Programm
Konzert
Felix Mendelssohn Bartholdy
Samstag, 29.8.2026, 19:00 Uhr
Philharmonie Berlin, Großer Saal
Dauer: circa 2 h, inklusive Pause
Einführungsveranstaltung: 18:10 Uhr, Südfoyer
Mit Unterstützung des Departament de Cultura der Generalitat de Catalunya und des Konsortium Institut Ramon Llull, mit finanzieller Unterstützung der Direction Régionale des Affaires Culturelles Occitanie, kofinanziert von der Europäischen Union
Eine Veranstaltung der Berliner Festspiele / Musikfest Berlin mit freundlicher Unterstützung der Botschaft von Spanien
Felix Mendelssohn Bartholdy (1809–1847)
Sinfonie Nr. 3 a-Moll op. 56 „Schottische“ (1842/43), Fassung von 1843
Andante con moto – Allegro un poco agitato
Scherzo. Vivace non troppo
Adagio
Finale guerriero. Allegro vivacissimo – Allegro maestoso assai
Pause
Ouvertüre Die Hebriden („Fingals Höhle“) op. 26 (1829–1833), Fassung von 1832
Allegro moderato
Sinfonie Nr. 4 A-Dur op. 90 „Italienische“ (1833/34), Fassung von 1834
Allegro vivace
Andante con moto
Menuetto. Con moto grazioso
Saltarello. Presto
Violine I
Lina Tur Bonet*
Sara Balasch
Elisabet Bataller
Sònia Benavent
Guadalupe del Moral
Noyuri Hazama
Andrej Kapor
Ricart Renart
Marguerite Wassermann
Violine II
Mauro Lopes*
Sakura Goto
Won-Ki Kim
Kathleen Leidig
Maria Roca
César Sánchez
Alberto Stevanin
Angelika Wirth
Viola
David Glidden*
Alaia Ferran
Fumiko Morie
Éva Posvanecz
Iván Sáez
Naru Yamamoto
Violoncello
Balázs Máté*
Matylda Adamus
Marc Alomar
Dénes Karasszon
Sophie Lamberbourg
Kontrabass
Xavier Puertas*
Elena Marigómez
José Luis Sosa
Flöte
Charles Zebley
Eleonora Bišćević
Oboe
Josep Domènech
Esther van der Ploeg
Klarinette
Francesco Spendolini
Joan Calabuig
Fagott
Joaquim Guerra
Adrià Sánchez
Horn
Pierre-Antoine Tremblay
Ovidi Calpe
Mario Ortega
Federico Cuevas
Trompete
Jonathan Pia
René Maze
Pauke
Riccardo Balbinutti
Dirigierassistenz
Luca Guglielmi
* Konzertmeister*in, Stimmführer*in
Le Concert des Nations (Orchestermitglieder hinter dem Icon )
Jordi Savall – Leitung
Jordi Savall, wellige weiße Haare, kurzer weißer Vollbart, schwarzer Pullover, sitzt vor den Büchern in seinem Domizil in den Bergen nördlich von Barcelona, ein Raum mit einer Balkendecke. Durch die Fenster scheint die Februarsonne auf Savalls freundliches Gesicht, eher das eines 70-Jährigen als eines 84-Jährigen. Gerade erst hat er nach Mendelssohn Bartholdys Italienischer Sinfonie auch die Schottische mit Le Concert des Nations aufgenommen, er ist mitten drin im Thema und könnte darüber auf Spanisch, Portugiesisch, Französisch, Englisch reden. Mit Volker Hagedorn spricht er Deutsch, bedächtig. Wenn ihm, was selten ist, ein Wort fehlt, entnimmt er es einer der anderen Sprachen.

Jordi Savall
© Foto: David Ignaszewski
Volker Hagedorn: Fangen wir an mit dem berühmtesten Stück aus Ihrem Programm für Berlin. Sie haben die Italienische Sinfonie vor drei Jahren in zwei Fassungen aufgenommen: die gängige von 1833 und Mendelssohns Neufassung von 1834. In welche Richtung gehen die Änderungen, die er vornahm?
Jordi Savall: Es sind Änderungen im 2., 3. und 4. Satz, und eigentlich geht es um eine Synthese. Mendelssohn nimmt alles weg, was unnötig ist, und macht es poetischer, besonders im langsamen Satz. Es gibt Momente wie in einem Bach-Choral. Da ist so eine tiefe Emotion, mit einem Ostinato im Bass, das ganz leicht daherkommt.
Volker Hagedorn: Das erste Thema im Andante ist einfacher geworden, ohne den Achtelbogen im dritten Takt.
Jordi Savall: Das ist alles so wunderbar schön! Er geht an die Essenz der Musik, auch in den anderen Sätzen. Weniger pum, pum, pum, weniger pompös. Ich kannte diese letzte Fassung lange nicht und war überrascht. Sie zeigt Mendelssohns Suche nach dem, was wirklich essentiell ist. Ich dachte, ich muss das aufnehmen! Es ist so interessant, beide Fassungen zu vergleichen. Ich glaube, man kann Mendelssohn dann besser verstehen. Er suchte nach der Idealfassung.
Volker Hagedorn: Dabei war doch die erste Fassung, die alle kennen, so ein Erfolg!
Jordi Savall: Sogar seine Schwester sagte, „Felix, das ist verrückt, was du machst! Alle Leute lieben das!“ Trotzdem hat er es korrigiert, aber wegen des schnellen großen Erfolgs wurde die erste Fassung von 1833 gedruckt, und das neue Autograf von 1834 ist unbekannt geblieben.
Volker Hagedorn: Es klingt für mich, als würde Ihnen die späte Fassung besser gefallen.
Jordi Savall: Absolut! Ich finde sie perfekt. Und wenn er sich die Mühe gegeben hat, warum sollte man das nicht respektieren als Interpret? Wir spielen in Berlin natürlich die zweite Fassung. Die andere hat man schon tausendmal gehört.
Schottland und Italien als Inspirationsquellen für Felix Mendelssohn Bartholdy
von Volker Hagedorn
Am 8. August 1829 steigen sie um 5 Uhr morgens auf den kleinen Dampfer im Hafen von Tobermorey, Hauptstadt der Isle of Mull im Nordwesten Schottlands. Das Wetter hat sich über Nacht verschlechtert, das Barometer ist gefallen, die See geht hoch, so hoch, dass auf der Fahrt um die Insel herum die wenigsten ihr Frühstück bei sich behalten. „Ich wollte mein ReisePechbruder wäre nicht unter ihnen gewesen, aber er verträgt sich mit dem Meere besser als Künstler denn als Mensch, oder als Magen“, schreibt Karl Klingemann über seinen jungen Freund Felix Mendelssohn Bartholdy, mit dem er seit knapp drei Wochen Schottland bereist. Heute wollen sie zur Felseninsel Staffa, so winzig wie berühmt für ihre Basaltsäulen und die gewaltige Höhle, die das Meer geschaffen hat.

Joseph Mallord William Turner, Sea View, 1820er-Jahre
© Scottish National Gallery
2 Flöten
2 Oboen
2 Klarinetten
2 Fagotte
2 Hörner
2 Trompeten
Pauken
Streicher
Erste musikalische Gedanken notierte Felix Mendelssohn Bartholdy am 7. August 1829 während seiner Schottlandreise in Tobermory auf der Insel Mull, nachdem ihn die Landschaft der Hebriden und insbesondere die Fingalshöhle auf der Insel Staffa tief beeindruckt hatten. Die erste Fassung vollendete Mendelssohn 1830 in Rom, überarbeitete das Werk anschließend und schloss die zweite Fassung am 6. Mai 1832 in London ab; die dritte und letzte Fassung entstand 1833 in Berlin.
14. Mai 1832 in London, Philharmonic Society, Dirigent: Thomas Attwood
Seiner Königlichen Hoheit dem Kronprinzen von Preußen [Friedrich Wilhelm IV.] ehrfurchtsvoll zugeeignet
Weit mehr als seine Stippvisite beim Bestsellerautor Scott beeindruckten den Komponisten die Spuren von Maria Stuart in Edinburgh. „In der tiefen Dämmerung gingen wir heut nach dem Pallaste wo Königinn Maria gelebt und geliebt hat“, schreibt er am 30. Juli 1829. „Der Kapelle daneben fehlt nun das Dach, Gras und Epheu wächst viel darin, und am zerbrochnen Altar wurde Maria zur Königinn von Schottland gekrönt. Es ist da alles zerbrochen, morsch, und der heitre Himmel scheint hinein. Ich glaube, ich habe heut da den Anfang meiner Schottischen Symphonie gefunden.“

Joseph Mallord William Turner, Staffa, Fingal’s Cave, 1831
© Yale Center for British Art, Paul Mellon Collection
2 Flöten
2 Oboen
2 Klarinetten
2 Fagotte
4 Hörner
2 Trompeten
Pauken
Streicher
Die ersten musikalischen Skizzen von Felix Mendelssohn Bartholdys 3. Sinfonie entstanden am 30. Juli 1829 während seines Aufenthalt in Edinburgh; die Partitur wurde am 20. Januar 1842 in Berlin vollendet. Die Fassung letzter Hand ist auf den 2. März 1843 datiert.
3. März 1842 in Leipzig, Gewandhausorchester Leipzig, Dirigent: Felix Mendelssohn Bartoldy
Ihrer Majestät, der Königin von England [Victoria] zugeeignet
Die Italienische Sinfonie hat mit der Schottischen (und der Hebriden-Ouvertüre) gemeinsam, dass sie auf Anregungen „vor Ort“ zurückgeht und eine unverwechselbare Stimmung und Farbigkeit entwickelt, ohne einem konkreten Programm zu folgen. Welche Vielfalt an Eindrücken mitspielt, wird schon in den Zeilen deutlich, die Mendelssohn 1830 aus Rom an seinen einstigen Kompositionslehrer Carl Friedrich Zelter schreibt: „Auch verdanke ich dem, was nicht die eigentliche, unmittelbare Musik ist: den Ruinen, den Bildern, der Heiterkeit der Natur, am meisten Musik.“

Joseph Mallord William Turner, Modernes Rom – Campo Vacino, 1839
© The J. Paul Getty Museum, Los Angeles
2 Flöten
2 Oboen
2 Klarinetten
2 Fagotte
2 Hörner
2 Trompeten
Pauken
Streicher
London Philharmonic Society
Mendelssohn Bartholdys 4. Sinfonie A-Dur op. 90 „Italienische“ entstand unter dem Eindruck seiner Italienreise 1830/31, während der erste musikalische Skizzen entstanden. Am 13. März 1833 vollendete Mendelssohn das Werk in Berlin; im Sommer 1834 überarbeitete er die Sätze II bis IV, schloss die vollständige Revision jedoch nie ab.
13. Mai 1833 in London, Philharmonic Society, Dirigent: Felix Mendelssohn Bartholdy
Zum Autor
Volker Hagedorn studierte Bratsche und arbeitet neben seiner Tätigkeit als Musiker seit 1996 als freier Journalist, u. a. für Deutschlandradio Kultur und für DIE ZEIT. Dort leitete er auch die Redaktion der 20-bändigen ZEIT-Klassik-Edition. 2015 wurde er mit dem Ben-Witter-Preis ausgezeichnet, 2017 erhielt er den Gleim-Literaturpreis. Nach Volker Hagedorns Buch Bachs Welt (2016) erschien 2019 Der Klang von Paris, ein fulminantes Porträt der musikalischen Hauptstadt des 19. Jahrhunderts. Es wurde von der Opernwelt zum „Buch des Jahres“ gewählt, ebenso das 2022 erschienene Buch Flammen – Eine europäische Musikerzählung 1900–1918. Ein viertes Buch des Autors – über Musiker*innen im Exil – wird 2026 erscheinen.