Louis Vierne

Die große Tradition der französischen Orgelmusik, befeuert von den bahnbrechenden romantischen Orgeln von Aristide Cavaillé-Coll, führt lückenlos vom 19. Jahrhundert bis in die heutige Zeit, von César Franck und Charles-Marie Widor bis zu Olivier Messiaen und Thierry Escaich. In dieser langen Reihe von Organisten, die ein wichtiges kompositorisches Schaffen hinterlassen haben, nimmt Louis Vierne (1870–1937) eine prominente Stellung ein.

Louis Vierne stammt aus dem westfranzösischen Poitier und wuchs in Paris auf. Bei seiner Geburt war er fast blind. Im Alter von sieben Jahren konnte ihm eine erfolgreiche Operation eine gewisse Sehfähigkeit zurückgeben. Den Alltag konnte er so bewältigen, er blieb jedoch lebenslang eingeschränkt. Seine musikalische Ausbildung, die Klavier-, Violin- und Orgelunterricht umfasste, erhielt Vierne am Pariser Nationalen Bildungsinstitut für junge Blinde. Sein Orgelspiel entwickelte sich so gut, dass César Franck, der neben seinem kompositorischen Schaffen auch als Begründer der französischen Orgelschule in die Musikgeschichte eingegangen ist, ihn 1888 als Privatschüler annahm. Zwei Jahre später nahm Vierne das Orgelstudium am Pariser Conservatoire bei Charles-Marie Widor auf, bei dem er zusätzlich auch Kompositionsunterricht erhielt. Nachdem sich Vierne seit 1892 einen Namen als Assistent Widors an Saint Sulpice gemacht hatte, einer der großen Pariser Kirchen mit einer der berühmtesten Orgeln Frankreichs, wurde er 1900 zum Titularorganisten von Notre Dame ernannt. Mit diesem überaus prestigetächtigen Posten hatte Vierne seine Lebensaufgabe gefunden. Insgesamt gab er ungaubliche 1750 Konzerte in der berühmten Pariser Kathedrale und trat daneben auf Konzertreisen in ganz Europa und 1927 auch in den USA auf.

Viernes Privatleben war von mehreren Schicksalsschlägen gezeichnet. So verlor er seinen Sohn im Ersten Weltkrieg, rang immer wieder mit seinen Augenleiden und in seinem letzten Lebensjahrzehnt auch mit anderen körperlichen Gebrechen. Sein kompositorisches Schaffen hat einen klaren Schwerpunkt auf Orgelwerken, die heute zum Kernrepertoire des Instruments zählen, und umfasst daneben auch Lieder und Kammermusik. Stilistisch blieb Vierne der Spätromantik verhaftet. Als seine bedeutendste Leistung gelten die insgesamt sechs zwischen 1898 und 1930 entstandenen Orgelsymphonien, mit denen er die von Widor begründete Gattung fortschrieb. Vierne starb am 2. Juni 1937 an einem Herzschlag, der ihn auf der Orgelbank von Notre Dame während seines letzten Konzerts ereilte.