Ayumi Paul, The Singing Project, Installationsansicht, Gropius Bau, 2022

Ayumi Paul, The Singing Project, Installationsansicht, Gropius Bau, 2022

© Gropius Bau, Foto: Luca Girardini

The Singing Project

Ayumi Paul im Gespräch mit Patrizia Dander

Der folgende Text ist eine bearbeitete Fassung eines Gesprächs zwischen der Künstlerin Ayumi Paul und Patrizia Dander, stellvertretende kuratorische Direktorin am Gropius Bau, das am 2. Oktober 2025 stattfand. Ayumi Paul war im Jahr 2022 Artist in Residence und arbeitet seither eng mit dem Gropius Bau zusammen.

Patrizia Dander: Ich würde gerne mit der Frage beginnen, wie du zu The Singing Project gekommen bist. Was war der Ausgangspunkt für das Projekt?

Ayumi Paul: 2019 hat mich die damalige Leiterin der Kunsthalle Osnabrück, Julia Draganović, gefragt, ob ich dort eine Einzelausstellung machen möchte. Das war damals nicht nur meine erste Einzelausstellung, sondern überhaupt das erste Mal, dass Praktiken von mir, die nicht mehr nur im klassischen Konzertkontext verortet waren, gezeigt wurden. Für mich bedeutete die Anfrage auch, mich mit der Verantwortung und dem Privileg, einen öffentlichen Ort bespielen zu dürfen, auseinanderzusetzen und darüber nachzudenken, was ich mit anderen teilen möchte. Ich wollte Wege finden, dass wir einander feiner wahrnehmen; neue Wege, gemeinsam hier zu sein.

Ich erinnerte mich, wie ich auf einer Reise nach Indien einen Tempel in Varanasi besuchte, wo mir Menschen erzählten, dass das Singen in diesem Tempel noch nie aufgehört hat. Ich weiß gar nicht, ob das stimmt. Und es ist auch nicht wichtig, ob es stimmt oder nicht. Allein die Idee, dass es dort einen Ort gibt, an dem das Singen noch nie aufgehört hat, tröstet mich bis heute. Diese Eindrücke haben dann zusammengewirkt und ich habe entschieden, dass ich einen singenden Ort erschaffen will.

PD: Inwieweit konntest du dafür auf deine musikalische Ausbildung zurückgreifen?

AP: Ich kann fast alles, was ich als Geigerin gelernt habe, auf die Stimme übertragen. Und anders als die Geige ist Stimme etwas, das die meisten von uns gemein haben. Also habe ich einfach mit Workshops angefangen und mir vorgenommen, die Kunsthalle Osnabrück in einen immer singenden Ort zu verwandeln.  

Als die Ausstellungseröffnung kam, war ich sehr nervös. Schließlich hätte es sein können, dass ein großer Teil des Museums leer bleibt, weil niemand kommt und niemand singt. Aber dann waren so viele Menschen da und haben gesungen.

Collage auf Glas mit zwei Fotos, Textbögen und zwei gelben Ginkoblättern.

Ayumi Paul, The Singing Project, 2022

© Gropius Bau, Foto: Luca Girardini

In westlichen Kulturen und Kontexten wurde jahrtausendelang viel Fokus auf Trennung und Abgrenzung gelegt. Die Welt wurde darüber definiert, was wir in Worte fassen und was wir sehen können.

PD: Puls, Atem, Klang spielen eine zentrale Rolle – besonders beim gemeinsamen Singen. Was bedeutet dieses gemeinsame Singen für dich? Warum kehrst du immer wieder dorthin zurück?

AP: Für mich gab es nie eine strikte Trennung zwischen mir und meiner Umwelt. Ich nehme wahr, dass wir heute zunehmend auch in den westlich geprägten Wissenschaften und Denkweisen anerkennen, dass Intelligenz ein Wir ist und dass jede Materie beseelt und belebt ist. Wir fangen an zu verstehen, dass es etwas wie ein nicht schwingendes Objekt gar nicht gibt. Ebendieses gemeinsame Schwingen ist das, was ich mit The Singing Project übersetzen möchte.  

In westlichen Kulturen und Kontexten wurde jahrtausendelang viel Fokus auf Trennung und Abgrenzung gelegt. Die Welt wurde darüber definiert, was wir in Worte fassen und was wir sehen können. Die Wahrnehmung, dass es auch einen sehr viel größeren gemeinsamen Raum gibt, in dem alles gemeinsam schwingt, ist etwas, dem wir uns wieder annähern. Dafür braucht es Übung, ähnlich wie das Trainieren eines Muskels. Je mehr wir es trainieren, umso mehr nehmen wir wahr. So ist es auch mit dem Singen.  

Und dann ist es ein bisschen so wie mit der Henne und dem Ei. Wir können nur dem Ton geben, was wir uns vorstellen können. Aber was braucht es, damit wir uns etwas vorstellen können? Daher geht es im Projekt erst einmal um das Zuhören; nicht nur das akustische über die Ohren. Es geht darum wahrzunehmen, was Schwingung eigentlich ist, und in Tonbereiche zu gehen, die wir noch nicht akustisch wahrgenommen haben. Und zu fühlen, was dort passiert. Es gibt praktische Übungen dafür, die ich immer wieder ins Projekt einflechte.

Mehrere weiße Papierrollen mit Schnüren zusammengebunden, hängen an einer Wand.

Ayumi Paul, The Singing Project, 2022

© Ayumi Paul

PD: Du hast von einem singenden Ort gesprochen, den du gerne schaffen würdest. Gegenüber einem Probenraum oder einem Treffen auf einer Wiese: Was bedeutet es für dich, ein solches Projekt in einer Kunstinstitution zu machen? 

AP: Ein solches Projekt in einer Kunstinstitution zu machen, bedeutet für mich, dass es in der Öffentlichkeit installiert wird und sich von dort auf alle Lebensbereiche übertragen lässt. Ich träume davon, dass diese Art Welt als Klang wahrzunehmen nicht nur passiert, wenn wir zusammenkommen und dieses Projekt aktivieren. Sondern auch dann, wenn wir anderen Lebewesen begegnen, wenn wir in Situationen sind, in denen wir nicht weiterwissen, oder wenn wir morgens mit uns allein sind.  

PD: Du aktivierst das Projekt im Gropius Bau immer zur Sommersonnenwende. Warum hast du dir diesen Moment ausgesucht? 

AP: Es gibt Momente im Jahreszyklus, die von Kalendersystemen unangetastet bleiben. Ein solcher Zeitmoment ist auch, wenn die Erde einmal die Sonne umrundet hat. Ich glaube, dass diese Zeitmomente – auch wenn es die Menschheit vielleicht irgendwann nicht mehr gibt – von ökologischen Systemen immer wahrgenommen werden. Ich denke in großen Zeitkontexten und hoffe, dass die Essenz des Projekts immer weitergetragen wird. Selbst dann, wenn es vielleicht keine Museen, wie wir sie heute verstehen, mehr gibt. Vielleicht kommen dann auch an diesem Ort, wo heute der Gropius Bau steht, Menschen zusammen, um gemeinsam mit der Welt zu sein. Deshalb habe ich mir diesen Moment ausgesucht – weil er eben nicht so leicht umzustoßen ist. 

Stapel weißer Bücher auf Holzplatte, Holzstühle im Hintergrund.

Ayumi Paul, The Singing Project, Gropius Bau, 2022

© Gropius Bau, Foto: Luca Girardini

PD: Du machst das jetzt seit fast 10 Jahren. Was hat sich für dich im Laufe der Zeit in der Erfahrung von und mit The Singing Project verändert? 

AP: Ich lerne gemeinsam mit dem Projekt. Als ich The Singing Project angefangen habe, war ich nicht sicher, ob ich es damit bis zur ersten Ausstellungseröffnung schaffe. Ich hatte als Plan B eine Klanginstallation, die ich hätte ausstellen können, wenn niemand gekommen wäre oder gesungen hätte. Und jetzt fühlt es sich so an, als wäre das Projekt vor mir in der Welt gewesen. Ich stelle mir gar nicht mehr die Frage, ob es weitergeht oder nicht. Mittlerweile findet The Singing Project einmal im Monat auch im digitalen Raum statt. Menschen können von überall teilnehmen. Das ist vielleicht ein gutes Beispiel dafür, dass The Singing Project über die Jahre über die Institutionen und über mich hinausgewachsen ist.

PD: Welche Spuren könnte The Singing Project im Gropius Bau hinterlassen – auch dadurch, dass es Jahr für Jahr stattfindet?

AP: Es gibt eine Arbeit von dem Künstler Jannis Kounellis, die ich zwar nie live gesehen habe, aber sehr liebe, obwohl mir nur davon erzählt wurde. Kounellis hat in den 1990er Jahren Bühnenbilder für Heiner Müller konzipiert. Eines der Bühnenbilder bestand aus schwarzen Rohren, die innen aus Gold waren. Er wurde dann gefragt, warum die schwarzen Rohre innen golden wären, das sähe ja niemand. Daraufhin hat Jannis Kounellis geantwortet, dass es zwar niemand sieht, aber es alle fühlen. Und das, hoffe ich, bleibt auch im Gropius Bau von The Singing Project als Spur zurück. Es ist zwar nicht immer sichtbar, aber alle spüren es. 

Handschriftlicher Text auf Papier mit Steinen und gerolltem Papier. Textinhalt: ‚Diese zwei Stunden waren wie ein ganzer Tag. Ich fühle mich wohl. Erfüllt und müde. Und vor allem als Teil von etwas Großem. So ein tolles Projekt. Viele Dank.‘

Ayumi Paul, The Singing Project, 2022

© Ayumi Paul

PD: Dieses Spüren ist ein wichtiger Aspekt. Singen ist in Schwingung versetzen – und dieses In-Schwingung-Versetzen ist etwas Körperliches und zugleich etwas sehr Emotionales. Mich interessieren deine Erfahrungen hinsichtlich der Reaktionen der Teilnehmer*innen von The Singing Project. Was nehmen sie mit und was ist dir begegnet in diesen Stunden, die du mit ihnen verbracht hast?

AP: Mir fallen sofort viele besondere Begegnungen ein. Ich möchte von einer Erinnerung erzählen, die ich aus der Zeit in Osnabrück habe. Am Anfang des Projektes hat eine Gruppe von Studentinnen* aus Russland, nahe der sibirischen Grenze, an einem Workshop von The Singing Project teilgenommen. Sie waren im Rahmen eines Studienaustauschprogramms in Osnabrück und es war einer ihrer letzten Tage in Deutschland. Ein paar Wochen später bekamen wir im Museum eine E-Mail mit einem Foto von den Studentinnen*, die bei dem Workshop teilgenommen hatten. Auf dem Foto war die Gruppe in einem Wald zu sehen, die Arme nach oben gestreckt. In der E-Mail schrieben sie, dass sie dort, wo sie leben, nicht im Museum singen können. Deshalb träfen sie sich im Wald und sängen dort das Projekt weiter. Allein den Gedanken, dass es an der Grenze zu Sibirien einen Ort gibt, an dem Menschen vielleicht immer noch weiter singen, finde ich sehr besonders – ähnlich wie der Tempel in Varanasi, wo das Singen – den Erzählungen nach – nie aufhört.

Gleichzeitig habe ich mir beim Projekt immer die Frage gestellt, wie wir es dokumentieren können. Ich möchte keine Klangaufnahmen machen – und ich möchte nicht, dass während der Praxis gefilmt oder fotografiert wird. Das Dokumentieren über Bilder nimmt heute einen so großen Stellenwert ein, dass ich es oft als übergriffig empfinde. Daher habe ich nach vielen Workshops die Teilnehmenden darum gebeten, ob diejenigen, die etwas über das Projekt sagen wollen, es aufschreiben – in einer Art von Brief. Mittlerweile habe ich eine große Sammlung an Briefen. Es gibt einen, den ich nach Absprache in einem Workshop vorgelesen habe und ich würde ein paar Sätze daraus vorlesen: 

„I have been reminded that I have already everything inside of me and that we hold each other, even without realising. Our presence is immaterial and we can hear it and feel it way more than we think. I trust that there are sensitive and open hearts and that we are holding space for them and making it available for them to sing. I trust that they exist even if they are quiet.”

Auf hellem Holz montierte Glasplatte mit Polaroidbildern von Wolken, handgeschriebenen Notizen und einem bedruckten Blatt.

Ayumi Paul, The Singing Project, Gropius Bau, 2022

© Gropius Bau, Foto: Luca Girardini

„Ich lerne mit jedem Workshop dazu und agiere ein bisschen wie ein DJ. Auch wenn es währenddessen nicht immer sichtbar ist, dass ich aktiv etwas tue, halte ich den Raum.“

PD: Bei The Singing Project spielt der Körper als Resonanzraum – was er sein muss, um einen Ton produzieren zu können – eine entscheidende Rolle. Diesen zu erkunden kann sehr tief gehen. Was sind deine Erfahrungen damit?

AP: Es gab Workshops im Rahmen von The Singing Project, die zu bestimmten Themen stattgefunden haben. Es gab zum Beispiel einen zum Thema Sterben. Dazu hatten wir die Bestatterin Charlotte Wiedemann eingeladen, die über das Sterben auf einer körperlichen Ebene, aber auch über ihre Arbeit sprach. Was bedeutet es, dass wir sterben und was passiert da? Und sehr viele Menschen sind vor allem zu diesen Workshops über das Sterben gekommen und haben hinterher gesagt, dass sie nicht unbedingt auf einen Friedhof gehen möchten, um etwas über das Sterben zu erfahren. Sondern sich wünschen, dass das Thema Sterben in das Leben und damit in die Lebendigkeit eingebunden ist. Dafür sei ein Ort wie der Gropius Bau, eine Kunstinstitution, der richtige Ort. Hier hätten sie nicht das Gefühl, dass von ihnen erwartet wird, dass sie gerade Tod im eigenen Umfeld erlebt haben oder sich stark damit auseinandersetzen müssen. Die Kunstinstitution ermöglicht es, sich mit diesem Thema aus unterschiedlichen Perspektiven auseinanderzusetzen – ohne, dass es vorher genau definiert ist und der Raum auch immer wieder neu definiert und gestaltet werden kann.

PD: Gibt es Dinge, die du in diesem Raum und mit den Leuten erlebt hast, die Einfluss auf die nächsten Iterationen von The Singing Project hatten? Gab es Momente, in denen du das Gefühl hattest, dass sich einerseits ein Fenster aufgemacht hat, aber der Workshop auch in eine Richtung ging, die du nicht mehr tragen oder halten konntest?

AP: Ich lerne mit jedem Workshop dazu und agiere ein bisschen wie ein DJ. Auch wenn es währenddessen nicht immer sichtbar ist, dass ich aktiv etwas tue, halte ich den Raum. Es gelingt mir nicht immer, aber ich spüre, wenn etwas zu viel wird, und kann dann Einfluss auf die Energie nehmen. „Halten“ übersetze ich dabei meist als „Raum geben“. Und „wenn etwas zu viel wird“ bedeutet für mich, dass etwas kein Gehör findet, weil etwas anderes zu laut ist. Das Projekt nimmt über Klang Bezug auf die Welt und in ihr geschieht gegenwärtig vieles, was entsetzlich ist. Das kann ich in diesem Sinne nicht halten. Aber ich achte sehr darauf, wie ich spreche und wie ich das Thema setze. Zu Beginn jedes Workshops gibt es oft Tee für alle. Dieser Tee ist nicht nur eine Geste im Sinne von „Ich freue mich, dass wir hier zusammen sind“. Für mich ist er bereits der Auftakt und eine Möglichkeit, jedem einmal in die Augen zu schauen und die Stimmungen, die gerade im Raum zusammenkommen, willkommen zu heißen. 

Ayumi Paul, 2022

© Ayumi Paul, photo: Debora Mittelstaedt

PD: Ich kann nachvollziehen, warum dieser Moment, die erste Begegnung, so wichtig ist. All die Gefühle, Fragen und Stimmungen der Teilnehmenden – all diese Dynamiken – gehen in The Singing Project ein. Alles, was jenseits der Institution existiert, spielt auch in diesem Raum eine Rolle.

AP: Jeder Workshop, jede Installation eines Workshops kostet mich Mut. Ich bereite mich schon Tage, bevor ich den physischen Raum betrete, vor und mache mir Gedanken darüber, wie ich ihn gestalte. Das Projekt wird für mich zur Installation, sobald sich die Türen öffnen und Menschen eintreten. Das, was mich Mut kostet, ist, dass man diese Installation nicht sehen kann, dass wir eben noch nicht in einer Zeit sind, in der das, was wir fühlen, genauso wertgeschätzt wird, wie das, was wir sehen. Und dann installiere ich es auch noch so, dass alle, die dort reinkommen, Einfluss darauf haben, im Austausch sind und von dem Moment an partizipieren, wenn sie durch die Tür hineinkommen; nicht erst ab dem Moment, wenn sie anfangen zu summen. Da kann sehr viel passieren, vielleicht auch Dinge, die einem vielleicht nicht unbedingt gefallen – und das ist gut. The Singing Project könnte ein Übungsplatz sein: Was passiert, wenn wir alles primär durch die Perspektive Klang wahrnehmen?

PD: Wie würdest du The Singing Project eigentlich beschreiben? Ist es ein Stück im Sinne einer Komposition, ist es ein Kunstwerk – du hast gerade auch von Installation gesprochen – oder ist es eine Praxis? Welche Beschreibung trifft es für dich am besten?

AP: Im Kunstkontext beschreibt es am besten das Wort Praxis. Es ist eine gemeinsame Praxis, die von mir initiiert wird. Aber wenn ich davon ausgehe, dass der größte Teil von dem, was wir als Realität bezeichnen, Realitätsebenen sind, die wir nicht mit den Augen sehen können – und damit Material nicht sichtbar sein muss, um es zu formen –, dann sehe ich The Singing Project als eine Art Organismus. In der Außenwahrnehmung wirken meine Arbeiten häufig ephemer, leise und sanft. Ich empfinde das aber nicht so. Zum Beispiel hinsichtlich ihrer Größe: Ich möchte, dass dieses Projekt die ganze Welt einnimmt und im Kunstkontext kann das Projekt alles Mögliche sein, sogar eine Lichtinstallation. In Osnabrück hatte ich eine Akustikerin eingeladen, die während einiger Sessions die Schwingung im Raum gemessen hat. Sie war auch bei einigen Workshops im Gropius Bau dabei. Aus diesen Messungen ging hervor, dass der Raum, in dem gesungen wurde, heller wurde. Und wer weiß, wenn irgendwann sehr viele Menschen auf dieser Welt gleichzeitig singen und in die Gesamtheit des Klangs dieser Erde einstimmen, könnte die Erde leuchten. Das ist alles möglich, es ist gar nicht undenkbar.

PD: Was wünschst du dir zukünftig für The Singing Project?

AP: Ich wünsche mir, dass The Singing Project zu einer Gewohnheit wird. Und dass man um die Sonnenwende herum einfach zum Singen eingeladen wird. Der Gropius Bau hat zwar keine Sammlung, aber es ist ein bisschen so, als wäre das Projekt bereits fester Bestandteil des Hauses. Trotzdem bedürfen Gewohnheiten Fürsorge, damit sie nicht einschlafen und irgendwann nicht mehr da sind. 

Handschriftlich verfasster Text auf Papier mit Datum 21.12.23 und dem Titel Solstice. Daneben ein gerolltes Papier, mit Schnur gebunden.

Ayumi Paul, The Singing Project, 2022

© Ayumi Paul

PD: Ich habe zum Abschluss noch ein paar Entweder-oder-Fragen mitgebracht, falls du darauf Lust hast. Ist The Singing Project für dich laut oder leise?

AP: Laut und leise!

PD: Introvertiert oder extrovertiert?

AP: Das ist schwierig. Für mich ist dieses Projekt ein sehr extremes. Es ist so introvertiert, dass es eigentlich schon wieder extrovertiert ist.

PD: Einklang oder Mehrklang?

AP: Mehrklang. Allerdings ist das Schöne an Tönen, dass sie immer beides sind. Wenn ich in ein Gefäß Farben hineingebe, dann vermischen sie sich. Bei Tönen ist es aber anders: Ich kann endlos viele Töne in ein Gefäß geben und sie können alle gleichzeitig bestehen. Jeder Einklang ist ein Vielklang.

Zwei Papierblätter nebeneinander in einem Rahmen. Linkes Blatt mit diagonalen Streifen und Text. Rechtes Blatt mit Prägemuster und Text.

Ayumi Paul, The Singing Project, Gropius Bau, 2022

© Gropius Bau, Foto: Luca Girardini

Ayumi Paul ist Künstlerin, Violinistin und Komponistin. In ihrer Praxis erforscht sie Formen des Zuhörens und unterschiedliche Wahrnehmungen von Zeit. Die seit ihrem fünften Lebensjahr als klassische Violinistin ausgebildete Künstlerin untersucht mit einem interdisziplinären Ansatz, wie Klang die Wahrnehmung und die Grenzen dessen, was wir sehen und wie wir uns zueinander verhalten, beeinflusst. In ihrer künstlerischen Sprache nutzt sie Materialien wie Papier, Faden und Tonaufnahmen und integriert unsichtbare Realitätsebenen wie Vibration und Vorstellungskraft als Räume für gemeinsames Schaffen. Obwohl sie eng mit wissenschaftlichen Technologien arbeitet, kehrt sie immer wieder zum Körper und den ihm innewohnenden Möglichkeiten der Wahrnehmung jenseits des rationalen Verständnisses zurück. Ihre Projekte entfalten sich oft als neue Sprachen, Rituale und gesteigerte Empfindsamkeiten, die sich unmittelbar auf das tägliche Leben anwenden lassen. Ayumi Pauls Arbeiten wurden zuletzt unter anderem im Georg Kolbe Museum (2024), dem Lentos Kunstmuseum Linz (2024) und der Sharjah Biennale (2025) ausgestellt. Im Jahr 2021 erhielt sie ein Stipendium der Deutschen Akademie Villa Massimo in Rom.