
Die Ausstellung Persistence of Vision vereint die Arbeiten von Peter Hujar und Liz Deschenes und bringt diese in einen generationsübergreifenden Dialog über Fotografie. Die erste große Ausstellung der Werke von Hujar und Deschenes in Berlin formuliert ein erweitertes Verständnis des Mediums und hebt die kompromisslose Klarheit der Vision hervor, die das Werk beider Künstler*innen verbindet.
“I make uncomplicated, direct photographs of complicated and difficult subjects. I photograph those who push themselves to any extreme and people who cling to the freedom to be themselves.”
— Peter Hujar
Peter Hujar (1934–1987), der in der Zeit zwischen den Stonewall-Protesten von 1969 und der AIDS-Krise in den 1980er Jahren in New York City arbeitete, hielt diese entscheidende kulturelle Phase in eindringlichen Schwarz-Weiß-Fotografien fest. Seine Arbeit war tief verwurzelt im künstlerischen Leben des East Village. Er porträtierte die queeren und Avantgarde-Communitys in Lower Manhattan, darunter Persönlichkeiten wie William S. Burroughs, Candy Darling, Susan Sontag, Paul Thek und David Wojnarowicz. Neben diesen ikonischen Porträts umfasst Hujars Werk prägnante Bilder von Tieren, Natur und urbanen Ruinen und beschäftigt sich mit Themen wie Gemeinschaft, Sexualität, Verfall und Tod.
Die Ausstellung Persistence of Vision zeigt rund 120 seiner Fotografien, von denen viele erstmals in Berlin zu sehen sind. Sie bietet einen detaillierten Einblick in alle Phasen seines Schaffens, von den frühen fotografischen Experimenten der 1950er Jahre bis hin zu seinen späten Studioarbeiten, die vor seinem Tod an den Folgen einer AIDS-bedingten Erkrankung im Jahr 1987 entstanden sind.
In der Ausstellung werden Hujars Fotografien mit aktuellen Werken der in New York City lebenden Künstlerin Liz Deschenes verwoben. Diese Gegenüberstellungen laden dazu ein, die Arbeit beider Künstler*innen aus einer neuen Perspektive zu betrachten. Obwohl sie verschiedenen Generationen angehören und unterschiedliche Bildsprachen nutzen, verbindet Hujar und Deschenes ein tiefes Interesse an den materiellen Möglichkeiten und Techniken der Fotografie.
“My work is often in reaction to the limited scope that photography is often understood by. I think photography is capable of much more than representing a particular moment in time.”
— Liz Deschenes
Liz Deschenes (*1966) schafft Skulpturen und ungegenständliche fotografische Arbeiten, die grundlegende Eigenschaften des Mediums – Licht, Chemie und Zeit – nutzen, um das Wesen dessen zu erforschen, was eine Fotografie sein kann.
In frühen Werkgruppen wie Elevations oder Green Screen beschäftigt sich Deschenes mit Farbe als zentralem Thema und kreiert monochrome Werke, die die Unterscheidung zwischen fotografischem Bild und physischem Objekt infrage stellen. Als Teil ihrer jüngeren Arbeiten setzt sie Schwarz-Weiß-Fotopapier nachts im Außenraum natürlichem und künstlichem Licht aus und entwickelt das Entstandene mithilfe chemischer Prozesse. So entstehen silbrig schimmernde Fotogramme mit subtilen Farbnuancen und feinen Oberflächenstrukturen. Eines ihrer häufigsten Medien ist Glas, das sie sowohl als bedruckte Oberfläche als auch in skulpturalen Arbeiten ohne fotografische Komponente einsetzt. Viele ihrer Werke haben eine skulpturale und prozesshafte Qualität: Sie reflektieren den umgebenden Ausstellungsraum ebenso wie den Blick der Betrachtenden und verändern sich durch fortschreitende Oxidation im Laufe der Zeit.
Die Ausstellung Peter Hujar / Liz Deschenes: Persistence of Vision wird im ersten Obergeschoss des Gropius Bau zu sehen sein. Mehrere Ausstellungsbereiche gruppieren sich um rasterartig angeordnete Hängungen von Hujars Fotografien, die sich an seiner letzten Ausstellung zu Lebzeiten (Gracie Mansion Gallery, 1986) orientieren. Dort präsentierte er seine Werke in einer streng strukturierten und zugleich scheinbar zufälligen Anordnung. Ob Aktdarstellungen, Porträts, Tiere oder Ruinen – die Bilder bildeten ein Ensemble, das sich jeder Kategorisierung widersetzte. Die Kraft, die in der Differenz liegt – ein zentrales Moment in Hujars Denken – prägt auch Deschenes’ Praxis, die immer wieder die etablierten Konventionen des Mediums Fotografie hinterfragt.
In ausgewählten Räumen werden Werke der beiden Künstler*innen in direkter Gegenüberstellung präsentiert, sodass ein Dialog zwischen ihren Ansätzen entsteht. Die bei Mondlicht enstandenen Fotogramme von Liz Deschenes treten in einen poetischen Austausch mit Hujars filmisch anmutenden Bildern des nächtlichen New York. Diese Paarung unterstreicht ihr gemeinsames Interesse an der Nacht – nicht nur als Thema, sondern als eigenständiges Medium. An anderer Stelle treffen Hujars Fotografien von Ruinen auf Deschenes’ Skulpturenserie Retaining, die von Gerüsten inspiriert ist, mit denen historische Bauwerke während der Restaurierung stabilisiert werden. Gemeinsam verweisen diese Arbeiten auch auf die Geschichte des Gropius Bau, der selbst bis 1978 als Ruine leer stand, nachdem das Dach und die oberen Stockwerke im Zweiten Weltkrieg fast vollständig zerstört worden waren.
Deschenes’ Werke verleihen der Ausstellung einen dramaturgischen Rhythmus; sie sind auf Bewegung, Licht und die Präsenz von Körpern im Raum abgestimmt. In der Gegenüberstellung mit Hujars intimen Porträts von Freund*innen und Weggefährt*innen laden sie dazu ein, innezuhalten und sich intensiver mit dem Akt des Sehens und Betrachtens auseinanderzusetzen.
Kuratiert von Eva Respini, Co-CEO und Curator at Large, Vancouver Art Gallery, mit Monique Machicao y Priemer Ferrufino, kuratorisches Volontariat Ausstellungen, Gropius Bau
In Partnerschaft mit dem Gropius Bau zeigt die Bundeskunsthalle in Bonn vom 27. Februar bis 23. August 2026 Peter Hujar. Eyes Open in the Dark.
Peter Hujar (1934–1987) wuchs bei seinen ukrainischen Großeltern in einer ländlich geprägten Gemeinde von New Jersey auf. Als Kind begann er, mit der Kamera seiner Mutter die Tiere und das Farmleben rund um das Haus seiner Familie zu dokumentieren. Im Alter von zwölf Jahren zog er nach New York City zu seiner Mutter und seinem Stiefvater.
In der High School erkannte eine Englischlehrerin sein Potenzial und ermutigte ihn, sich intensiver mit der Fotografie auseinanderzusetzen. Nach seinem Schulabschluss arbeitete Hujar zunächst als Assistent für kommerzielle Fotograf*innen und nutzte ihre professionellen Dunkelkammern, um seine eigenen Abzüge zu entwickeln. Im Rahmen eines Fulbright-Stipendiums ging er 1962 nach Italien, um Film zu studieren und ausgiebig zu reisen. Ein Besuch in den Katakomben von Palermo mit seinem damaligen Partner Paul Thek hinterließ bei ihm tiefen Eindruck und weckte sein lebenslanges Interesse am Thema Sterblichkeit. Zurück in New York City war Hujar Teil der Szene im East Village, die aus Künstler*innen, Schriftsteller*innen und Performer*innen bestand. Er porträtierte legendäre Persönlichkeiten wie Candy Darling, William S. Burroughs und Susan Sontag. Eine Meisterklasse bei dem Fotografen Richard Avedon im Jahr 1967 markierte für Hujar einen Wendepunkt: Er gab die kommerzielle Fotografie auf und widmete sich ganz der künstlerischen Arbeit. Er fotografierte Szenen aus dem avantgardistischen und queeren Leben in der Zeit zwischen dem Stonewall-Aufstand 1969 und der AIDS-Krise der 1980er Jahre. Seine Fotografien dokumentieren die Bemühungen der Community, Räume des Widerstands zu schaffen.
Hujar war bekannt für seinen kompromisslosen Charakter und seine unbeirrbare Konsequenz hinsichtlich der Präsentation seiner Werke. Zu Lebzeiten gelang ihm nie der Durchbruch in der etablierten Kunstszene. Erst nach seinem Tod an den Folgen einer AIDS-bedingten Erkrankung fanden seine fotografischen Arbeiten breitere Anerkennung und Bewunderung.
Liz Deschenes wurde 1966 in Boston geboren und lebt und arbeitet in New York. Sie hat einen Bachelor of Fine Arts der Rhode Island School of Design mit einem Schwerpunkt auf Fotografie. Derzeit lehrt sie an verschiedenen Hochschulen in New York City, wobei ihr Fokus auf interdisziplinärer künstlerischer Forschung liegt.
Deschenes beschäftigt sich mit den grundlegenden Aspekten der Fotografie – Licht, Chemie und Zeit – und experimentiert mit neuen Drucktechnologien und Trägermaterialien.
Sie arbeitet häufig mit Glas, das sie bedruckt oder in skulpturalen Arbeiten verwendet, die keine fotografischen Elemente enthalten. Deschenes‘ Werk erkundet die Möglichkeiten dessen, was Fotografie sein kann und stellt die engen Grenzen des Mediums immer wieder in Frage.
Die unverwechselbare Bildsprache der Künstlerin widersetzt sich festgelegten Bedeutungen und betont die der Fotografie innewohnende Fluidität. Viele ihrer Arbeiten erinnern an architektonische Strukturen und interpretieren die Räume, in denen sie sich befinden, neu. Ihre Skulpturen loten das Verhältnis von Kunst zu Architektur aus, thematisieren die Bewegung der Betrachtenden durch den Raum und machen sie sichtbar.
Durch räumliche Anordnungen, die sich je nach Blickwinkel und Position der Betrachtenden verändern, befasst sich Deschenes' Arbeit auf poetische Weise mit den Voraussetzungen von Wahrnehmung: Anhand welcher Mittel – körperlicher und technologischer Art – erleben wir die Welt?