Reflexe & Reflexionen
Mythen über die Entstehung der Welt sind eine wichtige Quelle für Identität, ebenso wie Rituale, die die Menschen mit der Natur und der Erde verbinden. Sie helfen ihnen, sich selbst in der Geschichte und ihre Wurzeln in bestimmten Ländern zu verorten und ihre Koexistenz mit anderen zu bekräftigen. Mythen handeln oft von Kämpfen. Dabei geht es aber nicht darum, Menschen gegeneinander aufzuhetzen, sondern die tragischen und verheerenden Folgen von Kriegen zu veranschaulichen. Einige alte Rituale mögen nach modernen Maßstäben brutal erscheinen, insbesondere, wenn es sich um Opferrituale handelt. Sie waren jedoch kein sadistischer Selbstzweck: Vielmehr sollten sie die Verletzlichkeit und Kostbarkeit des Lebens verdeutlichen. Die Ehrfurcht vor der Würde des Lebens hat diese Traditionen über Jahrhunderte hinweg bewahrt.
Die Unmittelbarkeit der darstellenden Künste aktiviert die kollektive Vorstellungskraft und die Emotionalität einer Gemeinschaft. Ihre Ursprünge liegen vermutlich in Liedern und Tänzen, mit denen früher um gute Ernten gebetet wurde. In diesen entfalteten sich mythische Erzählungen und rituelle Formen etablierten sich als lokale Feierlichkeiten, die von Generation zu Generation weitergegeben wurden. Mit anderen Worten: Mythen und Rituale können als die Ursprünge der darstellenden Künste betrachtet werden. Stellen wir uns also erneut die Frage: Können die zeitgenössischen darstellenden Künste als etwas dienen, das uns, die wir in der modernen Welt leben, verbindet anstatt trennt? Können sie ein Gefühl der Bewunderung für das Leben und der Ehrfurcht vor dessen Würde wecken? Aus diesen Gedanken heraus entstand die Performing Arts Season 2026/27.
Die vierte Performing Arts Season eröffnet am 13. Oktober mit einer bahnbrechenden neuen Performance: Die Bühnenversion von Balkan Erotic Epic, das neue Werk der ikonischen Performancekünstlerin Marina Abramović, feiert Deutschlandpremiere und ist bis 17. Oktober zu erleben. In diesem mehrstündigen Ritual treffen uralte Balkanmythen auf zeitgenössische Performancekunst. Abramović erkundet darin mit über 30 Darsteller*innen, Tänzer*innen, Musiker*innen und Sänger*innen die Erotik, die Spiritualität und die Traditionen ihrer Heimat. Darüber hinaus präsentiert sie eine gleichnamige Ausstellung, die seit April im Gropius Bau zu sehen ist.

Konzept/Design: 3pc
© Berliner Festspiele / Performing Arts Season 2026
Impressionen
In einem Vortrag, der im Rahmen der Performing Arts Season 2025/26 entstanden ist, gibt Gisèle Vienne Einblicke in die Bedeutung von Puppen in ihrem Werk. Interviews, Essays und Videos aus den vergangenen Ausgaben der Performing Arts Season, darunter Beiträge von Anne Teresa De Keersmaeker, Trisha Brown, Lucinda Childs, Akram Khan und Philippe Quesne, stehen weiterhin in der Berliner Festspiele Mediathek zur Verfügung.

Showroomdummies#4, Centre Pompidou 2021
© Yuki Moriya
Während der Herbst- und Wintermonate präsentiert die Performing Arts Season der Berliner Festspiele ein Panorama herausragender internationaler Produktionen aus Tanz, Theater und Performance im Haus der Berliner Festspiele und im Gropius Bau. Einige der gezeigten Aufführungen werden von den Berliner Festspielen koproduziert oder eigens in Berlin produziert.