Der Schriftzug „Theatertreffen“ auf lila Grund vor dem Haus der Berliner Festspiele.

© Fabian Schellhorn

Die 10 Inszenierungen 2024

Zehn bemerkenswerte Inszenierungen der Saison, ausgewählt von einer Kritiker*innen-Jury, geben einen komprimierten Einblick in die deutschsprachige Theaterszene.

Bucket List

von Yael Ronen & Shlomi Shaban

Regie: Yael Ronen
Songwriting und Komposition: Shlomi Shaban
Uraufführung: 9.12.2023
Schaubühne am Lehniner Platz
Koproduktion mit Théâtre de Liège – mit Unterstützung von Wallonia-Brussels International.
Gefördert durch das europäische Theaternetzwerk PROSPERO – Extended Theatre.
schaubuehne.de

Statement der Jury

Manchmal gelingt es Theater, auf eine Weise gegenwärtig zu sein, die das Gegenteil von „aktuell“ ist. Dann scheint etwas hinter dem zu liegen, was man auf der Bühne sieht, wie eine zweite Haut. „Bucket List“ ist so ein Abend. Weil er genau das nicht ist, was viele von ihm erwartet hatten – die konkrete Auseinandersetzung mit dem Grauen des 7. Oktober 2023. Stattdessen: Vertrauen aufs Eigene, die Kunst, Musik und die ursprüngliche Geschichte. Aber wie könnte man diese Geschichte noch erzählen, ohne gleichzeitig vom Hier und Jetzt zu handeln? Ein Mann will seine Erinnerungen löschen lassen, weil er unter einer posttraumatischen Belastungsstörung leidet. Es bleiben aber Fetzen, gespenstische Erinnerungsreste aus dem Gestern wie jene weißen Kleidungsstücke, die immer wieder vom Bühnenhimmel fallen. Zwischen der tieftraurigen Sehnsucht dieser Bilder machen Yael Ronen und Shlomi Shaban mit ihrem Ensemble großes Musical-Theater, mühelos die Register wechselnd zwischen Broadway-Glanz und Singer-Songwriter-Schmelz. Meisterlich wie eh und je – und doch scheint nichts mehr wie zuvor.

ZumVideostatement von Juror Janis El-Bira über „Bucket List“

Eine Frau singt in einem abstrakten schwarzweißen Bühnenbild, ein Mann schaut zu.

Bucket List

© Ivan Kravtsov

Die Hundekot-Attacke

Eine Vorstellung über Finsternis, Schönheit und Vergebung, basierend auf einer wahren Begebenheit.

Konzept: Wunderbaum
Regie: Walter Bart
Text: Walter Bart, Hannah Baumann, Pina Bergemann, Nikita Buldyrski, Henrike Commichau, Linde Dercon, Leon Pfannenmüller, Anna K. Seidel
Urauführung: 27.10.2023
Theaterhaus Jena
Eine Koproduktion mit Wunderbaum.
theaterhaus-jena.de

Statement der Jury

„A life without criticism is not worth living“, wird gleich zu Beginn Robert F. Kennedy zitiert. Und ja, das ist ein Abend, der den Fäkalien-Angriff in der Staatsoper Hannover im Februar 2023 aufgreift – und damit die Kunst-Kritik-Debatte. Es ist aber auch ein Abend, der erklärtermaßen einen reißerischen Titel gewählt hat, um endlich die überregionale Presse in die thüringische Provinz zu locken – was ihm gelungen ist. Es ist ein Abend über die Machtstrukturen im Theater, den Geniekult, über das „zugleich anziehende und ekelerregende Wort“ Hundekot. Und es ist vor allem ein Abend, der diese Themen und damit den (Theater-)Kunstbetrieb hinterfragt. Der mit Klischees, Fakten und Fiktion spielt, mit Schauspieler*innen-Eitelkeiten, Kritiker*innen-Hoheiten und mutmaßlich Privatem. Selbstironisch, klug, pseudodokumentarisch und in den emotionalen wie demokratischen Achterbahnfahrten eines Kollektivs entstanden. Kurz gesagt: ein charmanter, hinreißender Abend, in dem natürlich ein Dackel eine Rolle spielt, ein Choreograf und eine Kritikerin.

ZumVideostatement von Jurorin Katrin Ullmann über „Die Hundekot-Attacke“

Eine Person in weißem Anzug beschmiert einen weißen Untergrund mit schwarzer Farbe.

Die Hundekot-Attacke

© Joachim Dette

Die Vaterlosen

Tragikomödie von Anton Tschechow
Deutsch von Ulrike Zemme
Mit „DAD MEN TALKING: Gesprächsreihe mit wechselnden Gästen & Carl Hegemann“ sowie einem Monolog von Katja Brunner

Regie: Jette Steckel
Premiere: 3.6.2023
Münchner Kammerspiele
muenchner-kammerspiele.de

Statement der Jury

Am Anfang fehlt die vierte Wand. Das Kammerspiele-Ensemble rund um Wiebke Puls’ verarmte Generalswitwe Anna Petrowna plaudert leger ins Publikum, hievt Bierkästen über die Rampe, bringt sich in Partylaune. Doch der Rausch bleibt aus, da können „Die Vaterlosen“ noch so sehr nach ihm suchen. Jette Steckel inszeniert Anton Tschechows erstes Theaterstück, das er noch als Gymnasiast in der russischen Provinz schrieb, während sein bankrotter Vater vor Gläubigern nach Moskau geflüchtet war, als zeitgenössischen Tanz auf dem Vulkan. Reihenweise verfallen hier starke Frauen Joachim Meyerhoffs toxischem Volksschullehrer Platonow, werfen sich ihm untergangssüchtig an den Hals und machen ihn trotzig zu ihrer „Utopie“. Wenigstens eine verklagt ihn erfolgreich in einem Texteinschub von Katja Brunner – prompt stilisiert er sich zum Opfer. Und dann sind da noch die „DAD MEN TALKING“, ältere Herren (und Damen), die Dramaturg Carl Hegemann in Talkshow-Einschüben zur Generationserfahrung der Vaterlosigkeit befragt, bevor Platonow sie zur Schnecke macht. Ein Schauspielfest der kollektiven Verdrängungen und Projektionen!

ZumVideostatement von Juror Martin Thomas Pesl über „Die Vaterlosen“

Ein Mann wird von langen dunklen Stäben durchbohrt.

Die Vaterlosen

© Armin Smailovic

Extra Life

von Gisèle Vienne

Konzept, Choreografie, Regie, Szenografie: Gisèle Vienne
Kreation und Performance in Kooperation mit: Adèle Haenel, Theo Livesey, Katia Petrowick
Uraufführung: 16.8.2023 (Ruhrtriennale)
Eine Produktion von DACM / Company Gisèle Vienne
in Koproduktion mit Ruhrtriennale, Théâtre National de Bretagne – Centre Européen Théâtral et Chorégraphique, MC93 – Maison de la Culture de Seine-Saint-Denis Bobigny, MC2 : Grenoble – Scène nationale, Théâtre national de Chaillot, Maillon – Théâtre de Strasbourg – Scène européenne, Tandem – Scène nationale de Douai, Points Communs – Nouvelle Scène nationale de Cergy Pontoise, CN D Centre national de la danse, Comédie de Genève, Le Volcan – Scène nationale du Havre, Centre Culturel André Malraux – Scène nationale de Vandoeuvre lès Nancy, NTGent, Printemps des Comédiens – Cité européenne du théâtre Domaine d’O Montpellier, Festival d’Automne à Paris, Comédie de Clermont, Internationales Sommerfestival Kampnagel – Hamburg, Triennale Milano Teatro, Tanzquartier Wien, La Filature, Scène nationale de Mulhouse.
ruhrtriennale.de

Statement der Jury

Ein ödes Niemandsland jenseits der Stadt. Hier sind Clara und Felix nach einer durchtanzten Nacht gestrandet. Das Geschwisterpaar war sich lange fremd, doch nun können sie erstmals offen darüber sprechen, was ihnen Onkel Charly angetan hat. So viel ist sicher in Gisèle Viennes „Extra Life“. Alles andere fächert sich in assoziativen Splittern in Yves Godins atemberaubendem Lichtdesign auf. Mit einzelnen Spots und farbigen Laserstrahlen erschafft Godin immer wieder neue Räume, die nie zu konkreten Orten werden. Sie markieren Seelenlandschaften, durch die sich Adèle Haenel, Theo Livesey und Katia Petrowick in Zeitlupe bewegen. So lösen Gisèle Vienne und die Performer*innen Zeit, wie wir sie kennen, konsequent auf. Sie vergeht nicht, sie öffnet sich vielmehr in unterschiedlichste Richtungen. Gegenwart und Vergangenheit, Wirklichkeit und (Alb-)Traum, werden eins. Das fortdauernde Trauma der missbrauchten Kinder drückt sich in ebenso poetischen wie schmerzlichen Bildern aus und wird künstlerisch erfahrbar.

ZumVideostatement von Juror Sascha Westphal über „Extra Life“

Eine Frau auf einem Autodach stützt sich auf ihre Hände und schaut in die Ferne.

Extra Life

© Estelle Hanania

Laios

ANTHROPOLIS II

von Roland Schimmelpfennig

Regie: Karin Beier
Uraufführung: 29.9.2023
Deutsches SchauSpielHaus Hamburg
schauspielhaus.de

Statement der Jury

Nach Pentheus – und vor Ödipus – ist Laios der rechtmäßige Thronfolger in Theben. Roland Schimmelpfennig erfindet im zweiten Teil der fünfteiligen „ANTHROPOLIS“-Serie für die antike Nebenfigur eine eigene Biografie. Dabei nimmt er sich Raum für Mythen und Möglichkeiten genauso wie für Dönerbuden und knatternde Motorroller. Denn die Überlieferungen der alten Griechen, all die „kranke Scheiße“, das sind schließlich nur Mutmaßungen. Hier sind Götter im Spiel, genauso wie fliegende Katzen und verbannte Königssöhne, manche mit durchbohrten Füßen. Diesen multiperspektivischen Monolog voller Versionen, Variationen und Vielleichts setzt Karin Beier mit wenigen Mitteln in Szene und eine überragende Lina Beckmann in dessen Zentrum. Mit einer irrlichternden Sicherheit füllt Beckmann die schwarzen Bühnenweiten. Mit grandioser Geistesgegenwart, körperlicher Geschmeidigkeit und überwältigender Spiellust beschwört sie eine große ferne Welt und bleibt dabei stets in Kontakt mit dem Publikum. Von der Unbeschwertheit eines Teenagers über die Abgründe eines Butoh-Tänzers, das Kalkül eines Politikers bis hin zum unheilvollen Husten einer Seherin fasziniert Beckmann in wechselnden Rollen. Doch ihre Hauptrolle ist die des hoch konzentrierten, mitreißenden Erzählens.

ZumVideostatement von Jurorin Katrin Ullmann über „Laios“

Eine Frau mit Maske befindet sich vor fünf antiken Masken mit offenen Mündern.

Laios. ANTHROPOLIS II

© Monika Rittershaus, 2023

Macbeth

von William Shakespeare
Deutsch von Angela Schanelec und Jürgen Gosch

Regie: Johan Simons
Textfassung: Koen Tachelet
Premiere: 12.5.2023
Schauspielhaus Bochum
schauspielhausbochum.de

Statement der Jury

Der Gedanke liegt eigentlich auf der Hand, und nun hat Regisseur Johan Simons beherzt zugegriffen. Er interpretiert William Shakespeares „Macbeth“ als Prototyp des absurden Theaters. Genau das war dieses Schauerstück mit all seinen Unwahrscheinlichkeiten und seinem Hang zum Übersinnlichen wie zum Grausam-Grotesken immer schon. Als Farce gedacht erstrahlt die Tragödie in neuem Glanz, den ihr nicht zuletzt Marina Galic, Jens Harzer und Stefan Hunstein verleihen. Sie spielen alle Rollen und nutzen die schnellen Übergänge von einer Figur zur anderen immer wieder für abgründige Gags. Als traurige Clowns streifen sie sich Shakespeares Figuren wie Kostüme über und ahnen immer, wie sinnlos alles ist. Das verleiht ihren Figuren eine überraschende, bei aller Grausamkeit anrührende Verletzlichkeit. „Schön ist schlimm, und schlimm ist schön“, verkünden zu Beginn die Hexen. Diese Umkehrung der Werte gelingt Simons und seinem Ensemble. Das Tragische ist komisch, das Komische ist tragisch.

ZumVideostatement von Juror Sascha Westphal über „Macbeth“

Zwei Personen in schwarzen Anzügen und Kronen auf dem Kopf befinden sich in einem Bühnenbild aus Delfter Fliesen.

Macbeth

© Armin Smailovic

Nathan der Weise

Dramatisches Gedicht in fünf Akten
von Gotthold Ephraim Lessing

Regie und Bühne: Ulrich Rasche
Premiere: 28.7.2023
Salzburger Festspiele
salzburgerfestspiele.at

Statement der Jury

Das Licht der Aufklärung strahlt in Ulrich Rasches Inszenierung von Gotthold Ephraim Lessings „Nathan der Weise“ so hell und gleißend, dass niemand sagen kann, ob es die Menschen in eine bessere Zukunft führt oder einfach nur blendet. Die kurzen, eingestreuten Fremdtexte von Johann Gottlieb Fichte und Voltaire deuten Letzteres an. In ihnen offenbart sich die verblendete Seite der Aufklärung, unter deren Denkern sich auch hemmungslose Antisemiten befanden. Antisemiten, gegen die Lessing auf eher pessimistische Weise Stellung bezogen hat. Eben dieser Pessimismus erfüllt Rasches Inszenierung und Valery Tscheplanowas so gedankenscharfe wie bewegende Darstellung des Nathan. Zusammen mit dem Lichtkünstler Alon Cohen erschafft Rasche Grenzen aus Licht. Diese Lichtwände ermöglichen wundervolle Auftritte, trennen die Figuren aber auch immer wieder und unterstreichen Rasches Idee von den Grenzen der Aufklärung, von denen schon Lessings verqueres Happy End zeugt, das ausgerechnet Nathan aus der Familie ausschließt.

ZumVideostatement von Jurorin Valeria Heintges über „Nathan der Weise“

Ein Schauspielensemble steht in gespannter Haltung auf einer blau ausgeleuchteten Bühne.

Nathan der Weise

© SF/Monika Rittershaus

Riesenhaft in Mittelerde™

nach „Der Herr der Ringe“™ von J.R.R. Tolkien
Eine begehbare Inszenierung von Theater HORA, Das Helmi Puppentheater und Schauspielhaus Zürich

Regie: Nicolas Stemann, Stephan Stock, Florian Loycke & Der Cora Frost 
Uraufführung: 22.4.2023
Schauspielhaus Zürich
schauspielhaus.ch

Statement der Jury

Ein 1250-Seiten-Roman auf der Bühne, aber wie! Das Regiequartett Nicolas Stemann, Stephan Stock, Florian Loycke und Der Cora Frost baut in die Schiffbau-Halle des Schauspielhaus Zürich eine liebevoll ausgestattete, begehbare Fantasiewelt, die das Publikum zuerst erkunden kann und in der sich dann Frodos Abenteuer in Mittelerde abspielen, mit viel Rummel, Musik, Schaumstoff, Filmen und Gags. Als Spektakel, als Riesengaudi, als Auseinandersetzung mit einem Monsterfilm, der seine Fans zu Tausenden hat, trotz rassistischer und misogyner Töne. Das alles wird mitgespielt, aber nebenbei. Alle spielen gleichberechtigt und begegnen einander auf Augenhöhe, die Schauspieler*innen des Schauspielhauses, die HORA-Spieler*innen, die Puppen von Das Helmi, Der Cora Frost. Und Co-Intendant Nicolas Stemann begleitet alle am Klavier. Das hat Klasse, das hat Selbstbewusstsein, das feiert das Theater und seinen Reichtum der Mittel, der Methoden, der Gesichter, der Herangehensweisen. Auch seine Unzulänglichkeit, die gezeigt, aber nicht ausgestellt wird. Ein immersives Spektakel, bei dem sowohl Tolkien-Expert*innen als auch Hochkultur-Nerds auf ihre Kosten kommen und alle gemeinsam das Böse besiegen.

ZumVideostatement von Jurorin Valeria Heintges über „Riesenhaft in Mittelerde™“

Mehrere Personen in fantasievollen Kostümen befinden sich in einem schwarzen Bühnenraum.

Riesenhaft in Mittelerde

© Philip Frowein

The Silence

von Falk Richter

Regie: Falk Richter
Deutschsprachige Erstaufführung: 19.11.2023
Schaubühne am Lehniner Platz
schaubuehne.de

Statement der Jury

Ein Vater, der bis ins hohe Alter vom Krieg albträumt, eine Mutter, die die Tagebücher ihrer Kinder kontrolliert, Eltern, die beim homophoben Angriff auf den Sohn kein Mitleid zeigen: Der Autor und Regisseur Falk Richter macht sich in seinem autofiktionalen Stück „The Silence“ auf die Suche nach Gründen für das Schweigen, das seine Kindheit und Jugend in der Nordheide geprägt hat. Er konfrontiert in Dokumentarfilmaufnahmen seine Mutter, die ihr Leben als Geschichte des Durchhaltens oder auch der „Resilienz“ erzählt, erfindet böse-witzige Dialoge mit seinem alten Schulfreund und einer Therapeutin. Auf der als Buchholzer Vorgarten gestalteten Bühne lässt er sich vom Schauspieler Dimitrij Schaad vertreten, der sich furios in den Künstler einfühlt, aber auch eine eigene Haltung zu dieser Selbsterforschung hat. Mit „The Silence“ zeigt Falk Richter nicht nur mitreißend und reflektiert am Beispiel der eigenen Familie, wie tief die Spuren von Faschismus und Kriegserfahrung in die bundesrepublikanische Mentalität reichen. Er lässt auch das Publikum teilhaben an Kämpfen und Perspektivverschiebungen, die vielleicht einen neuen Anfang ermöglichen.

ZumVideostatement von Jurorin Eva Behrendt über „The Silence“

Auf einer Bühne mit einer parkartigen Landschaft sitzt ein Mann an einem Laptop, auf den Hintergrund wird das Bild eines Schwimmers projiziert.

The Silence

© Gianmarco Bresadola

ÜBERGEWICHT, unwichtig: UNFORM

Ein europäisches Abendmahl von Werner Schwab
in einer Fassung von Rieke Süßkow und Klaus Missbach

Regie: Rieke Süßkow
Premiere: 6.10.2023
Staatstheater Nürnberg
staatstheater-nuernberg.de

Statement der Jury

Gegen den Strich hat Regisseurin Rieke Süßkow Werner Schwabs 1991 erschienenes „Fäkaliendrama“ nicht gebürstet, im Gegenteil: Sie hat es genau gelesen und in seiner pubertär kichernden Obszönität mit beglückender Perfektion umgesetzt. Die Gastwirtschaft, in der eine Gruppe armseliger und gewalttätiger Stammgäste ein schönes Paar an Neuankömmlingen beneidet (und aufisst), ist in einem ekelhaft schmatzenden, schlürfenden Mund angesiedelt. Die Figuren, die sich halb aufgeblasene Sexpuppen angezogen haben, sind Zielscheiben einer Jahrmarktschießbude oder eines Spielautomaten. Sie bewegen sich mechanisch, wobei jede einzelne ihrer Bewegungen von einem Geräusch unterlegt wird. Erst durch den Gewaltakt an den schönen Reichen können sie sich befreien. Süßkow wendet ein strenges Konzept an, dessen Umsetzung im Detail dennoch immer wieder überrascht. Man sieht sich also nicht satt und nimmt für einzelne Charaktere Partei – obwohl die einzige Figur, für die Schwab sich interessiert, die Sprache selbst ist.

ZumVideostatement von Juror Martin Thomas Pesl über „ÜBERGEWICHT, unwichtig: UNFORM“

Ein Ensemble mit an Sexpuppen erinnernder Kostümierung befindet sich auf einer schwarzen Bühne.

ÜBERGEWICHT, unwichtig: UNFORM

© Konrad Fersterer

Inszenierungen in der Diskussion 2024

43 Inszenierungen wurden von den Juror*innen für eine Nominierung zum Theatertreffen 2024 vorgeschlagen und diskutiert.

Zur Shortlist

Die Jurymitglieder besuchten vom 21. Januar 2023 bis 17. Januar 2024 690 Produktionen in 82 Städten analog oder digital. 1.105 Voten gingen ein und insgesamt wurden 43 Inszenierungen für eine Nominierung zum Theatertreffen 2024 vorgeschlagen und diskutiert.
Wir gratulieren den ausgewählten Produktionsteams und allen weiteren Beteiligten herzlich!