„Wenn ich nicht brenne, wenn du nicht brennst, wenn wir nicht brennen, wie kann die Finsternis erleuchtet werden?”
— Nâzım Hikmet
Durch gemeinschaftliches Singen und Musikmachen setzten sich Arbeitsmigrant*innen aus der Türkei in den 1970er und 1980er Jahren über kulturelle und politische Grenzen hinweg. Die „türkische“ Musik in Berlin folgte keiner einheitlichen Richtung, sondern war von verschiedenen religiösen, ethnischen und politischen Einflüssen geprägt. Sie reichte von osmanischer Kunstmusik über alevitische Cem-Gesänge bis hin zu Jazz. Auch bildende Künstler*innen waren als Sänger*innen wie als Gestalter*innen von Plattencovern Teil der Szene.

© Gropius Bau, Foto: Marina Hoppmann
Kaya Behkalams Arbeit Unterholzgedächtnis entwirft ein spekulatives Zukunftsszenario, das auf eine verschüttete Vergangenheit zurückblickt: Im ehemaligen Grenzgebiet des Frohnauer Forsts erscheint Berlin als untergegangene Stadt. Eine Gruppe von Forschenden nimmt Bodenproben und untersucht das Gelände mithilfe von Klang, Bewegung und Stimme. Im Zentrum steht die Frage, was sich in den historischen Schichten einer Gesellschaft ablagert: weitergegebenes Wissen und Erfahrungen von Zugehörigkeit, aber auch von Ausgrenzung und rassistischer Gewalt. Die Forschenden folgen Spuren, die sich offiziellen Archiven entziehen. Dazwischen treten Tänzer*innen des MuAK Ensembles auf, bestehend aus angeworbenen koreanischen Arbeitsmigrantinnen und ihren Nachfahren. Am Ende singt Otto Oscar Hernández Ruiz ein Lied, dessen Text der 1942 im KZ Auschwitz III Monowitz ermordete, jüdisch-österreichische Schriftsteller Fritz Löhner-Beda in den 1930er Jahren schrieb. Der Gesang ist zugleich ein musikalisches Zitat aus Rainer Werner Fassbinders Film Angst essen Seele auf (1974), der die Rassismuserfahrungen eines marokkanischen Arbeitsmigranten in der Bundesrepublik thematisiert.
Der Türkische Arbeiterchor Westberlin wurde 1973, im Jahr der wilden Streiks der „Gastarbeiter*innen“ und der offiziellen Einstellung der meisten Anwerbeabkommen, als erster türkischsprachiger Arbeiterchor außerhalb der Türkei von Tahsin İncirci gegründet. Der klassisch ausgebildete Geiger leitete ihn über dessen gesamte Dauer. Der Chor ging aus einem Kreis türkischer Sozialist*innen und anderer Migrant*innen aus der Türkei hervor und probte in Kreuzberg. Seine Mitglieder waren Arbeiter*innen, politische Geflüchtete, Studierende und einige Berufsmusiker*innen. Der Chor sang, wo um Rechte gestritten wurde: bei Streikversammlungen und Demonstrationen, aber auch bei Festen, in der Philharmonie und bei Ausstellungseröffnungen. Die zentrale Referenz war Nâzım Hikmet, dessen Gedichte aus der Haft und dem Exil İncirci vertonte. In den 1980er Jahren löste sich der Chor auf.
Kerem Ergün trägt Mitschnitte von Auftritten des Türkischen Arbeiterchors Westberlin im Kreuzberg der 1970er Jahre zusammen. Die in der Ausstellung gezeigte Auswahl entstand im Rahmen der aktuellen Recherchen für seinen Kinodokumentarfilm Wunderbare Wolken (2027), der sich der Geschichte des Chors widmet.
Eduardo Paolozzi lebte von 1974 bis 1975 als Gast des Berliner Künstlerprogramms des DAAD in einem Wohnatelier am Kottbusser Damm. Selbst Sohn italienischer Migrant*innen in Schottland, widmete Paolozzi sich in seiner Kreuzberger Zeit der „türkischen“ Musik und Kultur. Die Liedzeilen auf den gezeigten Grafiken verweisen auf Tonbandaufnahmen des Musikwissenschaftlers Kurt Reinhard aus dem Berliner Phonogramm-Archiv. Reinhard hatte diese ab 1955 gemeinsam mit seiner Frau Ursula auf Expeditionen durch die Südtürkei angelegt. Paolozzis Arbeiten erzählen von Sehnsucht und Abschied, aber auch von einer gewaltvollen Geschichte: Franko’ Amsterd zitiert etwa das Kozanoğlu-Lied Çıktım Kozan’ın dağına (Ich bestieg den Berg Kozan) über Niederlage, Flucht und Widerstand der Avşar-Turkmen*innen und deren erzwungene Sesshaftmachung durch die osmanische Zentralgewalt im 19. Jahrhundert. In Paolozzis Werken treffen solche überlieferten Klagegesänge auf die westdeutsche Industriemoderne und seine Migrationserfahrung am Kottbusser Damm.

Kreuzberg: Kunst und Migration seit 1960, Installationsansicht, Gropius Bau, 2026
© Gropius Bau, Foto: Rosa Merk
(1975)
Picknick in Berlin zeigt eine idyllische Alltagssituation im Grünen, in der sich Familien auf bunten Decken ausruhen. West-Berliner Parks waren für viele Migrant*innen Orte des Zusammenkommens, da ihre Vermieter*innen den Empfang von Besuch untersagten. Die friedliche Situation steht in starkem Gegensatz zu weit verbreiteten Vorurteilen, die Stadtteile wie Kreuzberg als gefährlich darstellten. Gleichzeitig brechen die müden und verschwommenen Gesichter mit der idyllischen Atmosphäre und verweisen auf die prekäre Lebensrealität migrantischer Familien.
Beeinflusst von Bedri Rahmi Eyüboğlu, seinem Professor an der Istanbuler Kunstakademie İstanbul Devlet Güzel Sanatlar Akademisi, nutzt Yeter Elemente der osmanischen Miniaturmalerei, die bis ins 18. Jahrhundert hauptsächlich in Illustrationen historischer Schriften verwendet wurde. Entscheidende Merkmale dieses Genres sind gemalte Rahmungen und die Bedeutungsperspektive, bei der die Bildelemente je nach ihrer Wichtigkeit für die Erzählung größer oder kleiner dargestellt werden.

Hanefi Yeter, Picknick in Berlin, 1975, Courtesy: Kunstraum Kreuzberg/Bethanien
© Hanefi Yeter
(1984)
Diese übermalte Collage aus Arbeiten von Akbar Behkalam und Hanefi Yeter diente als Vorlage für das Cover einer Biografie über die beiden Künstler. In Zwei unter uns (1984) widmete sich der Autor Frederik Hetmann dem Leben von Behkalam und Yeter, die sich Ende der 1970er Jahre ein Atelier im Kreuzberger Künstlerhaus Bethanien teilten. Besonders eindrücklich wird darin ihr künstlerischer Austausch beschrieben: Beide setzten sich mit sozialkritischen Themen auseinander und griffen in ihrer Formensprache auf Elemente der Miniaturmalerei aus ihren Herkunftsregionen zurück. Die Biografie, die von Yeters und Behkalams Vertrautem Ahmet Doğan und seinem Ararat-Verlag herausgegeben wurde, vermittelt einen Eindruck von den freund*innenschaftlichen Netzwerken zwischen Kreuzberger Künstler*innen in den 1970er und 1980er Jahren.

Serpil Yeter, WDR-Ausländerprogramm, 1982
© Serpil Yeter
(1982)
Köln Radyosu, die türkischsprachige Radiosendung des Westdeutschen Rundfunks (WDR), wurde ab 1964 ausgestrahlt. Sie war bis zum Aufkommen von türkischsprachigen Fernsehprogrammen eine prägende und regelmäßig genutzte Informationsquelle für viele Migrant*innen, die aus der Türkei nach Westdeutschland gekommen waren. Die übergroße Darstellung des Radios in Serpil Yeters Bild betont die Bedeutung dieser Hörsituation, durch die wichtige Orte des Austauschs entstanden. Köln Radyosu orientierte sich an den Bedürfnissen der Zuhörer*innen und vernetzte sie auch bei Herausforderungen, die die Migration mit sich brachte, durch die Möglichkeit von Zuschriften und Anrufen. Zugleich sorgten leichtere Musik- und Comedybeiträge in der Radiosendung für Momente der Zugehörigkeit.