Camille Saint-Säens

Klarheit, Eleganz, Empfindungstiefe und mühelose Kreativität bis ins hohe Alter zeichnen das Werk von Camille Saint-Saëns (1835–1921) aus. Dessen Umfang ist immens: zu 169 mit Opusnummern veröffentlichten Werken in allen wichtigen Gattungen kommen noch einmal etwa genauso viele zu Lebzeiten nicht publizierte Kompositionen hinzu. Komponieren fiel Saint-Saëns nicht nur leicht, er empfand es geradezu Notwendigkeit. In einem berühmten Bonmot sagte er von sich, er produziere musikalische Kunstwerke entsprechend seiner Natur, so wie ein Apfelbaum Äpfel hervorbringe. Grundlage dieses kreativen Prozesses war die souveräne Meisterschaft in allen handwerklich-technischen Aspekten des Komponierens.

Saint-Saëns war zweifellos das, was wir heute „hochbegabt“ nennen würden. Außerordentlich früh lernte er Noten zu lesen und machte enorme Fortschritte auf dem Klavier. Seine Talente waren nicht auf die Musik beschränkt. Bereits der Siebenjährige konnte lateinische und griechische Texte übersetzen und zeigte ein lebhaftes Interesse an Naturwissenschaften und Mathematik. Die Ausnahmestellung, die mit dieser exzeptionellen Begabung verbunden war, hatte jedoch auch Schattenseiten: Saint-Saëns knüpfte kaum freunschaftliche Beziehungen mit Gleichaltrigen. Im Alter von 13 Jahren begann er am Pariser Conservatoire Klavier, Orgel und Komposition zu studieren, alles mit brillantem Erfolg. Geradezu sensationell gestaltet sich kurz nach Abschluss seines Studiums die Uraufführung seiner anonym angekündigten 1. Symphonie im Dezember 1853. Als das Inkognito gelüftet wurde, mochte man kaum glauben, dass sie von einem 18-jährigen stammte. 

Im Pariser Musikleben machte sich Saint-Saëns zunächst als virtuoser Pianist und als Organist einen Namen, der von 1857 bis 1877 an der berühmten Kirche La Madeleine wirkte. Als Komponist galt er als Neutöner, weil er sich stark für die deutsche Musik interessierte und Einflüsse von Robert Schumann, Franz Liszt und Richard Wagner in sein Komponieren aufnahm. Tatsächlich konnte er sich in Paris erst auf dem Umweg über die Erfolge durchsetzen, die seine Musik in Deutschland hatte. Vor allem mit seinen Orchesterwerken wurde Saint-Saëns zu einem der Protagonisten des Aufschwungs, den die französische Instrumentalmusik im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts nahm, und gehörte so zu den einflussreichsten Persönlichkeiten des Pariser Musiklebens. Auch der Autor Marcel Proust würdigte Saint-Saëns: Seine 1. Violinsonate gehört zu den Vorbildern für das berühmte „kleinen Thema“, das die Liebe von Swann und Odette begleitet.

Den stilistischen Umwälzungen, die ab 1900 mit Komponisten wie Claude Debussy und Maurice Ravel verbunden waren, mochte Saint-Saëns nicht folgen, so dass ihm den Ruf eines zurückgebliebenen Konservativen anhaftete. Aber auch in dieser Zeit blieb er neugierig und ging noch neue Kammermusikgattungen an. Er starb 1921 im Alter von 86 Jahren.