
Die Welt im Rücken
© Julian Baumann
Berliner Schüler*innen erlebten beim Theatertreffen „Die Welt im Rücken“
Lässt sich verstehen, wie es ist, mit einer manisch-depressiven Erkrankung zu leben? Und was würde „verstehen“ hier überhaupt heißen? Mit diesen Fragen im Gepäck besuchte eine Gruppe Schüler*innen der 9. und 11. Klasse aus vier Berliner Schulen das 63. Theatertreffen. Auf Einladung des Theatertreffens und der LiteraturInitiative Berlin (LIN) sahen sie am 13. Mai 2026 im Haus der Berliner Festspiele die Inszenierung Die Welt im Rücken nach dem autobiografischen Roman von Thomas Melle – ein Gastspiel des Schauspiel Stuttgart und eine der ausgewählten zehn bemerkenswertesten Inszenierungen des Jahres.
Begonnen hat alles früh am Morgen. Um acht Uhr traf sich die Gruppe im Seminarzentrum der Rost- und Silberlaube, einem hellen Raum mit großen Glasfenstern auf dem Campus der Freien Universität Berlin, zu einem vierstündigen Workshop zur Aufführungsanalyse – einem Format, das bewusst außerhalb jedes Notendrucks stattfindet. Vier Stunden lang ging es um die bisherigen Theatererfahrungen der Schüler*innen: um Musicals, die sie gesehen haben, und darum, was sie beschäftigt, wenn sie eine Aufführung besuchen. Auch das Unbequeme kam zur Sprache: dass Theater anstrengend sein kann, dass es hohe Hürden gibt und man sich darin manchmal fehl am Platz fühlt.
Dann ging es um die Inszenierung selbst: um Thomas Melle und das Phänomen, das er selbst lieber manisch-depressiv nennt als bipolar und um die Frage, wie sich ein so persönlich geschriebener Roman überhaupt in szenische Vorgänge auf der Bühne übersetzen lässt. Ganz fremd war das Thema kaum jemandem: Manche kennen solche Erfahrungen aus dem eigenen Umfeld, eine Schülerin etwa erzählte von ihrem Vater, einem Arzt, der zu Hause davon berichtet. Zuletzt sammelte die Gruppe Begriffe wie „Atmosphäre“, „Emotion“, „sozialer Druck“, „das Unerwartete“ und „die Reaktion des Publikums“, die benennen, woran sich ihr Interesse entzündet, und jede*r nahm einen davon mit in die Vorstellung.
Unmittelbar vor der Vorstellung gab es eine herzliche Begrüßung: Auf dem Rasen unter den Bäumen vor dem Haus der Berliner Festspiele empfing Nora Hertlein-Hull, die Festivalleiterin des Theatertreffens, die Gruppe, stellte das Festival vor und sprach mit den Schüler*innen über die Inszenierung.
Was die Schüler*innen dann sahen, ließ kaum jemanden unberührt: Paulina Alpen als schreibendes Ich im roten „Körper-Panzer“, umringt von sechs Doppelgängern als Körperchor. Ein Gesamtkunstwerk aus Sound, Maske und Choreografie – eine „Achterbahn der Emotionen“, wie es die Jury nannte.
Wenige Tage später kam die Gruppe erneut zusammen, diesmal in Raum 105 des Rheingau-Gymnasiums, um die Eindrücke zu vergleichen. Schnell herrschte Einigkeit: ein besonderer, aufwendig inszenierter Abend. Vor allem die akustische Ebene hatte Eindruck gemacht – das Sounddesign wurde körperlich spürbar, mitunter bedrohlich, tiefe Bässe erschütterten den Körper bis ins Mark. Auch die Sprache beschäftigte die Schüler*innen: Zu Beginn hatten manche Sorge, ob sie dem Abend würden folgen können – so intensiv und alles andere als einfach wurde hier über innere Erfahrungen gesprochen. Doch schnell fand sich ein Zugang.
Am intensivsten aber wurde über eine Unterscheidung gesprochen, die den Schüler*innen wichtig war: Die Inszenierung will gar nicht den Eindruck erwecken, man wisse nach dem Theaterbesuch, wie sich ein Mensch fühlt, der manisch-depressiv lebt. Im Gegenteil – sie macht spürbar, dass sich ein solches Erleben nicht einfach nachempfinden lässt. Und gerade darin liegt ihre Kraft: Sie zielt nicht in erster Linie auf das Sich-Hineinversetzen, sondern eröffnet eine andere Form des Verstehens – das Verstehen einer Erfahrung, die sich einem unmittelbaren Nachempfinden entzieht.
Und dann waren da die zahlreichen Einzelbeobachtungen zu Atmosphäre, Emotionen, sozialem Druck, unerwarteten Ereignissen und Publikumsreaktionen, die jede*r mit dem eigenen Begriff verband und anschließend allein oder in Gruppen in einen Beitrag einfließen ließ.
Wer auf den Körper achtete, fand im Kostüm den Schlüssel zum Abend. Mara hielt fest, wie Victoria Behrs Entwurf die Erkrankung sichtbar macht:
Der aufgeblasene rote Panzer, der Alpens Körper umschließt, übersetzt das Entfremdungserlebnis der Erkrankung in eine visuelle Sprache: Der Körper des Kranken ist verzerrt, aufgedunsen und kaum noch als der eigene erkennbar.
In der depressiven Phase verschiebt sich diese Wirkung auf subtile Weise. Der Körper wird im Kostüm immer größer, immer schwerer und Alpen wirkt darin umso verlorener. Die Diskrepanz zwischen dem überwältigenden Volumen des Kostüms und der Hilflosigkeit der Figur darin erzeugt einen der eindringlichsten Momente des Abends: das Gefühl, zu viel zu sein für diese Welt, und sich dennoch nicht klein genug machen zu können.
Dass ich mich dieser Figur so nah gefühlt habe, verdanke ich nicht zuletzt dem Kostüm. Es erzählt mehr über Thomas Melles Innenleben, als viele Worte es könnten – und hat trotz allem etwas unweigerlich Komisches. Vielleicht ist es genau das, was die Figur für mich so menschlich macht: dass man über sie lachen kann und sie einen gleichzeitig nicht loslässt.

Der „Körper-Panzer“ von Victoria Behr
© Julian Baumann
Lou, Emilia und Anton hatten den Blick auf die „Reaktion des Publikums“ gerichtet und verfolgten eine Szene, in der die Hauptfigur Tagebucheinträge aus der Psychiatrie vorliest:
Der erste Eintrag war amüsant formuliert, wodurch der Hauptcharakter, die anderen Figuren auf der Bühne und das Publikum lachen mussten. Als er weiter vorlas, wurde klar, dass der nächste Eintrag kaum so lustig ist. Im Publikum lachten nur noch wenige, auf der Bühne noch alle. Der dritte Eintrag war jedoch bereits so entfremdet und ohne Kontext, dass nur noch die Hauptfigur lacht.
Wir sind der Meinung, dass dieser Wechsel von Humor zu Verrücktheit mit voller Absicht so dargestellt wurde. Auch die Reaktion des Publikums war eingeplant, da man die Probleme der Hauptfigur so am besten darstellen konnte. Außerdem wurde das Publikum in die Vorstellung miteinbezogen, sodass es die Aufführung gebannt anschaut, da man unbewusst direkt zur guten Darstellung des Stückes beiträgt.

Die Doppelgänger als „schreibende Ichs“ von Thomas Melle
© Julian Baumann
Finn, dem die „starken Eindrücke“ und der „Schreck“ wichtig waren, hielt die Wucht der Gegensätze fest:
Die Bühnenadaption des Buches Die Welt im Rücken von Thomas Melle erschafft wahnsinnige Eindrücke und gewährt einen gewagten Einblick in den Kopf der Hauptperson, die unter einer bipolaren Störung leidet.
Die Inszenierung bietet zahlreiche Schockmomente, die den Kontrast zwischen Manie und Depression großartig darstellen.

Paulina Alpen als Thomas Melle und seine Doppelgänger
© Julian Baumann
Mert und Jakob interessierten sich besonders für die Emotionen, die auf der Bühne, aber auch im Zuschauerraum entstehen:
In Lucia Bihlers Inszenierung werden Gefühle wie Euphorie, Angst, Scham und Verzweiflung nicht nur erzählt, sondern vor allem körperlich erfahrbar gemacht. Durch intensive Schauspielkunst, schnelle Wechsel zwischen manischen und depressiven Zuständen sowie den gezielten Einsatz von Musik, Licht und Bewegung entsteht eine starke emotionale Dynamik.
Besonders prägend ist die Wirkung auf das Publikum. Die Inszenierung erzeugt eine hohe emotionale Beteiligung, ohne eine einfache Identifikation mit der Hauptfigur zu ermöglichen. Stattdessen wechseln sich Nähe und Distanz, Mitgefühl und Irritation ständig ab. Dadurch werden die Zuschauer*innen nicht nur zu Beobachtenden, sondern erleben die emotionale Instabilität der Figur unmittelbar mit.
Die Welt im Rücken zeigt uns damit, dass Emotionen im Theater nicht allein auf der Bühne entstehen. Sie entwickeln sich im Zusammenspiel von Darstellenden und Publikum und schaffen einen gemeinsamen Erfahrungsraum. Gerade diese intensive emotionale Wechselwirkung durch die Art der Inszenierung hat uns stark beeindruckt. Es war ein ganz besonderer Abend beim Theatertreffen.

Blick in den Zuschauersaal
© Berliner Festspiele, Foto: Fabian Schellhorn
Manchmal schrieb der Abend seine eigene Dramaturgie. Natascha, Evita und Marie achteten auf den „sozialen Druck“ im Saal – und erlebten, wie ein Zufall selbst zum Thema wurde:
Bei der Aufführung, die wir gesehen haben, herrschte von Anfang an Unruhe im Saal, die durch eine dauerhaft hustende Zuschauerin verursacht wurde. Als „the elephant in the room“ im Stück thematisiert wurde, bekam das Sprichwort eine ganz neue Bedeutung.
Wir erlebten eine Aufführung, die auch bei gleichbleibender Inszenierung so nicht zu wiederholen ist – eine unglaubliche Performance von Paulina Alpen, die geschickt mit der Stimmung des Publikums spielte.

Der „Elefant im Raum“, von den Schülerinnen eigens nachgestellt
© privat
In diesem Jahr standen die beschriebenen Beobachtungen im Mittelpunkt – kleine, genaue Nahaufnahmen statt eines großen Panoramas. Dass daneben dieses eigene Bild entstand, der kleine Elefant in der Box, zeigt, worum es in diesem Workshop geht: nicht um das richtige Urteil, sondern um den eigenen, neugierigen Blick. Mit eigenen Worten und einem selbst gebauten Bild haben die Schüler*innen das Gesehene festgehalten – als Spur ihrer ganz eigenen Wahrnehmung.
Der Workshop zur Aufführungsanalyse ist eine Kooperation des Theatertreffens mit der LiteraturInitiative Berlin (Leitung: Birgit Murke) und wird vom Theaterwissenschaftler Torsten Jost (Freie Universität Berlin) geleitet. Beteiligt waren Schüler*innen des Schadow-, Rheingau-, Paul-Natorp- und Carl-von-Ossietzky-Gymnasiums.

Rückblick 2025: Zuschauen. Nachdenken. Mitreden.
Zur Story