Ein schwarz/weißes Porträt von Hans Werner Henze

Hans Werner Henze © Malcolm Crowthers

Hans Werner Henze

Innerhalb der zeitgenössischen Musik vertritt Hans Werner Henze (1926–2012) eine dezidiert individuelle, einzelgängerische Position. Während viele andere Komponist*innen eine bestimmte musikalische Konzeption möglichst rein und konsequent umsetzen wollen, geht es Henze vor allem darum, sich verständlich zu machen, aufgeschlossene Hörer*innen zu erreichen und zu bewegen, ohne dabei im künstlerischen Anspruch nachzulassen. Dieser Ansatz trifft sich mit seinem Sinn für Dramatik und seiner großen literarischen Sensibilität. In Henzes ungewöhnlich reichem Werkverzeichnis dominieren Opern und verschiedenartige Bühnenwerke, es umfasst aber auch zehn Sinfonien und zahlreiche weitere Orchesterkompositionen, die häufig literarisch inspiriert sind. Viele Stücke haben den Charakter des politischen Bekenntnisses und des Protests gegen den Weltlauf. Eine weitere, hiervon ganz unabhängige Konstante seines Schaffens ist sein Sinn für Schönheit und ästhetische Verfeinerung.

Hans Werner Henze wurde 1926 in Gütersloh in eine musikliebende Familie hineingeboren. Heftige Konflikte mit dem Vater, einem überzeugten Nationalsozialisten, die Einberufung zu Arbeitsdienst und Wehrmacht mit 16 Jahren und das Erleben des Kriegsendes in britischer Gefangenschaft prägten seine Jugend. Nach diesen Erfahrungen standen Henzes lebenslange Verabscheuung autoritärer Tendenzen und seine Verortung im linken politischen Spektrum fest. 

Seine musikalischen Studien konnte Henze infolge des Kriegs erst verspätet aufnehmen. 1946 wurde er Kompositionsschüler Wolfgang Fortners, 1949 dann von René Leibowitz, und vertiefte sich in die vormals in Deutschland unterdrückte neue Musik. Mit seinen Werken gelang es Henze rasch, sich als eigenständige Stimme der jungen Komponist*innengeneration zu profilieren, ohne je zu den in der Musikpublizistik tonangebenden Vertretern der Darmstädter Avantgarde um Karlheinz Stockhausen zu gehören. 1952 lernte Henze bei einer Tagung der Gruppe 47 die Dichterin Ingeborg Bachmann kennen, mit der sich eine lange und produktive Künstler*innenfreundschaft entspann. Abgestoßen vom muffigen gesellschaftlichen Klima im Nachkriegsdeutschland zog Henze 1953 nach Italien, das ihm zur Wahlheimat wurde. Zeitweise teile er dort mit Ingeborg Bachmann eine Wohnung. Im deutschen Musikleben blieb Henze weiterhin stark präsent, feierte große Erfolge und erhielt repräsentative Kompositionsaufträge.

In der Zeit der Studentenunruhen nahm Henze als mittlerweile international hoch angesehener Künstler offensiv Stellung auf der Seite der Linken und wendete sich in seinen Werken explizit politischen Themen zu. Seit Mitte der 1970er-Jahre engagierte er sich stark für die Förderung des künstlerischen Nachwuchses, rief Musiktheaterfestivals wie die Münchener Biennale ins Leben und initiierte Projekte der musikalischen Laienarbeit. Bis ins hohe Alter produktiv schuf Henze noch mehrere Musiktheaterstücke und große symphonische Kompositionen. Er starb am 27. Oktober 2012 in Dresden.