„In der Radiolampenfabrik hatte ich ein neues Wort gelernt. Akkord. Man sagte nicht mehr, ich komme aus der Fabrik, man sagte, ich komme vom Akkord.“
— Emine Sevgi Özdamar
Für viele Künstler*innen in Westdeutschland stand die Kritik an den kapitalistischen Verhältnissen im Zentrum. In ihren Werken sollte der Arbeits- und Konsumalltag nicht neutral dargestellt werden. Vielmehr wollten sie die dahinterliegenden Machtverhältnisse, Profitinteressen und sozialen Ungleichheiten sichtbar machen. Dabei schärften sie den Blick dafür, was im kapitalistischen Alltag als selbstverständlich erscheint oder verdeckt wird: Ausbeutung, Entfremdung, Lohnabhängigkeit und Klassenverhältnisse. Im Gegensatz zur abstrakten Malerei waren ihre Darstellungen gegenständlich, erzählerisch und gesellschaftsbezogen. Die spezifischen Lebensrealitäten von migrantischen Arbeiter*innen blieben in dieser westdeutschen Kapitalismuskritik jedoch weitgehend unsichtbar.
(1987)
Azade Köker begann Ende der 1960er Jahre ein Studium der Bildhauerei in Istanbul, das sie ab 1973 an der Hochschule für Bildende Künste in West-Berlin fortsetzte.
In der Arbeit Akkordarbeiterin verschmelzen menschliche und maschinenhafte Elemente zu einer Figur aus Bronze. Der Titel verweist auf eine Lohnform, bei der das Gehalt von der Menge der am Fließband gefertigten Stücke abhängig ist. Dabei verdienten Arbeiterinnen aufgrund eines niedrigeren Stücklohns trotz gleicher Leistung meist weniger als ihre männlichen Kollegen. Kökers Bronzeskulptur stellt den Körper der Arbeiterin als Erweiterung industrieller Maschinen dar, deren Geschwindigkeit er unterworfen war. Mit der kämpferischen Haltung erinnert die Künstlerin gleichzeitig an die solidarischen Frauenstreiks der 1970er Jahre, bei denen sich migrantische wie auch nicht-migrantische Arbeiterinnen zusammenschlossen, um sich gegen die diskriminierende Lohnpraxis zu widersetzen.

Kreuzberg: Kunst und Migration seit 1960, Ausstellungseröffnung, Gropius Bau, 2026
© Gropius Bau, Foto: Rosa Merk
(1985)
Das Liederspiel wurde ursprünglich 1978 von KIM Min-ki in Südkorea verfasst und heimlich produziert. Es erzählt von Arbeiterinnen in Seoul, die unter harten Arbeitsbedingungen leiden, Nachtschichten mit Aufputschmitteln durchstehen und nach einem Arbeitsunfall eine Gewerkschaft gründen. Für die Aufführungen in der Bundesrepublik wurde das Stück ab 1985 von LEE Hye-kyung grundlegend überarbeitet: Sie schrieb den Text neu, erweiterte die Handlung um die Erfahrungen koreanischer Migrantinnen in Westdeutschland und machte somit die Parallelen zwischen deren Lebens- und Arbeitsrealitäten und denen der Frauen in Südkorea sichtbar. Von 1985 bis 1987 wurde die Neufassung unter anderem im Museum für Völkerkunde in Dahlem (heute Ethnologisches Museum im Humboldt Forum) aufgeführt. Beteiligt waren neben Krankenpflegerinnen auch Studierende und ehemalige Bergarbeiter. Unter den südkoreanischen „Gastarbeiter*innen“ in der Bundesrepublik waren rund 11.000 Krankenpflegerinnen. 1977/1978 erkämpften sie ihr Bleiberecht durch eine Unterschriftenaktion.

(1973)
Schon in ihrer Studienzeit in den 1960er Jahren an der Hochschule für Bildende Künste in West-Berlin wandte sich Monika Sieveking dem kritischen Berliner Realismus zu. Geleitet von ihrem politischen Engagement, porträtierte Sieveking in den Folgejahren Arbeiter*innen in verschiedenen Lebenssituationen. In diesem Zusammenhang entstand auch das Werk Gruppenbild mit Siemensarbeiter*innen: In den 1970er Jahren wurden Migrant*innen häufig in der Textil- und Nahrungsmittelindustrie sowie in der Elektro- und Metallbranche als billige Arbeitskräfte eingesetzt. Großunternehmen wie Siemens und AEG-Telefunken warben gezielt weibliche Arbeitskräfte für feinmotorische Akkord- und Schichtarbeit an – Tätigkeiten, die oft unter gesundheitsschädlichen Bedingungen stattfanden. Nachdem Sieveking Skizzen in den Werkshallen von Siemens anfertigte, lud sie Arbeiter*innen und befreundete Künstler*innen wie Mehmet Aksoy zu sich nach Hause ein und porträtierte sie dort.

Monika Sieveking, Gruppenbild mit Siemensarbeiter*innen, 1973, Museum Ludwig, Köln
© VG Bild-Kunst, Bonn 2026
(1983)
Im Gemälde Der Mensch, Zeit und Profit von Hanefi Yeter sind Arbeiter*innen zu erkennen, die Tischdecken nähen und Leiterplatten mit elektronischen Einzelteilen zusammenbauen. Ihre Körperteile wie Kopf, Arme und Hände sind verschwommen und gedoppelt dargestellt, als wären sie rasant in Bewegung. Seit den 1960er Jahren waren migrantische Arbeiter*innen in West-Berlin hauptsächlich in der Textil- und Elektroindustrie beschäftigt. Hier war die Akkordarbeit am Fließband das typische Anstellungsverhältnis, bei dem die Höhe des Lohns von der Menge der gefertigten Stücke abhängig war. Zur Steigerung der Produktion stellten Unternehmen hohe Fließbandgeschwindigkeiten ein, was die Beschäftigten gesundheitlich stark belastete.