Pressemeldung vom 23.4.2026

Wortmarke Gropius Bau

Gabriele Stötzer: Dabei sein und nicht schweigen

19. Juni bis 6. Dezember 2026

Seit über fünf Jahrzehnten setzt sich Gabriele Stötzer mit Themen wie Gerechtigkeit, Selbstbestimmung und Geschlecht auseinander und hinterfragt gesellschaftliche Machtverhältnisse. In den 1970er und 1980er Jahren arbeitete sie im künstlerischen Untergrund der DDR; ihre genreübergreifende Praxis erfährt dabei erst in den letzten Jahren größere Aufmerksamkeit im Kunstbetrieb. Mit Dabei sein und nicht schweigen zeigt der Gropius Bau 2026 ihre bislang größte institutionelle Einzelausstellung – entwickelt in enger Zusammenarbeit mit Stötzer, die im Oktober 2026 mit dem Goslarer Kaiserring einen der bedeutendsten Kunstpreise der Welt erhält.

Gabriele Stötzer ist auch eine der zentralen künstlerischen Positionen im Jubiläumsprogramm zum 75-jährigen Bestehen der Berliner Festspiele. Für das Jubiläum hat Stötzer ein Plakat in exklusiver Sonderedition gestaltet, das ab Mai erhältlich sein wird. Zudem wird sie Ende August als Teil von Exterra XX / Künstlerinnengruppe Erfurt, begleitet vom Ensemble für Intuitive Musik Weimar, unter freiem Himmel am Gropius Bau performen. 

Über die Ausstellung

1953 in Thüringen geboren, entwickelte Gabriele Stötzer eine experimentelle künstlerische Praxis, die eng mit Erfahrungen der Haft und ihrem politischen Kampf in der DDR verbunden ist. Unter den Bedingungen staatlicher Repression und Überwachung arbeitete sie in selbstorganisierten Netzwerken und formte ein vielschichtiges Werk, das Fotografie, Performance, Film, Keramik sowie Textil‑ und Objektkunst umfasst. Dabei sein und nicht schweigen versammelt rund 150 Arbeiten und macht die Bandbreite ihres Schaffens über verschiedene Medien hinweg sichtbar. Stötzers Arbeiten verbinden persönliche Erfahrungen mit einem schonungslosen Blick auf gesellschaftliche Verhältnisse und rücken häufig den eigenen Körper in den Mittelpunkt – als Schauplatz von Widerstand und feministischer Selbstbehauptung. Sie formulieren Gegenentwürfe zu Herrschaft und Repression, indem sie Grenzen unterlaufen und Räume für Freiheit, Begehren und Radikalität erkämpfen.

„Mit der Kunst hat sich die Idee von einem anderen Leben verbunden.“ 
— Gabriele Stötzer

1977 wurde sie im Zusammenhang mit einer Unterschriftenaktion gegen die Ausbürgerung Wolf Biermanns wegen „Staatsverleumdung“ verhaftet und zu einem Jahr Haft im Frauengefängnis Hoheneck verurteilt. Diese Erfahrung bestärkte sie in ihrer Auflehnung gegen Unterdrückung und in ihrem künstlerischen Selbstverständnis. Nach ihrer Entlassung schloss sie sich dem literarisch-künstlerischen Untergrund in Erfurt an, freundete sich mit Punks und Hausbesetzer*innen an und organisierte Werkstätten, Ateliers, Ausstellungen und Aktionen im öffentlichen Raum.

Nach ersten Texten, Malereien, Zeichnungen und Webarbeiten wandte sich Stötzer um 1980/81 der Fotografie zu. Vor der Kamera inszenierte sie sich selbst und andere Akteur*innen und entwickelte dabei eine gemeinschaftliche Praxis, in der Vernetzung und Austausch zentral sind. 1984 gründete sie schließlich die Künstlerinnengruppe Erfurt (nach der Wende Auftritte unter dem Namen Exterra XX) mit – die einzige ihrer Art in der DDR. In den folgenden zehn Jahren schuf die Gruppe ein komplexes Werk aus Performances, Manifesten, Super-8-Filmen und experimenteller Musik.

„Unser Prinzip war, unser Leben zum Gegenstand der Kunst zu machen und in Mode, Film und Performance darzustellen. Die individuellen Proteste und Brüche bekamen so einen Sinn und halfen uns, nicht im einsamen Aufstand zu verpuffen.“ — Gabriele Stötzer

Den Auftakt der Ausstellung bilden die Super-8-Filme von Gabriele Stötzer und der Künstlerinnengruppe Erfurt, die den experimentellen Umgang mit dem Medium und seinen erzählerischen Möglichkeiten aufzeigt. In rund 15 zwischen 1983 und 1990 entstandenen Arbeiten treten Alltagsbeobachtungen neben surreale, traumartige Sequenzen und Aktionen im privaten wie im öffentlichen Raum. Im Film Veitstanz/Feixtanz (1988), der sich auf das mittelalterliche Phänomen des Tanzens bis zur Bewusstlosigkeit bezieht, versuchten Stötzer und ihre Mitstreiter*innen, dieses Ritual nachzustellen. Ekstase sollte so als Form von Ungehorsam und Widerstand erfahrbar werden – als „Ausdruck jener Freiheit, die in uns allen angelegt ist, sofern wir uns entscheiden, sie zu ergreifen“.

Die Ausstellung im Gropius Bau führt das Leben und Werk Gabriele Stötzers in sieben thematisch gestalteten Kapiteln zusammen. Neben der Präsentation ihrer Super-8-Filme widmet sich ein weiterer Raum dem Schaffen der Künstlerinnengruppe Erfurt, die als Kollektiv arbeitete und mit ihren Mode‑Objekt‑Shows ein Publikum über die lokale Kunstszene hinaus erreichte. In weiteren Räumen werden Stötzers fotografische Experimente mit Gesten, Bewegungen und unterschiedlichen Materialien sowie ihre Texte und Zeichnungen, die oft assoziativ und parallel zueinander entstehen, gezeigt. Zentral für die Ausstellung sind ihre Künstlerinnenbücher, ihre „eigenen kleinen Galerien“, in denen sich die gestalterischen Strategien Stötzers verdichten; gleichzeitig zeugen sie vom Erfindungsreichtum der Künstlerin, ihre Kunst trotz begrenztem Zugang zu Ausstellungsräumen zu zeigen.

„Gabriele Stötzer steht für eine eigenwillige, widerständige Praxis außerhalb institutioneller Strukturen. Bis heute ist die Kunst für sie ein Weg, sich mit restriktiven politischen und gesellschaftlichen Strukturen auseinanderzusetzen und Alternativen – eine freiere, eine andere Art zu leben – zu entwerfen. Mit ihrem scharfen Blick auf die Gesellschaft, ihrem klaren künstlerischen Ausdruck und echtem Punk‑Spirit fordert sie bis heute traditionelle Kategorien von Kunst heraus und zeigt, wie kraftvoll Kunst als Ort von Veränderung sein kann. Wir freuen uns, dieser wichtigen Position die Bühne zu geben, die sie verdient.“ — Jenny Schlenzka, Direktorin des Gropius Bau

Für Dabei sein und nicht schweigen entsteht zudem eine neue Arbeit: Die großformatige Skulptur Undine kommt (2026). Gemeinsam mit weiteren Wollfiguren ist Undine erstmals in ihrer ganz eigenen Präsenz und Selbstständigkeit im Ausstellungsraum zu sehen: nicht mehr als Zeichnung, nicht mehr als getragenes Kostüm, überlebensgroß und aus Elementen wie Keramik und Schafswolle. „Es geht mir um die Kraft und auch Notwendigkeit des Erscheinens dieser Figuren gemeinsam im Raum“, so Stötzer. Die Materialien, etwa die Wolle, stammen zum Teil aus Arbeiten, die Stötzer bereits in den 1980er Jahren anfertigte und die sie nun im Sinne eines fortlaufenden, lebendigen Prozesses wieder neu verwendet.

Anhand aktueller und früherer Arbeiten zeichnet Dabei sein und nicht schweigen die enge Verflechtung von künstlerischer Praxis, gesellschaftlichem Handeln und politischer Haltung nach. Die Ausstellung hebt dabei die anhaltende Relevanz von Gabriele Stötzers Werk hervor und versteht sich als Impuls für die überfällige breitere Rezeption dieser wegweisenden Künstlerin.

Begleitend zur Ausstellung erscheint eine zweisprachige Publikation in der Reihe Die Praxis – Was Künstler*innen bewegt, die Gabriele Stötzers Werk, Denken und Schaffen umfassend beleuchtet.

Kuratiert von Julia Grosse, freie Kuratorin, mit Christopher Wierling, Assistenzkurator, Gropius Bau Konzept: Julia Grosse und Franziska Schmidt, Leitung Kommunale Galerien Tempelhof-Schöneberg Ausstellungsmanagement: Sophie Winckler, Projektleitung, mit Lisa Bockius, Volontariat Ausstellungen

Die Ausstellung wird vom 14. März bis 26. September 2027 im Museum Abteiberg in Mönchengladbach zu sehen sein.

Über die Künstlerin

Gabriele Stötzer wurde 1953 in Emleben, Thüringen geboren. Von 1973 bis 1976 studierte sie Deutsch und Kunsterziehung an der Pädagogischen Hochschule Erfurt, wurde jedoch nach ihrer Solidarisierung mit exmatrikulierten Kommiliton*innen zwangsexmatrikuliert. Nach einer Unterschriftensammlung gegen die Ausbürgerung Wolf Biermanns wurde sie 1977 wegen „Staatsverleumdung“ inhaftiert. Nach ihrer Haftentlassung schloss sich Stötzer dem künstlerischen Untergrund an und leitete in Erfurt die private Galerie im Flur, bis diese 1981 von der Staatssicherheit geschlossen wurde. 1984 begründete sie die Künstlerinnengruppe Erfurt mit, die als erste ihrer Art in der DDR Freiräume für künstlerisches Schaffen erkämpfte. 1989 gehörte Stötzer zu den Initiatorinnen der Besetzung der Stasi-Bezirksverwaltung in Erfurt und engagierte sich in der Bürgerinnenbewegung Frauen für Veränderung. Nach 1990 folgten diverse Lese- und Vortragsreisen, Publikationen und Stipendien. In der Ausstellung re.act.feminism (Berlin, Roskilde, Barcelona u. a.) von 2008/2009 war ihr Werk neben international bekannten Künstlerinnen wie Valie Export, Yoko Ono oder Marina Abramović zu sehen. Stötzers Werk wurde in diesem Zusammenhang erstmals international gewürdigt. 2013 war ihre erste institutionelle Einzelausstellung in der Klassik Stiftung Weimar zu sehen. In den Jahren darauf folgten weitere Gruppen- und Einzelausstellungen, etwa in Leipzig, Berlin, Bonn, Dresden, Leipzig, Warschau und Wien. Ihre Arbeiten sind u.a. in den Sammlungen der Berlinischen Galerie, der Kunsthalle Bremen, des Deutschen Historischen Museums in Leipzig, des Getty Research Institute in Los Angeles, des Deutschen Bundestages in Berlin, der Staatlichen Kunstsammlungen in Dresden, des Städel Museums in Frankfurt am Main, des MINSK Kunsthaus in Potsdam vertreten. Für ihr politisches und künstlerisches Engagement wurde Gabriele Stötzer 2013 mit dem Bundesverdienstkreuz ausgezeichnet. Nach dem renommierten Pauli-Preis der Bremer Kunsthalle im Jahr 2024 erhält Stötzer 2026 mit dem Kaiserring der Stadt Goslar einen der bedeutendsten Kunstpreise der Welt. Sie lebt und arbeitet in Erfurt.

Gabriele Stötzer: Dabei sein und nicht schweigen wird gefördert durch die