Tanz
theater für niedersachsen, tfn-Jugendensemble in Kooperation mit SALTAZIO, Schule der Tanzkünste
Hildesheim, Niedersachsen

Till Eulenspiegel – Teile Von Mir © Tim Müller, buehnenfotograf.de
Das Ensemble begegnet der Figur des Till Eulenspiegel als Sinnbild für Widerspruch, Neugier und Trotz. Zwischen zeitgenössischem Tanz und Performance entstehen Bilder, die fragen, was Eulenspiegel heute bedeuten kann. Das Stück spielt mit Erwartungen und lädt dazu ein, Regeln und Konventionen durch Tills Augen neu zu denken.
Produktion und Ensemble
In Till Eulenspiegel – Teile Von Mir setzt sich das Ensemble mit der Figur und dem Motiv des Till Eulenspiegel auseinander. Wie Eulenspiegel selbst entzieht sich auch diese Inszenierung einer eindeutigen Einordnung: Zeitgenössischer Tanz begegnet performativen Momenten, choreografische und theatrale Ansätze greifen ineinander und eröffnen unterschiedliche Perspektiven auf den Stoff.
Am Anfang steht der Trotz. Denn Eulenspiegel weigert sich, so zu sein, wie andere ihn haben wollen oder es von ihm erwarten. Mit dieser Haltung spielt das Ensemble: Es greift Erwartungen auf, unterwandert sie, bricht oder bestätigt sie augenzwinkernd. So wird Eulenspiegel nicht nur zur Figur, sondern zu einer künstlerischen Praxis des Hinterfragens.
Im Zentrum steht die Frage, was einen Till Eulenspiegel heute ausmachen würde– und ob wir selbst Eulenspiegel sein können. Neben Motiven wie dem berühmten Seiltanz entfaltet sich immer wieder die Frage: „Bin ich Till?“ Choreografische Szenen verbinden diese Suche mit den Lebenswirklichkeiten der Ensemblemitglieder und zeigen, wie vielfältig Eulenspiegel gedacht und verkörpert werden kann.
Im Stoff Till Eulenspiegel steckt die Frage nach den Möglichkeiten des Einzelnen innerhalb der Gesellschaft und nach den Möglichkeiten, Gesellschaft selbst zu verändern. Das Stück lädt dazu ein, Regeln, Konventionen und Gewissheiten aus Eulenspiegels Perspektive zu betrachten und zu fragen: „Macht das eigentlich Sinn? Geht das nicht anders? Muss das so sein?“
Jurykommentar von Jan Kress und Sonia Franken
Junge Menschen aus Hildesheim halten uns – ganz im Sinne ihres Titels – den „Eulenspiegel“ vor. Sie tun es mit zeitgenössischem Tanz, der sich selbstbewusst und hinterfragend einem scheinbar alten, vermeintlich vertrauten Stoff widmet: Till Eulenspiegel, dessen Erlebnisse seit dem 16. Jahrhundert erzählt werden und als Volksgut kursieren. Gefühlt werden gleich alle 96 überlieferten Geschichten raumgreifend in die Gegenwart hineingetanzt: Ein großer, lebendiger Raum, der ständig neu gefasst wird, mit klaren Auf- und Abgängen, mit einem bewussten Spiel der Gruppen und Soli, mit Verdichtungen und Leerstellen.
Eine Aufgabe aus dem Probenprozess lautete: „Wie macht ihr einen Raum kaputt?“ – gefolgt von: „Gestaltet dies als Jazz-Version.“ Diese scheinbar paradoxe Aufgabe steht stellvertretend für die besondere Herangehensweise an die eindeutig uneindeutige Figur Till Eulenspiegels und die Übertragung auf uns heute. Die Tänzer*innen fragen nicht nur: „Wer ist Till?“ – sie fragen: „Wo ist Till in mir?“ Till ist hier nicht nur der Freche, der Grobian, der Grenzgänger, sondern auch jene Stimme, die zweifelt, widerspricht und überfordert ist. Der Hildesheimer „Till“ ist nur kurz eine Figur mit Narrenkappe, vielmehr ein künstlerisches Werkzeug, mit dem junge Menschen Normen, Rollenbilder, Toleranz, Überforderung und ihre eigenen Widersprüche verhandeln und in Szene setzen.
Das Stück ist sprichwörtlich eine Nummernschau – und schafft es gleichzeitig sich dieser Idee zu entziehen: eine Szene jagt die nächste, kleine Versuchsanordnungen, Miniaturen, Skizzen, mal knallhart und direkt, mal tastend und poetisch. Ohne Scheu, die Genres oder das Medium zu wechseln. Besonders eindrucksvoll ist, wie mit Humor, Schärfe und Mut die Ambivalenz unserer Gegenwart auseinandergenommen wird. Da wird etwa der Toleranzbegriff auf die Bühne gezerrt und zerlegt: Was bedeutet es, tolerant zu sein? Wo kippt Toleranz in Gleichgültigkeit oder Selbstüberforderung?
Im Nachgespräch fiel ein Satz, der diese Arbeit auf den Punkt bringt: „Wir haben uns selbst und die anderen durch Till kennengelernt.“ Hier wird ein klassisches Material genutzt, um Selbst- und Fremdbilder zu verhandeln und einen gemeinsamen Denkraum zu öffnen, in dem junge Menschen sich ausprobieren, widersprechen, scheitern und lachen – und sich in all dem ernst nehmen können.
Als Jury wünschen wir uns, dass genau solche Stücke Inhalte transportieren, die aus dem Kunstbereich austreten und Raum im Alltag finden: in Schulfluren, auf Pausenhöfen, in Familien, in Freundeskreisen. Zugleich hoffen wir, dass Theaterhäuser und Ensembles diese Impulse nutzen, um künftig noch mehr unterschiedliche Jugendliche zu erreichen und auch jene Stimmen zu ermutigen, die bisher selten auf Bühnen zu finden sind.
Thea Bartlakowski, Mina Burkhard, Kilian Dedroogh, Danica Dobric, Lydia Dorndorf, Greta Engelbrecher, Leonie Francke, Hanna Gärtner, Naemi Hauser, Pauline Hennies, Johanna Kunze, Delia Lenz, Emil Maasberg, Amy Mittelsteiner, Mina Riebau, Scarlett Rotmann, Ani Safarian, Ava Tavares, Dune Tavares, Lilith Tavares
Felix Berner, Judith Hölscher – Inszenierung, Choreografie
Lars Linnhoff – Bühne
Amelie Müller – Kostüme
David Pagan – Komposition
Philipp Wegerer – Dramaturgie
Benjamin Hanke – Regieassistenz
Nadine Dannemann – Ausstattungsassistenz Bühne
Jil-Joséfin von der Oelsnitz – Ausstattungsassistenz Kostüm
Mick Lee Kuzia – Inspizienz
Maite Herborn, Cosmo Aurelio Kühnert – Hospitanz Choreografie