Verfolgt von der Vergangenheit

„Eine Straße will ihre Geschichte beenden und vergessen.”

— Irena Vrkljan

In den 1970er und 1980er Jahren fragten Künstler*innen in ihren Werken immer wieder, wie weit sich die Bundesrepublik von nationalsozialistischen Denkweisen und rassistischen Strukturen gelöst hatte. Denn in dieser Zeit wurden alte und neue Formen von Rassismus immer deutlicher sichtbar. Begriffe wie „Unterwanderung“ oder „Überfremdung“, die Menschen mit Migrationsgeschichte als Gefahr darstellen, tauchten in öffentlichen und wissenschaftlichen Debatten wieder auf.

Auch andere Bezeichnungen dieser Zeit hatten eine unmittelbare NS-Vorgeschichte: „Fremdarbeiter“ wurde als Verwaltungsbegriff für zivile migrantische Arbeitskräfte im sogenannten „Ausländereinsatz“ verwendet und verschleierte den Zwang, der mit dieser Arbeit einherging. Der Begriff „Gastarbeiter“ wurde in der NS-Propaganda beschönigend für angeworbene Arbeitskräfte aus verbündeten Ländern verwendet.

Politik, Verwaltung und Medien griffen ebenfalls rechte Denkmuster auf: Der Lummer-Erlass von 1981, benannt nach dem West-Berliner Innensenator, verlangte die Abschiebung arbeitsloser migrantischer Jugendlicher über 18 Jahre. Wohnungsnot, Bildungsprobleme und andere gesellschaftliche Krisen wurden häufig auf Arbeitsmigrant*innen geschoben. In dieser aufgeheizten Stimmung verübten Neonazis 1982 einen Sprengstoffanschlag auf ein Haus in Berlin, in dem Menschen aus der Türkei lebten. In den folgenden Jahren steigerte sich die rechtsextreme Gewalt an migrantischen Menschen zu tödlichen Anschlägen in ganz Deutschland.

Die Werke in diesem Raum verhandeln unterschiedliche Formen von Gewalt: einerseits den Rassismus, der die Bundesrepublik auf struktureller und individueller Ebene prägte, und andererseits die faschistischen Kräfte, die sowohl in den Herkunftsländern der Künstler*innen als auch innerhalb migrantischer Kontexte in Deutschland existierten.

Mehmet Aksoy

Nâzım Hikmet im Gefängnis

(1977)

1977 organisierte Mehmet Aksoy im Kunstamt Kreuzberg, unter der Leitung von Krista Tebbe, eine Ausstellung zu Ehren von Nâzım Hikmet (1902–1963). Der Dichter und Dramatiker gilt als herausragender Vertreter der modernen türkischen Literatur. Aufgrund seiner politischen Aktivitäten – Hikmet war überzeugter Kommunist – verbrachte er in der Türkei insgesamt 17 Jahre im Gefängnis. 1951 floh er in die Sowjetunion. Mit seinen Texten über die Kämpfe der Arbeiter*innenklasse und gesellschaftliche Widerständigkeit war er über die Landesgrenzen hinaus eine Bezugsfigur der internationalen Linken. Aksoys Skulptur portraitiert Hikmet hinter Gittern. Die Inschrift ist ein Zitat aus einem Gedicht von 1948, das Laz İsmail (1902–1983) gewidmet ist. İsmail Bilen, so sein bürgerlicher Name, war aktiv in der verbotenen Kommunistischen Partei der Türkei. Nach einer vierjährigen Inhaftierung verließ er die Türkei Mitte der 1930er Jahre, während Hikmet seinen politischen Kampf aus dem Gefängnis weiter fortsetzte.

Reliefskulptur einer Person mit nachdenklicher Haltung, in einer Zellenstruktur mit Schriftfragment auf einer Tafel.

Kreuzberg: Kunst und Migration seit 1960, Installationsansicht, Gropius Bau, 2026

© Gropius Bau, Foto: Rosa Merk

Paolo Baratella

Fremdarbeiter – Arbeit muss frei machen

(1974)

Mitte der 1970er Jahre hielt sich Paolo Baratella als Stipendiat des Berliner Künstlerprogramms des DAAD in West-Berlin auf. In Fremdarbeiter – Arbeit muss frei machen orientierte er sich an dem Plakat Ein neues Jahr (1930) von John Heartfield, der für seine politischen Fotomontagen bekannt ist. Heartfields Plakat ruft zum Arbeitskampf auf und zeigt einen Metallarbeiter, der auf heißen Stahl schlägt. Baratella ersetzt in seiner Grafik den Stahl durch den Kopf eines Mannes mit Zylinder – eine Figur, die in Heartfields Werk immer wieder den skrupellosen Unternehmer während des NS-Regimes verkörpert. In Baratellas Arbeit verweist sie auf Deutschlands nationalsozialistische Geschichte, von der Unternehmen nach 1945 weiterhin profitierten: Sowohl Begriffe wie „Gastarbeiter“ und „Fremdarbeiter“, als auch wesentliche Anwerbe- und Auswahlpraktiken haben ihre Vorläufer in der NS-Zeit. So auch das „Ausländergesetz“ der 1960er Jahre, das dem Zweck diente, Freizügigkeit und Aufenthaltsrecht von Migrant*innen stark einzuschränken.

Gerahmtes Kunstwerk an der Wand, dunkles Motiv mit schwer erkennbaren Details, Text im unteren Bereich.

Kreuzberg: Kunst und Migration seit 1960, Installationsansicht, Gropius Bau, 2026

© Gropius Bau, Foto: Rosa Merk

Akbar Behkalam

Cemal Kemal Altun

(1995)

Die Zeichnung mit den Umrissen einer abstrahierten, fallenden Figur ist Cemal Kemal Altun gewidmet. 1981 floh der 20-jährige Student vor der türkischen Militärdiktatur nach West-Berlin. Altun war in der Türkei zu Unrecht des Mordes beschuldigt worden und stellte in Westdeutschland einen Asylantrag aufgrund von politischer Verfolgung. Die Bundesregierung leitete ein Auslieferungsverfahren an die türkischen Behörden ein, obwohl Altun bei der Europäischen Kommission für Menschenrechte Beschwerde eingelegt hatte.
Nach über einjähriger Inhaftierung stürzte sich Altun am zweiten Tag seines Verfahrens aus dem Fenster des sechsten Stocks des Oberverwaltungsgerichts in Charlottenburg. Den tödlichen Sprung aus Furcht vor der Auslieferung an das diktatorische Regime greift Akbar Behkalam in seiner Arbeit auf. Die zentrale Leerstelle in der Zeichnung verweist außerdem auf die Form eines Denkmals für Altun, das Behkalam zeitgleich gestaltete. Seit 1996 erinnert dieses vor dem ehemaligen Gerichtsgebäude an Altuns Geschichte und mahnt zugleich vor der brutalen Migrations- und Abschiebepolitik der Bundesrepublik in den 1980er Jahren.

Sarah Haffner

1938/1983 

(1982)

Sarah Haffners Malerei 1938/1983 verweist auf verschiedene historische und politische Zusammenhänge: die Zeit des Nationalsozialismus und das Jahr 1983, in dem das Werk erstmals ausgestellt werden sollte. Die Malerei entstand für die Ausstellung 1933 – Wege zur Diktatur in der Staatlichen Kunsthalle Berlin. Die Aufschrift „Nur für Arier“ zeugt von den immer radikaleren Ausschlüssen all jener, die die NS-Rassenideologie als „nicht-arisch“ markierte – darunter Jüdinnen und Juden, deren Ausweise ab 1938 mit der Kennzeichnung „J“ versehen wurden, sowie Sinti* und Roma*, Schwarze Menschen und Menschen slawischer Herkunft. Das Graffito „Türken raus“ wiederum verweist auf den erstarkenden Rassismus in den 1980er Jahren, der sich vor allem gegen Arbeitsmigrant*innen aus der Türkei, die damals größte migrantische Bevölkerungsgruppe, richtete. Beide Schriften machen in aller Drastik sichtbar, wer in der deutschen Gesellschaft zu unterschiedlichen Zeiten als willkommen galt, und wer nicht.

Kunstraum mit zwei Exponaten. Links Porträtzeichnungen, rechts große bunte Darstellung zweier Sitzbänke.

Kreuzberg: Kunst und Migration seit 1960, Installationsansicht, Gropius Bau, 2026

© Gropius Bau, Foto: Rosa Merk

Stathis Logothetis

E236

(1978)

Für die Arbeit E236 nähte Stathis Logothetis in roter Acrylfarbe getränkte Leinwand auf eine Rahmenkonstruktion auf. Wo das Material aufgerissen war, flickte der Künstler es mit etwas Leinwand, so wie man eine Wunde versorgt. Verwundung und Heilung greifen so ineinander. Vor seinem Wechsel zur Malerei hatte Logothetis Medizin studiert und wurde als junger Mann in den griechischen Bürgerkrieg eingezogen. In den Werken schreiben sich persönliche Erfahrung und Körperwissen in die Leinwand ein. Das Performative spielt dabei eine zentrale Rolle: Als Gast des Berliner Künstlerprogramms des DAAD begann Logothetis in den frühen 1970er Jahren erstmals selbst in seine Bilder einzutreten. In der Serie Taftisi (Identifikation) ist diese Geste weiter zugespitzt. Die Werke wurden in verschiedenen Performances vom Künstler belebt, er wurde regelrecht eins mit ihnen. Dabei brachte er nicht nur seinen eigenen Körper ins Spiel, sondern hinterfragte auch die Rolle des Publikums, dessen Blick er als „Betrachter der Betrachtenden“ zurückwarf.

Antonio Skármeta

Aufenthaltserlaubnis

(1978)

Der Schriftsteller, Drehbuchautor und Filmemacher Antonio Skármeta war 1973, nach dem Militärputsch in Chile, über Argentinien nach Europa geflohen. 1975 kam er mit dem Künstlerprogramm des DAAD nach West-Berlin, wo er bis Ende der 1980er Jahre lebte. Aufenthaltserlaubnis ist ein Film über das Leben im Exil – von gemeinschaftlichen Freizeitaktivitäten bis zu Behördenbesuchen zur Verlängerung von Aufenthaltserlaubnissen. Vor allem aber feiert er den Sturz und sich ankündigende Enden zahlreicher Diktaturen in dieser Zeit: Von Idi Amin in Uganda, Dimitrios Ioannidis in Griechenland, Mohammad Reza Pahlavi im Iran, Francisco Franco in Spanien und António de Oliveira Salazar in Portugal. Als Karikaturen auf große Pappschilder gemalt, werden die Diktatoren hier von den Exilant*innen symbolisch gestürzt, bevor sich diese auf die Rückreise in ihre Herkunftsländer machen. Doch Augusto Pinochets Gewaltherrschaft in Chile hielt an: Erst 1990 endete seine Diktatur durch freie Wahlen.

Irena Vrkljan

Widmung für ein Haus

(1966)

Das Leben der Schriftstellerin und Filmemacherin Irena Vrkljan war von zahlreichen Systemwechseln geprägt: Als Kind floh sie mit ihrer Familie vor der nationalsozialistischen Besatzung von Belgrad nach Zagreb, wo sie Jahre später Gedichte veröffentlichte und als Drehbuchautorin bei einem jugoslawischen Fernsehsender arbeitete. 1966 kam sie durch ein Literatur-Stipendium des DAAD nach West-Berlin und studierte im ersten Jahrgang Regie an der Deutschen Film- und Fernsehakademie, wo ihr Debütfilm Widmung für ein Haus entstand: Aufnahmen der Fassade eines verlassenen Gebäudes unweit des Potsdamer Platzes und des Mauerstreifens werden von einem poetischen Text begleitet, den die Künstlerin selbst eingesprochen hat. Darin lässt sie die Ruine als Zeugin von Verbrechen auftreten: Bis 1945 befand sich daneben der nationalsozialistische Volksgerichtshof, in dem politisch Verfolgte verurteilt wurden. Vor dem Hintergrund der Abrissmaßnahmen im West-Berlin der 1950er und 1960er Jahre widersetzt sich Vrkljan mit ihrer Spurensicherung dem strategischen Vergessen.

Hanefi Yeter

Für Celalettin Kesim

(1980)

Die Holzstele von Hanefi Yeter trägt die türkische Inschrift „Onlar Ümidin Düşmanıdır Sevgilim“ (Sie sind die Feinde der Hoffnung, Liebling) aus einem Text des Dichters und Dramatikers Nâzım Hikmet (1902–1963). Sie bildet die Vorlage eines Denkmals für Celalettin Kesim. Kesim kam 1973 aus der Türkei nach Deutschland, wo er zunächst als Dreher im Maschinenbauunternehmen Borsig arbeitete und sich politisch engagierte. Am 5. Januar 1980 wurde Kesim von türkischen Islamisten (Millî Görüş) und Rechtsextremen (MHP) ermordet. Der Anschlag folgte auf eine Aktion, in der Kesim mit anderen linken Aktivist*innen Flugblätter in Kreuzberg verteilt hatte, die vor dem drohenden Militärputsch in der Türkei warnten. Der Trauermarsch anlässlich dieses Mordes, an dem über 10.000 Menschen teilnahmen, wurde in den darauffolgenden Jahren zu einer jährlichen Demonstration gegen faschistische Kräfte im In- und Ausland.
 

Schmaler Stein mit eingravierten abstrakten Mustern an weißer Wand. Beschriftung daneben.

Kreuzberg: Kunst und Migration seit 1960, Installationsansicht, Gropius Bau, 2026

© Gropius Bau, Foto: Rosa Merk

Serpil Yeter

Gesellschaftliche Bedrohung 

(1987)

Bilder des Tragens und Getragenwerdens, der körperlichen Nähe und des Verschmelzens von Körpern mit ihrer Umgebung prägen die Malereien von Serpil Yeter. Anfang der 1980er Jahre zog sie als junge Künstlerin nach West-Berlin, wo sie bis 2002 lebte. Während dieser Zeit beschäftigte sie sich in ihren Werken häufig mit Szenen des Alltags: Menschen in der U-Bahn, auf dem Weg zur Arbeit, im privaten oder öffentlichen Raum. In diesen Beobachtungen richtete sie den Blick sowohl auf das Aufeinandertreffen verschiedener Gruppen im Stadtraum – von Senior*innen über Arbeiter*innen bis hin zu Punks – als auch auf das eigene Sich-fremd-Fühlen. Ihr Werk Gesellschaftliche Bedrohung verdeutlicht, dass diesem Zusammenkommen auch eine erdrückende Dimension innewohnen kann. Die Menschenmenge im oberen Teil steht für die Künstlerin für „eine anonymisierte Masse, die auf dem weiblichen Körper lastet“ – ein Gefühl des Ausgeliefertseins, der Angst und sozialen Enge, das sie in ihrer Malerei einfängt.