Nggam Web Vibration © Tomás Saraceno

Tomás Saraceno

Play-Ground Spider / web vibration, divination… for the terrestrial and cosmic web(s) of life, 2024

Eine Möglichkeit, die Erde und ihre Ökosysteme zu begreifen, ist durch die Wahrnehmung von Vibration. Alle lebende und nicht lebende Materie enthält Energie, eine Kraft, die alle Partikel im Universum miteinander verbindet - sei es ein Grashalm, ein Stein, ein Insekt, ein menschlicher Körper oder ein Komet. Für die Spinne ist ihre Umwelt eine Welt der Vibrationen. Die netzbauende Spinne ist quasi blind, sie erschafft sich ein Bild von der Welt, indem sie vibrierende Schwingungen aussendet und zurückverfolgt. Dabei fungiert sie als Sender und Empfänger zugleich.

Gemeinsam mit Spinnen und ihren Netzen, mit Wissenschaftler*innen und Menschen, die sich mit situiertem Wissen beschäftigen, haben Tomás Saraceno und die Projektgemeinschaft Arachnophilia die Möglichkeiten für Beziehungen innerhalb und zwischen verschiedenen Spezies erweitert. Die Installation für Radical Playgrounds überträgt die Vibrationen von Holocnemus pluchei, Steatoda bipuncta sowie anderer Spinnen, die im Gropius Bau und Gropius Hain vorkommen, auf den Boden und eröffnet damit Gelegenheiten, sich auf nicht-menschliche Lebensweisen einzustimmen. Im Dialog mit dem Arachnophilia-Mitglied Roland Mühlethaler entwickelt, ist Play-Ground eine begehbare Installation, in der die Pflastersteine im Einklang mit den Frequenzen sowohl des Spinnennetzes als auch des kosmischen Netzes schwingen und vibrieren. Wenn Spielplätze Orte sind, an denen wir spielerisch lernen, dann bietet dieses Areal weitere Lektionen in planetarer (Neu-)Gestaltung.

Wie der sogenannte Schmetterlingseffekt, der einen kausalen Zusammenhang postuliert zwischen dem Flügelschlag eines Schmetterlings an einem Ort und Windböen, die sich andernorts zu einem Tornado formen, leitet diese Installation Vibrationen an andere Orte um. Vom Spielplatz am Gropius Hain bis zu den Spinnen und Wahrsagern von Somié in Kamerun, wo die Praxis der ngam dù-Spinnenbefragung Menschen dabei hilft, mehr über ihr Leben zu erfahren. Bollo Pierre ‚Tadios‘ ist ein Vermittler der Heteroscodra crassipies (oder ngam, wie sie dort genannt wird) – einer am Boden lebenden Spinnenart, die in den Wäldern von Somié vorkommt. Die Spinnen können über das Internetportal nggamdu.org konsultiert werden, das im Jahr 2021 mit Mitteln des Gropius Baus und der Berliner Festspiele ins Leben gerufen wurde. Die Gage des Künstlers wurde zur Unterstützung der Praxis der rituellen Spinnenbefragung eingesetzt.

Tomás Saraceno ist ein in Argentinien geborener und in Berlin lebender Künstler, dessen Projekte mit Formen des Lebens und der Lebensgestaltung in Dialog treten, indem sie die vorherrschenden Wissensfäden im Zeitalter des Kapitalozäns neu überdenken und erkennen, wie verschiedene Seinsweisen eine Vielzahl von Schwingungen im Netz des Lebens in sich tragen.

 

Mit
Evarcha arcuata, Steatoda bipunctata, Araneus diadematus, Pardosa lugubris, Holocnemus pluchei… mit nggamdu.org (Bollo Pierre ‘Tadios’, Iréné Nguea, ŋgam) und Arachnophilia