Konzert | Schule machen: Open Your Ears
Spots & Birds and Telephones
Ohne die Entdeckung des ganz normalen Lebens wäre die Geschichte der modernen Künste nicht nur anders verlaufen: Sie hätte wohl gar nicht stattgefunden. „Leben ist Kunst - Kunst ist Leben“ lautete Anfang der sechziger Jahre eine essenzielle Maxime, formuliert vom Fluxus- und Happening-Künstler Wolf Vostell. Und sie gilt fürs ganze 20. Jahrhundert und darüber hinaus bis heute. Die neue Musik hat die rasanten Exkursionen in den Alltag behände mit gemacht und experimentiert seit Jahrzehnten intensiv mit allen möglichen Materialien, die ursprünglich für andere Zwecke als fürs eigentliche Musikmachen entstanden sind.
Sie alle aufzählen zu wollen, sprengt vielleicht nicht das world wide web, aber so manche Server könnte man damit verstopfen. Sehen Sie sich nur um, wo auch immer Sie sich gerade befinden. Alles, was sie sehen, hat bestimmt schon einmal auf der Bühne der neuen Musik seinen ästhetischen Platz gehabt. Und wenn zufälligerweise doch nicht, so eben noch nicht. Die Ausflüge der Künstler und Musiker ins ganz normale Leben samt den Klängen der Natur werden sobald, wenn überhaupt einmal, nicht enden. Warum auch?
Die künstlerischen Exkursionen bringen großartige Fundstücke ans kulturelle Tageslicht, verändern das Denken, die Wahrnehmung und die Sensibilität den banalen Dingen gegenüber, sie schärfen das Bewusstsein für die alltäglichen Umgebungen und Situationen. Der Komponist, der auf diesem Sektor Bahnbrechendes geleistet hat, ist John Cage (1912-1992).
Viele seiner Werke verdanken sich konkreten Erlebnissen des Alltags und der Natur. „Branches“ (1976) ist so ein Stück, hier geht es um die Klänge von Pflanzen und floralen Materialien. „Telephones and Birds“ (1977) ist ein anderes. Klar, der Titel sagt‘s schon, es geht ums Telefonieren und um Vogelstimmen. Die Reihe von Cages Alltagserkundungsmusiken ließe sich seitenlang fortführen, aber er hat nicht nur solche Stücke geschrieben.
Auch das soziale Miteinander beim Musikmachen hat ihn in vielen seiner Kompositionen beschäftigt, so in „Variations II“ (1961). Hier müssen sich die Musiker, bevor es losgeht, zuerst einmal selbst ihre Stimme herstellen, geradezu „basteln“: Bedruckte Transparentfolien sind zufällig übereinander zu legen, um die einzelnen Informationen für das spätere Spiel zu ermitteln. Womit dann anschließend Musik gemacht wird, ist dem Komponisten egal, ebenso frei ist die Anzahl der Spieler. Diese drei experimentellen Musikstücke John Cages sowie zwei weitere, ebenso multimediale Werke des Komponisten Frederic Rzewski stehen im Mittelpunkt des aktuellen Schülerprojekts „Open your Ears“ vom Konzerthaus Berlin. Die künstlerischen Mentoren sind die Musiker des renommierten Kammerensemble Neue Musik Berlin. Intensiv haben sie mit Berliner Schülergruppen die Stücke erarbeitet sowie den Konzertabend gestaltet. Ein zweifellos aufwendiger Abend für die Jugendlichen. Schließlich verlangen die benötigten Elektrogeräte wie Mikrofone, Verstärker, Lautsprecher und Videobeamer (es werden selbst gedrehte Spots gezeigt) großes Technik- und Musikverständnis. All das - und natürlich das Aufführen der Stücke selbst - haben sich die Schülerteams unter Anleitung des KNM Berlin selbst beigebracht und sind so selbst Teil des musikalischen Alltags innerhalb der MaerzMusik geworden.
Außer den schon genannten Stücken, die teils mit den Musikern vom KNM Berlin aufgeführt werden, spielt das Ensemble selbst noch John Cages „Variations I“ (1958) sowie Alvin Luciers irisierendes und schwebendes Streichquartett „Navigations“ (1992).
John Cage
Branches (1976)
Telephones and Birds (1977)
Variations I (1958)
Variations II (1961)
Alvin Lucier
Navigations for Strings (1991)
Frederic Rzewski
Chains (1986), Auswahl
Spots (1986), Auswahl
Kammerensemble Neue Musik Berlin
und Jugendliche aus Berliner Schulen
Thomas Bruns – Künstlerische Leitung, Konzept
Jörg Herrmann – Leitung Videoprojekt
Konzerthaus Berlin in Kooperation mit MaerzMusik I Berliner Festspiele