
Olga Neuwirth © Harald Hoffmann
Olga Neuwirth wurde 1968 in Graz geboren. Ihr Vater war der Pianist und Jazzmusiker Harald Neuwirth, Bruder des Komponisten Gösta Neuwirth. Olga Neuwirth lernte zunächst Trompete, bevor sie 1985/86 in San Francisco am Conservatory of Music Komposition und Musiktheorie und parallel dazu am Art College Malerei und Film studierte. Der Film blieb zeitlebens auch künstlerisch eine wichtige Konstante in Neuwirths Schaffen. 1987 ging sie an die Hochschule für Musik und darstellende Kunst Wien und studierte Komposition bei Erich Urbanner. Wichtige künstlerische Impulse erhielt sie in ihren Anfängen durch persönliche Begegnungen mit Adriana Hölszky und Luigi Nono, dessen Denken über Klang, Raum und Verantwortung des Künstlers ihr Werk nachhaltig beeinflusste. 1993/94 studierte sie bei Tristan Murail in Paris und vertiefte ihre Auseinandersetzung mit den Möglichkeiten elektronischer Musik am Pariser IRCAM. Im Rahmen des Künstlerprogramms des DAAD war sie 1995/96 Stipendiatin in Berlin.
Olga Neuwirth ist mit ihrem vielschichtigen Schaffen zu einer der bedeutendsten Persönlichkeiten der zeitgenössischen Musik avanciert. Lange vor aktuellen Diskursen über Diesseitigkeit, Konzeptualismus und Transmedia hat Neuwirth den Begriff von Komposition über alle Genregrenzen hinweg fundamental erweitert. Ihr umfangreiches Werk umfasst Orchester- und Kammermusik, Musiktheater, Filmmusik, Hörspiele und Klanginstallationen. Die Inspirationsquellen sind universal: Phänomene aus Kunst, Architektur, Literatur und Musik, Geistesgeschichte, Psychologie, Naturwissenschaft und Alltagswirklichkeit speisen eine abgründige Poetik, die die Widersprüche und Ambivalenzen menschlicher Existenz umfasst. Fragen der Identität und die darin enthaltenen Widersprüche von Individuum und Gesellschaft sind ein zentrales Thema der kosmopolitischen Künstlerin.
Die Rolle der Frau in einer männerdominierten Kompositions-Szene beschäftigte Neuwirth früh: „Meine Geschichte des Komponierens ist auch die Geschichte der ständigen Infragestellung des Komponierens einer Frau.“ Künstlerisch verarbeitete sie diese Thematik besonders prägnant in der kompositorischen Neuinterpretation von Alban Bergs Lulu: Neuwirths American Lulu (2006/2011) verband die Themen von Rassen- und Frauendiskriminierung in einer Blues- und Jazz-durchwirkten „Re-Komposition“.
Neuwirth verbindet eine langjährige Zusammenarbeit mit der Literaturnobelpreisträgerin Elfride Jelinek, mit der sie zwei Hörspiele und vier Bühnenwerke realisierte, darunter die Opern Bählamms Fest (1993/98) und Lost Highway nach David Lynch (2003), Pionierarbeiten multimedialen Musiktheaters. Ihre Oper Orlando nach Virginia Woolf wurde 2019 an der Wiener Staatsoper uraufgeführt und markiert in der Geschichte des Hauses den ersten großen Opernauftrag an eine Frau. Im Februar 2026 wurde an der Hamburger Staatsoper ihre neue Oper Monster’s Paradise uraufgeführt, erneut in Kooperation mit Elfriede Jelinek.
Neuwirths Kompositionen werden weltweit von führenden Solisten, Ensembles und Orchestern aufgeführt, darunter die Berliner Philharmoniker, das London Symphony Orchestra, das Los Angeles Philharmonic und die New Yorker Philharmoniker.
Olga Neuwirth wurde mit zahlreichen Preisen und Ehrungen ausgezeichnet, darunter der Hindemith Preis (1999), der Ernst Krenek-Preis Wien (2000), der Große Österreichische Staatspreis (2010), der Deutsche Musikautorenpreis (Kategorie Orchesterkomposition), der Robert Schumann-Preis für Dichtung und Musik (2021), der international renommierte Wolf Prize for Music (2021), der Grawemeyer Award für Orlando (2022) und der Ernst von Siemens Musikpreis (2022). 2025 erhielt sie die Ehrendoktorwürde der Kunstuniversität Graz. Seit 2021 ist Neuwirth Professorin für Komposition an der Universität für Musik und darstellende Kunst Wien.
Stand: Februar 2026