Inszenierung
waltraud900, Forum Freies Theater Düsseldorf
Nordrhein-Westfalen

APOLLON - STOP TRYNA BE GOD, waltraud900, Forum Freies Theater Düsseldorf © Christian Knieps
„Männlichkeit ist weder gut noch schlecht – es kommt darauf an, was wir daraus machen.“ Die Apollons von heute – ein Ensemble aus elf männlich gelesenen Jugendlichen zwischen 15 und 20 Jahren mit unterschiedlichen kulturellen Perspektiven – klettern vom Olymp, rechnen mit Zeus ab, zerlegen männliche Rollenbilder und setzen sie neu zusammen. Wohin brechen die Söhne der Zukunft auf und welche Fragen begleiten sie?
„Zeus hat mich nie gefragt, ob ich das hier will. Meinst du, du kannst da mit dem ‘ne Cola trinken und dich über deine Gefühle unterhalten? Dem solche Fragen stellen?“
Der griechische Gott Apollon repräsentiert auf den ersten Blick das Bild der perfekten Männlichkeit. Überirdisch schön, stark und mächtig, verkörpert er als unfehlbarer Bogenschütze und Hüter des Orakels von Delphi das Bild des durchsetzungsfähigen, potenten Machers und wäre heute wahrscheinlich unter dem Stichwort „toxische Männlichkeit“ in aller Munde. Gleichzeitig erzählt seine mythologische Biografie von Scheitern, Verrat und Betrug und eröffnet unerwartete Bruchstellen. APOLLON – STOP TRYNA BE GOD untersucht Männlichkeit als kulturelles Erbe, das weitergegeben, reinszeniert und reproduziert wird. Gemeinsam mit dem deutsch-griechischen Kollektiv waltraud900 und dem Musiker und Rapper Uğur Kepenek aka Busy Beast entwickelte ein Ensemble aus elf männlich gelesenen Jugendlichen zwischen 15 und 20 Jahren mit unterschiedlichen kulturellen Perspektiven eine Performance zwischen Mythos und Gegenwart. Die Apollons von heute verlieben sich nochmal neu in Daphne, rechnen mit Zeus ab, besiegen die Python, steigen vom Olymp, zerlegen männliche Rollenbilder und setzen sie neu zusammen. Welche Narrative tragen heute noch? Welche kippen? Wohin brechen die Söhne der Zukunft auf und welche Fragen begleiten sie? Wir haben uns in Workshops und Gesprächsrunden diesen Fragestellungen genähert, auf Deutsch und Griechisch und vor allem interdisziplinär mit Musik, Tanz und Theater gearbeitet.
Jurykommentar
Apollon sein. Gott sein. Gott sein wollen? Gott sein ist ein Sinnbild für das Privileg patriarchaler Macht: die Macht, Entscheidungen im eigenen Sinne treffen zu können, selbstverständlich Anerkennung zu bekommen, die Macht, dass die eigene Stimme gilt und gehört wird. In der Mythologie heißt Gott sein schützen und strafen, schenken und sich rücksichtslos nehmen, was man will. Natürlich hat Apollon die Python getötet, natürlich gegen seinen Vater Zeus rebelliert, natürlich Daphne verfolgt, bis sie sich in einen Lorbeerbaum verwandelt. Ein Vorbild?
Die Inszenierung APOLLON – STOP TRYNA BE GOD verabschiedet sich von dieser Idee nicht mit einem einfachen Gegenentwurf, sondern mit einer vielstimmigen Befragung. Ausgehend von Mythologie, Popkultur und eigenen Erfahrungen untersuchen die Spieler verschiedene Entwürfe von Männlichkeit – zwischen Zuschreibung, Erwartung und persönlicher Realität. „Männlichkeit ist weder gut noch schlecht – es kommt darauf an, was wir daraus machen“, formuliert einer von ihnen.
Aus dem Chaos wird Ordnung, das Orakel von Delphi wird zur Bühne männlicher Selbstbefragung, das Tor zum Versprechen und zur Zumutung zugleich. Wer darf hindurch? Wer will hindurch? Und was wartet auf der anderen Seite? Die silbernen Bälle, die Körperbilder, die Songs, die choreografierten Gruppenszenen und die wiederkehrenden Kränze verdichten sich zu einer präzisen Theatersprache, in der Pathos, Humor und Verletzlichkeit zugleich sichtbar werden.
Dabei bleibt die Inszenierung nicht bei der Kritik an „toxischer Männlichkeit“ stehen, sondern zeigt die Widersprüche: das Bedürfnis nach Vorbildern und die Angst, ihnen zu ähneln; die Sehnsucht nach Stärke und die Erschöpfung durch ständige Selbstoptimierung; Väter, die lieben, ohne es sagen zu können, und Söhne, die nach anderen Bildern suchen.
„Was bist du denn für ein Gott?“ – von dieser Frage aus entfaltet sich der Abend. APOLLON – STOP TRYNA BE GOD übersetzt das Nachdenken über Männlichkeit in klare Bilder und vielstimmige Perspektiven – und macht sichtbar, wie sehr sich diese Frage heute neu stellt – und neu stellen muss. Es ist auch der Versuch, der eigenen Generation etwas mitzugeben: die Möglichkeit, Zuschreibungen zu hinterfragen, eigene Wege zu finden und nicht einfach zu übernehmen, was vorgezeichnet ist.
Saskia Neuthe und Rieke Oberländer
Gustav Becker, Bowen Gao, Nuragha Gasimov, Tasos Geraidis, Amin Hubricht, Simon Karol Gabriel Ilga, Uğur Kepenek, Anton Schebesta, Andreas Spektorov, Zhengli Wang, Timo Walek, Fabio Wilson, Juri Win Wintersig
Nuragha Gasimov, Andreas Spektorov, Zhengli Wang, Juri Win Wintersig – Live-Musik
waltraud900 – Idee und Künstlerische Leitung
Bianca Künzel – Regie
Phaedra Pisimisi – Choreografie
Bianca Künzel, Dorle Trachternach – Text
Dorle Trachternach – Dramaturgie
Ria Papadopoulou – Ausstattung
Linda Bockholt – Musik und musikalische Leitung
Uğur Kepenek aka Busy Beast – Texte/Rap
Theo Gatzka – Mitarbeit Produktion
Mohammed Marouf Alhassan – Choreografische Mitarbeit
Katrin Wiesemann – Produktionsleitung
Julius Kindermann, Eckehard Merholz – Licht
Thorsten Runge – Ton
Forum Freies Theater Düsseldorf und Theater im Pumpenhaus Münster – Koproduktionspartner