Tanz
Oberstufentheatergruppe des Dientzenhofer-Gymnasiums
Bamberg, Bayern

Die Ermittlung – nach Peter Weiss © Marc Eichhorn
Die Ermittlung von Peter Weiss (1965) basiert auf den Protokollen des ersten Frankfurter Auschwitzprozesses. In elf Gesängen folgt das Stück dem Weg der Opfer von der Rampe bis zu den Feueröfen. Diese Inszenierung des ersten Gesangs macht die Mechanismen von Gewalt, Schuld und Selbstentlastung in einer chorischen und körperlichen Sprache erfahrbar – und fragt, wie Hoffnung möglich bleibt.
Produktion und Ensemble
Das Theaterstück des Dramatikers Peter Weiss aus dem Jahr 1965 thematisiert den ersten Frankfurter Auschwitzprozess von 1963 bis 1965. Weiss selbst nahm als Zuschauer am Prozess teil und entwickelte sein Stück aus den dabei entstandenen Protokollen. Es entstanden dabei elf Gesänge – Gesänge, weil die Protokollsprache der Verhandlung rhythmisiert worden ist. Diese folgen symbolisch dem Weg der Opfer von der Rampe bis hin zu den Feueröfen.
Angeklagte, Zeugen und Anklagende (letztere dabei von Peter Weiss anonymisiert) treffen in jedem der einzelnen Gesänge aufeinander. Der Text orientiert sich eng an den historischen Quellen. Weiss verzichtet auf eine interpretierende Intervention und beschränkt sich darauf, das Material zu strukturieren und zu rhythmisieren. Die Rhythmisierung ästhetisiert die Brutalität des Gesagten nicht, sondern legt sie offen.
Unsere Version des Stückes fokussiert den ersten Gesang – den Gesang von der Rampe. Die Darstellung folgt einer choreografischen, textreduzierten und chorischen Umsetzung. Ausgewählte Textstellen dienen der Orientierung hinsichtlich zentraler Themen wie Anklage, Schuld und Verneinung derselben. Damit arbeiten wir die Mechanismen der Selbstentlastung und der Relativierung des eigenen Tuns heraus, aber fragen auch, worin heutzutage angesichts des Geschehenen Hoffnung liegen kann.
Die Gruppe traf sich über anderthalb Jahre vornehmlich am Wochenende, um zu proben. Die Suche nach dem richtigen Ton und der richtigen Farbe für dieses Stück war ein wichtiger Prozess für alle. Am Ende gemeinsam etwas von Relevanz zu erzählen, war für uns eine sehr wichtige Erfahrung.
Jurykommentar von Mila Lipicar
Zehn Schüler*innen einer Oberstufentheatergruppe haben sich mit den Verbrechen der Nationalsozialisten auseinandergesetzt. Mit viel Eigeninitiative und Engagement widmeten sie sich dem dokumentarischen Theaterstück Die Ermittlung von Peter Weiss, das den ersten Frankfurter Auschwitzprozess thematisiert. Im Mittelpunkt stehen die Fragen, wie Auschwitz möglich wurde, wer davon wusste und wer die Verantwortung dafür trägt.
Die Inszenierung der Schüler*innen konzentriert sich auf den ersten Gesang – den Gesang der Rampe. Dabei steht nicht die wortgetreue Wiedergabe des Textes im Vordergrund. Vielmehr setzen die jungen Darsteller*innen auf reduzierten Text und eine starke Körpersprache. Dabei werden Tanz und Choreografie genutzt, um wiederkehrende Themen wie Schuld, Verantwortung, Verdrängung und Anklage sichtbar zu machen und kritisch zu hinterfragen. Mit großer Präsenz bringen die Schüler*innen diese anspruchsvollen Inhalte auf die Bühne, indem sie unter anderem durch intensive Blicke, klare körperliche Bilder und eindringliche Szenen das Publikum dazu auffordern, hinzusehen, auszuhalten und sich mit den dargestellten Fragen auseinanderzusetzen. Besonders beeindruckend ist das Zusammenspiel von Sprache und Bewegung. Denn dort, wo Worte an ihre Grenzen stoßen, übernimmt der Körper die Kommunikation. So wird Tanz zum Ausdruck von Emotionen, Erinnerungen und Gedanken, – vor dem Hintergrund einer Thematik, die historisch bedeutsam ist und angesichts aktueller politischer Entwicklungen nichts von ihrer Relevanz verloren hat.
Untermauert werden die Darstellungen sowohl vom Bühnenbild als auch von den Kostümen, die bewusst schlicht gehalten sind: Ein großer schwarzer Stein und mehrere Lichtspots strukturieren den Raum. Während der Aufführung wird das sockelartige Objekt immer wieder verschoben und erhält dadurch unterschiedliche Bedeutungen. Mal markiert es den Beginn einer neuen Szene, mal wird es zum Symbol für Machtverhältnisse oder die komplexen Grauzonen zwischen Schuld und Unschuld. Einheitlich weiß gehaltene Outfits erinnern an das Bild einer „weißen Weste“ und damit an Vorstellungen von moralischer Integrität. Gleichzeitig durchbrechen schwarze Streifen im Gesicht diese Eindeutigkeit. Sie ziehen sich vom Haaransatz bis zum Kiefer und schaffen Distanz zwischen den Darstellenden und ihren Rollen. Es entsteht ein Spannungsfeld zwischen persönlicher Identität und der Figur auf der Bühne.
Liebe Tänzer*innen, vielen Dank für euren Mut, eure intensive Auseinandersetzung mit diesem wichtigen Thema und euer großes Engagement. Ihr zeigt eindrucksvoll, welche kreativen Räume sich an der Schnittstelle von Tanz und Theater öffnen und welches Potenzial in der Verbindung beider Kunstformen in der Schule steckt.
Pierre Azar, Gwen Bauer, Sophie Goppert, Jonathan Hau, Luisa Ott, Dominik Prade, Christa Röscher, Bastian Seelmann, Ivan Taran, Vincent Ummenhofer, Adrian Weigel, Tymofi Zahkvataiev
Philip Hemmer, Marek Rodatos – Technische Unterstützung
Marc Eichhorn, Jasmin Casimiro Ribeiro, Dominik Stoecker – Spielleitung