Die Unmittelbarkeit der darstellenden Künste aktiviert die kollektive Vorstellungskraft und die Emotionalität einer Gemeinschaft. Ihre Ursprünge liegen vermutlich in Liedern und Tänzen, mit denen früher um gute Ernten gebetet wurde. In diesen entfalteten sich mythische Erzählungen und rituelle Formen etablierten sich als lokale Feierlichkeiten, die von Generation zu Generation weitergegeben wurden. Mit anderen Worten: Mythen und Rituale können als die Ursprünge der darstellenden Künste betrachtet werden. Stellen wir uns also erneut die Frage: Können die zeitgenössischen darstellenden Künste als etwas dienen, das uns, die wir in der modernen Welt leben, verbindet anstatt trennt? Können sie ein Gefühl der Bewunderung für das Leben und der Ehrfurcht vor dessen Würde wecken? Aus diesen Gedanken heraus entstand die Performing Arts Season 2026/27.
Programm
Die vierte Performing Arts Season eröffnet am 13. Oktober mit einer bahnbrechenden neuen Performance: Die Bühnenversion von Balkan Erotic Epic, das neue Werk der ikonischen Performancekünstlerin Marina Abramović, feiert Deutschlandpremiere und ist bis 17. Oktober zu erleben. In diesem mehrstündigen Ritual treffen uralte Balkanmythen auf zeitgenössische Performancekunst. Abramović erkundet darin mit über 30 Darsteller*innen, Tänzer*innen, Musiker*innen und Sänger*innen die Erotik, die Spiritualität und die Traditionen ihrer Heimat.
Nach seiner Teilnahme am Festival Performing Exiles im Jahr 2025 kehrt der in Albanien geborene und in Griechenland lebende Theatermacher Mario Banushi am 12. und 13. November ins Haus der Berliner Festspiele zurück. Zum ersten Mal in Deutschland zeigt er sein neuestes Stück MAMI. Dieses Werk, ein visuelles Gedicht und eine Landschaft der Erinnerungen, veranschaulicht seine persönliche Mythologie. Es untersucht die Quelle des Lebens und ist eine Hommage an die Frauen, die uns geprägt haben.
Außerdem kehrt Anne Teresa De Keersmaeker mit ihrer neuen Produktion GLA55, die im Haus der Berliner Festspiele am 19. November Weltpremiere feiert und bis 21. November zu sehen ist, zu ihren Wurzeln zurück. Das Ictus Ensemble und Bl!ndman greifen frühe Werke des Meisters des Minimalismus, Philip Glass, wieder auf. Die Tänzer*innen von Rosas entfalten dazu eine geometrische Choreografie, die unser Bewusstsein in eine tranceartige Dimension überführt.
Im Dezember stehen zwei kraftvolle Tanzstücke auf dem Programm. Der belgisch-französische Choreograf Damien Jalet präsentiert am 4. und 5. Dezember Planet [wanderer], das von der Schöpfungsgeschichte Japans, dem Kojiki, inspiriert ist. In einem überwältigenden organischen Bühnenbild des japanischen Bildhauers Kohei Nawa thematisiert das Stück die Grenze zwischen Leben und Tod sowie die untrennbare Verbindung zwischen dem menschlichen Körper, den Elementen der kosmischen Welt und der Schwerkraft. Diese Arbeit in den von den Berliner Festspielen 2026 entwickelten Focus Japan eingebunden, der auf die langjährig gewachsenen Wechselwirkungen zwischen den Berliner Festspielen und japanischen Ausdrucksformen der Kunst verweist.
Die kanadische Choreografin Marie Chouinard gestaltet einen Abend, der ihr frühes Meisterwerk (1993) und ihre neueste Arbeit (2025) miteinander verbindet: The Rite of Spring, ein Musikstück, das legendäre Künstler*innen jeder Epoche zu bahnbrechenden Choreografien inspiriert hat, und MAGNIFICAT, eine der acht ältesten christlichen Hymnen und der am häufigsten rezitierte Lobgesang. Beide Werke sind Gegenstand ihrer erhabenen und raffinierten Choreografie und am 9. und 10. Dezember zu sehen.
Das japanische Multimedia-Performance-Kollektiv Dumb Type präsentiert vom 15. bis 17. Januar seine neueste Performance 2020. Es handelt sich dabei um ein geradezu phantomhaftes Werk: Es war beinahe fertiggestellt und sollte im März 2020 als erste Arbeit nach 18-jähriger Pause uraufgeführt werden. Doch die Premiere musste aufgrund der Corona-Pandemie abgesagt werden; stattdessen wurde nur eine aufgezeichnete Version veröffentlicht. Die Berliner Festspiele präsentieren die Europapremiere im Januar 2027, unmittelbar nach der nun live stattfindenden Weltpremiere im ROHM Theatre Kyoto. KI, Überwachungsgesellschaft, Kommunikationsversagen, Klimakrise, Geopolitik – die Performance untersucht diese Bedrohungen für die Menschheit im Grenzbereich zwischen Technologie und lebendem Körper. Auch diese Arbeit ist Teil des Focus Japan der Berliner Festspiele.
Wir freuen uns, die französisch-österreichische Künstlerin, Choreografin und Regisseurin Gisèle Vienne mit ihrer neuen Kreation Archives of Feelings, einer Koproduktion mit den Berliner Festspielen, am 21. und 22. Januar erneut begrüßen zu dürfen (Uraufführung am Schauspielhaus Zürich). Sie war bereits Teil der Performing Arts Season 2025/26 und wurde 2024 zum Theatertreffen eingeladen. In dieser ersten Zusammenarbeit mit der Schriftstellerin Marie NDiaye setzt sich Vienne mit aktuellen Problemstellungen und dem Kampf um ein würdiges und lebenswertes Leben für alle auseinander. Sie konkretisiert damit ihre langjährige Forschung über Machtverhältnisse und deren Konstruktion.
Durch diese herausragenden zeitgenössischen Werke – und indem wir uns die grundlegende Bedeutung von Performativität wieder ins Bewusstsein rufen – erkennen wir vielleicht, dass die darstellenden Künste weder bloße Unterhaltung noch Allheilmittel sind, sondern ein Instrument, das unsere Wahrnehmung und unser Denken über die Welt prägt und diese Welt darüber hinaus gestaltet und verändert. Das Theater war schon immer ein realer Ort, an dem Menschen zusammenkommen, und wird es auch künftig bleiben. Gleichzeitig ist das Theatererlebnis ein einzigartiges Phänomen, das sich nicht wiederholen lässt und nur im Hier und Jetzt existiert. Lassen Sie uns diese einzigartige Zeit gemeinsam erleben und in der kommenden Spielzeit der Performing Arts Season, die mit dem 75-jährigen Jubiläum der Berliner Festspiele zusammenfällt, vielen unterschiedlichen Menschen und Sichtweisen begegnen.