Konzert
Titus Engel, Leitung
Stockhausen / Cage / Wagner

Apollo 10 umkreist den Mond, 1969 © akg-images
Wenige Tage vor der Premiere der Oper Mittwoch aus Licht widmet sich Titus Engel in seinem ersten Konzert als Conductor in Residence mit dem Orchester der Deutschen Oper Berlin einer Szene aus einem anderen Tag von Karlheinz Stockhausens wochenumspannenden Opernzyklus – dem zweiten Akt der Oper Donnerstag aus Licht. Als reiner Instrumentalteil zeichnet Michaels Reise um die Erde einen Heldenweg mit abschließender Himmelfahrt. Offenkundig sind die Parallelen zu Parsifals Weg, der zutiefst von Richard Wagners Affinität zur religiösen Spiritualität geprägt ist und in Ausschnitten zum Abschluss des Abends erklingt. Als Bindeglied und Einstimmung auf die quasi-sakrale Atmosphäre erklingt John Cages Stück 4′33″, das durch die Entdeckung der musikalischen Pause als Klangraum das Hören und Zuhören neu ausgerichtet und herausgefordert hat.
Karlheinz Stockhausen gilt als Erfinder der punktuellen Musik und der Moment-Form. Als Hauptvertreter des Serialismus war er Pionier der aleatorischen und elektronischen Musik, ebenso wie der abstrakten Raumkomposition. Wie kaum ein anderer hat er die europäische Nachkriegsmoderne geprägt – weil er die „Stunde Null“ nach den Zerstörungen des Zweiten Weltkriegs als historische Chance für einen radikalen Neuanfang verstand. Mit seinem zwischen 1977 und 2003 komponierten Opernzyklus Licht – die sieben Teile entsprechen den einzelnen Wochentagen – schuf er ein synkretistisches Schöpfungs- und Welttheater, das mit seinen rund 29 Stunden Musik um den Erzengel Michael, seinen Gegenspieler Luzifer und das „Sternenmädchen“ Eva kreist: ein monumentales Gesamtkunstwerk der Superlative. In Michaels Reise um die Erde repräsentiert die Solotrompete den Protagonisten bei seiner symbolischen Exkursion in das eigene Ich – wobei die Musik stilistisch den einzelnen Stationen (unter anderem Japan, Bali, Indien und Zentralafrika) nachempfunden ist. In Jerusalem trifft Michael schließlich auf Eva, mit der er in Himmelfahrt musikalisch in einem „dichten Triller“ (Stockhausen) verschmilzt. Anspruch auf religiöse Tiefendimension und kultische Erhabenheit erhob auch Richard Wagner in seinem Parsifal, aus dem nach der Pause Ausschnitte auf dem Programm stehen. Ungeachtet aller christlicher Symbolik verschmelzen auch in diesem „Bühnenweihfestspiel“ (Wagner) unterschiedlichste religiöse Traditionen – inklusive Naturspiritualität und buddhistisch-schopenhauerischem Gedankengut. Zwischen beiden Stücken, die bis heute ein mystischer Nimbus umgibt, erklingt mit John Cages 4′33″ ein Schlüsselwerk der Neuen Musik – und zwar eines, mit dem der vom Zen-Buddhismus beeinflusste Cage eine faszinierende Übung im achtsamen Hören schuf. Die konzertante Aufführung von Michaels Reise um die Erde bildet den Auftakt des von Titus Engel mitkuratierten Themenschwerpunkts der Deutschen Oper Berlin zu Stockhausen und Cage.
Karlheinz Stockhausen (1928–2007)
Michaels Reise um die Erde (1978)
2. Akt aus Donnerstag aus Licht
Oper in drei Akten, einem Gruß und einem Abschied
Konzertante Aufführung
John Cage (1912–1992)
4′33″ (1952)
Richard Wagner (1813–1883)
Parsifal (1865–82)
Ausschnitte aus dem 3. Aufzug des Bühnenweihfestspiels
Konzertante Aufführung
Attilio Glaser – Tenor (Parsifal)
Tareq Nazmi – Bass (Gurnemanz)
Paul Hübner – Solo-Trompete
Paula Breland – Solo-Bassetthorn
Orchester der Deutschen Oper Berlin
Titus Engel – Musikalische Leitung
Paul Jeukendrup – Klangregie
Eine Veranstaltung der Deutschen Oper Berlin in Kooperation mit Berliner Festspiele / Musikfest Berlin