Inszenierung

ANNE

Piccolo Theater Jugendklub 
Cottbus, Brandenburg

Auf dem Bühnenbild sind sechs Personen abgebildet. Sie tragen alle graue, weiße und schwarze Kleidung und sind über die Bühne verteilt. Sowohl ihre Körperhaltung als auch ihr Blick sind nach rechts gerichtet. Vier von ihnen halten Koffer in der Hand, und zwei der Personen mit Koffern scheinen ebenfalls in diese Richtung zu rennen. Zwei Personen ohne Koffer stehen auf Erhöhungen. Im Hintergrund stehen drei Holzwände.

ANNE, Piccolo Theater Jugendklub, Piccolo Theater Cottbus © Michael Helbig

Eine Produktion des Piccolo Jugendklubs nach dem Tagebuch der Anne Frank.

Anne Frank wurde 1945 von den Nazis im KZ Bergen-Belsen ermordet. Zuvor versteckte sie sich mit ihrer Familie in Amsterdam und hielt ihre Gedanken in ihrem berühmten Tagebuch fest. Der Jugendklub setzte sich intensiv mit ihrem Leben auseinander. Wie können Rituale der Erinnerung durchbrochen werden, um zu einer tatsächlichen Erinnerung als Arbeit an der Gegenwart zu gelangen?

Zum Nachschauen
Verfügbar ab 1.6.2026 als Videoon Demand in der Berliner Festspiele Mediathek.

Vor 81 Jahren, am 8. Mai 1945, endete der vom nationalsozialistischen Deutschland ausgelöste Zweite Weltkrieg. Er hatte in sechs Jahren weltweit rund 60 Millionen Menschenleben gefordert. Eines davon war das Leben der fünfzehnjährigen Anne Frank. Im Februar 1945 wurde sie im KZ Bergen-Belsen ermordet. Nur zwei Monate später erreichten englische Truppen das Lager und befreiten die letzten Überlebenden. Die jüdische Bevölkerung in Europa haben die Nationalsozialisten nahezu ausgelöscht.

Das jüdische Mädchen Anne Frank versteckte sich mit ihrer Familie vor den Nazis während der Besetzung der Niederlande im Hinterhaus der Amsterdamer Prinsengracht 263. Nach zwei Jahren wurden sie verraten und entdeckt. Im Versteck schreibt Anne über die Ereignisse im Hinterhaus und hält ihre Gefühle und Gedanken in ihrem berühmten Tagebuch fest.

In der Spielzeit 24/25 beschäftigte sich der Piccolo Jugendklub mit ihrem Leben, Wirken und Sterben. Die Gruppe fuhr nach Amsterdam ins Anne-Frank-Haus und versuchte sich über Schreibworkshops und gründliche Recherchen ihrer Geschichte anzunähern. Die Spieler*innen sind zwischen 16 und 20 Jahre alt. Sie haben unterschiedliche Hintergründe und brachten auch jüdische Perspektiven in den Erarbeitungsprozess ein. Die Premiere des Stückes fand am 26. April 2025 im Piccolo Theater statt. Der Piccolo Jugendklub folgt Annes beeindruckender Lebenslinie bis zum Ende. Wie können Rituale der Erinnerung durchbrochen werden, um zu einer tatsächlichen Erinnerung als Arbeit an der Gegenwart zu gelangen?

Jurykommentar

Hier wird keine verstaubte Biografie nacherzählt. Hier wird Geschichte aktiv bearbeitet, hinterfragt und in den eigenen Körper übersetzt. Unter der Spielleitung von Matthias Heine ist ein Bühnenereignis entstanden, das seine immense Kraft direkt aus der Haltung, den Diskussionen und der intensiven Recherchearbeit der jungen Spielenden zieht.

Anlässlich des 80. Jahrestages des Kriegsendes ist das Ensemble weit über die bekannten Tagebuchseiten von Anne Frank hinausgegangen. Das junge Ensemble ist nach Amsterdam gereist, hat vor Ort recherchiert und sich durch zusätzliche Zeitzeugenberichte in jene Lücken der Geschichte begeben, die das Tagebuch dort offenlässt, wo Annes Aufzeichnungen nach der Verhaftung enden. Diese tiefgründige Auseinandersetzung spürt man in jeder Sekunde: Das Ensemble hat sich die Geschichte und die Person Anne Frank aktiv erarbeitet, ohne den Anspruch zu erheben, sie zu verkörpern. Mit einer bewussten Entscheidung für Distanz sagen sie: „Ich spiele Anne“. Sie nähern sich ihr, zitieren sie und stellen ihre eigenen Biografien mutig daneben.

Diese Art der nahbaren Aufklärungsarbeit bildet das Herzstück der Aufführung. Die Spielenden lassen ihre eigenen Fragen in den Text einfließen: Wie blicken wir heute, im Jahr 2026, auf Annes Schicksal? Was bedeutet uns Freiheit angesichts aktueller Konflikte? Wenn wir in die Zukunft schauen, ins Jahr 2029, was sehen wir? Wenn die Spielenden aus ihren Rollen treten, von ihrer Reise nach Amsterdam berichten oder auf die aktuelle politische Lage deuten, wird das Stück zu einem brennenden Dokument der Gegenwart. Stelen verwandeln sich durch die Dynamik der Gruppe in das beklemmend enge Hinterhaus, in die unüberwindbaren Wände eines Verstecks. Das Ensemble agiert dabei als beeindruckende, choreografische Einheit.

ANNE ist leise und intensiv und dennoch dynamisch, auf eine ganz persönliche Weise. Mehrmals verlagern sich Spielanteile in die Zuschauerreihen; Beobachtungen von Zeitzeug*innen kommen aus dem Publikum und Textauszüge werden den Akteur*innen wie beiläufig in die Hand gegeben. Die Inszenierung verwebt Annes Notizen geschickt mit den Fragen und Erfahrungen der Spielenden. Es entstehen Momente von zarter Intimität, wie die Sehnsucht nach Austausch und Freundschaft oder die erste Zuneigung zu Peter, die jäh durch den harten Kontrast der Realität unterbrochen werden. Dem jungen Ensemble ist ein fesselndes Stück gelungen, das die Leichtigkeit von Annes Träumen und das Gewicht des Verbrechens in einer bemerkenswerten Balance hält. Am Ende stehen sieben Paar rote Schuhe im Licht – ein Symbol der Erinnerung und gleichzeitig eine Mahnung. ANNE ist mutig, ästhetisch stimmig und ein schöner Beweis dafür, wie kraftvoll Jugendtheater ist, wenn es die eigene Stimme zum Kompass macht und uns mit der Frage nach der eigenen Haltung entlässt.

Andreas Kroder und Fernando da Ponte

Mit

Frieda Becker, Hermine Jähne, Maja Kuschnir, Laurenz Lorenz, Charlie Müller, Weronika Muisalowska, Lena Patzelt, Lamara Schröder, Celina Siegfried, Isabella Stutzmann, Carl Ferdinand Thomas und Arian Wolff

Matthias HeineSpielleitung, Textfassung, Schreibworkshops, Dramaturgie  
Zaida Ballesteros ParejoChoreografie
Sven Mühlbach, Konstantin WalterLicht, Technik, Musik
Matthias Heine, Veronica Silva-KlugBühne und Kostüme