
Peter Hujar / Liz Deschenes: Persistence of Vision, Installationsansicht, Gropius Bau, 2026
© Gropius Bau, Foto: Luca Girardini
Essay
Maxi Wallenhorst
Dass seine Fotografien uns Lebensweisen zeigen, die es nicht mehr gibt – die durch Luxusbauprojekte, AIDS und die Polizei bis zur Unkenntlichkeit verändert wurden –, diese Beobachtung ist im Nachdenken über Peter Hujar fast schon zum Allgemeinplatz geworden. Das heißt nicht, dass es nicht immer brutaler stimmt. Die Mischung von sexuellen Kulturen und szenischem Glamour, die seine Porträts in ihrer Spezifität aufleuchten lässt, wird verdrängt und die Verdrängung schreitet weiter voran. Sie trifft uns in Wellen und wir werden aktuell unter Wasser durchgeschüttelt. Gleichzeitig hat es das mythische New York, das wir in den Wogen des von Hujar in den frühen 1970er Jahren festgehaltenen Hudson Rivers (nicht einmal) gespiegelt sehen, nie gegeben. Es mag buchstäblich unmöglich sein, in Hujars Arbeiten, in diese intim öffentlichen Orgasmen und aggressiv geräumigen Lofts, nicht das Bild einer Stadt der Möglichkeiten hineinzuprojizieren: verlassen, ruiniert, krank, aber so spürbar lebenswert. Doch ist dies weder ein Ort, den Hujar bloß dokumentierte, noch einer, für den er sich aktivistisch einsetzte; er ist eine Fantasie – eine Fantasie, die, gekonnt in Posen und Szenen gesetzt, bereits zu seiner Zeit verloren war. Liz Deschenes’ warme, offene Infrastrukturen heben diese im engeren Sinne des Wortes utopische Textur von Hujars Fotografie hervor. Auf fotografischem Papier, das weiter der eigenen Ausstellung ausgesetzt wird, entwickelt sich ihre Arbeit buchstäblich noch weiter, und bricht an der Grenze der Repräsentation die Historizität von Hujars Werk auf. Plötzlich werden die von ihm eingefangenen Ausdrucksformen figurativ, konzeptuell: propositional. Plötzlich ist das East Village noch gar nicht erprobt worden.

Peter Hujar, Hudson River (III), 1976
© The Peter Hujar Archive / VG Bild-Kunst, Bonn 2026
„Ikone zu werden, zu sein, und vor allem zu bleiben, ist eine Art, zu leben, zu überleben, eine Art, zu sterben.“
Wenn Hujars Bilder von den Reflexionen in Deschenes’ Arbeit sanft dekonstruiert werden, ist schwer zu sagen, ob sie, wie man sagt, zeitgenössisch „Resonanz“ haben. Heiße Fotos von queeren Menschen forever, und Ruinen und Manhattan, und gleichzeitig sind sie mit Spurenelementen unserer zeitgenössischen Nostalgie überladen. Viele wünschen sich, wie mein Freund Sebastjan meint, dass sie uns etwas beibringen, über Resilienz, Community usw., aber bis zu einem gewissen Grad basieren sie auf Negativen, auf Verlust. Vielleicht kommt Hujars Orgasmic Man aus dem Bücherregal irgendeiner leicht nervigen Freundin bekannt vor, vom Cover von A Little Life – eines der vielen Beispiele, in denen sich middlebrow Mainstream-Kultur schwuler Liebe zuwendet, um sentimentale Vorstellungen von Romantik und, noch flacher, vom Leben selbst, zu reanimieren. Obwohl Interesse an Hujars Werk erst in jüngster Zeit rasant wieder erwacht, ist es fast, als wären seine Fotografien schon seit Langem überall. Die Sehnsucht, die populäre queere Slogans wie „We’ve always been here“ einfangen, lässt sein gesamtes Œuvre über einzelne berühmte Bilder hinaus einrasten. Dass sie ikonisch sind, ist in gewisser Weise nicht zu leugnen, schlicht Tatsache. Aber es wäre zu einfach, diese Ikonizität mit Aneignung, Inklusion oder Kanonisierung zu verwechseln. Realistisch betrachtet, ist Ikone zu werden, zu sein, und vor allem, zu bleiben, eine Art, zu leben, zu überleben, eine Art, zu sterben. Da ist Candy Darling, wunderschön auf ihrem Sterbebett. Eine Krankenhauszimmer-Leuchtstoffröhre kann ein Bühnenscheinwerfer sein. Die Rose hat sie selbst dort platziert. In Hujars Bildern liegen unendlich coole Menschen sanft gestreckt auf New Yorker Hotelsofas und in Landschaften, mit leichtem Abstand zu ihrem alltäglichen Selbst. Hujar hat sie subtil in Form gebracht, festgehalten zwischen Freundschaft und Ikonizität, zwischen Stille und Bewegung, ihren historischen Biografien und ihren Fluchtlinien. Deschenes’ Genauigkeit kühlt diese Fotografien runter, legt in ihnen Hujars subtile Affinitäten zum ihm zeitgenössischen Minimalismus frei, das heißt, Fragen nach Infrastrukturen. Ein Beispiel ist Deschenes’ Arbeit Retaining, die einem Stützelement ähnelt, wie es bei der Erhaltung von Ruinen verwendet wird – doch in Deschenes’ Fall besteht es aus Glas und ist selbst äußerst zerbrechlich. Gerade indem die Arbeit too much und anfällig ist, stützt Retaining Hujars Strukturen und bewahrt, im Wortsinne des englischen Titels, die Sorgebeziehungen, derer diese sich selbst nie ganz bewusst werden. „Queere Geschichte,“ oder wie auch immer man sie nennen will, wird gerade in der Zeit nach Stonewall und vor AIDS als Geschichte von Exzess, Grenzüberschreitung, sogar von Selbstverwirklichung, etc. verstanden. Aber zwischen Hujars Posen und Deschenes’ Infrastrukturen erscheint sie als nüchtern, formal, genau. Posen, scheinen diese Arbeiten intim zu vermitteln, lassen sich weder von ihren materiellen Bedingungen trennen noch umgekehrt.

Liz Deschenes, Retaining, Installationsansicht, Gropius Bau, 2026
© Gropius Bau, Foto: Luca Girardini
Gibt es Berlin noch? Wo selbst dem harmlosesten pro-palästinensischen Kulturprojekt stillschweigend die Mittel gestrichen werden und mit die drastischsten Mietsteigerungen Europas Stadtteile löchern, wo das relative Wirtschaftswachstum Verdeutschung nährt, das heißt, das langfristige Ziel der „Wiedervereinigung“ – da ist es mittlerweile zum Gemeinplatz geworden, zu sagen, dass Berlin vorbei ist. Zu sagen, dass Berlin vorbei ist, ist vorbei. Es tut trotzdem weh. Autsch. Und hat es Berlin überhaupt … jemals gegeben? Das, insbesondere in den 2000er Jahren gebildete, anglophone und stark queer geprägte Image Berlins als gescheitertete Stadt, als letzter Zufluchtsort sexueller Freiheit, günstigen Wohnraums und künstlerischer Erschwinglichkeit, ist schon lange von Missverständnissen geprägt. Die Stadt ist schon lange provinzieller und polizeilich kontrollierter, gleichzeitig ärmer, diasporischer und politisch umstrittener, als es eine Cabaret-Watchparty an einem Snax-Wochenende vermuten lassen würde. Es ist albern, darüber zu streiten, ob Berlin 1993, 2014 oder 2023 zu Ende gegangen ist. Doch während sich viele der Veränderungen schmerzhaft langsam vollziehen, ist es vielleicht vor allem die Gravitationskraft der Fantasie, die plötzlich und unbestreitbar ihren Kurs geändert hat.
Als ich sie zum ersten Mal sehe, finden gerade einige Veranstaltungen im Rahmen der Ausstellung statt. Vor dem Gebäude treffe ich spontan ein paar Freunde, einige davon zufällig. Es ist ein bisschen random, dass wir alle hier sind – ein Hauch Randomness, der in der gegenwärtigen Umgebung immer seltener vorkommt. Wir gehen in die Ausstellung, um nach dem Bild von Gary Indiana zu suchen, einem Schriftsteller, den wir bewundern und dessen Tod sich noch immer wie ein jüngstes Ereignis anfühlt. So lang kann ein bitchy gelebtes Leben sein, von der Vergangenheit, die nie existierte, hin zu dem, was die Gegenwart zu sein droht. Die Arbeit hat den Titel Gary Indiana Veiled, ja, wie eine Braut oder ein spielendes Kind. Sein Gesicht ist in einen halbtransparenten, mit Pailletten besetzten Schal fast gedrückt, sein Mund in einer Weise geschlossen, die auf die Möglichkeit anspielt, sich zu öffnen. Auch die Augen. Leichte Anklänge an erotische Asphyxie, selbstverständlich. In seinem großen Enttäuschungsroman Everything We Do in the Dark, kurz vor dem 11. September geschrieben, schreibt Indiana:
„Zeitgeist is a historian’s favorite hallucination: a confidence trick, quanta leaping over the specific. ‘These people lived and died clutching statistically measured expectations to their breasts, delusions wired into their brains by lulls in the convulsions of time.’ We missed the big picture because our eyes locked on some whirling dervish in the lower left corner. All of us, except a few farthinking individuals, avatars who shift history with their bare hands, starvation protests, atom bombs, religious manias, or the raw will to power. The rest of us were caught by surprise when we woke up buried to our necks in shit. Let's assume, at least, that the big picture isn't a rectangle, a film of watered silk in a frame, or a mastermind's jump cut, but something more like an urn on a mantelpiece. Not everyone gets buried. Some burn.”

Peter Hujar, Gary Indiana Veiled, 1981
© The Peter Hujar Archive / VG Bild-Kunst, Bonn 2026
„Vom Standpunkt des gemeinsamen Abhängens aus, im unschuldigen Zwielicht freundschaftlicher Idealisierung, pulsiert die Stadt vor ihrer eigenen Vorbeiheit.“
Als wir gehen, ist Selin Davasse eine Taube im Treppenhaus. Die Taube träumt davon, einen Mann auf der Straße zu kastrieren – wenn ich mich recht erinnere –, ihm den Schwanz abzureißen. Eine deutsche Dame in knallroten Strumpfhosen reagiert äußerst emotional auf die Performance und hält Selins Taubenhände zu fest in ihren eigenen.
Die meisten von uns haben sich eine Zeit lang nicht gesehen. Alarmierende und cartoonhafte, neue Symptome sind aufgetaucht, zuckende Augenlider, mysteriöse STIs, die nichts bedeuten, obskure Geldquellen, die nur teilweise ausgedacht sind. K, der seine Oberkörpergarderobe auf mit Müllbeuteln bedruckte Hoodies reduziert hat, zieht bald nach New York, wo Leute mehr Geld für schwulen Trash haben. Dort gibt es einen neuen Bürgermeister. Es muss nicht das Ende einer Ära sein. S. wird weltberühmte Tänzerin-Philosophin und ihre Eltern schreiben aus Beirut, wo israelische Bomben fallen. L., dessen Karriere als wirklich guter Kunstkritiker ihn vor Kurzem vernachlässigt hat, macht eine Ausbildung zum Analytiker, aber er könnte selbst für die unanständigsten Lacanianer*innen zu messy sein. B.s Studien zu Grindr-basierter Heterosexualität in den kriegsbedingt boomenden Ölfeldern von West-Texas. M.s Berichte aus dem Darkroom nach FLINTA*, wo Menschen, die alle Ex-Partner und Ex-Partner ihrer Ex-Partner sind, versuchen, die Kunst der lesbischen Grausamkeit aufs Cruising zu übertragen. Das sind einige Anekdoten, sorgfältig übertrieben, hervorgehoben durch ein vages Gefühl der Perspektivlosigkeit. Die Anekdoten sind falsch, weil sie nicht eklig genug sind. Morgen wird einer von uns einen veganen Proteinriegel aus dem Notvorrat eines belanglosen One-Night-Stands klauen. Niederlagen, postet eine Freundin, beweisen nichts.
Für den Moment, nur für einen kurzen Augenblick, ist jeder in der Clique interessant. Ich schaue mich um und stelle fest, dass alle einzeln betrachtet immer noch peinlich sind – oder besser gesagt, es ist genau umgekehrt: Für einen kurzen Augenblick macht die Clique jede interessant. Vom Standpunkt des gemeinsamen Abhängens aus, im unschuldigen Zwielicht freundschaftlicher Idealisierung, pulsiert die Stadt vor ihrer eigenen Vorbeiheit. Es ist schon komisch, dass vorbei so aussieht: Wie die selbstmörderisch glänzenden öffentlichen Skulpturen in den sogenannten Hudson Yards, nur wenige Blocks von dem Ort entfernt, an dem Hujar einige Straßenszenen fotografierte. Vorbei sieht aus wie die psychotisch flache und zweifelhaft finanzierte Fassade eines buchstäblichen Stadtschlosses in Berlin. Aus der Perspektive des gemeinsamen Abhängens, während T. ihren Mittelscheitel über die Frontkamera ihres Handys überprüft und Z. los will, „beginnen wir,“ wie Walter Benjamin einst fantasierte, „die Monumente der Bourgeoisie als Ruinen zu erkennen noch ehe sie zerfallen sind“. Wir setzen unsere Untergangsstimmung aus, bringen sie in Form.

Peter Hujar / Liz Deschenes: Persistence of Vision, Installationsansicht, Gropius Bau, 2026
© Gropius Bau, Foto: Luca Girardini
Maxi Wallenhorst lebt und schreibt in Berlin. Sie promoviert an der Leuphana Universität Lüneburg. Zuletzt erschienen Essays in Berlin Review und e-flux journal.