Pressemeldung vom 2.3.2026

Wortmarke Gropius Bau

Marina Abramović: Balkan Erotic Epic. The Exhibition

15. April bis 23. August 2026

Im Frühjahr 2026 präsentiert der Gropius Bau Balkan Erotic Epic. The Exhibition von Marina Abramović, einer der einflussreichsten zeitgenössischen Künstler*innen. Die Ausstellung erstreckt sich über zehn Räume im Erdgeschoss sowie den Lichthof und das Restaurant Beba und zeigt, was die Performance-Künstlerin selbst als „das ambitionierteste Werk meiner Karriere“ bezeichnet. 

Das auf das 75-jährige Jubiläum der Berliner Festspiele zugeschnittene, genreübergreifende Projekt besteht aus zwei Teilen: der Ausstellung im Gropius Bau und einer vierstündigen Bühnenproduktion, die im Oktober die Performing Arts Season eröffnen wird. 

Balkan Erotic Epic. The Exhibition ist Marina Abramovićs erste große Einzelausstellung in Berlin seit den 1990er Jahren. Sie stellt historische Werke neuen Videoinstallationen gegenüber und untersucht, wie die Künstlerin den Körper als wirkmächtige Ressource einsetzt, um sich mit politischen Strukturen, historischen Erzählungen und den Mythologien des Balkans auseinanderzusetzen. Die Ausstellung umfasst Werke aus den 1970er Jahren bis in die Gegenwart und lenkt den Blick auf zentrale Themen ihres Œuvres: Rituale, historische Narrative des Balkans sowie die vielschichtige Verbindung zwischen Erotik und Tod.

„It’s really simple. All energy we have in our bodies is sexual energy. We can use it for creativity, for spiritual matters. Or we can repress it, and then it becomes aggression, war, anger and torture. It’s so interesting to see how such transformations were organized in a different society based on rituals.“

— Marina Abramović 

Seit 2005 arbeitet die Künstlerin an dem umfangreichen Werkkomplex Balkan Erotic Epic, nach dem die Ausstellung benannt ist. Dafür drehte sie ursprünglich eine Reihe von Videos mit Pornodarsteller*innen in Serbien. Inspiriert ist das Werk von regionalen Volksmärchen und -liedern; die darin überlieferten Rituale beruhen auf dem Glauben, dass menschliche Sexualorgane und Körperflüssigkeiten einen positiven Einfluss auf das alltägliche Leben haben können. Seit Beginn ihres künstlerischen Schaffens ist Abramović von naturreligiösen Ritualen fasziniert – vor allem von der Vorstellung, dass der menschliche Körper darin nicht als privates oder rein sexuelles Objekt erscheint, sondern als kollektive Ressource: ein Medium, mit dem Menschen gemeinsam dem Tod begegnen, Fruchtbarkeit sichern und das Gleichgewicht der Natur wiederherstellen.

Zwei Jahrzehnte später, im Jahr 2025, entschied sie, Balkan Erotic Epic wieder aufzugreifen und in verschiedenen Formen aufleben zu lassen. In Berlin wird neben der Ausstellung im Gropius Bau die vierstündige Bühnenversion zu sehen sein, die im Oktober 2026 im Haus der Berliner Festspiele gezeigt wird. Ironisch und provokativ spielt die Künstlerin in diesem Projekt mit den Mythen des Balkans.

Balkan Erotic Epic. The Exhibition macht dabei auch die oft übersehenen humorvollen Aspekte von Abramovićs Werk sichtbar und eröffnet zugleich neue Perspektiven auf ihre wiederkehrenden Motive. Sie untersucht insbesondere die Rolle von Erotik in Abramovićs Werk und deren Beziehung zu politischem Widerstand, ökologischen Zyklen und der Unausweichlichkeit des Todes. Die Ausstellung gliedert sich dabei in drei Kapitel: der politische Körper, Erotik der Erde, Erotik und Tod.

Den Auftakt der Ausstellung bildet die neue Videoarbeit Tito’s Funeral (2025), die im kostenlos zugänglichen Lichthof des Gropius Bau installiert ist. Die auf eine großformatige Leinwand projizierte Arbeit greift die Beerdigung von Josip Broz Tito auf – dem Partisanenführer, der sich während des Zweiten Weltkriegs der nationalsozialistischen Besatzung widersetzte und danach über drei Jahrzehnte das sozialistische Jugoslawien regierte. Titos Beerdigung 1980 war eine der größten öffentlichen Trauerfeiern des 20. Jahrhunderts und wurde weltweit übertragen. Die Aufnahmen zeigten Menschenmengen, die die Straßen Belgrads füllten und ihrem kollektiven Verlust und ihrer Angst vor der unbestimmten Zukunft Ausdruck verliehen.

Tito’s Funeral verbindet diese ikonischen Bilder mit südosteuropäischen Beerdigungspraktiken, bei denen Trauer öffentlich durch die rhythmischen Bewegungen und das Klagen von Frauen kanalisiert wird, die eigens dafür engagiert werden. Das Video zeigt Reihen schwarz gekleideter Frauen, die sich auf die Brust schlagen; der Rhythmus ihres kollektiven Schlagens erzeugt einen tranceähnlichen Zustand und eine zunehmend sexuelle Spannung. In Abramovićs Werk wird der Körper zum Ort sozialer und politischer Ekstase; seine erotische Energie dient als Mittel, gemeinschaftlichen Verlust zu verarbeiten und einen bestimmten historischen Moment der Region mit lokalen Bräuchen zu verbinden.

„Rituals help you to get access to a certain kind of energy. Some of them go on for days and hours on end, so you get into a state of trance. The moment your brain stops thinking, the body can have its own wisdom.”

— Marina Abramović

Ebenfalls im Lichthof befindet sich die Installation Kafana (2025), die an eine Art traditionelle, in zahlreichen Ländern des Balkans verbreitete Kneipe erinnert. Insbesondere im jugoslawischen Sozialismus ermöglichten Kafane eine temporäre Flucht aus den Alltagsroutinen und -zwängen – und bildeten so einen wichtigen sozialen Ort. Die Installation lädt Besucher*innen dazu ein, an den Tischen mit karierten Tischdecken unter einem Porträt Titos Platz zu nehmen.

Das erste Objekt in den Ausstellungsräumen ist eine kleine Figur, die aus dem Archäologischen Museum der Republik Nordmazedonien entliehen ist. Die erst 2021 in der Region ausgegrabene Keramikskulptur wird auf das Ende des 6. Jahrtausends v. u. Z. datiert. In der Balkanregion wurden Figuren dieser Art, die einen Unterleib darstellen und einer Vulva ähneln, in verschiedenen Glaubenssystemen im Rahmen von polytheistischen rituellen Praktiken verwendet. Das Sexualorgan stand dabei im Mittelpunkt der Kosmologie. Die Positionierung der Figur im ersten Raum stimmt auf die Themen der Ausstellung ein und verkörpert ein zentrales Anliegen von Abramovićs Werk: die Übertragung alter Glaubensvorstellungen und ritueller Formen in einen zeitgenössischen Kontext.

In dem Video Magic Potions (2025) stellt eine vermeintliche Wissenschaftlerin diese Rituale vor. Inmitten eines Waldes aus überlebensgroßen phallischen Pilzen präsentiert sie ihre Forschungsergebnisse und skizziert die sexuell konnotierten Praktiken der Balkanregion, die zusätzlich in einer Reihe von Animationsvideos visualisiert werden: Männer, die mit dem Erdboden kopulieren, um den Ernteertrag zu steigern; Frauen, die ihre Vulven entblößen, um den Regen aufzuhalten; die Zubereitung von Liebestränken aus Körperflüssigkeiten. Diese Gesten, die heute ausschließlich sexuell gelesen werden, erinnern an eine Zeit, in der Geschlechtsorgane als Symbole kosmischer Energie galten und die Verbindung zwischen menschlichem Verlangen, Fruchtbarkeit und den Zyklen der Natur ausdrückten. Durch die Einführung der Figur der Wissenschaftlerin spiegelt die Künstlerin zugleich satirisch den ethnografischen, westlichen Blick, mit dem die Bewohner*innen der Balkanregion lange als die weniger entwickelten „Anderen“ Europas konstruiert wurden. Damit eignet sich Abramović die spirituellen und ökologischen Möglichkeiten des verkörperten Wissens wieder an – eines Wissens, das in der westlichen Wissenschaft lange Zeit abgewertet wurde.

Die Ausstellung umfasst mehrere Live-Performances, darunter eine Wiederaufführung der Arbeit Nude with Skeleton (2002/2026), die in der ursprünglichen Fassung von Abramović selbst performt wurde. Sie findet während der Öffnungszeiten täglich zwischen 14:00 und 18:00 Uhr statt. In diesem Werk bringt der nackte Körper der Performer*innen durch seine Atmung ein Skelett in Bewegung und unterstreicht die intime, physische Nähe von Leben und Tod. Die Eröffnung der Ausstellung wird zudem von einer Szene aus der Bühnenversion von Balkan Erotic Epic begleitet: einem Klagelied der bekannten serbischen Sängerin Svetlana Spajić, das die zentrale Videoinstallation des Lichthofs, Tito’s Funeral, aktiviert.

Balkan Erotic Epic. The Exhibition bringt aktuelle Arbeiten in einen Dialog mit früheren Werken – wie u. a. Rhythm 5 (1974), Lips of Thomas (1975/2005) und Spirit Cooking (1996) – und ermöglicht so eine Betrachtung im Kontext ihres gesamten Œuvres. Auf diese Weise lässt sich die Entwicklung der wiederkehrenden Themen in ihrem Schaffen nachvollziehen: Abramovićs anhaltende Auseinandersetzung mit Erotik als spiritueller, gemeinschaftlicher und gesellschaftskritischer Kraft; Perspektiven auf die Widersprüche des jugoslawischen Sozialismus und die Sozialgeschichte, Folklore und Mythologie des Balkans. „Auch wenn es düster ist und sich mit dem Tod befasst, ist das neue Werk sehr lebensbejahend“, sagt Jenny Schlenzka, Direktorin des Gropius Bau. „Und es enthält viele ironische Elemente. Humor war schon immer Teil ihrer Arbeit, aber jetzt ist er ausgeprägter. Sie wird dieses Jahr 80 Jahre alt und erfindet dennoch ihre Performancekunst völlig neu.“

Kuratiert von Agnes Gryczkowska, Kuratorin und Autorin, und Jenny Schlenzka, Direktorin, Gropius Bau, mit Elena Franziska Setzer, Assistenzkuratorin, Gropius Bau, und Savannah Thümler, Kuratorische Assistenz, Gropius Bau
Ausstellungsmanagement: Katharina Heise, Sophie Winckler und Nora Bergbreiter, Projektleitungen

Über die Künstlerin

Marina Abramović ist Konzept- und Performancekünstlerin. Seit Beginn ihrer Karriere in Belgrad in den frühen 1970er Jahren leistet Abramović bahnbrechende Arbeit im Bereich der Performance als visueller Kunstform. 2012 gründete sie das Marina Abramović Institute (MAI), eine gemeinnützige Stiftung für Performancekunst, die sich auf Performance und die Anwendung der „Abramović-Methode“ konzentriert.

Das MAI ist eine Plattform für immaterielle und lang andauernde Arbeiten, um neue Möglichkeiten der Zusammenarbeit zwischen Denker*innen aller Bereiche zu schaffen. Abramović war eine der ersten Performancekünstler*innen, die von der institutionellen Museumswelt offiziell anerkannt wurde und große Einzelausstellungen in Europa, den USA und China hatte. Im Jahr 2025 wurde sie von der Japan Art Association mit dem Preis Praemium Imperiale für Skulptur ausgezeichnet. 

Über die Publikation

Die Ausstellung wird begleitet von der Publikation On the Erotic, die ein Interview mit der Künstlerin sowie Texte von Agnes Gryczkowska, Audre Lorde, Svetlana Racanović, Silvia Federici, Mithu M. Sanyal, Elizabeth M. Stephens und Annie M. Sprinkle enthält. Das Buch ist Teil der Reihe Die Praxis – Was Künstler*innen bewegt des Gropius Bau, konzipiert und herausgegeben von Jenny Schlenzka und Julia Grosse. Die Reihe lädt Künstler*innen ein, über eine Praxis zu reflektieren, die ihr Schaffen geprägt, ihr Denken beeinflusst oder sie über einen längeren Zeitraum begleitet hat. In diesem 128-seitigen Band thematisiert Abramović die weibliche Sexualität nach den Wechseljahren, die Erotik der Massen und ihre Liebe zum Planeten. Weitere Texte beschäftigen sich mit Politiken der Erotik, der Öko-Sex-Bewegung und der Symbolik der Vulva.