Inszenierung
POLYLUX, Schauspiel Köln
Nordrhein-Westfalen

TRAUER//FALL, POLYLUX, Schauspiel Köln © Viktoria Gurina
Der Mensch vergießt im Laufe seines Lebens an die fünf Millionen Tränen, etwa 80 Liter, eine halbe Badewanne voll. Tränen sind nur ein kleiner, sichtbarer Teil des Trauerprozesses. Ein Prozess, mit den Veränderungen des Lebens umzugehen, das Bild von sich neu zusammenzusetzen. Dabei stolpern wir über Erinnerungen und unseren eigenen Körper. Zwischen Traurigkeit und Trost, Wut und Akzeptanz, sucht POLYLUX nach einem kollektiven Weg, Trauer zu begegnen und in ihr etwas Bewegendes zu finden.
Der Mensch vergießt im Laufe seines Lebens an die fünf Millionen Tränen, etwa 80 Liter, eine halbe Badewanne voll. Tränen sind nur ein kleiner, sichtbarer Teil des Trauerprozesses. Ein vielschichtiger Prozess, in dem wir versuchen, mit Veränderungen umzugehen und das eigene Selbstbild neu zusammenzusetzen. Wir stolpern über Erinnerungen, die bereits verblasst waren. Wir stolpern über unseren eigenen Körper, der sich plötzlich fremd anfühlt.
Wie lassen sich Traurigkeit und Trost überhaupt miteinander verbinden? Wo sitzt die Wut über einen Verlust, und wie gelangen wir schließlich zu Akzeptanz? Wenn etwas verschwindet, haben wir es dann wirklich verloren oder nur die Erinnerung daran verlegt?
Die Jugendlichen von POLYLUX suchen in Sprache, Tanz und Performance nach einem kollektiven Weg, Trauer zu begegnen und in ihr etwas Bewegendes zu finden.
POLYLUX ist zunächst aus einem „Kultur macht stark“-Projekt entstanden und ist nun seit 2024 der feste Jugendklub für 13–18-Jährige am Schauspiel Köln. Ausgehend vom Lebensalltag der Teilnehmenden, ihren Perspektiven und Fragen an die Gesellschaft werden gemeinsam Theaterinszenierungen erarbeitet und aufgeführt. Die Jugendlichen schreiben Texte, gestalten Szenen und entwickeln Bewegungssequenzen. Dabei entsteht jedes Jahr ein neues Werk zu unterschiedlichen Themenschwerpunkten. Die Stücke erscheinen im Spielplan des Schauspiel Köln und werden sowohl vormittags als Schulvorstellungen mit begleitenden Workshops als auch regulär im Abendprogramm gezeigt. POLYLUX ist der Versuch, einen möglichst sicheren Raum zu bieten, in dem Jugendliche künstlerische Ideen ausprobieren, körperliche Zugänge entdecken, politische Diskussionen führen und sich persönlich in ihrem Tempo weiterentwickeln können. Der Jugendklub öffnet sich jedes Jahr für neue Teilnehmende.
Jurykommentar
Trauer kann sich verhalten wie ein Stück Plastikfolie: durchscheinend, aber dennoch eine Schicht, die uns vom Eigentlichen trennt, etwas abdeckt. Trauer markiert einen Prozess, in dem sich spürbar etwas verändert. Mal begleitet sie uns unauffällig durch den Alltag, mal umschlingt sie den Körper ganz.
Vielleicht will ich sie irgendwann loswerden, aber wer nimmt sie mir ab? Geht das überhaupt? Gut, wenn da eine Hand ist, die mich hält. In der Inszenierung TRAUER//FALL ist da eine große Hand. Vielleicht so groß, wie unser aller Hände zusammen?
In sinnlichen Bildern voller Bewegung nähern sich die Spieler*innen einer lebensverändernden Erfahrung.
Das Stück TRAUER//FALL überzeugt durch seine vielschichtige und berührende Auseinandersetzung mit Trauer als persönlichem wie politischem Gefühl. Aus einer jugendlichen Perspektive und mit klarer Haltung entwickelt das diverse Ensemble beim Spielen eine große Dringlichkeit und zeigt eindrucksvoll, wie sich viele junge Menschen fühlen. Besonders gelungen ist die Verknüpfung eigener biografischer Erfahrungen, ohne dass die Spielenden dabei ausgestellt werden – vielmehr entsteht eine ehrliche, nahbare und zugleich mutige Bühnenpräsenz.
Entlang der fünf Phasen eines Trauerprozesses spürt das Ensemble hinein in dieses Gefühl: Worüber trauern wir persönlich und kollektiv? Wer bekommt Raum für Trauer? Ist Trauer ein Privileg? Wo fehlt eine Trauerkultur und was könnte sie leisten?
Die persönlichen Plädoyers zum Thema Trauer sowie performative Momente, wie der eindrückliche Monolog über Wut, erzeugen nachhaltige Gänsehautmomente. Die deutsche Gedenkkultur steht dabei auf dem Prüfstand. Wann hat ein persönlicher Verlust eine kollektive Bedeutung? Wo sorgen Machtverhältnisse dafür, dass Trauer an- oder aberkannt wird? Besonders im Gedächtnis bleibt der Chor, der die Frage „Deutschland, warum weinst du nicht?“ in den Raum stellt – ein kraftvoller, nachhallender Augenblick, der die emotionale und politische Dimension des Stücks auf den Punkt bringt. Dabei gelingt es dem Stück, individuelle Trauer in eine politische Dimension zu überführen.
TRAUER//FALL ist ein toller Theaterabend, der im szenischen Spiel eine gute Balance zwischen starken Bildern, klugen Fragen, notwendigen Forderungen, berührenden Einblicken und tröstend-leichtem Miteinander zeigt.
Rieke Oberländer und Estera Sara Stan
Sage Bongard, Amélie Bos, Siyana Boukari, Bilge Cin, Hannah Finkernagel, André Frey, Lilian Friebe, Martha Hellenkemper, Manjusha Hirschberg, Ari Kraegeloh, Lotta Schablitzki, Katja Schäfer, Hilde Wawro, Abas Zafarzai
Dana Khamis, Judith Niggehoff – Regie
Hedda Ladwig – Bühne
Nele Henrich – Kostüm
Sage Bongard, Ronja Simon – Regieassistenz
Stanislav Semeniuk – Licht
Britta Tekotte – Sprechtraining
Elias Bodemer – Video