Ausstellungstexte

Aufnahme von einer großen Schwarz-Weiß-Projektion eines Gesichts von einer männlich gelesenen Person.

Peter Hujar / Liz Deschenes: Persistence of Vision, Installationsansicht, Gropius Bau, 2026

© Gropius Bau, Foto: Luca Girardini

Einleitung

Peter Hujar / Liz Deschenes: Persistence of Vision vereint die Arbeiten zweier Künstler*innen in einem generationsübergreifenden Dialog, dem ein erweitertes Verständnis von Fotografie zugrunde liegt.

Die Ausstellung zeichnet Peter Hujars Karriere nach, von seinen frühen fotografischen Experimenten bis hin zu den späteren Studioaufnahmen. Hujar arbeitete in New York zwischen dem Aufkommen des Gay Liberation Movement in den 1960er Jahren und dem Ausbruch der AIDS-Krise in den 1980er Jahren. Diesen entscheidenden kulturellen Moment hielt er unter anderem in seinen berühmten Schwarz-Weiß-Porträts der New Yorker Avantgarde- und queeren Communitys fest. Seine eindringlichen Aufnahmen von städtischen Ruinen, von Tieren und der Natur nehmen Themen wie Gemeinschaft, Sexualität, Verfall und Tod in den Blick. Vor allem aber strebte Hujar in seinen Bildern nach Authentizität und Klarheit, um, wie er selbst sagte, unkomplizierte Bilder von komplizierten Motiven zu machen. 

Hujars Fotografien werden zusammen mit zeitgenössischen Arbeiten der in New York lebenden Künstlerin Liz Deschenes gezeigt. Diese Setzungen laden dazu ein, innezuhalten und Hujars Arbeiten aus einer anderen Perspektive zu erfahren. Deschenes’ Werk umfasst Skulpturen und ungegenständliche fotografische Arbeiten. In ihrer Auseinandersetzung mit den grundlegenden Elementen des Mediums – Licht, Chemie und Zeit – hinterfragt sie, was Fotografie alles sein kann. Obwohl Hujar und Deschenes sich nie begegnet sind und ihre Stile sich klar unterscheiden, teilen die beiden ein tiefes Interesse an den materiellen Möglichkeiten von Fotografie, Architektur und der Rolle von Schönheit.

Raster und Verschiedenheit

Die Anordnungen im Raster, die an verschiedenen Stellen der Ausstellung auftauchen, sind von Peter Hujars letzter Präsentation seiner Arbeiten zu Lebzeiten inspiriert. Peter Hujar: Recent Photographs wurde 1986 in der Gracie Mansion Gallery gezeigt, einer einflussreichen experimentellen Galerie im New Yorker East Village.

In Zusammenarbeit mit dem Künstler und AIDS-Aktivisten Sur Rodney (Sur), dem damaligen Ko Direktor der Galerie, hängte Hujar seine Fotografien als dichtes, scheinbar zufälliges Raster. Die Aktbilder, Porträts und Aufnahmen von Tieren und Ruinen wurden so angeordnet, dass sie sich jeder Kategorisierung entzogen. Im Mittelpunkt von Hujars Denken stand die Kraft der Verschiedenheit – die einzigartige Essenz jeder Person und jedes Motivs, das er fotografierte. Seine Methode spiegelt sich in den Rasterinstallationen dieser Ausstellung wieder. Sie erinnern an Hujars anhaltendes Ideal, seine Motive mit überzeugender Klarheit und Genauigkeit einzufangen.

Peter Hujar / Liz Deschenes: Persistence of Vision, Installationsansicht, Gropius Bau, 2026

© Gropius Bau, Foto: Luca Girardini

Ruinen und Stützen

Peter Hujar / Liz Deschenes: Persistence of Vision, Installationsansicht, Gropius Bau, 2026

© Gropius Bau, Foto: Luca Girardini

Ein wichtiges Thema in den Werken von Peter Hujar und Liz Deschenes ist die gebaute Umgebung und deren Verhältnis zum Vergehen der Zeit. Hier wird der Ausstellungsraum selbst Teil dieses Dialogs. Die mit Ornamenten verzierte Decke verweist auf das architektonische Erbe des Gropius Bau als ein Gebäude im Stil der Neorenaissance, das im Zweiten Weltkrieg teilweise durch Bomben zerstört wurde.

Hujar fotografierte immer wieder Ruinen: von einem überwucherten Gebäude in Key West, Florida, über Aufnahmen von Industrieabfällen in New Jersey bis hin zu Bildern der Piers an der New Yorker West Side, die sich selbst überlassen und von queeren Communitys und Künstler*innen in Beschlag genommen wurden. Für Hujar waren diese Orte Räume der Freiheit und der Überschreitung, aber auch eindringliche Sinnbilder für Verlust und Verfall.

Deschenes’ Retaining-Skulpturen sind von Baugerüsten inspiriert, die zur Erhaltung instabiler historischer Gebäude verwendet werden. Im Gegensatz dazu bestehen Deschenes’ zerbrechliche Pfeiler jedoch aus feinem, gegossenem Glas. Sie dienen somit nicht als Stützen, sondern lenken die Aufmerksamkeit auf die bestehende Architektur und geben ihr einen neuen Rahmen.

Nacht und Sichtbarkeit

Peter Hujar und Liz Deschenes setzen sich beide mit der Nacht auseinander – nicht nur als Motiv, sondern auch als Medium. Während Hujar Aufnahmen von New York bei Nacht machte, nutzt Deschenes das Mondlicht, um kameralose Fotogramme zu erstellen.

Hujars Nachtaufnahmen wirken filmisch und melancholisch. Sie zeigen menschenleere Szenen, dunkle Gebäude, Gassen und geparkte Autos in verlassenen Gegenden der Stadt. Hierbei arbeitete Hujar mit den gegebenen Lichtverhältnissen und langen Belichtungszeiten. Die tiefen Schwarztöne und strahlenden Akzente arbeitete er in der Dunkelkammer noch weiter heraus, um die atmosphärische Wirkung zu verstärken. Viele Bilder erzählen von einem Gefühl der Sehnsucht und des Verlangens. Sie wurden in Gegenden aufgenommen, die in queeren Communitys als Cruising-Spots bekannt waren – Orte für unverbindlichen Sex in öffentlichen Räumen.

Für die Herstellung ihrer Fotogramme verwendet Deschenes Schwarz-Weiß-Fotopapier, das sie nachts im Freien auslegt und dabei sowohl natürlichem als auch künstlichem Licht aussetzt. Mithilfe von Chemikalien entwickelt sie dadurch ein Bild, das auch im Anschluss weiterhin auf das Umgebungslicht reagiert. Durch den Kontakt mit Sauerstoff und anderen Umweltfaktoren verändern sich die Arbeiten im Laufe der Ausstellung.

Peter Hujar / Liz Deschenes: Persistence of Vision, Installationsansicht, Gropius Bau, 2026

© Gropius Bau, Foto: Luca Girardini

Wandelbarkeit und Spiegelung

Aufnahme eines Ausstellungsraumes mit Werken an den Wänden.

Peter Hujar / Liz Deschenes: Persistence of Vision, Installationsansicht, Gropius Bau, 2026

© Gropius Bau, Foto: Luca Girardini

Die unzähligen Arten, auf welche die Fotografie unser Erleben von Natur einfängt und beeinflusst, sind sowohl für Peter Hujars als auch für Liz Deschenes’ Arbeit von wesentlicher Bedeutung.

Hujars Nahaufnahmen des East River und des Hudson River – der beiden Flüsse, die Manhattan umschließen – fangen einen Zwischenraum ein, in dem Stadt und Natur aufeinandertreffen. Die Bilder zeigen wirbelnde Strömungen und das Spiel des Lichts auf der Wasseroberfläche, wodurch Momente der Veränderung und der Abstraktion sichtbar werden. Sie bewegen sich zwischen Transparenz und Undurchsichtigkeit und fangen einen Zustand des Wandels ein, der im Widerspruch zur Vorstellung von Fotografie als statischem Medium steht.

Deschenes’ Claude-Glass-Arbeiten sind von einem historischen optischen Instrument inspiriert: Das Claude-Glas wurde aus poliertem schwarzem Stein gefertigt und seit dem 17. Jahrhundert von Landschaftsmaler*innen verwendet. In seiner gekrümmten Oberfläche spiegelte sich die Umgebung in einer reduzierten Farbpalette. Deschenes übersetzt dieses Werkzeug in gegossene Glasskulpturen, die hier nicht genutzt werden, um die Natur zu spiegeln, sondern um mit Oberfläche, Wahrnehmung und Abstraktion zu spielen. Deschenes’ künstlerische Herangehensweise legt den Fokus auf die Idee der ästhetischen Verwandlung, indem sie stets aufs Neue mit gängigen fotografischen Praktiken bricht.

Transparenz und Filter

Liz Deschenes’ Gorilla-Glass-Arbeiten sind auf ultradünnem Glas gedruckt, das für Bildschirme und Handys entwickelt wurde. Das natürliche Licht, das durch die Fenster einfällt, wird von den glatten, einfarbigen Flächen eingefangen und reflektiert. Wie ihre Claude-Glass-Arbeiten nehmen sie Bezug auf ein optisches Instrument aus dem 17. Jahrhundert. Hier handelt es sich um kleine, eingefärbte Glasfilter, die von Maler*innen verwendet wurden, um sowohl die Farben als auch die Sättigung der Landschaften, vor denen sie standen, zu verändern und zu verstärken. Der Leinenstoff an der Wand dieses Raumes verweist darauf, wie sich museale Präsentationsweisen historisch verändert haben.

Im Gegensatz zu unseren digitalen Bildschirmen, die nur eine bestimmte Perspektive zulassen, hängen Deschenes’ Arbeiten ohne eindeutige Vorder- oder Rückseite im Raum. Gleichzeitig gibt das Außenfenster den Blick auf eine vielschichtige und gewaltvolle Vergangenheit frei: Zu sehen sind das Berliner Abgeordnetenhaus – das unter dem nationalsozialistischen Regime Teil des Luftfahrtministeriums war – und Überreste der Berliner Mauer. Deschenes’ Werke werden so zu einer anderen Art von Fenster. Sie sind reflektierende und stille Zeugen einer gebauten Umgebung, die von Überwachung und Terror geprägt ist.

Aufnahme eines großen Ausstellungsraumes.

Peter Hujar / Liz Deschenes: Persistence of Vision, Installationsansicht, Gropius Bau, 2026

© Gropius Bau, Foto: Luca Girardini

Ich mache unkomplizierte, direkte Fotos von komplizierten und schwierigen Motiven.

— Peter Hujar

Peter Hujar (1934–1987) wuchs bei seinen ukrainischen Großeltern in einer ländlich geprägten Gemeinde von New Jersey auf. Als Kind begann er, mit der Kamera seiner Mutter die Tiere und das bäuerliche Leben rund um das Haus seiner Familie zu dokumentieren. Im Alter von zwölf Jahren zog er nach New York zu seiner Mutter und seinem Stiefvater.

In der High School erkannte eine Englischlehrerin sein Potenzial und ermutigte ihn, die Fotografie weiterzuverfolgen. Nach seinem Schulabschluss arbeitete Hujar als Assistent für kommerzielle Fotograf*innen und nutzte deren Dunkelkammern, um seine eigenen Abzüge zu erstellen. Ein Fulbright-Stipendium führte ihn 1962 nach Italien, wo er Film studierte und zahlreiche Reisen unternahm. Ein Besuch der Kapuzinergruft von Palermo mit seinem damaligen Partner Paul Thek hinterließ bei ihm einen bleibenden Eindruck und weckte ein anhaltendes Interesse am Thema Sterblichkeit. Zurück in New York bewegte sich Hujar im Kreis von Künstler*innen, Schriftsteller*innen und Performer*innen des East Village und porträtierte bekannte Persönlichkeiten wie Candy Darling, William S. Burroughs und Susan Sontag. Seine Teilnahme an der Meisterklasse des Fotografen Richard Avedon im Jahr 1967 markierte einen Wendepunkt für Hujar: Er gab die kommerzielle Fotografie auf und widmete sich ganz seiner künstlerischen Praxis. Hujar fotografierte Szenen des avantgardistischen und queeren Lebens zwischen den Stonewall-Protesten gegen Polizeigewalt in der queeren Community im Jahr 1969 und der AIDS-Krise der 1980er Jahre. Seine Bilder dokumentieren die anhaltenden Kämpfe für Räume des Widerstands.

Hujar war bekannt für seinen kompromisslosen Charakter und seine penible Kontrolle der Präsentation seiner Arbeiten und erreichte zu Lebzeiten keinen Mainstream-Erfolg. Erst nach seinem Tod an den Folgen einer AIDS-bedingten Erkrankung erlangte Hujars fotografisches Werk breitere Anerkennung und Bewunderung.

„Viele meiner Arbeiten entstehen in Reaktion auf eine begrenzte Auffassung von Fotografie. Ich bin der Meinung, dass Fotografie so viel mehr kann, als nur einen bestimmten Moment festzuhalten.“

— Liz Deschenes

Liz Deschenes wurde 1966 in Boston geboren und lebt und arbeitet in New York. Sie erhielt ihren Bachelor of Fine Arts mit einem Schwerpunkt auf Fotografie von der Rhode Island School of Design. Derzeit lehrt sie an verschiedenen Hochschulen in New York, wobei ihr Fokus auf interdisziplinärer künstlerischer Forschung liegt.

Deschenes beschäftigt sich mit den grundlegenden Aspekten der Fotografie – Licht, Chemie und Zeit – und experimentiert mit neuen Drucktechnologien und Materialien. Sie arbeitet häufig mit Glas, das sie bedruckt oder in skulpturalen Arbeiten verwendet, die keine fotografischen Elemente enthalten. Deschenes’ Werk erkundet die Möglichkeiten dessen, was Fotografie sein kann, und stellt die engen Grenzen des Mediums immer wieder infrage.

Die unverwechselbare Bildsprache der Künstlerin widersetzt sich festgelegten Bedeutungen und betont die Wandelbarkeit und Flüchtigkeit der Fotografie. Viele ihrer Arbeiten erinnern an architektonische Strukturen und interpretieren die Räume, in denen sie gezeigt werden, neu. Deschenes’ Skulpturen loten das Verhältnis von Kunst zu Architektur aus, thematisieren die Bewegung der Betrachtenden im Raum und machen sie sichtbar. Durch räumliche Anordnungen, die sich je nach Blickwinkel und Position verändern, befasst sich Deschenes’ Arbeit auf poetische Weise mit den Voraussetzungen von Wahrnehmung: Anhand welcher Mittel – körperlicher und technologischer Art – erfahren wir die Welt?