Konzert

WDR Sinfonieorchester I

Kent Nagano, Leitung
Alex Nante / Jean-Claude Touche / Jehan Alain / Yvonne Loriod (UA)

Schwarz-Weiß-Porträt von  Yvonne Loriod am Klavier sitzend

Yvonne Loriod © akg-images / Marion Kalter

Eine musikalische Sensation: Die hoch expressive Orchestermusik von Yvonne Loriod erklingt zum ersten Mal. Die brillante Pianistin und legendäre Klavierpädagogin, 1924 in Paris geboren, war zu Lebzeiten vor allem als Interpretin der Musik ihres Mannes Olivier Messiaen bekannt. Das WDR Sinfonieorchester und Kent Nagano bringen erstmals eine ihrer zahlreichen Kompositionen für große Besetzung ans Tageslicht: La Sainte Face, eine 15-sätzige musikalische Beschreibung des „heiligen Antlitzes“ für Sopran und Orchester. Sarah Aristidou verleiht dieser lange im Verborgenen gebliebenen, religiös inspirierten Musik ihre Stimme. Eine seltene Gelegenheit, eines der faszinierendsten musikalisch-religiösen Bekenntniswerke des 20. Jahrhunderts zu erleben.

Einführungsveranstaltung
Olivia Artner im Gespräch mit Alex Nante
18:10 Uhr, Südfoyer


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Zu Martin Luthers bekanntesten Kirchenliedern gehört Ein feste Burg ist unser Gott, das zu einem klingenden Symbol der kirchlichen Erneuerung wurde: Noch Heinrich Heine bezeichnete das Stück als „Marseiller Hymne der Reformation“. Das Kirchenlied liegt auch Johann Sebastian Bachs gleichnamigem Choralsatz BWV 302 zugrunde. Diesen nimmt wiederum Alex Nante zum Ausgangspunkt seines Orchesterstücks, in dem auch Bachs Choral So gehst du nun, mein Jesu, hin, den Tod für mich zu leiden anklingt: „Als Christ“, so der argentinische Komponist, „empfand ich das Bedürfnis, beide Aspekte – das Leiden und die Herrlichkeit Christi – musikalisch darzustellen, da das eine ohne das andere nicht existieren kann.“

Vom Leiden und der Liebe Christi handelt auch Yvonne Loriods La Sainte Face, das die berühmte Pianistin und spätere Ehefrau von Olivier Messiaen im Alter von 21 Jahren verfasste. Eine Notiz der Komponistin in der Partitur stellt eine Verbindung des Werkes zu der Befreiung von Paris 1944 her: La Sainte Face ist den letzten Tagen von Jean-Claude Touche gewidmet, einem begnadeten Organisten, Komponisten und Mitstudenten von Loriod. Der 18-jährige Touche wurde am 25. August 1944, dem Tag der Befreiung, als Sanitäter in den Pariser Straßenkämpfen von einer deutschen Gewehrkugel getroffen und erlag später den Verletzungen.

Der Dirigent Kent Nagano, einst Student von Yvonne Loriod und Olivier Messiaen, hat die 1945 mit schwarzer Tinte handgeschriebenen 280 Partiturseiten von La Sainte Face rund 80 Jahre später in der Pariser Nationalbibliothek entdeckt. Erschließung und Drucklegung offenbarten außergewöhnliche Dimensionen: Die zunächst auf 45 Minuten geschätzte Dauer des Werkes beläuft sich tatsächlich auf circa 90 Minuten. Und die aus einem Solist*innen-Trio – mit Sopran, Flöte und Harfe – und Orchester bestehende Besetzung wird in den 15 Sätzen von jeweils unterschiedlichen Instrumenten-Konstellationen gestaltet, unter anderem von 7 Flöten oder 6 Violoncelli oder zwei Ondes Martenot.

Aufgrund des besonderen geschichtlichen Kontextes und der Werkdauer von La Sainte Face hat das Konzertprogramm eine neue Gestalt angenommen: Anstelle der geplanten Aufführung der Reformations-Sinfonie von Felix Mendelssohn Bartholdy am Ende des Programms werden der Premiere von La Sainte Face drei Orgelwerke von Jean-Claude Touche und zwei Orgel-Fantasien von Jehan Alain vorangestellt.

Programm

Alex Nante (*1992)
Ein feste Burg (2025)
Komposition für Orchester über den Choral BWV 302 von Johann Sebastian Bach 

Jean-Claude Touche (1926–1944)
Trois pièces pour orgue (1940er-Jahre)
Pastorale
Elévation
Thème et variations sur Veni Creator

Jehan Ariste Alain (1911–1940)
Première fantaisie (1943)
Deuxième fantaisie (1939)
für Orgel

Yvonne Loriod (1924–2010)
La Sainte Face (1945)
Contemplations für Soli und Orchester
Uraufführung

TEIL I
1. Erscheinung auf dem Heiligen Grabtuch von Turin
2. Der schmerzverzerrte Mund
3. Die misshandelte Nase
4. Die zarten Augenlider, die die Tränen – kostbare Diamanten – verhüllen – Heilige Theresa
5. Über geschwollene Wangen fließen brennende Tränen
6. Die Wunden der Dornenkrone 
7. Die Augenbrauen, die das Blut der Wunden auffangen
8. Das feine schwarze Haar, mit Spucke besudelt
9. Das zarte, abgezehrte Gesicht 
10. Die Züge des Heiligen Antlitzes erscheinen auf uns wie eine unsterbliche Träne 
11. Gesicht des Friedens, vom Dickicht der Haare umrahmt... Göttliches Vorbild der Klöster, die seine Ruhestätte werden
12. Gott aufgeben
13. Betrachten wir mit halbgeschlossenen Augen das Heilige Antlitz, so scheint es uns, als sähen wir in seinen Zügen die Verzweiflung und das Ungleichgewicht der Natur im Augenblick des Todes
14. Die wütende Qual des Bösen auf dem Heiligen Antlitz
TEIL II
15. Nachsinnen über die Lilie

Mitwirkende

Henry Fairs – Orgel

Sarah Aristidou – Sopran
Wendy Vo Cong Tri – Flöte
Emily Hoile – Harfe

WDR Sinfonieorchester
Kent Nagano – Leitung

Eine Veranstaltung der Berliner Festspiele / Musikfest Berlin