„Lass mich jetzt schlafen“, entgegnete sie, „sonst steckst du mich mit deiner Schlaflosigkeit nur an.“ – „Und du, kannst du auch wieder nur mit Radio einschlafen?“, fragte ich sie, doch ich hörte nur ihren erschöpften Atem. „Na dann, gute Nacht, Mama, wir sehen uns morgen. Ich liebe …“ Aber sie hatte schon aufgelegt, bevor ich „Ich liebe dich“ hatte sagen können.
Ich nahm meinen Schlüsselbund, verließ die Wohnung und lief zum Bahnhof Schöneberg. Dort habe ich mir angewöhnt, in die Ringbahn zu springen, ohne zu wissen wohin. Ich nehme mein Radio mit, verbinde es mit meinen Ohrstöpseln, höre die Sender durch und überlasse meinen Körper der Berlin umrundenden S-Bahn in der Hoffnung, dass ich müde werde, und steige irgendwann wieder in Schöneberg aus.
Nach dem Telefonat mit meiner Mutter wurde mir klar, dass ich nur gegen mein Schlafproblem ankomme, indem ich in einem fahrenden Wagen sitze und Radio höre. Meine Mutter hört auch Radio, solange ich zurückdenken kann. Bis heute sehe ich Versatzstücke meiner Kindheit wie Bilder aus einer anderen Welt, und es war ja wirklich eine andere Welt. Wir lebten Anfang der achtziger Jahre in Treptow in Ostberlin, der Hauptstadt der DDR, eines Landes, das es nicht mehr gibt. Ich war das einzige Kind zweier Menschen, die an die „demokratische Republik“ geglaubt hatten, bis an die Stelle des Glaubens allmählich Zweifel und Angst traten – Angst vor einer Staatsmacht, die, statt eine „Demokratie“ aufzubauen, ihren Bürgern die Freiheit nahm. Meine Mutter war besonders begeistert, als die Mauer fiel, während mein Vater, soweit ich mich erinnern kann, nur schweigend zusah, ohne sich zu freuen oder zu trauern.
Vielleicht verbarg sein Schweigen die widersprüchlichen Gefühle eines Mannes, der zusah, wie eine Welt verging, von der er geglaubt hatte, sie sei ewig. Mein Vater, wie auch mein Großvater und die anderen Männer in unserer Familie, neigte dazu, nicht viel zu sprechen, und er konnte seine Gefühle nicht zeigen. Er versuchte sie in ähnlicher Weise zu kontrollieren wie seine Frisur und seine Kleidung. Meine Mutter war ganz anders, aber sie versuchte, sich an meinen Vater anzupassen. Erst als die DDR zusammenbrach, konnte sie sich davon befreien. Sie jubelte fast hysterisch, während mein Vater stumm blieb.
An den Abend des 27. November 1989 kann ich mich gut erinnern, knapp drei Wochen nach der Öffnung der Mauer. Meine Mutter gab ein Festessen, als hätte sie Geburtstag, als Radio Glasnost zum letzten Mal sendete. Zu dieser Abschiedssendung kamen Oppositionelle aus Ostberlin ins Studio, die zuvor jahrelang Kassetten mit heimlich aufgenommenen Sendungen in Altkleidertransporten, in Teepackungen oder mit Diplomaten nach Westberlin geschmuggelt hatten, um ihre Geschichten dort hörbar zu machen. Das Studio von Radio Glasnost lag ganz in der Nähe vom S-Bahnhof Schöneberg. Meine Mutter feierte, und ich war glücklich über die Berge von Süßigkeiten, die sie vor mir ausbreitete, während mein Vater dasaß und sich betrank. Es war der Beginn einer Alkoholsucht, an der er wenige Jahre später starb.
Meine Mutter hatte Radio Glasnost schon seit der ersten Sendung im Sommer 1987 über den Sender Radio 100 gehört. Jeden letzten Montag im Monat lief Radio Glasnost dort zur letzten Tagesstunde. Der Name des Senders ging auf die gleichnamige Offenheitsinitiative des letzten sowjetischen Staatschefs Michail Gorbatschow zurück und spielte darauf an, dass das Programm Themen aufgriff, die die Stasi unterband und die in den DDR-Medien nicht vorkamen. Für die SED-Führung war es zugleich auch peinlich, gegen einen Rundfunk vorzugehen, der eine offizielle sowjetische Parole im Namen trug. Meine Mutter berichtete immer euphorisch davon, was sie gehört hatte, und meinte, die Versuche der Stasi, den Sender zu stören, würden ihn nur bekannter machen. Bei ihrer Feier wurde mir klar, dass meine Mutter nun ein neues Leben beginnen und sich von allen alten Zwängen zuhause und draußen befreien würde. Sie freute sich auf ein Leben in der erträumten deutschen Einheit.
Aber lange währte ihre Freude nicht, denn schon nach wenigen Monaten hatte sie das Gefühl, ihr hafte ein Stigma an, weil sie in der DDR als Lehrerin gearbeitet hatte. Sie verstand nicht, warum man deswegen ihre Eignung anzweifelte und sie dazu zwingen wollte, ihre Berufsausbildung zu wiederholen, um weiter zu unterrichten. Sie musste zusehen, wie all die Absicherungen, an die sie jahrelang gewöhnt war, zerfielen, und sie musste wie viele andere ihrer alten Kolleginnen und Kollegen eine Stelle annehmen, für die sie überqualifiziert war, um über die Runden zu kommen. Im kapitalistischen Marktsystem konkurrierte jeder gegen jeden. Trotzdem bestand sie darauf, nach Westberlin umzuziehen, und obgleich mein Vater dagegen war, fügte er sich, denn er selbst brachte keine eigene Initiative mehr auf und er hatte seiner Frau ihre Träume nicht erfüllt. Unsere Einkommenssituation verbesserte sich freilich nicht, und wir wohnten beengter als zuvor.
Ich weiß noch gut, wie Mama ihrer Mutter, wenn wir sie in Dresden besuchten, von unserem neuen Leben erzählte, in dem wir uns eher wie Flüchtlinge als wie Gleichberechtigte fühlten. Alle anwesenden Verwandten stimmten ihr zu. Aber als ich sie später, wenn sie sich gegen Flüchtlinge äußerten, daran erinnerte, wie sie damals gesprochen hatten, nannten sie mich „links-verwirrt“ und warfen mir vor, ich erkenne die Gefahren nicht, die davon ausgingen, dass man so viele Geflüchtete und Migranten ins Land lasse. Auch meine mittlerweile verwitwete Mutter redete nun so, und das hat mein Verhältnis zu ihr stark belastet. Je rassistischer sie und meine Verwandten sich äußerten, desto mehr engagierte ich mich 2015 in der Flüchtlingswelle für die Betroffenen.
Irgendwann brach unser Kontakt ab. Ich konnte ihre Ausfälle gegen Flüchtlinge nicht mehr hören, während ich selbst meine Zeit mit ebendiesen Menschen verbrachte, die ihr Leben riskiert hatten, um vor Krieg, Haft und Zerstörung zu fliehen. Ich verstand nicht, wie eine Frau, die in einer Diktatur gelebt und sich im vereinten Deutschland selbst als Flüchtling empfunden hatte, sich so fremdenfeindlich äußern konnte.
Ironischerweise führte uns nach einigen Jahren eine neue Flüchtlingswelle wieder zusammen, diesmal ausgelöst durch den russischen Krieg gegen die Ukraine. Meine Mutter nahm eine Ukrainerin mit Tochter bei sich zuhause auf! Der Vater hatte an der Front zurückbleiben müssen. Anfangs ging es mir nicht gut damit, wie meine Mutter zwischen Flüchtlingen je nach Herkunft und Hautfarbe unterschied, aber nun besuchte ich sie wieder. Als ich die Ukrainerin mit ihrer zehnjährigen Tochter Veronika sah, musste ich daran zurückdenken, wie ich mit meiner Mutter nach dem Fall der Mauer in Westberlin angekommen war. Sah sie selbst auch, dass sich hier unsere Vergangenheit spiegelte?
Ich spielte mit dem Mädchen, während meine Mutter mit der geflüchteten Ukrainerin halb deutsch, halb englisch radebrechte. Sie kümmerte sich darum, dass die beiden sich einleben konnten, während der Krieg in ihrem Land tobte. Die ukrainische Mutter berichtete einmal davon, wie der Strom ausfiel, wenn Russland die Infrastruktur zerbombte, und wie das Radio für sie und viele andere zum einzigen Mittel wurde, Nachrichten zu empfangen. Da erzählte Mama ihr von Radio Glasnost, und ihre alte Freude vom Tag der letzten Sendung und von ihrer Feier vor über zwanzig Jahren war wieder da.
Nach einigen Monaten löste sich die Wohngemeinschaft wieder auf. Die beiden Gäste hatten mit einer Verwandten, die ebenfalls geflüchtet war, eine eigene Wohnung gefunden. Und dabei hatte meine Mutter Veronika so liebgewonnen! Aber es wurde noch schlimmer: Es wurde festgestellt, dass meine Mutter Krebs hatte und sich in ihrem ganzen Körper Metastasen gebildet hatte. Es ging ihr immer schlechter, aber sie wollte nicht über ihre Krankheit reden, selbst dann nicht, wenn sie Schmerzen hatte. Meine Schlaflosigkeit wurde auch immer heftiger, und ich bekam Angst davor, dass wir wieder getrennt würden. Nach dem erwähnten Anruf ging es rasch bergab mit meiner Mutter, sie fiel in ein Koma, ich brachte sie ins Krankenhaus, und dort kämpft sie nun mit dem Tod.
Als Veronika und ihre Mama meine Mutter dort kürzlich besuchten und ihr fahles Gesicht sahen, brach Veronika, die mittlerweile blendend Deutsch sprach, in Tränen aus und ich flüchtete vor ihren Tränen aus dem Zimmer. Ich fragte mich nur, warum ich selbst nicht weinen konnte? Als die Besucherinnen weg waren, setzte ich mich zu meiner Mutter und beschloss, die Stille zu durchbrechen und machte das Radio an, so wie sie es abends immer getan hatte und wie ich es bis heute tue, wenn ich nachts Ringbahn fahre. Plötzlich war ich mir sicher, dass sich ihre Lider bewegten! Ich eilte zum Pflegepersonal, um Mitteilung zu machen. Man sagte mir jedoch, dass es sich nur um einen Reflex handele, der in einem Koma häufig vorkomme. Ich wollte es nicht wahrhaben. Jedenfalls schalte ich noch immer bei jedem Besuch bei ihr das Radio an und spiele ihr sogar manchmal alte Glasnost-Aufnahmen vor. Ich bin mir sicher, dass sie es hört und dass sie manchmal zu lächeln versucht. In ihrer jetzigen neuen Welt liegt meine Mutter stumm da, und das Radio ist das einzige Medium, durch das sie mich noch fühlen kann. Genauso muss es gewesen sein, als die Stasi sie stumm gemacht hatte und sie den verbotenen Sender gehört hatte, der Mauern und Grenzen überwand.
Immer, wenn ich aus dem Krankenhaus komme und mich in Schöneberg in die Ringbahn setze, um in ihr meine nächtlichen Runden zu drehen und so in den Schlaf zu finden, denke ich, wie schön es wäre, noch einmal einen Sender wie Glasnost einzurichten, am besten in der Nähe vom Bahnhof, von wo der verbotene Rundfunk gesendet hat. Ich denke an Veronika, die nichts mehr von ihrem Vater weiß, seit er an der Front als vermisst gilt. Und an die vielen Geflüchteten, die ich kennengelernt habe und die Angehörige verlassen mussten, die verschleppt oder verhaftet wurden und an Menschen, die in Diktaturen leben müssen. Ich denke an alle, die keine Stimme haben in dieser Welt, die von profitgierigen Konzernen beherrscht wird, die Medien und die Algorithmen der sozialen Netzwerke steuern und die Menschen manipulieren.
Wie wäre es, wenn wir in Schöneberg ein Laienradio auf Kurzwelle einrichteten? Wir bräuchten dazu kein Internet, keine große Infrastruktur und nicht viel Geld. Nur ein kleines Studio, in dem Menschen, die sich da auf der Welt, wo sie sind, nicht äußern können, ihre Botschaften einreichen können, ohne dass es jemand kontrolliert? Von hier aus könnten wir ihre Stimmen in die Welt senden.
Diese Idee macht mich glücklich, wenn der Zug einfährt, ich hineinspringe, am Radio drehe und mich den endlosen Runden der Ringbahn hingebe.