
Gabriele Stötzer, Gesten - Selbstinszenierung, 1981, Courtesy: Gabriele Stötzer, Foto: Cornelia Schleime
© VG Bild-Kunst, Bonn 2026
„Ich wollte Sachen immer von innen wissen, reinkriechen, begreifen, was dahinter ist. Mein Weg ist Unverschämtheit, über Grenzen gehen.“
— Gabriele Stötzer

Gabriele Stötzer, Lippen mit Draht,, 1983, Courtesy: Gabriele Stötzer
© VG Bild-Kunst, Bonn 2026
Gabriele Stötzer setzt sich seit über fünf Jahrzehnten mit Gerechtigkeit, Selbstbestimmung und Möglichkeiten des Widerstands auseinander. In ihrer Kunst wird der weibliche Körper zum Schauplatz von feministischer Selbstbehauptung und Protest. Dabei sein und nicht schweigen versammelt Zeichnungen, Fotografie, Textil, Literatur, Film und Performance. Diese experimentellen Werke formulieren furchtlose Gegenentwürfe zu staatlicher Gewalt und Patriarchat, indem sie immer wieder aufs Neue Räume für Radikalität, Begehren und Solidarität schaffen.
Stötzers wegweisende künstlerische Praxis ist untrennbar mit ihren Erfahrungen der Haft, der Selbstorganisation und dem Kampf gegen autoritäre Strukturen in der DDR verbunden. Als Teil der Untergrundszene in Erfurt besetzte sie Häuser und organisierte Werkstätten, Ateliers, Ausstellungen und Aktionen im öffentlichen Raum. Angesichts erstarkender autoritärer Kräfte in Gesellschaft und Politik zeigen Stötzers künstlerische Strategien individuelle und gemeinschaftliche Handlungsformen auf, die gerade jetzt ein Vorbild für uns sein können.
In Stötzers Werk treten immer wieder Figuren auf, die auf Mythen und Märchen verweisen. Während sie zuvor durch Zeichnungen, literarische Texte und Kostüme verkörpert wurden, nehmen diese Gestalten in ihrer gegenwärtigen Praxis die Form überlebensgroßer Skulpturen an. Hier werden sie erstmals gemeinsam als Gruppe ausgestellt.
Mit dem Titel bezieht sich Stötzer auf Undine geht (1961),eine Erzählung der Schriftstellerin Ingeborg Bachmann (1926–1973). In dem poetischen Monolog wendet sich die mythologische Figur Undine von den Menschen und insbesondere den Männern ab, die sie als kalt und zerstörerisch erlebt. Undine kommt ist aus der Überzeugung heraus entstanden, dass diese „weibliche Urkraft“, wie Stötzer sie beschreibt, „wiederkommen und hinsehen lernen muss. Wir müssen die Konfrontation mit der Zerstörung aushalten.“

Gabriele Stötzer, Die unbotmäßige Frau, 2022, Courtesy: Gabriele Stötzer
© VG Bild-Kunst, Bonn 2026
Da hat man sich entschieden: Kaufst du Wurst oder kaufst du einen neuen Super-8-Film. Wenn es Farbfilm gab, musstest du zweimal auf Wurst verzichten. Wir lebten arm, aber vollkommen fasziniert von der Freiheit. Wir hatten uns der Dogmatik, Zwangsarbeit machen zu müssen, völlig entzogen.

Künstlerinnengruppe Erfurt, Filmstill aus Komik-Komisch, 1988, Courtesy: Gabriele Stötzer
© VG Bild-Kunst, Bonn 2026
Abseits der staatlich kontrollierten Filmproduktion begannen Künstler*innen in der DDR ab Mitte der 1970er Jahre mit Super-8-Film als künstlerischem Mittel zu arbeiten. Gabriele Stötzer trug maßgeblich zur Vernetzung der entstehenden Szene in Erfurt und darüber hinaus bei. In wechselnden Rollen vor und hinter der Kamera drehte sie ab 1982 in Wohnungen und Hinterhöfen, auf Dächern und an öffentlichen Plätzen in der Stadt.
Die hier gezeigten Filme von Stötzer und der Künstlerinnengruppe Erfurt machen den experimentellen Umgang mit dem Medium und seinen Möglichkeiten des Erzählens sichtbar: Dokumentarisches Material und Alltagsbeobachtungen treffen auf surreale, traumartige Sequenzen und performative Rollenspiele. Die Filme entstanden zunächst ohne Tonspur. Erst bei den Vorführungen in Ateliers, Privaträumen und alternativen Kinos wurden gesprochene Texte, Laute und Musik von Kassetten dazu abgespielt oder live improvisiert.
Ich wurde oft verlassen und war immer wieder existentiell im Aus. Da habe ich angefangen, auf Möbel zu zeichnen, auf Keramik, die ich täglich verwendete, auf meine Tapete. Denn so konnte ich etwas sehen von mir, darin habe ich mich erkannt. Ich musste die Zeichnungen wie Gleichgesinnte um mich haben, die mir sagten, dass ich da war, dass ich existierte.
Das Zeichnen ist für Gabriele Stötzer, ähnlich wie das Schreiben, eine Praxis, die sie beinahe täglich begleitet. Text und Zeichnung entstehen oft assoziativ und parallel zueinander. An den Rändern von Notiz- und Skizzenbüchern formen schnelle, zackige und verschlungene Linien Figuren und Symbole, die sich um die Wörter legen. Über vier Jahrzehnte hat Stötzer ein eigenes Alphabet an Zeichen etabliert, die immer wieder auftauchen: tänzelnde Menschen mit Punkfrisuren, mythologische Mischwesen und Körperfragmente.
Bereits in den frühen Zeichnungen, die erst im Studium und dann in selbstorganisierten Aktzeichengruppen entstanden, deutet sich ihr Interesse an der seriellen Anordnung von Posen und Gesten an, das sich in den fotografischen und filmischen Arbeiten fortsetzt. Stötzer reizt die Grenzen des Mediums aus, indem sie ihre zeichnerischen Gesten über das Papier hinauswachsen lässt und auf ihre gesamte Umgebung überträgt.

Gabriele Stötzer, Bettbezug II, 1993/94, Courtesy: Gabriele Stötzer
© VG Bild-Kunst, Bonn 2026
Dann begann ich, meine zahlreichen Fotos zu Büchern zu bündeln, wie meine eigenen kleinen Galerien, die ich überallhin mitnahm und auseinanderfalten und wieder zusammenfalten konnte. Die Bücher funktionierten aber auch wie Kapitel, an denen ich mich bis zur Erschöpfung abarbeiten musste. Bücher zu den Kunstaktionen, den Punks, den wechselnden Frauenbildern.

Gabriele Stötzer, Heilerde – Gesamt, 1982/2024, Courtesy: Gabriele Stötzer / Galerie Loock, Berlin
© VG Bild-Kunst, Bonn 2026
In der DDR der 1980er Jahre war das Künstler*innenbuch ein verbreitetes Medium, aus dem sich teilweise ganze Mikrokosmen entfalten ließen. Zwischen 1982 und 1988 schuf Gabriele Stötzer 13 Buchobjekte, Leporellos und Mappen aus Materialien wie Karton, Pergamentpapier und Kunststoff. In den Anordnungen von Fotografien, Texten, Druckgrafiken und Zeichnungen überlagern und verdichten sich sowohl thematische als auch bildnerische Strategien Stötzers. Einige von ihnen sind konkreten Personen aus ihrem Umfeld oder den verschiedenen Szenen gewidmet, in denen sie sich bewegte.
Für Stötzer – die nie dem Verband Bildender Künstler der DDR angehörte und stattdessen im Untergrund aktiv war – hatten die Bücher aber auch eine ganz pragmatische Funktion: Viele ihrer Aktivitäten und sozialen Treffpunkte wurden durch die Staatssicherheit aufgelöst und verboten. Stötzers erfindungsreicher Umgang mit dem Format des Buchs ermöglichte es, ihre Kunst unabhängig von den begrenzten Ausstellungsmöglichkeiten zu zeigen und sie gegebenenfalls schnell verschwinden zu lassen
In einem Land, das eingemauert war, kam ich hinter andere Mauern. Ich war jung genug, das interessant zu finden. Im Knast fiel mir wieder ein, dass ich als Kind Künstlerin werden wollte. Wir waren 20 Frauen in einer Zelle. Ich hatte nachts die Weltprobleme zu lösen und dann mussten wir im Dreischichtsystem arbeiten. Mit der Kunst war die Vorstellung von einem anderen Leben verbunden.
Erfahrungen von Isolation und Verlust prägen Gabriele Stötzers Leben und Werk. 1976 wurde sie nach einer Protestaktion von der Pädagogischen Hochschule Erfurt zwangsexmatrikuliert. Noch im selben Jahr verbrachte sie wegen der Beteiligung an einer Petition fünf Monate in Untersuchungshaft und wurde daraufhin mit dem Vorwurf der Staatsverleumdung zu einer einjährigen Haftstrafe im Frauengefängnis Hoheneck verurteilt. Danach wurden ihre Aktivitäten mit Gleichgesinnten durch die Staatssicherheit systematisch überwacht und zersetzt. Viele ihrer Freund*innen verließen Erfurt und gingen nach Ost-Berlin oder in den Westen, während Stötzer sich entschied zu bleiben.
Nach ihrer Zeit im Gefängnis fing Stötzer an, im Untergrund Kunst zu machen, hatte aber anfangs in der männlich dominierten Szene keine Öffentlichkeit. Um sich ihrer eigenen Existenz zu versichern, begann sie, sich selbst fotografisch zu inszenieren. In der Konfrontation mit der Kamera entstanden leise, doch zugleich selbstbewusste Experimente mit Gesten, Bewegungen und Körperbemalungen. Stötzer ging beim Fotografieren häufig über ihre Grenzen und arbeitete teilweise bis zur Erschöpfung.

Gabriele Stötzer, Die Auslöschung eines Blicks – Ich trage meine Wunden heute offen, 1983, Courtesy: Gabriele Stötzer, Foto: Heike Stephan
© VG Bild-Kunst, Bonn 2026
Unser Prinzip war, unser Leben zum Gegenstand der Kunst zu machen und in Mode, Film und Performance darzustellen. Die individuellen Proteste und Brüche bekamen so einen Sinn und halfen uns, nicht im einsamen Aufstand zu verpuffen.

Von links nach rechts: Vereny Kyselka im Nachrichtensprecherinnenkostüm, Gabriele Göbel bemalt, Ingrid Plöttner im Drachenkleid, Monika Andres im Zeitungskostüm; Erfurt 1989, Courtesy: Künstlerinnengruppe Erfurt
© Gabriele Stötzer, Foto: Christiane Wagner
„Wir waren Furien, ordinäre Weiber, Frauen, die in keine Klischees passten, nicht einmal in das der Aussteiger, Alternativen, Punker, Hippies, Kirchies oder Künstlerinnen“, erinnert sich ihr Mitglied Monika Andres an die Anfänge der Künstlerinnengruppe Erfurt. Angetrieben wurde die Gründung der Gruppe durch Stötzers Wunsch, gemeinsam und lustvoll Kunst zu machen, aber auch durch provokante Aktionen Kritik am politischen System zu üben. In wechselnder Besetzung entstand zwischen 1984 und 1994 neben Super-8-Filmen, Performances, Manifesten, experimenteller Musik, Fotografie, Aktionsmalerei und Grafik auch Mode, die die Künstlerinnengruppe in ihren Mode-Objekt-Shows vorführte. Die erste dieser Shows fand im Rahmen der Kirche statt und erreichte damit ein Publikum über die Kunstszene hinaus. Auch einige Mitglieder der Gruppe selbst hatten zuvor wenige Berührungspunkte mit Kunst. So wirkte beispielsweise Stötzers Schwester Ingrid Plöttner, eine Bäckermeisterin, immer wieder bei Filmen und Performances mit.
Unter dem Namen Exterra XX nahm die Gruppe nach der Wende an Performancefestivals und Ausstellungen innerhalb Deutschlands, aber auch in Frankreich und der Schweiz teil. 1990 gründete die Künstlerinnengruppe das Kunsthaus Erfurt, das bis heute von ihrem Mitglied Monique Förster geleitet wird. Seit einigen Jahren gibt es wieder vermehrt Auftritte der Gruppe und Ausstellungen, die sich ihrem Schaffen widmen.