Grafische Darstellung der Berliner Ringbahn mit nummerierten, durch Linien verbundenen Kreisen auf violettem Hintergrund. Markierungen mit Startpunkten.

Geschichten von der Ringbahn (Vorabveröffentlichung)

von Mohammad Al Attar

Aus dem Arabischen von Günther Orth

Auf Einladung von Akira Takayama hat der Autor und Dramatiker Mohammad Al Attar Kurzgeschichten zu allen 27 Stationen der Ringbahn verfasst. Ausgehend von den für What If Berlin gesammelten, nicht realisierten Projekten fügen diese Geschichten dem Stadtentwicklungsnarrativ von Takayamas Arbeit eine fiktionale Ebene hinzu. Die Kurzgeschichten ermöglichen es dem*der Leser*in, die Stationen lesend zu erkunden und verleihen dem Projekt ein persönliches, intimes und literarisches Nachleben. Die Publikation der Geschichten von der Ringbahn ist für das Frühjahr 2027 geplant. Wir veröffentlichen hier den Prolog und zwei Beispielgeschichten vorab:

“Als Akira Takayama mich einlud, Geschichten für das Projekt What If Berlin beizusteuern, war meine erste Frage an ihn – nachdem ich mir die erstaunliche Menge an Archiv- und Dokumentationsmaterial angesehen hatte, das er und sein Team zusammengetragen hatten –, welchen Beitrag er sich von mir als Autor vorstellte. Seine Antwort lautete: ‚Könntest du dem Projekt eine narrative Dimension verleihen? Und Figuren erfinden, die über diese Projekte und über die Ringbahn sprechen?‘ Aus seiner Antwort schloss ich, dass er an die Fähigkeit des Geschichtenerzählens dachte, den ausgewählten Projekten, die mit den Ringbahn-Stationen verbunden sind, eine neue Dimension zu verleihen und sie so näher an die alltägliche Realität um uns herum heranzuführen.

Dies war für mich der Ausgangspunkt, um mich mit einer Form des Schreibens auseinanderzusetzen, die sich aus archivarischen und dokumentarischen Quellen speist, diese jedoch mit Fiktion verwebt und so eine Sammlung von Erzählungen schafft, die dem Projekt auch nach dem Ende der Ringbahn-Touren ein literarisches Nachleben verschafft. Obwohl die Geschichten und die darin vorkommenden Figuren fiktiv sind, bin ich ihren Echos auf den Straßen, in Cafés, Bars und auf den Märkten Berlins und natürlich entlang der Haltestellen und in den Wagen der Ringbahn selbst begegnet. Und während Schlaflosigkeit und die Fahrt mit der Ringbahn den narrativen Faden bilden, der sie miteinander verbindet, sind es doch Fragen nach zwischenmenschlichen Beziehungen, Identität, Zugehörigkeit, Erinnerung und Vergessen, Gerechtigkeit, die wahre Bedeutung von Heimat sowie die Gegenwart und Zukunft Berlins – die natürlich nicht von seiner Vergangenheit losgelöst werden kann –, die sie wirklich antreiben und in Bewegung halten. Ebenso wie die folgende Frage: Was wäre, wenn Berlin ein Zuhause sein könnte, das groß genug für uns alle ist?”

Menschen in einer Bahnhofshalle, teils in Bewegung. Im Hintergrund rote Glaswände mit Figurenmotiv und Bäckereitheke.

Wenn Kommunisten träumen … – S Greifswalder Straße

© Berliner Festspiele, Foto: Camille Blake

Prolog

Es ist kurz vor ein Uhr in der Nacht von Freitag auf Samstag. Wieder einmal kann ich nicht schlafen. Während ich auf dem Balkon meiner Wohnung stehe und den fast wolkenlosen Himmel betrachte, dringt der unverwechselbare Gesang einer Nachtigall an mein Ohr, der das Rauschen der nahegelegenen Stadtautobahn übertönt. Die Autobahn bildet einen Halbkreis um das Zentrum von Berlin. Ursprünglich sollte sie parallel zur Ringbahn verlaufen und so ebenfalls einen Kreis um die Innenstadt bilden. Glücklicherweise wurde der Autobahnring nicht zu Ende gebaut, weil Anwohner protestiert hatten, aber auch weil Berlin im Kalten Krieg geteilt war.

Plötzlich endete der Nachtigallengesang, und ich sah eine Sternschnuppe den Himmel entlangsausen. Schnell schloss ich die Augen und dachte an meinen Dauerwunsch: einmal acht Stunden lang durchschlafen! Ich hob meine Lider wieder und trank einen letzten Schluck Pfefferminztee, bevor ich die Wohnung verließ und mich in Richtung Hermannstraße aufmachte. Ich nahm eine Abkürzung durch eine weitläufige Grünanlage, deren Wege nachts komplett unbeleuchtet sind und deshalb, ganz im Gegensatz zu tagsüber, zu einer solchen Zeit von kaum jemandem benutzt werden.

Nach wenigen Schritten hatten sich meine Augen an die Finsternis gewöhnt und ich sah einen Igel durchs Gras laufen. Als ich mich ihm näherte, erstarrte er in seiner Bewegung. Ich bückte mich zu ihm hinunter, grüßte ihn und ging meiner Wege, ohne ihn weiter zu behelligen. Es war heute besonders dunkel, weil auch die Laternen, die sonst die Einfahrt in den Autobahntunnel beleuchten, abgeschaltet waren. Wieder trillerten Nachtigallen um mich herum und versuchten, Partner anzulocken. Sie und die Igel und viele andere Geschöpfe, dachte ich, sind wie ich. Sie ziehen im Sommer die nächtliche Finsternis dem Tage vor.

Meine Ex-Freundin, die es in den Abendstunden vermieden hatte, durch diese dunkle Wiese zu laufen, hatte mich immer aufgezogen, wenn ich ihr von den Tieren berichtete, die ich hier antreffe, indem sie sagte: „So ist das eben, wenn man am Stadtrand wohnt!“ Was für eine Übertreibung! So abgelegen ist meine Wohnung gar nicht. Aber schon als ich hierhergezogen war, nachdem ich mich lange abgemüht hatte, eine bezahlbare Wohnung in Berlin zu finden, hatten sich all meine Freunde darüber mokiert, dass ich jetzt „außerhalb des Rings“ wohne. „Naja“, hatte ich entgegnet, „das mag ja sein, aber die Wohnung liegt nur ganz knapp außerhalb vom Ring.“ Ich öffnete Google Maps und zeigte darauf. „Seht doch“, beharrte ich, „das ist ganz in der Nähe vom S-Bahnhof Hermannstraße, also quasi am Ring dran!“, was mir aber nur noch mehr Spott einbrachte. Ich sei nun einmal ein Ring-Außenseiter, haha! Mir kam es vor wie eine Vertreibung aus dem Paradies.

Vielleicht war es das, was mich so mit der Ringbahn verband. „Ich wohne an der Ringbahn“, daran klammerte ich mich, als könnte ich damit der halb im Spaß, halb im Ernst vorgetragenen Zuschreibung, ich sei ein Vorstadtbewohner, entgehen. Genügt es denn nicht, dass ich als Geflüchteter im Berliner Exil lebe? Bin ich nun auch noch aus Berlin verbannt? Zumindest aus dem Bereich „innerhalb des Rings“? Diesen Gedanken wollte ich nicht zulassen, und der S-Bahn-Ring wurde für mich zu einer Nabelschnur, die mich mit dem Stadtzentrum verband, wo das „echte Leben“ stattfand. Immer wieder zog es mich zur Ringbahn, aus Notwendigkeit oder grundlos, und je öfter ich einen ihrer Züge nahm, desto vertrauter wurden mir die Bahnhöfe, an denen sie halten, bis ich sie fast auswendig konnte. Dazu trug meine Schlaflosigkeit bei, unter der ich leide, seit ich vor Jahren nach Berlin geflüchtet bin. An Wochenenden, wenn die Züge die ganze Nacht hindurch fahren, tröstet mich die Ringbahn. Zuerst laufe ich weite Strecken, um meinen Körper müde zu machen und so den Schlaf anzulocken, dann setze ich mich in die S-Bahn und fahre eine ganze Runde um Berlin herum, manchmal auch zwei oder mehr. Zuweilen steige ich auch irgendwo aus und laufe auch dort ziellos durch die Gegend und lerne so einen weiteren Teil der Stadt kennen.

In den letzten Nachtstunden zeigen Städte ein anderes Gesicht. Sie liegen zwar im Dunkeln, aber sie finden auch zur Ruhe und befreien sich für kurze Zeit von

Gedränge und Geprotze. Und sie zeigen erschöpfte, randständige, vergessene Menschen, jene, die zu einer solchen Zeit noch unterwegs sind: Angestellte und Kunden von Bars und Cafés, die die ganze Nacht geöffnet haben, Obdachlose, Süchtige und Herumirrende wie ich, die nicht schlafen können. Manche von ihnen sind auf Durchreise, andere gerade erst von irgendwo auf der Welt angekommene Migranten, die in Berlin Fuß zu fassen versuchen und denen die Stadt – vielleicht – zu einer neuen Heimat wird.

An Bord der Ringbahn erkenne ich mittlerweile die, die wie ich nicht in den Schlaf finden. Allein die S-Bahn und ihre Stationen führen uns zusammen, und die ungewollte Wachheit zwingt uns, die Zeit totzuschlagen. Ohne besondere Erkennungszeichen erkennen wir uns an kurz getauschten Blicken, während die S-Bahn die Stadt umrundet. Man lächelt sich an und nickt, als sagte man: „Jaja, die Schlaflosigkeit! Du also auch.“ Wir alle versuchen, in solch langen Nächten ein wenig Frieden oder einen Gesprächspartner zu finden. Man quatscht ein wenig oder geht um einen Bahnhof herum spazieren, man trifft sich ohne Verabredung, und je öfter dies geschieht, desto mehr erfährt man über das vergangene und momentane Leben der anderen und darüber, warum sie sich Wochenendnächte in S-Bahn-Zügen um die Ohren schlagen. Man erzählt sich von den jeweils eigenen Lieblingsorten in Berlin und von solchen, die es hätten werden können oder jenen, die es vielleicht noch werden.

Ich bin an der Hermannstraße angekommen und sehe von der Brücke aus, wie die Ringbahn von Neukölln aus einfährt. Ich eile hinunter zum Gleis und weiß schon jetzt, dass ich im Zug wieder Leidensgenossen treffen werde, die wie ich nicht in den Schlaf finden. An jedem Bahnhof der Ringbahn steigt einer von ihnen ein, und ich werde ihre Geschichten hören. 

Bahnhof mit Gleisen, Werbeschild „Radio 100“, moderner Architektur mit Glaswänden.

Radio Glasnost – S Schöneberg

© Berliner Festspiele, Foto: Camille Blake

Schöneberg

Radio Glasnost – die Stimme derer, die man nicht hört

Laura

Als ich vor einiger Zeit beschloss, meiner Mutter am Telefon vom Leid meiner Schlaflosigkeit zu erzählen, sagte sie mir, dass ich schon als Baby schlecht geschlafen hätte. Wenn alles nicht half, hätten mein Vater und sie mich ins Auto gesetzt, das Radio angemacht und seien losgefahren, bis ich eingeschlafen sei. „Wie du immer geschrien hast!“, sagte sie. „Aber wenn das Auto fuhr und das Radio lief, warst du so still, als würdest du ganz genau hinhören, was da gesagt wurde. Es war zu komisch!“ Dann lachte sie laut und heiser, gefolgt von einem Keuchen, und ich wusste, dass sie Schmerzen hatte. Eine Weile schwiegen wir beide und ich hörte nur das Radio, das bei ihr im Hintergrund lief, und ihren hechelnden Atem. „Hast du Schmerzen?“, fragte ich sie und wusste, sie würde es abstreiten.

„Lass mich jetzt schlafen“, entgegnete sie, „sonst steckst du mich mit deiner Schlaflosigkeit nur an.“ – „Und du, kannst du auch wieder nur mit Radio einschlafen?“, fragte ich sie, doch ich hörte nur ihren erschöpften Atem. „Na dann, gute Nacht, Mama, wir sehen uns morgen. Ich liebe …“ Aber sie hatte schon aufgelegt, bevor ich „Ich liebe dich“ hatte sagen können.

Ich nahm meinen Schlüsselbund, verließ die Wohnung und lief zum Bahnhof Schöneberg. Dort habe ich mir angewöhnt, in die Ringbahn zu springen, ohne zu wissen wohin. Ich nehme mein Radio mit, verbinde es mit meinen Ohrstöpseln, höre die Sender durch und überlasse meinen Körper der Berlin umrundenden S-Bahn in der Hoffnung, dass ich müde werde, und steige irgendwann wieder in Schöneberg aus.

Nach dem Telefonat mit meiner Mutter wurde mir klar, dass ich nur gegen mein Schlafproblem ankomme, indem ich in einem fahrenden Wagen sitze und Radio höre. Meine Mutter hört auch Radio, solange ich zurückdenken kann. Bis heute sehe ich Versatzstücke meiner Kindheit wie Bilder aus einer anderen Welt, und es war ja wirklich eine andere Welt. Wir lebten Anfang der achtziger Jahre in Treptow in Ostberlin, der Hauptstadt der DDR, eines Landes, das es nicht mehr gibt. Ich war das einzige Kind zweier Menschen, die an die „demokratische Republik“ geglaubt hatten, bis an die Stelle des Glaubens allmählich Zweifel und Angst traten – Angst vor einer Staatsmacht, die, statt eine „Demokratie“ aufzubauen, ihren Bürgern die Freiheit nahm. Meine Mutter war besonders begeistert, als die Mauer fiel, während mein Vater, soweit ich mich erinnern kann, nur schweigend zusah, ohne sich zu freuen oder zu trauern.

Vielleicht verbarg sein Schweigen die widersprüchlichen Gefühle eines Mannes, der zusah, wie eine Welt verging, von der er geglaubt hatte, sie sei ewig. Mein Vater, wie auch mein Großvater und die anderen Männer in unserer Familie, neigte dazu, nicht viel zu sprechen, und er konnte seine Gefühle nicht zeigen. Er versuchte sie in ähnlicher Weise zu kontrollieren wie seine Frisur und seine Kleidung. Meine Mutter war ganz anders, aber sie versuchte, sich an meinen Vater anzupassen. Erst als die DDR zusammenbrach, konnte sie sich davon befreien. Sie jubelte fast hysterisch, während mein Vater stumm blieb.

An den Abend des 27. November 1989 kann ich mich gut erinnern, knapp drei Wochen nach der Öffnung der Mauer. Meine Mutter gab ein Festessen, als hätte sie Geburtstag, als Radio Glasnost zum letzten Mal sendete. Zu dieser Abschiedssendung kamen Oppositionelle aus Ostberlin ins Studio, die zuvor jahrelang Kassetten mit heimlich aufgenommenen Sendungen in Altkleidertransporten, in Teepackungen oder mit Diplomaten nach Westberlin geschmuggelt hatten, um ihre Geschichten dort hörbar zu machen. Das Studio von Radio Glasnost lag ganz in der Nähe vom S-Bahnhof Schöneberg. Meine Mutter feierte, und ich war glücklich über die Berge von Süßigkeiten, die sie vor mir ausbreitete, während mein Vater dasaß und sich betrank. Es war der Beginn einer Alkoholsucht, an der er wenige Jahre später starb.

Meine Mutter hatte Radio Glasnost schon seit der ersten Sendung im Sommer 1987 über den Sender Radio 100 gehört. Jeden letzten Montag im Monat lief Radio Glasnost dort zur letzten Tagesstunde. Der Name des Senders ging auf die gleichnamige Offenheitsinitiative des letzten sowjetischen Staatschefs Michail Gorbatschow zurück und spielte darauf an, dass das Programm Themen aufgriff, die die Stasi unterband und die in den DDR-Medien nicht vorkamen. Für die SED-Führung war es zugleich auch peinlich, gegen einen Rundfunk vorzugehen, der eine offizielle sowjetische Parole im Namen trug. Meine Mutter berichtete immer euphorisch davon, was sie gehört hatte, und meinte, die Versuche der Stasi, den Sender zu stören, würden ihn nur bekannter machen. Bei ihrer Feier wurde mir klar, dass meine Mutter nun ein neues Leben beginnen und sich von allen alten Zwängen zuhause und draußen befreien würde. Sie freute sich auf ein Leben in der erträumten deutschen Einheit.

Aber lange währte ihre Freude nicht, denn schon nach wenigen Monaten hatte sie das Gefühl, ihr hafte ein Stigma an, weil sie in der DDR als Lehrerin gearbeitet hatte. Sie verstand nicht, warum man deswegen ihre Eignung anzweifelte und sie dazu zwingen wollte, ihre Berufsausbildung zu wiederholen, um weiter zu unterrichten. Sie musste zusehen, wie all die Absicherungen, an die sie jahrelang gewöhnt war, zerfielen, und sie musste wie viele andere ihrer alten Kolleginnen und Kollegen eine Stelle annehmen, für die sie überqualifiziert war, um über die Runden zu kommen. Im kapitalistischen Marktsystem konkurrierte jeder gegen jeden. Trotzdem bestand sie darauf, nach Westberlin umzuziehen, und obgleich mein Vater dagegen war, fügte er sich, denn er selbst brachte keine eigene Initiative mehr auf und er hatte seiner Frau ihre Träume nicht erfüllt. Unsere Einkommenssituation verbesserte sich freilich nicht, und wir wohnten beengter als zuvor.

Ich weiß noch gut, wie Mama ihrer Mutter, wenn wir sie in Dresden besuchten, von unserem neuen Leben erzählte, in dem wir uns eher wie Flüchtlinge als wie Gleichberechtigte fühlten. Alle anwesenden Verwandten stimmten ihr zu. Aber als ich sie später, wenn sie sich gegen Flüchtlinge äußerten, daran erinnerte, wie sie damals gesprochen hatten, nannten sie mich „links-verwirrt“ und warfen mir vor, ich erkenne die Gefahren nicht, die davon ausgingen, dass man so viele Geflüchtete und Migranten ins Land lasse. Auch meine mittlerweile verwitwete Mutter redete nun so, und das hat mein Verhältnis zu ihr stark belastet. Je rassistischer sie und meine Verwandten sich äußerten, desto mehr engagierte ich mich 2015 in der Flüchtlingswelle für die Betroffenen.

Irgendwann brach unser Kontakt ab. Ich konnte ihre Ausfälle gegen Flüchtlinge nicht mehr hören, während ich selbst meine Zeit mit ebendiesen Menschen verbrachte, die ihr Leben riskiert hatten, um vor Krieg, Haft und Zerstörung zu fliehen. Ich verstand nicht, wie eine Frau, die in einer Diktatur gelebt und sich im vereinten Deutschland selbst als Flüchtling empfunden hatte, sich so fremdenfeindlich äußern konnte.

Ironischerweise führte uns nach einigen Jahren eine neue Flüchtlingswelle wieder zusammen, diesmal ausgelöst durch den russischen Krieg gegen die Ukraine. Meine Mutter nahm eine Ukrainerin mit Tochter bei sich zuhause auf! Der Vater hatte an der Front zurückbleiben müssen. Anfangs ging es mir nicht gut damit, wie meine Mutter zwischen Flüchtlingen je nach Herkunft und Hautfarbe unterschied, aber nun besuchte ich sie wieder. Als ich die Ukrainerin mit ihrer zehnjährigen Tochter Veronika sah, musste ich daran zurückdenken, wie ich mit meiner Mutter nach dem Fall der Mauer in Westberlin angekommen war. Sah sie selbst auch, dass sich hier unsere Vergangenheit spiegelte?

Ich spielte mit dem Mädchen, während meine Mutter mit der geflüchteten Ukrainerin halb deutsch, halb englisch radebrechte. Sie kümmerte sich darum, dass die beiden sich einleben konnten, während der Krieg in ihrem Land tobte. Die ukrainische Mutter berichtete einmal davon, wie der Strom ausfiel, wenn Russland die Infrastruktur zerbombte, und wie das Radio für sie und viele andere zum einzigen Mittel wurde, Nachrichten zu empfangen. Da erzählte Mama ihr von Radio Glasnost, und ihre alte Freude vom Tag der letzten Sendung und von ihrer Feier vor über zwanzig Jahren war wieder da.

Nach einigen Monaten löste sich die Wohngemeinschaft wieder auf. Die beiden Gäste hatten mit einer Verwandten, die ebenfalls geflüchtet war, eine eigene Wohnung gefunden. Und dabei hatte meine Mutter Veronika so liebgewonnen! Aber es wurde noch schlimmer: Es wurde festgestellt, dass meine Mutter Krebs hatte und sich in ihrem ganzen Körper Metastasen gebildet hatte. Es ging ihr immer schlechter, aber sie wollte nicht über ihre Krankheit reden, selbst dann nicht, wenn sie Schmerzen hatte. Meine Schlaflosigkeit wurde auch immer heftiger, und ich bekam Angst davor, dass wir wieder getrennt würden. Nach dem erwähnten Anruf ging es rasch bergab mit meiner Mutter, sie fiel in ein Koma, ich brachte sie ins Krankenhaus, und dort kämpft sie nun mit dem Tod.

Als Veronika und ihre Mama meine Mutter dort kürzlich besuchten und ihr fahles Gesicht sahen, brach Veronika, die mittlerweile blendend Deutsch sprach, in Tränen aus und ich flüchtete vor ihren Tränen aus dem Zimmer. Ich fragte mich nur, warum ich selbst nicht weinen konnte? Als die Besucherinnen weg waren, setzte ich mich zu meiner Mutter und beschloss, die Stille zu durchbrechen und machte das Radio an, so wie sie es abends immer getan hatte und wie ich es bis heute tue, wenn ich nachts Ringbahn fahre. Plötzlich war ich mir sicher, dass sich ihre Lider bewegten! Ich eilte zum Pflegepersonal, um Mitteilung zu machen. Man sagte mir jedoch, dass es sich nur um einen Reflex handele, der in einem Koma häufig vorkomme. Ich wollte es nicht wahrhaben. Jedenfalls schalte ich noch immer bei jedem Besuch bei ihr das Radio an und spiele ihr sogar manchmal alte Glasnost-Aufnahmen vor. Ich bin mir sicher, dass sie es hört und dass sie manchmal zu lächeln versucht. In ihrer jetzigen neuen Welt liegt meine Mutter stumm da, und das Radio ist das einzige Medium, durch das sie mich noch fühlen kann. Genauso muss es gewesen sein, als die Stasi sie stumm gemacht hatte und sie den verbotenen Sender gehört hatte, der Mauern und Grenzen überwand.

Immer, wenn ich aus dem Krankenhaus komme und mich in Schöneberg in die Ringbahn setze, um in ihr meine nächtlichen Runden zu drehen und so in den Schlaf zu finden, denke ich, wie schön es wäre, noch einmal einen Sender wie Glasnost einzurichten, am besten in der Nähe vom Bahnhof, von wo der verbotene Rundfunk gesendet hat. Ich denke an Veronika, die nichts mehr von ihrem Vater weiß, seit er an der Front als vermisst gilt. Und an die vielen Geflüchteten, die ich kennengelernt habe und die Angehörige verlassen mussten, die verschleppt oder verhaftet wurden und an Menschen, die in Diktaturen leben müssen. Ich denke an alle, die keine Stimme haben in dieser Welt, die von profitgierigen Konzernen beherrscht wird, die Medien und die Algorithmen der sozialen Netzwerke steuern und die Menschen manipulieren.

Wie wäre es, wenn wir in Schöneberg ein Laienradio auf Kurzwelle einrichteten? Wir bräuchten dazu kein Internet, keine große Infrastruktur und nicht viel Geld. Nur ein kleines Studio, in dem Menschen, die sich da auf der Welt, wo sie sind, nicht äußern können, ihre Botschaften einreichen können, ohne dass es jemand kontrolliert? Von hier aus könnten wir ihre Stimmen in die Welt senden.

Diese Idee macht mich glücklich, wenn der Zug einfährt, ich hineinspringe, am Radio drehe und mich den endlosen Runden der Ringbahn hingebe.

Archiv mit Fotografie einer Person, die einen Fächer hält und seitlich blickt. Text: LILI ELBE ARCHIV.

Lili-Elbe-Archiv – S Südkreuz

© Berliner Festspiele, Foto: Camille Blake

Südkreuz

Das Lili-Elbe-Archiv – ein Archiv für die Diskriminierten

Matthew

Da ich ziemlich nah am Bahnhof Südkreuz wohne, nutze ich ihn regelmäßig. Nach umfangreichen Erweiterungsarbeiten eröffnete dieser Bahnhof in seiner heutigen Form 2006. Anfangs ärgerte ich mich über mein Pech, an einem der betriebsamsten Bahnhöfe Berlins zu wohnen, von dem Züge und Busse in alle Städte Deutschlands und Europas abfahren. Die Umgestaltung des Bahnhofs hatte zudem Folgen für die Umgebung. Ganz neue Stadtviertel entstanden um ihn herum, mit Gebäuden, die kaum voneinander zu unterscheiden sind und die keine Seele haben. Das ganze Gebiet erschien mir langweilig und leblos. Aber zwei Dinge veränderten schließlich mein Verhältnis zum Südkreuz: Meine Schlaflosigkeit und dass ich Nour kennenlernte.

Beides geschah ungefähr zur gleichen Zeit. Ohne ersichtlichen Grund fand ich irgendwann nicht mehr in den Schlaf und begann daher, nachts mit der Ringbahn zu fahren, statt stundenlang an die Decke meines Zimmers zu starren. Meist nahm ich ein Buch mit oder hörte einen Podcast, wenn ich meine Runden um Berlin drehte, und je öfter ich nachts in den Zug sprang, desto mehr begann ich mir die anderen Fahrgäste anzusehen und mir vorzustellen, was ihre jeweilige Lebensgeschichte war. Es wurde meine Art, Schäfchen zu zählen.

Als ich einmal im Sommer 2017 am Bahnsteig stand, um in meiner nächtlichen Routine in den nächsten Zug der Ringbahn zu steigen und damit meiner Schlaflosigkeit zu begegnen, sah ich Nour zum ersten Mal und konnte meinen Blick nicht mehr von ihm abwenden. Ein hübscher junger Mann mit glattrasiertem Kopf und großen schwarzen Augen, dessen Blick aber auch von Unsicherheit und Ermüdung kündete. Ich überwand meine Schüchternheit, trat an ihn heran und fragte, ob ich ihm irgendwie helfen könne. Nour war neu in Berlin, und er erzählte mir, dass er schlechte Nachrichten von seiner Familie hätte, die in der Türkei sei. Jetzt sei er unterwegs zu Freunden in Prenzlauer Berg, deren Adresse er habe, er wisse aber nicht genau, wie er dorthin komme. All das berichtete er mir in einem Satz, so als hätte er nur darauf gewartet, dass jemand ihn fragt, wie es ihm geht und ob er etwas brauche. Ich behauptete, ich müsse auch genau dort hin und dass es mir eine Freude wäre, ihn zu begleiten. Dann stiegen wir zusammen in die Ringbahn.

Zuerst sprachen wir zurückhaltend und in kurzen Sätzen miteinander, aber mit jeder Station flossen unsere Worte freier, und Nour erzählte mir seine Geschichte. Er kam aus der syrischen Stadt Raqqa, wo der Assad-Geheimdienst ihn eines Tages festnahm und folterte, weil er an einer friedlichen Demo gegen das Regime teilgenommen hatte. Später verhaftete ihn der IS, als die Terrororganisation die Stadt übernommen hatte, und ermordete seinen Geliebten. Nur die wenigen Queeren unter seinen Freunden wussten von der Beziehung der beiden. Er flüchtete schließlich mit seinen Eltern in die Türkei, wo sie unter beschwerlichen Umständen lebten. Schwierig war auch, dass er seiner Mutter, die sehr an ihm hing, nicht eingestehen konnte, dass er schwul war. Irgendwann entschied er, nach Berlin zu fliehen, in die Stadt, die ihn, so glaubte er, aufnehmen und so annehmen würde, wie er war und wie er sein wollte. Auch meinerseits berichtete ich von meinem Leben und davon, wie ich die USA verlassen habe, weil ich dort keine Luft mehr bekommen hatte. Davon, wie ich das Gefühl hatte, dass meine konservativen Eltern meine Homosexualität nie akzeptiert hatten, auch wenn sie behaupteten, sie seien stolz auf mich.

Wir vergaßen die Zeit und fanden uns nach zwei kompletten Umrundungen Berlins am Südkreuz wieder. Immer wenn wir an der Haltestelle ankamen, an der er hätte aussteigen müssen, um seine Freunde zu besuchen, sagte er: „Ich habe es nicht eilig, und du?“ Ich schüttelte den Kopf und freute mich wie ein Kind, dass wir weiter Ringbahn fuhren. Von da an bekam der Bahnhof Südkreuz für uns beide eine neue Bedeutung. Es war nicht mehr nur ein Bahnhof mit zu vielen Leuten und Zügen und Verkaufskiosken und Rolltreppen, sondern wurde uns zu einem vertrauten Ort. Immer öfter begleitete mich Nour nun auf meinen nächtlichen Runden in der Ringbahn, wenn ich wieder einmal nicht schlafen konnte. Wir machten sogar ein Spiel daraus und taten jedes Mal so, als würden wir uns am Bahnsteig zum ersten Mal begegnen, stellten uns einander vor und stiegen in die Bahn.

Als die Behörden 2022 im Rahmen eines Experiments namens „Sicheres Südkreuz“ Kameras im Bahnhof installierten, die Gesichter erkennen und das Verhalten von Personen beobachten konnten, um Straftaten vorauszusehen, witzelte ich zu Nour: „Ab jetzt müssen wir mit Hüten und Sonnenbrillen verkleidet in den Bahnhof kommen. Lass uns ein wenig verdächtig aussehen. Die sollen ruhig Arbeit mit uns haben.“ Nour war einverstanden, und beim nächsten Mal kamen wir tatsächlich mit dicken Sonnenbrillen und Hüten, aber Nour schien sich nicht ganz wohlzufühlen. Ich fragte ihn, ob er das Spiel vielleicht doch albern fand. „Nein, das ist es nicht“, sagte er. „Ich habe nur wegen meiner Geschichte Angst vor jeder Polizei und vor jeder Überwachung.“ Ich nickte und sagte nichts. Wir ließen das Spielchen dann wieder sein, noch bevor das Experiment Gesichtserkennung am Bahnhof Südkreuz beendet war. Es hatte viel Kritik ausgelöst, nachdem ein Mangel an Transparenz im Umgang mit Freiwilligen festgestellt worden war, die zugestimmt hatten, während ihres Aufenthalts im Bahnhof als Beobachtungsobjekte zu dienen.

Dass ich nicht mehr schlafen konnte und dass ich Nour kennengelernt hatte, hatte mein ganzes Leben verändert. Ich lernte Berlin und mich selbst neu und besser kennen. Nour hatte eine bedrückende Vergangenheit, aber er weigerte sich, als Opfer zu leben. Er wurde zu einem Queer-Aktivisten, der stolz auf seine Identität war und der sich jeder stereotypen Zuschreibung aufgrund seiner Person, seiner Herkunft oder seiner Kultur widersetzte. Er und andere queere Freunde von ihm, die vor Krieg, Besatzung oder Militärregimen geflüchtet waren, brachten mir bei, dass der queere Kampf für Gleichheit und Rechte im Kern ein politischer ist und sich gegen alle Formen von Diskriminierung, Rassismus und Ausbeutung richtet. Durch Nour lernte ich immer neue Kreise von queeren Leuten kennen, deren Leben in Berlin aufgrund ihres Passes, ihrer Herkunft, ihrer Hautfarbe oder ihrer Namen viel schwieriger ist als meines. „Ich war naiv“, sagte Nour einmal, „als ich dachte, unter den Queeren in Berlin herrsche Gleichberechtigung.“ Aber so sehr ihn frustrierte, dass es nicht so war, beschäftigte er sich gerade deshalb noch stärker mit der Geschichte der queeren Bewegung in Berlin. Durch ihn lernte ich das Lili-Elbe-Archiv in Neukölln kennen, und ich empfand es als eine große Entdeckung.

In diesem Archiv, das 2015 nach dem Prinzip „eine Bewegung braucht ein Archiv“ gegründet wurde, sahen Nour und seine Mitstreiter einen Ausdruck ihres Kampfes, mit dem ihre Stimmen und ihre Geschichte hörbar wurden. Was Nour am meisten an jenem Archiv beeindruckte, war die „graue Literatur“ – Dokumente, die außerhalb offizieller oder kommerzieller Verlage produziert werden und normalerweise nicht von Bibliotheken und Museen gesammelt werden: Flugblätter, Korrespondenzen, persönliche Manuskripte und unveröffentlichte mündliche Selbstzeugnisse. Unter dem Eindruck des Lili-Elbe-Archivs machte Nour sich daran, seine eigene Geschichte aufzuschreiben, und entschied dann, diese über das Persönliche hinaus zu erweitern und die Entstehung einer vergessenen und marginalisierten queeren Bewegung innerhalb des Arabischen Frühlings nachzuzeichnen. Er schrieb unermüdlich und seine Recherchen waren beeindruckend, aber das alles beeinflusste auch ihn selbst. Ich beobachtete, wie seine Reise in die Vergangenheit mit allem, was er durchmachen hatte müssen, ihn körperlich und emotional belastete. Das führte oft dazu, dass er für kürzere oder längere Zeit verschwand und er weder für mich noch für seine anderen Freunde erreichbar war. Dann kam er plötzlich wieder in alter Frische zurück und beruhigte uns, indem er sagte, er hätte einfach nur in Ruhe recherchieren und schreiben wollen.

2022 schloss das Lili-Elbe-Archiv plötzlich. Weder die Webseite noch die Bibliothek waren noch zu erreichen. Nach zehn Jahren, in denen das Archiv autonom und ohne Sponsoring gearbeitet hatte, stellte das Betreiberkollektiv kommentarlos seine Arbeit ein. So verschwand in Berlin ein Archiv, das aufgebaut worden war, um eine Leerstelle in der Geschichtsschreibung zu füllen.

Das Verschwinden des Archivs fiel mit immer häufigeren Depressionsphasen bei Nour zusammen, und er zog sich immer mehr aus unserem gemeinsamen Freundeskreis zurück. Doch was ihn besonders hart traf, war der Tod seiner Mutter in der Türkei. Er hatte sie nicht mehr sehen können, weil sie beide als Flüchtlinge nicht reisen konnten, und er konnte ihr seine sexuelle Identität nicht mehr anvertrauen und ihr nicht zeigen, wie stolz er darauf war. Es war sein Traum gewesen, genau das zu tun, in der Hoffnung, sie würde ihn auch so akzeptieren und stolz auf ihn sein. Dieser Traum, der ihm im Lauf der Jahre, während derer ich ihn kannte, so viel Energie und Hoffnung gegeben hatte, war nun zerfallen. Und so wie Lili Elbes Archiv verschwunden war, verschwand auch Nour einige Monate nach dem Tod seiner Mutter von der Bildfläche. Er zog um, wechselte seine Telefonnummer und antwortete auf keine der E-Mails von mir und seinen anderen Freunden. Es fiel mir schwer, das zu akzeptieren, aber mit der Zeit lernte ich, seine Entscheidung zu respektieren – bis mich die Nachricht erreichte, vor der ich mich schon gefürchtet hatte: Nour hatte am Jahrestag des Todes seiner Mutter Selbstmord begangen. Es traf mich tief, und eine lange Zeit fragten seine Freunde und ich uns, wie wir es zugelassen hatten, dass Nour verschwand. Warum hatten wir es hingenommen, so wie zuvor das Verschwinden des Lili-Elbe-Archivs aus Berlin? Warum hatten wir uns nicht mehr bemüht, seinen Freitod zu verhindern?

Heute weiß ich, dass manche von uns es versucht haben, aber dass wir, und hätten wir uns noch so sehr bemüht, Nours Schicksal nicht hätten ändern können. Ich bin mir aber auch sicher, dass wir der Geschichte auch heute noch ein anderes Ende geben können. Dass die Materialien aus Lili Elbes Archiv mittlerweile in Kanada und in Sicherheit sind, ist etwas Gutes. Aber wir müssen sie nach Berlin zurückholen, genau wie wir Nours Geschichte bewahren müssen und alles, was er über Menschen wie er selbst aufgeschrieben hat, die von ihrer Gesellschaft ausgeschlossen wurden und die die Herrschenden und die offizielle Geschichtsschreibung nicht wahrnehmen. Und weil meine Geschichte mit Nour und dem Archiv am Südkreuz begonnen hat, sollte das Südkreuz zu einem Archiv für alle werden, die woanders keinen Platz finden. Ein Archiv, das vor Vergessen und Missachtung bewahrt, ein Archiv für die Geschichte verdrängter und machtloser Bewegungen und Gemeinschaften.

Das Südkreuz wäre der richtige Ort, um das Lili-Elbe-Archiv wiedereinzurichten – genau da, wo man das Sicherheitsexperiment mit Bewegungsüberwachung und Verhaltenswahrscheinlichkeit praktiziert hat. Es würde daran erinnern, dass Staaten und Mächte nach Belieben jedes Detail beobachten und speichern können, während Archive und Narrative benachteiligter Gruppen einfach verschwinden können.

Mein Erzfreund, die Schlaflosigkeit, begleitet mich bis heute, und noch immer verbringe ich die späten Nachtstunden in der Ringbahn, um mich von dem quälenden Warten auf den Schlaf abzulenken. Und immer wenn ich am Bahnsteig auf den Zug warte, gehe ich auf Menschen zu, die erschöpft oder verloren aussehen, und biete ihnen meine Hilfe an. Oft ernte ich dafür ein dankbares Lächeln oder ein freundliches Gespräch an Bord der Ringbahn. Und wenn ich am Ende wieder am Südkreuz aussteige, schaue ich noch einmal zurück in den Waggon und sehe, wie Nour mir mit seinem süßen Lächeln zum Abschied zuwinkt und weiterfährt.

Erst nach seinem Tod erfuhr ich, dass der Name Nour im Arabischen „Licht“ oder „Leuchten“ bedeutet. Und heute weiß ich, dass das Licht und die Wärme, die er in meinem Herzen hinterlassen hat, mich mein Leben lang begleiten werden.