die Verkehrsnetze und Knotenpunkte, an denen sich eine Vielzahl von Menschen tagtäglich flüchtig begegnen. Die Malerei U-Bahnhof Gleisdreieck ist Teil einer Werkreihe, die Kuwertz der durch Kreuzberg fahrenden U-Bahn-Linie 1 gewidmet hat. Im Wagon, der von Gestängen und Trennwänden durchzogen ist, treffen Personen unterschiedlicher sozialer Gruppen aufeinander. Kuwertz, die ihre Werke als „Stadtporträts“ bezeichnet, fängt darin sensibel die Stimmung der Menschen in dem von Arbeitsmigration geprägten Kreuzberg ein: Die gebaute Umwelt spiegelt die Erschöpfung und das stille Nebeneinander der Dargestellten wider.

Evelyn Kuwertz, U-Bahnhof Gleisdreieck, 1979
© VG Bild-Kunst, Bonn 2026
Ludmila Seefried-Matějková kam für ihr Kunststudium an der Hochschule für Bildende Künste Ende der 1960er Jahre nach West-Berlin. Bereits während dieser Zeit setzte sie sich im Stil des Berliner Realismus mit Alltagssituationen auseinander. Seefried-Matějková erinnert sich an die „krassen Gegensätze von Armut und Reichtum. Dazu wollte ich mich mit meiner Kunst äußern.“
Sie skizzierte Szenen, die sie in Berliner Straßen, Parks, Bahnhöfen und U-Bahnen beobachtete und übersetzte sie anschließend in Skulpturen. Das Werk Metro – večer (U-Bahn) zeigt eine Gruppe zufälliger Fahrgäste eines öffentlichen Verkehrsmittels. Es verweist auf die Vielfalt der Menschen, die sich in Berlin öffentliche Räume teilen, und verdeutlicht gleichzeitig ihre Isolation voneinander.

Kreuzberg: Kunst und Migration seit 1960, Installationsansicht, Gropius Bau, 2026
© Gropius Bau, Foto: Rosa Merk