„Ich erinnere mich an Szenen aus meiner Kindheit, als diese Straßen noch an der Mauer lagen und Autos nur selten die Straßenspiele der Kinder störten.”
— Kaya Behkalam
Ab den 1970er Jahren prägte die alltägliche Präsenz migrantischer Kinder in den Straßen Kreuzbergs den Blick von Künstler*innen auf den Stadtteil. Die Lebensumstände der Kinder, aber auch ihre Wünsche und Hoffnungen sind Gegenstand zahlreicher Werke aus dieser Zeit.
Der Ararat Verlag wurde 1977 von Ahmet Doğan in Stuttgart gegründet. Zwei Jahre später eröffnete er seine Verlagsräume in Kreuzberg. Bis Mitte der 1990er Jahre veröffentlichte er türkisch-sprachige Literatur in deutscher Übersetzung, unter anderem Texte von Vasıf Öngören (1938–1984) und Aras Ören (*1939). Dabei arbeitete er eng mit Künstler*innen wie Hanefi Yeter, Serpil Yeter und Akbar Behkalam zusammen, die regelmäßig Buchcover und Illustrationen gestalteten. Er realisierte unter anderem eine deutsch-türkische Schulbuchreihe, die im Zuge neuer bildungspolitischer Konzepte für den Türkischunterricht in West-Berlin entstand. Die Reihe enthielt vielfältige Texte zu Migration, Literatur und Alltagserfahrungen sowie Illustrationen von Künstler*innen. Während das Projekt in West-Berlin als innovativ galt, wurde es von der türkischen Regierung scharf kritisiert – insbesondere wegen der Einbindung von Gedichten des kommunistisch-geprägten und dort lange verbotenen Dichters Nâzım Hikmet (1902–1963).

Kreuzberg: Kunst und Migration seit 1960, Installationsansicht, Gropius Bau, 2026
© Gropius Bau, Foto: Rosa Merk
(1974)
Während seines Berlin-Aufenthalts Anfang der 1970er Jahre setzte sich Vlassis Caniaris mit den Lebens- und Arbeitsbedingungen migrantischer Arbeiter*innen auseinander. In seiner künstlerischen Recherche widmete er sich unter anderem der prekären Wohnsituation migrantischer Familien. Er besuchte ihre Wohnräume, dokumentierte sie teils fotografisch und nutzte diese Recherche als Ausgangspunkt für seine künstlerischen Installationen. Caniaris’ Arbeit spielt nicht nur auf die schwierigen Lebensumstände migrantischer Familien in West-Berlin an: Die Zusammenstellung von Alltagsgegenständen zu einem Kinderzimmer eröffnet poetische Bildwelten und verweist darauf, wie durch kindliche Vorstellungskraft aus den einfachsten Mitteln ein Zuhause entstehen kann.

Kreuzberg: Kunst und Migration seit 1960, Installationsansicht, Gropius Bau, 2026
© Gropius Bau, Foto: Rosa Merk

Als Tochter von emigrierten Holocaust-Überlebenden zog Esther Friedman 1974 von New York nach West-Berlin, wo sie als Modefotografin arbeitete. Ihre Aufnahmen aus den späten 1970er Jahren erzählen von der geteilten Stadt als kosmopolitischem Anziehungsort und subkulturellem Experimentierfeld für Künstler*innen, Musiker*innen und Modedesigner*innen. Die drei Fotografien, die in der Ausstellung zu sehen sind, entstanden während ihrer zahlreichen Streifzüge durch Kreuzberg – einem Viertel, in dem Arbeitsmigrant*innen neben internationalen Künstler*innen lebten. In Kreuzberg wird dieses Aufeinandertreffen unterschiedlicher Lebensrealitäten am Rande sichtbar: Während sich im Vordergrund eine vorbeiziehende Mädchengruppe in Szene setzt, ist im Hintergrund der US-amerikanische Musiker Iggy Pop, der damalige Lebensgefährte der Künstlerin, als distanzierter Beobachter zu erkennen. In Friedmans Fotografien scheint sich zugleich ein Freiraum für die Kinder der Arbeitsmigrant*innen zu öffnen, die spielerisch und selbstbewusst für die Kamera posieren.

Esther Friedman, Kreuzberg, 1978/2026
© VG Bild-Kunst, Bonn 2026
(1975)
1969 zog Mehrangis Montazami-Dabui nach West-Berlin, wo sie ab 1972 an der Deutschen Film- und Fernsehakademie studierte. In dieser Zeit entstand ihr Dokumentarfilm Analphabeten in zwei Sprachen, der exemplarisch die Situation der Kinder von sogenannten Gastarbeiter*innen aus der Türkei an Kreuzberger Schulen untersucht. Der Film verwebt Aufnahmen des städtebaulich vernachlässigten Bezirks, statistische Erhebungen und bildungspolitische Veranstaltungen mit persönlichen Erfahrungsberichten von Lehrkräften, migrantischen Schüler*innen und Eltern. Neben Überlastung, Ängsten und Perspektivlosigkeit erzählen diese von einem Schulsystem mit überfüllten, oftmals segregierten Klassen: Getrennt von Schüler*innen, die Deutsch als Erstsprache gelernt hatten, wurden insbesondere Kinder aus der Türkei in Kreuzberg meist in eigenen „Ausländerregelklassen“ unterrichtet. Diese Isolierung erschwerte den Spracherwerb der migrantischen Schüler*innen und beschnitt damit systematisch ihre Bildungschancen. Der Film stellte sich somit gegen den weit verbreiteten rassistischen Diskurs, der frühe Schulabgänge und hohe Arbeitslosigkeit unter migrantischen Jugendlichen als selbstverschuldet auslegte.
(2021)
Gurbet artık bir ev / Gurbet is a home now von Pınar Öğrenci wirft einen kritischen Blick auf stadtpolitische Maßnahmen im West-Berlin der 1970er und 1980er Jahre, die den Zuzug von Migrant*innen in Stadtteile wie Kreuzberg regulierten. Ausgehend von Esra Akcans Publikation Open Architecture (2018) und dem fotografischen Archiv der Architektin Heide Moldenhauer zeichnet der Film die Geschichte migrantischer Gemeinschaften aus der Türkei nach. In Interviews mit Menschen, die in Moldenhauers Fotografien auftauchen, werden die Archivbilder mit gelebten Erfahrungen verknüpft. In ihrer ersten künstlerischen Arbeit seit ihrem Umzug nach Berlin 2018 nimmt Öğrenci eine generationsübergreifende feministische Perspektive ein, um stereotypen Darstellungen von Migrant*innen und von Kreuzberg als Ort der Marginalisierung und des Andersseins entgegenzutreten. Der Film rückt alltägliche Praktiken der Fürsorge, Solidarität und Selbstorganisation in den Mittelpunkt und zeigt, wie Gurbet – ein Zustand der Entwurzelung – durch gemeinschaftliche Formen des Zuhause-Schaffens zu einem Ort der Zugehörigkeit werden konnte.

Pınar Öğrenci, Gurbet is a home now, 2021, Filmstill
© Pınar Öğrenci, Foto: Heide Moldenhauer
(1974)
Nach ihrem Studium in Salt Lake City und New York zog Caroline Pinger 1962 nach West-Berlin, wo sie ab 1967 mit kurzen Unterbrechungen eine eigene Druckwerkstatt betrieb. Die geteilte, vom Krieg gezeichnete Stadt hielt sie in den 1970er und 1980er Jahren in Drucken, Collagen und Zeichnungen fest. Ihre detailreichen Holzschnittkompositionen zeigen Menschen auf Straßen, Baustellen, Spielplätzen, Bahnhöfen, Demonstrationen oder in Nachtlokalen. Sanierungsspielplatz stellt eine wuselige Szene mit Kindern und Jugendlichen dar. Der Titel verweist auf das Fehlen von offiziellen Spielorten, weshalb Kinder auf die Straße oder in sanierungsbedürftige Ruinen auswichen. Zugleich erzählt die Druckgrafik von der Präsenz gesellschaftspolitischer Fragen im öffentlichen Raum: Wie der Schriftzug „Tod dem Faschismus“ an einer Hauswand im Bildhintergrund zeigt, werden diese in Kreuzberg seit den 1970er Jahren häufig in Wandmalereien und Graffitis verhandelt.

Kreuzberg: Kunst und Migration seit 1960, Installationsansicht, Gropius Bau, 2026
© Gropius Bau, Foto: Rosa Merk
(1974)
Monika Sieveking hielt sich häufig in Kreuzberg auf und übertrug ihre Beobachtungen in sozialkritische Malereien. Im Zentrum ihrer Arbeit Spielplatz in Kreuzberg steht eine Tafel, auf der die Regeln für die Spielplatznutzung auf Deutsch, Türkisch und Serbokroatisch erläutert sind. Zwar verweist das Schild auf einen Spielplatz, im Hintergrund sind jedoch keine Spielgeräte erkennbar, sondern die für Kreuzberg typischen Hochgleise der U-Bahn sowie eine Straßenkreuzung. Im Vordergrund stehen zwei migrantisch gelesene Kinder, die sich aneinanderdrängen und den Betrachter*innen direkt gegenüberstehen. Das Bild verweist auf das Fehlen kindgerechter Aufenthaltsorte im öffentlichen Raum.
(1978)
In Analphabeten in zwei Sprachen sind zwei Schulkinder vor einer Tafel zu sehen, auf der Sprachübungen in Deutsch und Türkisch stehen. In den 1970er Jahren mangelte es in Kreuzberg an Schulkonzepten und zweisprachigen Lehrer*innen, die migrantische Kinder an die deutsche Sprache heranführten. Durch die prekäre finanzielle Situation der Familien, die im Zuge der Anwerbeabkommen nach Deutschland geholt wurden, mussten Eltern häufig in Vollzeit arbeiten und konnten ihre Kinder nur eingeschränkt selbst betreuen. Als Konsequenz entwickelten die Kinder auch ihre Kenntnisse der Erstsprache nur bedingt weiter. Um dem entgegenzuwirken, gab Ahmet Doğan mit seinem Verlag Ararat ab Ende der 1970er Jahre die Buchreihe Texte in zwei Sprachen heraus, für die er Geschichten türkischsprachiger Schriftsteller*innen auf Deutsch übersetzen ließ. Die deutsch-türkischen Bücher, die auch von Yeter illustriert wurden, sollten die Mehrsprachigkeit der Kinder fördern.

Hanefi Yeter, Analphabeten in zwei Sprachen, 1978, Courtesy: Kunstraum Kreuzberg/Bethanien
© Hanefi Yeter