„Ständig denkst du nach, strengst dich an: Wie kann ich zu meinem Recht kommen? Es war immer ein Kampf.”
— Atiye Altül
West-Berlin war ab den 1960er Jahren ein Zentrum vielfältiger Protestbewegungen gegen Atomkraft und NATO-Nachrüstung, für Frieden und gegen Stadtzerstörung. Viele Künstler*innen waren selbst politisch aktiv und solidarisierten sich in ihren Werken mit diesen Anliegen. In Kreuzberg verdichteten sich diese Proteste im Häuserkampf: Ab 1979 wurden Wohnungen und Häuser besetzt, um ihren Abriss zu verhindern. Diese Bewegung war jedoch nicht für alle gleichermaßen zugänglich.

Kreuzberg: Kunst und Migration seit 1960, Installationsansicht, Gropius Bau, 2026
© Gropius Bau, Foto: Rosa Merk
(1973)
Die Skulpturen von Mehmet Aksoy stehen in einer expressiven Tradition: In dem Wunsch „Emotionen in Form zu verwandeln“, sucht er in seinen Werken nach ausdrucksstarken und symbolhaften Bildern für das menschliche Dasein. Dies gilt auch für diese Bronzeskulptur mit ihrer dramatischen Komposition. Mit den weit gespreizten Fingern tritt die Hand den Besucher*innen entgegen, gebietet Einhalt und fordert zum Nachdenken über gegenwärtige Zustände und notwendige Veränderungen auf. Die Skulptur entstand 1973, als sich die Spannungen zwischen deutschen Unternehmen und migrantischen Arbeitskräften zuspitzten. Die Arbeiter*innen kämpften für fairere Arbeitsbedingungen, die mit denen der deutschen Staatsbürger*innen vergleichbar sein sollten. Aksoys Werk kann somit gleichermaßen als Sinnbild für den Widerstand gegen ausbeuterische Produktionsbedingungen und als Ruf nach solidarischem Zusammenhalt gelesen werden.
(1981)
Anfang der 1980er Jahre setzte sich Akbar Behkalam mit den Protestbewegungen in Kreuzberg auseinander. Nachdem Ende der 1970er Jahre leerstehende Häuser der kommunalen Wohnbaugesellschaften an Immobilienkonzerne verkauft werden sollten, kam es in Kreuzberg zu Hausbesetzungen: Linke, nicht-migrantische und migrantische Aktivist*innen schlossen sich zusammen, um sich der städtischen Gentrifizierung und Wohnraumspekulation zu widersetzen. Dieser gesellschaftsübergreifende Protest verschärfte sich 1981, als der damalige CDU-Innensenator Heinrich Lummer gewaltsame Räumungen veranlasste und mit dem sogenannten Lummer-Erlass die Abschiebung migrantischer Jugendlicher ermöglichen wollte. Behkalams Gemälde erzählen von dieser Solidarisierung: Hier wird die Kreuzberger Bevölkerung als Kollektiv dargestellt, das gemeinsam gegen die Polizei und Lummers Politik vorgeht. Mit der Nutzung des Rahmens als zusätzlichen Bildraum macht Behkalam auf jene Polizeigewalt als allgegenwärtige Bedrohung für politische Protestbewegungen aufmerksam.

Akbar Behkalam, Staatsgewalt, 1981, Courtesy: Kunstraum Kreuzberg/Bethanien © Nachlass Akbar Behkalam
Courtesy: Kunstraum Kreuzberg/Bethanien © Nachlass Akbar Behkalam