Ein Muster aus farbigen Linien und Kreisen auf Asphalt

Céline Condorelli, Play for Today, Installationsansicht, École de la Porte d’Eau, 2022. Photograph by Caroline Douau © FRAC Grand Large

Radical Playgrounds

Ein Kunstparcours am Gropius Bau

Kuratiert von Joanna Warsza und Benjamin Foerster-Baldenius
Architektur: raumlaborberlin

Der öffentliche Raum ermöglicht Beziehungen unter Fremden – und verbindet dabei nicht nur, sondern legt auch offen, was uns trennt. Städtische Spielplätze sind öffentliche Räume von besonderer Bedeutung, denn hier werden die Spannungsverhältnisse zwischen Regeln und Freiräumen ständig aufs Neue verhandelt. Zwischen dem Vertrauten und dem Unbekannten, Grenzen und ihrer Überschreitung, der Gegenwart und der Zukunft.

Berlin ist für seine zahlreichen Kinderspielplätze bekannt. Doch der Kunstparcours „Radical Playgrounds“ macht jetzt Ernst mit dem Spiel: Elf Wochen lang wird auf dem Parkplatz am Gropius Bau eine Art künstlerischer Vergnügungspark entstehen, melancholisch und heiter zugleich, spaßig und kritisch. In einem Labyrinth aus großformatigen Kunstwerken und vielfältig begeh- und erklimmbaren Skulpturen, in zahlreichen Veranstaltungen, Performances und Bauworkshops sowie in einer Ausstellung zur gemeinsamen Geschichte von Spielplätzen und politischem Aktivismus erleben wir open air, wie gemeinsames Spiel auch zu verbinden und zu versöhnen, sogar zu heilen vermag. So schaffen wir einen öffentlichen Raum, in dem für Erwachsene wie für Kinder gleichermaßen das Miteinander wichtiger wird, produktiver, lustiger und schöner als das Gegeneinander.

Vor und während der Fußball-Europameisterschaft in Deutschland beschäftigt sich Radical Playgrounds mit den Unterschieden zwischen den Konzepten des Spiels als Wettkampf und dem freien Spielen. Bei sportlichen Spielen gibt es feste Regeln und klar definierte Sieger*innen und Verlierer*innen. Häufig geht es dabei sowohl darum, Emotionen zu lenken als auch Konflikt und Konfrontation zu kultivieren oder zu sublimieren. Beim freien Spielen miteinander können wir hingegen jederzeit die Ausgangssituation verändern und die Regeln neu erfinden. Wir können auf Distanz gehen und wieder zusammenkommen; wir können Worte finden, um das Schwierige, das Schmerzhafte oder das Ungesagte auszudrücken. Und so alle gewinnen.

Radical Playgrounds bietet einen Freiraum für gemeinsames Lernen und Verlernen, in dem wir frei sind Dinge auszuprobieren und gefahrlos Fehler begehen können. Dieser Raum ist radikal frei von Konkurrenzdenken; hier kann das gesellschaftsbildende und politische Potential des Spielens reflektiert und praktiziert werden. Die Besucher*innen spazieren zwischen verschiedenen Pavillons, begehbaren Strukturen und bespielbaren Installationen. Sie begegnen Arbeiten, die sich des Grundvokabulars von Spielplätzen bedienen, dabei aber für weitaus mehr plädieren. Sie sind eingeladen, in einem dekolonialen Sandkasten zu buddeln, auf einer indigenen Schaukel Platz zu nehmen oder sich auf einem entropischen Karussell zu drehen. Es gibt Spielobjekte als Anerkennung kollektiver Intelligenz, die keine anderen Verfasser*innen kennt als die Menschheit als Ganzes. Eine unvollständige Pyramide, deren Einzelteile in die Museen Europas verbracht wurden, lädt dazu ein, sie wieder zusammenzusetzen. Deep Listening-Sessions geben Gelegenheit, sich hinzulegen und dem Vibrieren des Planeten zu lauschen. Als Kunstparcours experimentiert Radical Playgrounds mit dem gemeinsamen, aber multidirektionaler urbaner Praxis in Zeiten scharfer Polarisierungen, und übt die performativen Dimensionen des Spiels als einen Zustand, der uns hilft, Veränderungen anzunehmen und Trennungen zu überwinden.

Eine besondere Performance von Massimo Furlan wird außerdem demonstrieren, wie die Vorstellung von einem Spiel durch die des Spielens hinterfragt werden kann: In seiner legendären Arbeit stellen zwei Personen das WM-Fußballspiel zwischen Ost- und Westdeutschland aus dem Jahr 1974 nach. Basierend auf echten Fußballplatz-Erfahrungen verwendet die Performance Bewegung, Muskelgedächtnis und die Original-Fußballkommentare dazu, sich auf dem wankenden Terrain sowohl von Asymmetrien als auch von Weiblichkeit und „Schwäche“ im Fußball zu orientieren. Die Künstler*innen nehmen dieses Spiel als Ausgangspunkt, um zu zeigen, dass Kunst die Freiheit hat, das Spektakel sowohl zu hinterfragen als auch zu sublimieren, um damit vielleicht zwischen den aktuellen Kontexten von Spielen, Wettkampf und Gesellschaft zu vermitteln.

Der Kunstparcours eröffnet Ende April im Gropius Hain (zwischen Stresemannstraße und Niederkirchnerstraße) und wird sich über die folgenden elf Wochen durch eine Reihe von offenen Workshops weiterentwickeln. Gemeinsam werden Architekt*innen, Künstler*innen, Mediator*innen, Forscher*innen, Nachbar*innen und Besucher*innen den bisherigen Parkplatz des Gropius Baus in einen öffentlichen Begegnungsraum verwandeln. Denn letztlich geht es bei Radical Playgrounds um etwas, das wir gerade jetzt sehr brauchen – um Hoffnung und Resilienz. Und es ist – um das Projekt „Modellen“ zu zitieren, das 1968 das Stockholmer Moderna Museet in einen Abenteuerspielplatz verwandelte – „nur für diejenigen eine Ausstellung, die nicht spielen“.

Essay

Dekoloniales queer-feministisches liebevolles Spielen

Madina Tlostanova

„Eine spielerische Haltung ist mit der Offenheit für Überraschungen verbunden, mit der Bereitschaft, albern zu sein, mit der Bereitschaft zur Selbst-Konstruktion oder Re-konstruktion und zur Konstruktion und Re-konstruktion der ‚Welten‘, die wir spielerisch bewohnen. (…) Der Versuch, uns selbst und unsere Beziehungen zu anderen in einer spezifischen ‚Welt‘ zu erfassen, eröffnet uns die Gelegenheit, uns selbst zu studieren, zu untersuchen und zu begreifen. Sodann werden die Möglichkeiten für das Spiel der Person sichtbar, die man in dieser ‚Welt‘ ist. Man kann sich sogar dazu entschließen, ganz in dieser Person zu leben, um sie besser zu verstehen und ihre kreativen Möglichkeiten aufzuspüren.“
— María Lugones

Kuratorische Einführung von Joanna Warsza

Ein Rundgang

Die Architektin Lina Bo Bardi prägte das berühmte Zitat, jedes Museum verdiene einen Spielplatz. In Anlehnung an diesen Gedanken und im Vorgriff auf den kommenden programmatischen Schwerpunkt des Gropius Bau – Spielen – kommt Radical Playgrounds für elf Wochen in den Gropius Hain. Konzipiert als eine Mischung aus Skulpturenpark, Abenteuerspielplatz, Museumserweiterung und temporärem Jahrmarkt, nutzen viele Installationen und Pavillons das Vokabular des Spielplatzes – sei es in Form einer Schaukel, einer Wasserfontäne, eines Karussells oder eines Labyrinths. So legen sie offen, was sonst unausgesprochen bleibt: Geschichten von Inklusion und Ausgrenzung, engagierten Aktivismus durch das Medium Spiel, eine dunkle, verschüttete Vergangenheit und die Notwendigkeit, unsere gegenseitige Abhängigkeit auf diesem Planeten neu zu überdenken.

„Radical Playgrounds“ ist ein Projekt der Berliner Festspiele, gefördert von der Stiftung Fußball & Kultur EURO 2024 und der Bundesregierung aufgrund eines Beschlusses des Deutschen Bundestages und durch Mittel des Hauptstadtkulturfonds (HKF). Das Vermittlungsprogramm wird gefördert von der Bundeszentrale für politische Bildung (bpb).