Programm
Konzert
Alex Nante / Jean-Claude Touche / Jehan Alain / Yvonne Loriod (UA)
Samstag, 5.9.2026, 19:00 Uhr
Philharmonie Berlin, Großer Saal
Dauer: circa 2 h 30 min, inklusive Pause
Für Konzertbesucher*innen mit besonderer Sensibilität für höhere Lautstärken wird an den Eingangstüren zum Saal Gehörschutz zur Verfügung gestellt.
Eine Veranstaltung der Berliner Festspiele / Musikfest Berlin
Alex Nante (*1992)
Ein feste Burg (2025)
Komposition für Orchester über den Choral BWV 302
von Johann Sebastian Bach
Jean-Claude Touche (1926–1944)
Trois pièces pour orgue (1940er-Jahre)
Pastorale
Élévation
Thème et variations sur Veni Creator
Jehan Ariste Alain (1911–1940)
Première fantaisie (1943)
Deuxième fantaisie (1939)
für Orgel
Pause
Yvonne Loriod (1924–2010)
La Sainte Face (1945)
Contemplations für Soli und Orchester
Uraufführung
1. Apparition en le Saint suaire de Turin
Erscheinung auf dem Heiligen Grabtuch von Turin
2. La bouche tordue de douleur
Der schmerzverzerrte Mund
3. Le nez brutalisé
Die misshandelte Nase
4. Les tendres paupières voilant les diamants précieux des larmes – Sainte Thérèse
Die zarten Augenlider, welche die Diamanten gleichenden Tränen verhüllen – Heilige Theresa
5. Sur les joues tuméfiées, les larmes tombent en brûlant
Über die geschwollenen Wangen fließen brennende Tränen
6. Les blessures de la couronne d’épines
Die Wunden der Dornenkrone
7. Les sourcils recueillant le sang des blessures
Die Augenbrauen, die das Blut der Wunden auffangen
8. Les fins cheveux noirs souillés de crachats
Das feine schwarze Haar, mit Spucke besudelt
9. Le doux visage émacié
Das zarte, abgezehrte Gesicht
10. Les traits de la Sainte Face semblent une larme immortelle sur nous
Die Züge des Heiligen Antlitzes erscheinen uns wie eine unsterbliche Träne
11. Visage de Paix encadré de la forêt des cheveux … Divin modèle des monastères qui seront son repos
Gesicht des Friedens, vom Wald der Haare umrahmt ... Göttliches Vorbild der Klöster, die seine Ruhestätte werden
12. Abandon de Dieu
Gottverlassenheit
13. Lorsque, les yeux à demi-fermés nous contemplons la Sainte Face, il nous semble voir, fixée dans ses traits la détresse et le déséquilibre de la nature à l’instant de sa mort
Betrachten wir mit halbgeschlossenen Augen das Heilige Antlitz, so scheint es, als sähen wir in seinen Zügen die Verzweiflung und das Ungleichgewicht der Natur im Augenblick des Todes
14. L’agonie rageuse du mal sur la Sainte Face
Die wütende Qual des Bösen auf dem Heiligen Antlitz
15. Méditation sur le lis
Meditation über die Lilie
Die Sätze 1–14 folgen meistens attacca aufeinander.
Im Zentrum des Konzertabends steht die Uraufführung von La Sainte Face von Yvonne Loriod. Da sich die Kantate für Sopran und Orchester als deutlich umfangreicher erwiesen hat als ursprünglich angenommen, entfällt die zunächst geplante Aufführung der Reformations-Sinfonie von Felix Mendelssohn Bartholdy am Ende des Programms. Stattdessen werden der Premiere von La Sainte Face drei Orgelwerke von Jean-Claude Touche sowie zwei Orgel-Fantasien von Jehan Alain vorangestellt. Touche, dem Loriods Werk in Gedenken gewidmet ist, war ein begnadeter Organist und Komponist, der 1944 während der Befreiung von Paris ums Leben kam.
Violine I
José Maria Blumenschein*
Sara Etelävuori*
Cristian-Paul Suvaiala**
Nanaho Torosu
Linda Guo
Caroline Kunfalvi
Anna de Maistre
Pierre Marquet
Christine Ojstersek
Nastasja Link
Ioana Ratiu
Shin Sihan
Violine II
Barennie Moon*
Brigitte Krömmelbein*
Jikmu Lee**
Carola Nasdala**
Maria Aya Ashley
Pierre-Alain Chamot
Weronika Figat
Robin Lynn Hirzel
Ea Jin Hwang
Ute Klemm
Orest Kudlovskyi
Johanne Stadelmann
Viola
Tomasz Neugebauer*
Sophie Beckers**
Katja Püschel**
Gaëlle Bayet
Felicitas Frücht
Jinho Han
Mircea Mocanita
Klaus Nieschlag
Mischa Pfeiffer
Christoph Zander
Violoncello
Ulrich Witteler*
Simon Deffner**
Martin Leo Schmidt**
Sebastian Engelhardt
Christine Penckwitt
Juliana Przybyl
Theresa Schneider
Leonhard Straumer
Kontrabass
Mattia Riva*, ***
Axel Ruge**
Julian Schlootz
Jörg Schade
Flöte
Jozef Hamernik*
Alejandra Cortijo Busta
Claudia Rose***
Johanna Sigler***
Kathrin Jöris***
Amelie Schröder
Piccolo
Leonie Brockmann
Oboe
Manuel Bilz*
Svetlin Doytchinov**
Klarinette
Lewin Kneisel*
Veronika Giesen-Gores***
Fagott
Mathis Stier*
Stefan Kasper
Horn
Iago Bernat Sanchis*
Maximilian Schellenberger
Trompete
Peter Mönkediek*
Peter Roth**
Posaune
Jeffrey Kant*
Frederik Deitz
Stefan Schmitz
Tuba
Stefan Kühndorf
Fabian Körner***
Harfe
Armandine Carbuccia***
Pauke / Schlagwerk
Peter Stracke*
Johannes Wippermann
Riccardo Caruso***
Philipp Cramer***
Florian Köhn***
Stephan Krecklow***
Steven Meinhardt***
Matti Oppiola***
Arrius Wagner***
Patrick Wirth***
Yukari Yagi***
Heiko Schäfer***
Tasteninstrumente
Paulo Alvares***
N. N.***
Ondes Martenot
Imsu Choi***
Nathalie Forget***
* Konzertmeister*in, Stimmführer*in, Solo
** Stellvertreter*in, Vorspieler*in
*** Gast
Henry Fairs – Orgel
Sarah Aristidou – Sopran
Wendy Vo Cong Tri – Flöte
Emily Hoile – Harfe
WDR Sinfonieorchester (Orchestermitglieder hinter dem Icon )
Kent Nagano – Leitung
Der Komponist Alex Nante im Gespräch mit Olivia Artner über die Bedeutung von Spiritualität und das Komponieren als meditative Übung
Olivia Artner: Ihr Orchesterwerk Ein feste Burg basiert auf dem gleichnamigen Choralgesang von Johann Sebastian Bach BWV 302. Wie ist diese Idee entstanden?
Alex Nante: Kent Nagano hat mich gebeten, ein Werk auf der Basis dieses Bach-Chorals zu schreiben. In seinen Konzertprogrammen verfolgt er immer einen roten Faden, sozusagen ein Leitmotiv.
Im Fall des Konzerts mit der Dresdner Philharmonie, für die ich das Werk 2025 komponierte, war das Mendelssohns 5. Sinfonie, die das Kirchenlied in seiner ursprünglichen lutheranischen Fassung im Finalsatz aufgreift. Kent wollte den Choral in einer von mir orchestrierten Fassung an den Anfang des Konzerts setzen und Mendelssohns Fünfte ans Ende. Mir gefiel die Idee sehr, denn ich liebe Bach, aber das Vorhaben stellte mich vor eine große Herausforderung: Es war wichtig, dass der Choral klar erkennbar bleibt und ich mich nicht zu weit von Bachs Stil entferne. Ich wollte mich aber nicht auf eine reine Instrumentierung beschränken. Im Verlauf des Stücks verfahre ich mit dem Choral auf verschiedenste Arten. Ich nehme etwa einzelne Stimmen heraus und komponiere neue Gegenstimmen dazu. Dabei habe ich mich sehr streng an den Stil Bachs gehalten, nur selten entgleiten die Stimmen dieser Stilistik: manchmal in die Richtung mittelalterlicher Musik, manchmal auch in Richtung meiner eigenen Musik, aber nur sehr subtil. Das Skelett des Chorals bildet im ganzen Stück die Basis der Musik.

Alex Nante
© Privat
Olivia Artner: Wenn Sie von der Entstehung dieses Werkes sprechen, erzählen Sie davon, dass das Komponieren eine meditative und asketische Arbeit war. Wie meinen Sie das?
Alex Nante: Der Choral ist extrem kurz. Ich habe versucht, immer und immer wieder zu diesen wenigen Notenzeilen zurückzukehren – das ist eine meditative Übung, fast wie eine Art Mantra. Ich mache das häufig in meiner Musik. Jedes Mal betrachte ich das Material aus einer anderen Perspektive und einem neuen Blickwinkel. Wenn man das gleiche Stück oder den gleichen Psalm periodisch – zum Beispiel jede Woche, wenn man in die Kirche geht – wiederholt, entdeckt man etwas Neues, obwohl die Musik immer dieselbe bleibt. Diese beobachtende Perspektive ist das, was mich daran so anzieht. Man könnte meinen, das hätte etwas Starres an sich, aber in Wahrheit ermöglicht das Zurückkehren zum immer Gleichen das Entdecken neuer Facetten – das Material eröffnet uns Zugang zu neuen Informationen. Das geschieht sehr subtil, es ist nicht rational. Dieser Aspekt der Askese, der Wiederholung, des Rituals – das ist wichtig in meiner Musik. Auch das Thema Religion ist mir wichtig. Das Wort Religion beinhaltet zwei Ideen: die Idee des Vereinens und die Idee des Wiederlesens, also des wiederholenden Lesens des immer gleichen Textes. Es ist kein oberflächliches, künstliches Lesen, sondern ein tiefgründiges Lesen, ein Lesen des Inneren.
Zur Autorin
Olivia Artner studierte Komposition, Mandoline und Musikwissenschaft in Saarbrücken. Sie lebt in Berlin, arbeitet als freie Autorin unter anderem für Deutschlandfunk Kultur und ist als Komponistin und Musikerin tätig.
Das Gespräch fand im Mai 2026 statt.
2 Flöten
2 Oboen
2 Klarinetten
2 Fagotte
2 Hörner
2 Trompeten
2 Posaunen
Tuba
Schlagwerk: Hängebecken, Große Trommel
Harfe
Streicher
Dresdner Philharmonie
26. Oktober 2025 in Dresden, Dresdner Philharmonie, Dirigent: Kent Nagano
Kent Nagano und Dresdner Philharmonie
Yvonne Loriod ist unbestritten eine der bedeutendsten Pianistinnen des 20. Jahrhunderts. Sie stellte unter anderem Béla Bartóks Klavierkonzerte der französischen Öffentlichkeit vor, ihr Studienkollege Pierre Boulez hatte sie auserkoren, die Unspielbarkeit seiner Klavierwerke zu widerlegen, und schon als Teenager hatte sich Loriod mit dem Schaffen Bachs und Mozarts auf den Konzertbühnen profiliert. Untrennbar verbunden ist ihr Name auch mit den intrikaten Klavierstücken ihres späteren Ehemannes Olivier Messiaen, den Loriod zunächst am Pariser Konservatorium kennengelernt hatte. Ab 1941, nach seiner Rückkehr aus der Kriegsgefangenschaft, übernahm Messiaen in Paris eine Professur für Harmonie, Analyse, Ästhetik und Rhythmus. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde seine Klasse zu einem Anziehungspunkt für eine ganze Generation junger Komponist*innen, die das Musikleben der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts prägten, darunter Karlheinz Stockhausen, Iannis Xenakis, Mikis Theodorakis, Michèle Foison oder später – der jüngste unter ihnen – George Benjamin. Selbst jene, die, wie George Benjamin, mit Yvonne Loriod eng vertraut waren, fielen aus allen Wolken, als sie vor einiger Zeit erstmals davon hörten, dass die Künstlerin auch ein kompositorisches Erbe hinterlassen hatte. „I had no idea!“, staunt George Benjamin im Interview mit dem Musikjournalisten Philipp Quiring. „She never ever mentioned it. Not at all.“ [1]

Yvonne Loriod, 1965
© Photo Ingi Paris / akg-images
Mit rund 250 Partiturseiten ist La Sainte Face eine der am weitesten ausgearbeiteten Partituren im Nachlass von Loriod. Nicht nur der Titel, auch das auf der Titelseite des Manuskripts vermerkte Datum ist religiös konnotiert: Pfingsten 1945. Yvonne Loriod war zu diesem Zeitpunkt 21 Jahre alt. Eine dem Notentext vorangestellte Notiz der Komponistin weist das anderthalbstündige, aus 15 Sätzen bestehende Werk als eine Kontemplation über das Heilige Antlitz in der Tradition der Heiligen Thérèse de Lisieux aus. Sie ist eine 1873 geborene, im katholischen Frankreich verehrte Heilige, deren vollständiger Ordensname Thérèse de l’Enfant Jésus et de la Sainte Face lautet und deren Schrift Histoire d’une âme unmittelbar nach Thérèses Tode 1897 weite Verbreitung erfuhr. Bereits 1925 wurde sie von Papst Pius XI. heiliggesprochen.

Yvonne Loriod, „La Sainte Face“ – Manuskript
© Fonds Olivier Messiaen – Yvonne Loriod, Département de la musique, Bibliothèque nationale de France
Wie Yvonne Loriod studierte Jean-Claude Touche am Conservatoire de Paris, und zwar bei Marcel Dupré, der die Orgelklasse am Pariser Konservatorium von 1926 bis 1954 leitete und auch wichtiger Förderer von Olivier Messiaen war. Die Orgelstudien bei Marcel Dupré beendete Touche 1944 mit dem Ersten Preis.
Zu den Autoren
Patrick Hahn ist Dramaturg, Musikmanager und Librettist. Er war von 2022 bis 2025 Redakteur für Neue Musik beim WDR und leitete die Wittener Tage für neue Kammermusik und die Konzertreihe Musik der Zeit. Zuvor wirkte er als Dramaturg in Stuttgart und als künstlerischer Programmplaner beim Gürzenich-Orchester Köln. Seit Juli 2025 ist er Direktor des Ensemble intercontemporain in Paris.
Winrich Hopp ist seit 2006 Künstlerischer Leiter des Musikfest Berlin der Berliner Festspiele und seit 2011 auch Künstlerischer Leiter der musica viva-Konzertreihe des Bayerischen Rundfunks. Er ist ordentliches Mitglied der Nordrhein-Westfälischen Akademie der Wissenschaften und der Künste und war u. a. Vorstandsmitglied des Instituts für Neue Musik und Musikerziehung in Darmstadt und Gründungsmitglied der Internationalen Ensemble Modern Akademie e.V. in Frankfurt/Main.
In Erinnerung an die Offenbarung des Heiligen Antlitzes am Montag, den 29. Mai 1944, und an die Nachbildung des Heiligen Grabtuchs in der Kirche von La Garenne während der letzten Tage im Leben Jean Claude Touches (26.–29. August 1944)
Solistengruppe:
Nr. 1–14
Ausgedehnter, sanfter und klarer Raga, der sich frei über die 14 Sätze hinweg entfaltet.
6/4-Taktmaß in G-Dur, stets angedeutet
Flöte
Sopran
Harfe
Orchester:
Nr. 1–14
Ehrfürchtige Betrachtung der Züge des Heiligen Antlitz – schmerzerfüllt, befleckt, misshandelt, strahlend, resigniert, symbolisch.
Leiden – Frische und Zärtlichkeit bewahrt nur, was die Stirn, die gesenkten Augenlider und die Haare ausdrücken.
Nr. 1
Große Trommel
Tamtam
Nr. 2
2 Trompeten (Solo)
2 Violinen
2 Bratschen
Nr. 3
Oboe
Fagott
2 Trompeten
Pauke
4 Violinen
Nr. 4
Vibraphon
2 Hörner (Solo)
Klavier
2 Violinen (1 Solo)
Nr. 5
Vibraphon
Celesta
Klavier
6 Violinen
6 Bratschen
6 Violoncelli
Nr. 6
Piccoloflöte
2 Oboen
2 Klarinetten
2 Fagotte
Trompete
Tuba
Glockenspiel
Holzblock
Klavier
6 Violinen
6 Violoncelli
Nr. 7
2 Fagotte
Vibraphon (Solo)
2 Große Trommeln
4 Violoncelli (Solo + 3)
3 Kontrabässe
Nr. 8
7 Flöten
Ondes Martenot
9 Violoncelli
2 Kontrabässe
Nr. 9
Violine (Solo)
Klavier
Nr. 10
2 Fagotte
Tuba
2 Pauken
Becken
Große Trommel
Ondes Martenot
Streichquartett
Nr. 11
Das einzige freudvolle Stück:
Das Heilige Antlitz wird von den Heiligen gefeiert – von allen Ordensleuten und vor allem von den Mönchen.
4 Flöten
2 Oboen
Klarinette
Triangel
Becken
Gong (mittlere/tiefe Tonhöhe)
Tamtam
Große Trommel
Röhrenglocken
Vibraphon
Xylophon
Glockenspiel
2 Schellen
2 Crotales
Klavier
Celesta
Ondes Martenot
Nr. 12
Ondes Martenot (Solo)
Violine (Solo)
Nr. 13
Piccoloflöte
Glockenspiel
Xylophon
Tamtam
Große Trommel
Ondes Martenot
Harfe
Klavier
Kontrabass
Nr. 14
3 Piccoloflöten
Horn
Trompete
Holzblock
Marschtrommel
Tamtam
Große Trommel
1 Doppeltonpfeife
2 einfache Pfeifen
2 Becken
Ondes Martenot
Klavier
2 Violinen
2 Bratschen
2 Violoncelli
2 Kontrabässe
Nr. 15
Mystische Meditation (beginnend beim Anblick einer Lilie vor dem Altar bis zur Vision der Kirche vor Gott bei der Auferstehung). Stück fast ausschließlich für Stimmen und Glocken.
Flöte (Solo)
Sopran (Solo)
Vibraphon
Röhrenglocken
2 Crotales
Schellen
Tamtam
2 Becken
Große Trommel
Celesta
Ondes Martenot
Klavier
Harfe
Die Musik der Solistengruppe (die nicht den Eindruck eines Anfangs vermitteln soll) wird nur angedeutet und erst bei Satz 1 wahrnehmbar.
1 – Erscheinung auf dem Heiligen Grabtuch von Turin
Unregelmäßiger Rhythmus des Herzens aus Ergriffenheit von der ersten Erscheinung des Heiligen Antlitzes auf dem Grabtuch.
2 – Der schmerzverzerrte Mund
Die Lippen – zwei warme, schlichte melodische Linien.
Schmerzhafte Verkrampfung einer Lippe über der anderen.
3 – Die misshandelte Nase
Heftige Faustschläge in unregelmäßigen Abständen auf die Nase, unterbrochen von kurzen anakrusisch anlautenden Pausen
(Es scheint, als sei der untere Teil der Nase leicht deformiert?)
4 – Die zarten Augenlider, welche die Diamanten gleichenden Tränen verhüllen – Heilige Theresa
Die gesenkten Augenlider in feierlichem und vollkommen zärtlichem Frieden. In ihnen sind jedoch schmerzvolle Tränen eingeschlossen: Solovioline, voller Schmerz und Zerrissenheit.
5 – Über die geschwollenen Wangen fließen brennende Tränen
Die Tränen quellen aus den Lidern hervor und fließen
(Auftakt – Aktion – Ausklingen) über die geschwollenen Wangen.
6 – Die Wunden der Dornenkrone
Unter dem Gewicht ihres falschen Königtums ist es, als zerstöre die Krone die Menschlichkeit Christi. Die Stirn jedoch singt weiter, trotz der scharfen, sie zerreißenden Wunden.
7 – Die Augenbrauen, die das Blut der Wunden auffangen
Die Schnittwunden und Risse auf der Stirn bringen Rinnsale hervor, Tränen aus Blut, die langsam hinabfließen und sich in den Augenbrauen verlieren.
8 – Das feine schwarze Haar, mit Spucke besudelt
Auf die glückliche und weiche Welt des Haarschopfs prasselt Unrat hinab.
9 – Das zarte, abgezehrte Gesicht
Ein glühendes, blasses und schmales Gesicht – schlaff vom hingenommenen Leid.
10 – Die Züge des Heiligen Antlitzes erscheinen uns wie eine unsterbliche Träne
Dumpfer Tumult der Menschenmenge im Kelch des Bösen, strauchelnde Versuche, sich zu erheben.
(Dies ist wohl der Grund für die Träne, die das Heilige Antlitz auszudrücken scheint?)
11 – Gesicht des Friedens, vom Wald der Haare umrahmt ... Göttliches Vorbild der Klöster, die seine Ruhestätte werden
Ein freudvolles Stück. Das Heilige Antlitz wird von den Ordensleuten mit lebhaften Hallelujas gefeiert.
12 – Gottverlassenheit
Die Stille der Dunkelheit – ein hohes, kaum wahrnehmbares Pfeifen, das man (in winzigen, schnellen Kreisen) im Kopf spürt.
13 – Betrachten wir mit halbgeschlossenen Augen das Heilige Antlitz, so scheint es, als sähen wir in seinen Zügen die Verzweiflung und das Ungleichgewicht der Natur im Augenblick des Todes
Schwindel und Verzweiflung der kristallinen Materie im Augenblick des Todes Christi.
14 – Die wütende Qual des Bösen auf dem Heiligen Antlitz
Wütende und spöttische Angriffe des Bösen auf das Heilige Antlitz, das noch immer triumphierend und unerschütterlich singt. Dreimal werden die Angriffe brutal unterbrochen, dann: endgültiges Niederschlagen.
Die Musik der Solistengruppe wird ganz allmählich leiser und verklingt (ohne den Eindruck eines Endes zu vermitteln).
Meditation über die Lilie
In Erinnerung an die Lilie, die der Heiligen Dreifaltigkeit als Dank dargebracht wurde
– 21.–22. Juni 1944
Quelle: Partitur La Sainte Face, Éditions Durand, 2026
Aus dem Französischen von PANTHEA Paris / Berlin
Mon Père, pourquoi m’avez-vous abandonné ?
Mon Père, pourquoi m’avoir abandonné ?
Mein Vater, warum hast du mich verlassen?
Mein Vater, warum hast du mich verlassen?
Heute ist die Lage wie folgt: Kein Strom, kein Gas, keine U-Bahnen, keine französische Polizei, fast keine Züge. Keine Postboten, die Postämter sind geschlossen. Bald wird auch das Wasser knapp werden. Es ist beinahe eine Zeit der Hungersnot oder der Belagerung, die Paris droht, wenn die Amerikaner nicht am Sonntag oder Montag einmarschieren. Sie kämpfen gegen die Deutschen, genauso wie die Widerstandsgruppen – Franzosen in den Diensten der Engländer, die durch ihre Hingabe und Selbstaufopferung ihrem Land redlich gedient haben, ihrem schönen Land Frankreich, das seit vier Jahren besetzt ist und nun kurz vor der Befreiung durch die Amerikaner steht.
Besonderer Dank für die Erschließung der Werke von Yvonne Loriod und die Vorbereitung der Uraufführung von La Sainte Face geht unter anderem an:
Kent Nagano
Catherine Massip (Präsidentin Fondation Olivier Messiaen)
Bruno Messina (Direktor Fondation Olivier Messiaen)
Mathias Auclair (Directeur du département de la Musique, BnF)
Marie-Gabrielle Soret (Chargée de collections, SCP / Service des collections patrimoniales / Département de la Musique, BnF)
Eric Denut (Éditions Durand / Universal Music)
Peter Asimov (Musikwissenschaftler, University of Cambridge)
Philipp Quiring (Journalist)
Patrick Hahn (Direktor Ensemble intercontemporain)
Sebastian König (Manager WDR Sinfonieorchester)
Sophie Kleemann (WDR Sinfonieorchester)
Andrea Zschunke (Leiterin der Programmgruppe Musik und Radiokunst bei WDR 3)
Giovanni Michelini (musica viva / BR)
Henry Fairs (Organist)
Das Konzert wurde von Deutschlandfunk Kultur aufgezeichnet und steht nun bis zum 9. Oktober 2026 zur Verfügung.

WDR Sinfonieorchester I
Wir haben versucht, alle Rechteinhaber*innen ausfindig zu machen und zu kontaktieren. Sollten trotzdem noch berechtigte Ansprüche bestehen, bitten wir darum, sich mit dem Herausgeber in Verbindung zu setzen.