„All die Energie, die durch unsere Körper fließt, ist sexuelle Energie. Wir können sie für kreative oder spirituelle Zwecke nutzen. Oder wir können sie unterdrücken und dann führt sie zu Aggression, Krieg, Wut und Folter. Es ist interessant zu sehen, wie solche Transformationen einer anderen Gesellschaft anhand von Ritualen organisiert wurden.“
— Marina Abramović
Seit den 1970er Jahren arbeitet Marina Abramović mit ihrem Körper und setzt sich dabei mit Ritualen, Ausdauer und Transformation auseinander. Balkan Erotic Epic. The Exhibition zeigt neue und historische Werke, die das Erotische als essenzielle Kraft begreifen: als Energie, die die Grenzen zwischen Leben und Tod, zwischen Individuum und Kollektiv, auflösen kann. In drei Teilen erkundet die Ausstellung das Erotische und dessen Zusammenhang mit politischem Widerstand, ökologischen Kreisläufen und der Unvermeidbarkeit des Todes.
Abramovićs frühe Performances spiegeln ihre ambivalente Beziehung zum jugoslawischen Sozialismus wider. Die Arbeiten sind von kommunistischer und christlicher Symbolik durchzogen. Sie offenbaren die Komplexität eines politischen Systems, das auf Einheit und Disziplin basierte und das Kollektiv über das Individuum stellte.
Drei Jahrzehnte später widmet sich Abramović ihrer Herkunft, indem sie naturreligiöse Riten, Mythen und Glaubenssätze aus verschiedenen Ländern des Balkans in den Blick nimmt – eine Region, die mehrere Staaten mit je spezifischer kultureller und politischer Geschichte umfasst. Ihr Werkzyklus Balkan Erotic Epic (2005/2025) zeichnet ein imaginäres Bild des Balkans: Hier soll erotische Energie Gemeinschaften dabei helfen, dem Tod zu begegnen, Fruchtbarkeit zu fördern und das Gleichgewicht der Natur wiederherzustellen. Durch bewusste Übertreibung stellt Abramović zugleich zur Debatte, wie vermeintliche Rückständigkeit noch heute auf den Balkan projiziert wird.
In alten Traditionen, die in verschiedenen Ländern des Balkans und darüber hinaus praktiziert wurden, galt die Erde als lebendiger Körper, der durch Rituale genährt, gerufen und erweckt werden konnte. Erotische Darstellungen und Beschwörungen wurden einst als Überlebensstrategien angesehen: Solche Gesten sollten Fruchtbarkeit, Ernte und Schutz bringen und verbanden das menschliche Begehren mit den Kreisläufen der Natur. Penis und Vulva galten als Symbole kosmischer Energie und wurden als Schutzamulette aus Stein getragen oder in gemeinschaftlichen Riten beschworen.
In ihrem Werkzyklus Balkan Erotic Epic greift Marina Abramović diese Rituale auf, um die ökologischen und spirituellen Möglichkeiten regionaler Alltagspraktiken sichtbar zu machen. Sie stellt diese Gemeinschaftsmomente jedoch nicht auf authentische Weise nach. Vielmehr steigert sie sie ins Groteske und Absurde und fordert damit gesellschaftliche Tabus heraus, die tief im kollektiven Bewusstsein verankert sind. Während sie den Blick auf das vielschichtige kulturelle Erbe der Region lenken, spielen diese Darstellungen gleichzeitig mit verbreiteten Klischees über den Balkan als wild, naturnah und übermäßig potent.
Marina Abramović setzt sich seit dem Beginn ihres Schaffens mit dem Tod auseinander. Von ihren frühen Performances in den 1970er Jahren bis zu ihren jüngsten Arbeiten erkundet sie, wie Schmerz, Ausdauer und erotische Erfahrungen den eigenen Körper an seine Grenzen bringen. In diesen Momenten der physischen und mentalen Extreme erreicht die Künstlerin einen Zustand, der sich dem Tod annähert und gleichzeitig mit neu gewonnener Kraft das Leben bejaht.
In verschiedenen Regionen der Welt gibt es jährliche Riten, die sich dem Waschen oder Pflegen der Knochen von Toten widmen. Sie erhalten das Band der Lebenden zu den Ahnen und begegnen der Angst vor dem Sterben mit einem Akt der Fürsorge. In ihrer Praxis bezieht sich Abramović immer wieder auf solche Traditionen. Indem sie sich dem Tod zuwendet, begreift sie den sterblichen Körper nicht als Endpunkt, sondern als Schwelle der Transformation.
Für Abramović reicht diese Nähe zum Tod bis in den Bereich des Erotischen hinein. Wie der Philosoph Georges Bataille 1957 schrieb, lässt sich Erotik als Bejahung des Lebens bis in den Tod verstehen. In diesem Zustand verschwimmen die Grenzen zwischen dem Selbst und dem Anderen, zwischen Lust und Schmerz. In Abramovićs Werk begegnen sich Erotik und Tod daher nicht als Gegensätze, sondern als gleichwertige Bestandteile des Lebens.
Marina Abramović wuchs in Titos Jugoslawien auf. Ihre Jugend war sowohl von den Idealen als auch von den Beschränkungen eines Systems geprägt, das auf Disziplin, Aufopferung und den Prinzipien der „Brüderlichkeit und Einheit” beruhte. Sie erlebte, wie ein Staat Identitäten formte und dabei nicht nur Gesetz und Ideologie, sondern auch Symbole und die Inszenierung kollektiver Rituale nutzte. Unter Tito war der kommunistische Stern keine abstrakte Vorstellung, sondern eng mit dem Körper verbunden. Das Symbol wurde auf der Brust getragen und durch gemeinschaftliche Zeremonien ins öffentliche und private Leben eingeschrieben.
Abramović hinterfragt diese Strukturen, indem sie ihren Körper Akten der Ausdauer aussetzt. Ihre Performances zeigen auf, wie Symbole der Einheit auch zu Mitteln der Kontrolle werden können. In manchen Arbeiten erscheint der Körper verletzlich oder gar verwundet; in anderen wirkt er kraftvoll, erotisch und herausfordernd. Abramovićs Einsatz von Nacktheit, Blut, Liedern und Gesten macht deutlich, wie eng Politik mit körperlichen Erfahrungen verbunden ist.
2025/2026
Teil der Serie Balkan Erotic Epic
Porträt von Tito, Tische, Stühle, Tischdecken, Lichterkette
Courtesy der Marina Abramović Archives und Factory International, Manchester
Diese Installation erinnert an das typische Interieur einer Kafana, einer Art Kneipe, die seit dem 17. Jahrhundert in mehreren Ländern des Balkans verbreitet ist. Vom türkischen Wort Kahvehane für Kaffeehaus abgeleitet, sind die Kafane Zeugnis der osmanischen Einflüsse in der Region. Seither haben sie eine wichtige soziale Bedeutung: Sie stärken die Gemeinschaft und bieten eine zeitweilige Zuflucht vor Alltagsroutinen und gesellschaftlichen Erwartungen. Die Stimmung ist oft ausgelassen, getragen von folkloristischer Musik.
Eine Performance anlässlich der Eröffnung der Ausstellung zeichnete traditionelle Kafana-Kultur nach. Die Inszenierung der Jovanka Broz als trauernde Witwe Titos diente dabei als Sinnbild für den Aufstieg und Fall des sozialistischen Jugoslawiens. Broz kämpfte in den 1940er Jahren in Titos antifaschistischer Partisan*innenarmee und erlangte in den 1950er und 1960er Jahren internationale Anerkennung als elegante und diplomatische First Lady Jugoslawiens.
2025
Teil der Serie Balkan Erotic Epic
Video, Farbe, Ton, 20 Minuten
Courtesy der Marina Abramović Archives und Factory International, Manchester
In dieser Videoarbeit beschäftigt sich Abramović mit Glaubenssystemen, Mythen und Folklore über verschiedene Kulturen und Epochen hinweg: etwa mit der Legende von Baubo und Demeter, der griechischen Göttin der Ernte und Fruchtbarkeit, oder mit der japanischen Shintō-Göttin der Dämmerung, Heiterkeit und Festlichkeit Ame no Uzume. In all diesen Erzählungen heben die Protagonistinnen den Rock, um ihre nackte Vulva zu zeigen. In vielen vor-patriarchalen Kulten wurde diese Geste im Rahmen von Ritualen nachgestellt, um die schöpferische Kraft der Vulva zu feiern. Obgleich solche Praktiken mit dem Aufkommen des Monotheismus verdrängt wurden, halfen sie Gemeinschaften einst, Bedrohungen mit Lebendigkeit und Freude entgegenzutreten: Die Riten sollten Fruchtbarkeit, Schutz und eine reiche Ernte sicherstellen.
Blenard Azizaj – Choreografie
Nabil Elderkin – Regie
Maia Lloyd, Paul Bryan – Schnitt
Luka Kozlovacki – Komposition
Rebecca Jonas – Produktion
2025
Teil der Serie Balkan Erotic Epic
Video, Farbe, Ton, 4 Stunden
Courtesy der Marina Abramović Archives und Factory International, Manchester
Das Video zeigt nackte Männerkörper, die in einer grotesken Orgie mit Erde kopulieren. Das Werk bezieht sich auf Erzählungen von vermeintlichen naturreligiösen Fruchtbarkeitsriten in verschiedenen Ländern des Balkans. Abramović stellt sich diese Geschichten als Gemeinschaftsritual vor, das den männlichen Körper nutzt, um Energie in den Boden zurückzuführen: ein satirischer Blick auf patriarchale Ideale von männlicher Potenz.
Blenard Azizaj – Choreografie
Nabil Elderkin – Regie
Maia Lloyd, Paul Bryan – Schnitt
Luka Kozlovacki – Komposition
Rebecca Jonas – Produktion
2025
Teil der Serie Balkan Erotic Epic
Video, Farbe, Ton, 20 Minuten
Courtesy der Marina Abramović Archives und Factory International, Manchester
Blenard Azizaj – Choreografie
Nabil Elderkin – Regie
Maia Lloyd, Paul Bryan – Schnitt
Luka Kozlovacki – Komposition
Rebecca Jonas – Produktion
2025
Teil der Serie Balkan Erotic Epic
Thron, Kostüm, Porträt von Tito, Video, Farbe, Sound, 4 Stunden
Courtesy der Marina Abramović Archives und Factory International, Manchester
Den Auftakt der Ausstellung Balkan Erotic Epic. The Exhibition bildet Marina Abramovićs Rückblick auf Josip Broz Titos Beerdigung. Der charismatische kommunistische Revolutionär leistete Widerstand gegen die nationalsozialistische Besatzung im Zweiten Weltkrieg und regierte danach über drei Jahrzehnte das sozialistische Jugoslawien. Titos autoritäre Herrschaft prägte eine ganze Generation und der Kult um seine Person durchdrang sämtliche Lebensbereiche. Sein Wirken beeinflusste auch Abramovićs eigene Kindheit und Jugend in Belgrad: Ihre Eltern waren angesehene Partisan*innen im Zweiten Weltkrieg und besetzten im Anschluss führende Positionen in der sozialistischen Regierung. Titos Tod im Jahr 1980 kennzeichnete nicht nur das Ende einer politischen Ära ein, sondern auch den beginnenden Zusammenbruch eines Vielvölkerstaats.
Titos Beerdigung, die in Belgrad stattfand und weltweit im Fernsehen übertragen wurde, gehört zu den größten öffentlichen Trauerakten des 20. Jahrhunderts. Menschenmengen füllten die Straßen und brachten ihren Verlust im Angesicht einer ungewissen Zukunft zum Ausdruck. In ihrer neuen Videoarbeit verbindet Abramović diese ikonischen Bilder mit traditionellen Beerdigungspraktiken aus verschiedenen Ländern des Balkans, in denen Trauer körperlich und gemeinschaftlich verarbeitet wird. Narikače – Frauen, die engagiert werden, um öffentlich zu trauern – verkörpern den Schmerz durch Klagelaute und rhythmische Bewegungen. Sie lassen den Verlust in einem transzendentalen Zustand aufgehen, der einer erotischen Erfahrung nahekommt. In Tito’s Funeral setzt sich Abramović mit diesem kollektiven Ereignis auseinander und macht deutlich, auf welche Weise Tod und Erotik miteinander in Verbindung stehen.
Blenard Azizaj – Choreografie
Nabil Elderkin – Regie
Maia Lloyd, Paul Bryan – Schnitt
Luka Kozlovacki – Komposition
Rebecca Jonas – Produktion