Pressemeldung vom 26.7.2023

Wortmarke Gropius Bau

Pallavi Paul

How Love Moves: Prelude

Der Gropius Bau freut sich, die Künstlerin und Filmwissenschaftlerin Pallavi Paul als Artist in Residence 2023 vorzustellen. Vom 10. August 2023 bis zum 14. Januar 2024 wird im ersten Obergeschoss des Gropius Bau der Auftakt zu Pauls großer Einzelausstellung How Love Moves (2024) gezeigt. Der Eintritt ist frei.

„Wir befinden uns in einem kontinuierlichen Prozess des Wandels, der Verschiebung und der Veränderung – aber wo verorten wir darin die Frage nach der Wahrheit?“
— Pallavi Paul

Die Arbeit von Pallavi Paul bewegt sich an der Schnittstelle von Kino, Literatur und politischen Konfliktlinien. In ihrem multidisziplinären Schaffen, das Film, Installation, Performance, Zeichnung und Text umfasst, nutzt sie die Kamera, um zu hinterfragen, wie spirituelle, technologische, politische und historische Konstruktionen von Wahrheit im öffentlichen Leben produziert und aufrechterhalten werden. Sie interessiert sich insbesondere für die Spannung zwischen dem Dokument und seiner ästhetischen Ausdrucksform – dem Dokumentarfilm – als disruptive Methode, um Vorstellungen von Zeit, Raum und Geografie in Frage zu stellen. Pallavi Pauls filmische Arbeiten entstehen an der Grenze von Fiktion und Dokumentation und produzieren visuelle Poesie über verschiedene Referenzsysteme hinweg. Sie zitieren oft Funde aus Nachrichten, YouTube, sozialen Medien, historischen Quellen und mehrsprachigen Texten. Diese setzt die Künstlerin neu zusammen und kombiniert sie mit eigenem Material. Ihre Filme machen das Publikum mit den Anfängen des Kinos als Medium der Magie vertraut, und lassen gleichzeitig immer wieder mutige, unheimliche und lebhafte Protagonist*innen in Erscheinung treten.
 
„Als Filmemacherin und Filmwissenschaftlerin eröffnet Pallavi Paul höchst fantasievolle Zugänge zum Cineastischen als eine Domäne der Magie und des kollektiven Unbewussten – während sie zugleich auf komplexe politische Brüche im heutigen Indien hinweist.“
— Natasha Ginwala, Assoziierte Kuratorin at Large am Gropius Bau
 
Seit 2020 erforscht Pallavi Paul den weitläufigen Bereich des Atmens – nicht nur durch das individuelle, sondern auch durch das kollektive Atmen als transhistorische, transgeografische und transformative Strömung. Sie beobachtet, was es bedeutet, Muster von molekularem Kolonialismus, religiöser und rassifizierter Gewalt in der heutigen Gesellschaft zu erkennen. Dabei wendet sie sich dem Akt des Atmens als politischem, sozialem, ökologischem und rhythmischem Refrain des Lebens in Zeiten von Dissens und Verletzlichkeit zu. Während ihrer Zeit als Artist in Residence am Gropius Bau im Jahr 2023 vertieft Pallavi Paul ihre Forschungen über die Liebe und deren verkörperte Verbindung, den Atem, und stellt sich der einzigartigen Herausforderung, greifbare Abbildungen von etwas Allgegenwärtigem, aber Unsichtbarem zu schaffen.
 
Pauls filmisches Interesse an den Verbindungen von Liebe, Atem und Körper wird in How Love Moves: Prelude rund um die Dreikanal-Videoinstallation Cynthia Ke Sapne / The Dreams of Cynthia (2017) in den Fokus gerückt. Die Präsentation ist eingebettet in eine räumliche Szenographie aus einer Serie von Zeichnungen auf Papier (Out of Date, 2018–fortlaufend) und Textil- und Videoarbeiten (Dum, 2022, und Changing Places in the Fire, 2022) sowie einem neu entwickelten Buchobjekt (Hypnagogia, 2023). Sie verwandelt den historischen Schliemannsaal in einen Raum des Zwielichts, genährt durch die Leuchtkraft des bewegten Bildes.
 
Auf drei Leinwänden, die einem Henker, einer trans Künstlerin und der literarischen Figur Cynthia gewidmet sind, zeichnet Cynthia Ke Sapne / The Dreams of Cynthia deren Verflechtungen innerhalb und außerhalb einer Kleinstadt in Indien nach. Im Zusammenspiel mit einem zeitgenössischen Gedicht von Anish Ahluwalia nutzt der Film Poesie als eine Art Destillationsprozess, um Sphären von Liebe, Erotik und Gender sowie die Monetarisierung des Todes und die Kontinuität staatlicher Gewalt zu enthüllen.
 
Der Filmausschnitt Changing Places in the Fire ist Teil einer fortlaufenden Videoserie, die miteinander verknüpfte Szenarien aus Geschichte, Literatur, Philosophie, Medizin und Meditationspraktik zusammenbringt. Das Werk, das von Li-Young Lees gleichnamigem Gedicht aus dem Jahr 2017 inspiriert ist, wird auf einem am Boden platzierten Soft Display gezeigt. Dieses lädt Besucher*innen ein, sich in fließende Filmszenen aus Wasser, Luft und Feuer zu begeben. Bodyscans und Zeitungsartikel, die auf den Atem und seine Verflechtung mit der Welt hindeuten, unterbrechen diese Szenen.

Als materielle Referenz auf die Videoinstallation Cynthia Ke Sapne / The Dreams of Cynthia kreist das Buchobjekt Hypnagogia um die Frage, wie das bewegte Bild den Rezeptionsraum mittels anderer sensorischer Wahrnehmungen erweitern kann. Die großformatige Publikation, die in Zusammenarbeit mit dem Studio Manuel Raeder entstand, enthält eine wachsende Sammlung von Recherchen der Künstlerin – darunter Texte, Filmstills, Texturen und Zeichnungen – sowie die deutschen und englischen Filmuntertitel. Hypnagogia ist als kosmisches Buch gedacht, das durch die Berührung und den Atem der Besucher*innen belebt wird. Die Arbeit liegt in einer baldachinartigen Konstruktion, bedeckt von drei Lagen ornamentierter Stoffe, die Chadar genannt werden.

Zwischen Sommer 2023 und Frühjahr 2024 knüpft das öffentliche Programm Six Days of Love mit einer Reihe von filmischen Lesungen, Gesprächsformaten und Workshops an How Love Moves: Prelude an. Intime Settings in den frei zugänglichen Bereichen des Gropius Bau und des Kinos laden Besuchende dazu ein, sich der Liebe als einem Feld von Zeichen jenseits der Norm zuzuwenden – aus Richtung der Poesie und des Filmischen. Ausgehend von einem Gedicht der Autorin und Aktivistin bell hooks aus When Angels Speak of Love (2005) bringt das Programm unterschiedliche Perspektiven von Schriftsteller*innen, Wissenschaftler*innen, Künstler*innen und Musiker*innen zusammen. Es kreist um Liebe als planetare Sprache, die sowohl auf winzigen als auch auf monumentalen Aspekten des Körpers und der von ihm bewohnten Welten basiert.
 
Pallavi Paul lebt in Neu-Delhi und Berlin. Sie ist bildende Künstlerin, Filmwissenschaftlerin und Artist in Residence 2023 des Gropius Bau. Sie promovierte in Filmwissenschaften an der School of Arts and Aesthetics, Jawaharlal Nehru University, Neu-Delhi. 2022 war sie Stipendiatin des Berliner Künstlerprogramms des DAAD. Ihre Arbeiten wurden unter anderem auf dem Berlinale Forum Expanded, Berlin (2022); dem Colomboscope Festival, Colombo (2021); dem IFFR, Rotterdam (2020); im HKW, Berlin (2020); The Rubin Museum, New York (2019), auf dem AV Festival, Newcastle (2018, 2016); im SAVVY Contemporary, Berlin (2019, 2022); im Beirut Art Centre, Beirut (2018); auf der Contour Biennale, Mechelen (2017); sowie in der Tate Modern, London (2013) gezeigt.

Six Days of Love startet im Rahmen der Eröffnung von How Love Moves: Prelude am 10. August mit performativen Aktivierungen von Schriftsteller*in, Künstler*in, Kurator*in, Archivar*in und Musiker*in okcandice und dem Neighbour in Residence, interdisziplinärer Autor und Lyriker hn. lyonga. Am 11. August findet im Kino des Gropius Bau eine filmische Lesung mit der Wissenschaftshistorikerin und Autorin Edna Bonhomme statt, die von Musiker und Künstler Ghostpoet klanglich begleitet wird.

 

Pressekontakt

Birgit Schapow
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