Die 10 bemerkenswertesten Inszenierungen 2026

Die zehn bemerkenswertesten Inszenierungen der Saison, ausgewählt von einer Kritiker*innen-Jury, geben einen komprimierten Einblick in die deutschsprachige Theaterszene.

A Year without Summer

von Florentina Holzinger

Regie, Choreografie und Performance: Florentina Holzinger
Uraufführung: 21.5.2025 (Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz)
Eine Produktion der Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz (Berlin), Florentina Holzinger/Spirit und neon lobster in Koproduktion mit Tanzquartier Wien, Kampnagel Internationales Sommerfestival, Dansenhus Stockholm, DE SINGEL, Maska Ljubljana, asphalt Festival, Rising Melbourne, Factory International Manchester, Divine Comedy International Theater Festival / Łaźnia Nowa Theater (Krakau) und Marvaða Iceland
Gefördert aus Mitteln des Hauptstadtkulturfonds und der Kulturabteilung der Stadt Wien
volksbuehne.berlin

Jurybegründung

„Was tut man in einem ,Jahr ohne Sommer‘, in dem Vulkanausbrüche und Temperaturstürze die Welt verdüstern? Die damals 18-jährige Autorin Mary Shelley erdachte in einem solchen Sommer anno 1816 das Monster Frankenstein. Und Florentina Holzinger führt alle Ereignisse zusammen und unternimmt mit ihren Performer*innen, zu denen diesmal auch eine Crew von teilweise über 80-jährigen Akteur*innen gehört, einen ebenso wilden wie ungemein luziden Ritt durch die Optimierungsgeschichte des Homo sapiens. In spektakulären und höchst komplexen Bildern führt sie den Status quo des Planeten mit der Verfallsbiografie des menschlichen Körpers zusammen und fragt – während die Roboterhunde bereits zum Angriff rüsten – nach Fluch und Verheißung des ewigen Lebens. Der Düsternis zum Trotz geschieht all das in Form eines gedanklich wie visuell überbordenden Musicals, an dessen Ende die buchstäblichste Kunst-Fäkal-Orgie der Theatergeschichte steht. Wie hier in der denkbar schonungsfreiesten Wahrheit eine absolut kitschfreie Utopie aufscheint, das hat man im Theater so noch nie gesehen.“
– Christine Wahl für die Theatertreffen-Jury

Singende Frauen in weißen Kitteln versammeln sich um ein Krankenbett, hinter ihnen der riesige Torso einer nackten Frau mit gespreizten Beinen

A Year without Summer

© Nicole Marianna Wytyczak

Der Hauptmann von Köpenick

Ein deutsches Märchen von Carl Zuckmayer

Regie und Bühne: Sebastian Hartmann
Premiere: 20.9.2025
Staatstheater Cottbus
staatstheater-cottbus.de

Jurybegründung

„Was macht man mit einem 95 Jahre alten ,deutschen Märchen‘, in dem ein gewitzter Schuster mithilfe einer ertrödelten Uniform ins Köpenicker Rathaus einmarschiert? Und das spätestens seit der Verfilmung mit Heinz Rühmann 1956 an die gehobene Fernsehkomödie verloren scheint, wobei gern mal vergessen wird, dass der Gegenstand, aus dem es sich speist – nämlich das Soldatische im Menschen – gar nicht nur lustig ist? Sebastian Hartmann und sein großartiges Ensemble haben eine grandiose Idee: Sie verhehlen weder das Abgründige noch das Komödiantische des Stoffes – ohne allerdings die Komödie im engeren Sinne zu reproduzieren. Hartmann hat die Fassade des Cottbusser Theaters auf dem Szenario nachgebaut. ,Der deutschen Kunst‘ steht dort geschrieben, und was sich nun ereignet, ist ein Marionettentheater (nicht nur) deutscher Mentalitätsgeschichte, in dem ein begnadet (selbst-)ironiebegabtes Schauspielteam das Stück von Carl Zuckmayer auf seine Gegenwartstauglichkeit abklopft. An der Oberfläche sieht das aus, als hätte die Crew eine Backstage-Klamotte lässig mit Diskursstoff veredelt. Tatsächlich aber führt es tief hinein in Wesen und Gegenwart des Soldatischen – auch im Theater.“
– Christine Wahl für die Theatertreffen-Jury

Männer und Frauen mit Instrumenten stehen vor einer Art Kasperletheater mit einer uniformierten Figur mit Pappmachékopf

Der Hauptmann von Köpenick

© Bernd Schönberger

Die Glasmenagerie

Ein Spiel der Erinnerungen von Tennessee Williams

Regie: Jaz Woodcock-Stewart
Premiere: 30.1.2025
Theater Basel
theater-basel.ch

Jurybegründung

„Das Faible für narrative Ästhetik gilt als UK-typisch. Jaz Woodcock-Stewart ist eine jener jungen britischen Regisseurinnen, die gekonnt erzählen, ohne schlicht nachzuerzählen. Sie gibt Tennessee Williams’ Glasmenagerie am Theater Basel einen sehr gegenwärtigen Drive, ohne den Text – der in den späten 1930-Jahren spielt – zu zerbrechen. (Aktuelle) Powerplates, Vibrationsplatten aus dem Gym, fördern hier gerade nicht den Muskelaufbau, sondern sind im Gegenteil ironisch gewendete, kongeniale Zeichen für die Erschütterung aller Halt gebenden Strukturen. Zwischen den nackten Betonwänden verlieren sich die drei Hauptfiguren. Eine Treppe führt ins Nichts, eine Rampe in ein reduziertes Leben ohne Geld und ohne Kontakt zur Außenwelt. Die queere Tochter flieht in eine Art Hikikomori-Dasein. Kurz wird für einen Besucher der Familie eine (Haus-)Fassade über das ausgehöhlte Leben des unglücklichen Trios gekippt; das wird nichts nützen. Eine leise, zeichenstarke, berührende Arbeit!“
– Alexandra Kedves für die Theatertreffen-Jury

Eine Frau im Pünktchenkleid und ein Motorradfahrer geben einander lächelnd die Hand, während ein Mann im Anzug zusieht

Die Glasmenagerie

© Lucia Hunziker

Die Welt im Rücken

von Thomas Melle

Regie: Lucia Bihler
Premiere: 27.9.2025
Schauspiel Stuttgart
schauspiel-stuttgart.de

Jurybegründung

„Die ganze Bühne mutiert hier zu einem psycho-physischen Raum: Von Paula Wellmanns mit-atmenden und zuweilen schamrosa beleuchteten Vorhängen bis zu den drängenden Sounds von Sixtus Preiss wirkt alles daran mit, Thomas Melles schmerz- und humorvollen Text über seine bipolare Störung sicht- und erfahrbar zu machen. Im Zentrum dieses Gesamtkunstwerks: die großartige Paulina Alpen. Im roten Körper-Panzer von Victoria Behr – und manchmal auch ihm entgegen – spielt sie das Schwerwerden in der Depression ebenso wie den Donnerhagel der Neuronen in der Manie. Und nichts davon zu groß. Selbst das Durchdrehen ist bei ihr eine feinstoffliche Angelegenheit. Sechs Alpen-Lookalikes sind die von Melle erwähnten ,Zwitter-Agenten‘: Ausstülpungen wie Echos des eigenen Ich, die aber auch die Reaktionen der Mehrheitsgesellschaft auf inadäquates Verhalten spiegeln. Der Abend hat die poppige Ästhetik, die man von Lucia Bihler kennt, ist aber niemals effekthascherisch, sondern tief menschlich und schickt auch das Publikum auf eine Achterbahn der Emotionen.“
Sabine Leucht für die Theatertreffen-Jury

Eine Frau in einem übergroßen roten Kostüm mit künstlichen Fäusten sitzt mit blutverschmierter Nase auf dem Boden

Die Welt im Rücken

© Julian Baumann

Fräulein Else

frei nach Arthur Schnitzler 
von Leonie Böhm und Julia Riedler

Regie: Leonie Böhm
Premiere: 8.2.2025
Volkstheater, Wien
volkstheater.at

Jurybegründung

„In Leonie Böhms und Julia Riedlers Schnitzler-Adaption ist fast jede Zeile aus 1924. Dass dieser Text dennoch treffsicher in der Gegenwart landet, ist der herausragenden Leistung von Julia Riedler als Else zu verdanken. Aus dem Bewusstseinsstrom der Achtzehnjährigen, die von einem Bekannten erpresst wird, sich vor ihm auszuziehen, um Geld für den verschuldeten Vater zu erhalten, entwickelt sie einen aufregenden Dialog mit dem Publikum. Riedler nimmt ihre Zuschauer*innen damit konsequent in die Verantwortung und macht sie zu Kompliz*innen in Elses auswegloser Situation. Mit unglaublicher Schlagfertigkeit und augenzwinkernder Lässigkeit hat sie den Saal in der Hand – und wickelt ihr Publikum auch gern mal um den Finger. Ihre Else ist hellwach, furchtlos und unberechenbar. Und so erträumt der Abend aus der Schnitzler-Anlage schrittweise eine Utopie für unsere Zeit, in der Machtmissbrauch immer noch allgegenwärtig ist. Ein radikal heutiges Solo und eine Übung in Empathie gleich mit.“
Vincent Koch für die Theatertreffen-Jury

Eine Frau in einem Blazermantel steht lächelnd auf einem schwingenden Kronleuchter

Fräulein Else

© Marcel Urlaub

Il Gattopardo

von Giuseppe Tomasi di Lampedusa
Aus dem Italienischen von Burkhart Kroeber
Bühnenfassung von Pınar Karabulut und Hannah Schünemann

Regie: Pınar Karabulut
Premiere: 29.11.2025
Schauspielhaus Zürich
schauspielhaus.ch

Jurybegründung

„Theaterabende wie Pınar Karabuluts Adaption von Giuseppe Tomasi di Lampedusas Il Gattopardo sind selten geworden. Zusammen mit der Bühnenbildnerin Michela Flück und der Kostümbildnerin Sara Valentina Giancare lässt Karabulut das aristokratische Sizilien des Risorgimento auf magische Weise wieder aufleben. Die Opulenz der Räume wie der Kostüme und das meist ungebrochen psychologische Spiel des Ensembles ziehen das Publikum tief in das 19. Jahrhundert hinein. Es kann sich in der Schönheit dieser untergehenden Welt ebenso wie in der melancholischen Noblesse des von Markus Scheumann gespielten Fürsten Don Fabrizio verlieren. Zugleich kann es aber auch Symptome unserer eigenen Zeitenwende erkennen. Karabulut bleibt nah an Lampedusas Roman und nimmt so unsere krisengeschüttelte Wirklichkeit in den Blick. Scheumanns Schlussmonolog ist nicht nur die berührende Lebensbilanz eines Sterbenden. Er ist auch eine Mahnung, anders als Don Fabrizio für das Bestehende zu kämpfen.“
– Sascha Westphal für die Theatertreffen-Jury

Eine junge Frau in einem Reifrock steht in einem Salon, im Hintergrund sind weitere Personen in historischen Kostümen

Il Gattopardo

© Krafft Angerer

Mephisto

nach dem Roman einer Karriere von Klaus Mann

Regie: Jette Steckel
Premiere: 28.2.2025
Münchner Kammerspiele
muenchner-kammerspiele.de

Jurybegründung

„Jette Steckel und ihrem Team ist ein Abend gelungen, der den Mephisto-Roman Klaus Manns mit wenigen Sätzen Fremdtext zu einer beklemmenden, aktuellen Studie über das Verhältnis von Kunst und Macht formt. Virtuos zeigt Thomas Schmauser die Wandlung seines Hendrik Höfgen vom Vorkämpfer eines ,Revolutionären Theaters‘ zum opportunistischen Nazi-Günstling als von einer Mischung aus künstlerischer Eitelkeit und einigen Rest-Gedanken über Widerstand motiviert. Er tastet diese Figur sorgfältig von innen ab, zeigt sie als brüchig, hadernd und/oder hadern spielend. Dass Steckel selbst die Szenen dieses Abends, die im privaten Raum stattfinden, als Theater im Theater anlegt, ist deshalb nur konsequent. Es geht auch um einen Menschen-Typus, dem die Kunst die ganze Welt bedeutet und der sich der Illusion hingibt, dass das Theater ein Fluchtort ist, der letztlich unantastbar bleibt. Pustekuchen! Schaut man dem tollen Ensemble bei der Arbeit zu, sieht man auch Menschen, die die Neue Rechte nur zu gerne wieder von der Bühne verjagen würde. Dieser Abgleich zwischen der historischen Vergangenheit und der möglichen Zukunft tut richtig weh.“
– Sabine Leucht für die Theatertreffen-Jury

Ein Mann mit weißer Gesichtsschminke und einem rot-schwarzen Umgang steht in einem rot-schwarzem Raum

Mephisto

© Armin Smailovic

Serotonin

nach dem Roman Sérotonine von Michel Houellebecq
Aus dem Französischen von Stephan Kleiner
Theaterfassung von Sebastian Hartmann

Regie und Bühne: Sebastian Hartmann
Premiere: 13.12.2025
Hans Otto Theater, Potsdam
hansottotheater.de

Jurybegründung

„Eine derart reduzierte und puristische Inszenierung hat Sebastian Hartmann noch nie gezeigt. Seine Bühnenadaption von Michel Houellebecqs Roman Serotonin ist ein Meisterwerk des theatralen Minimalismus: Mehr als einen weißen Kasten, in dem nur eine weiße Holzbank steht, einen einzelnen Scheinwerfer und natürlich Guido Lambrecht braucht es nicht. Gut fünf Stunden verweilt Lambrecht in diesem Raum, dessen Weiß alles auszulöschen scheint, und breitet das verpfuschte Leben von Houellebecqs Ich-Erzähler Florent-Claude Labrouste aus. In diese schonungslose Beichte eines gescheiterten Mannes bricht immer wieder eine zweite, deutsch-deutsche Lebensgeschichte ein, die Labroustes toxische Sicht auf die Welt erweitert und kommentiert. Lambrechts zurückgenommenes wie präzises Spiel ist dabei eine kleine Theatersensation. Es erlaubt einem, tief in die Abgründe eines Mannes zu blicken und so zum Kern des momentan virulenten antimodernen Denkens vorzudringen.“
Sascha Westphal für die Theatertreffen-Jury

Ein Mann in weißer Kleidung sitzt mit überschlagenen Beinen auf einer weißen Bank in einem weißen Kubus

Serotonin

© Thomas M. Jauk

Three Times Left is Right

von Julian Hetzel

Konzept und Regie: Julian Hetzel
Uraufführung: 17.5.2025 (Wiener Festwochen | Freie Republik Wien)
Eine Produktion von Studio Julian Hetzel in Koproduktion mit Wiener Festwochen | Freie Republik Wien und Schauspiel Leipzig in Zusammenarbeit mit De Balie (Amsterdam), SPRING Performing Arts Festival (Utrecht) und Theater Utrecht
julian-hetzel.com | festwochen.at | schauspiel-leipzig.de

Jurybegründung

„Inspiriert von der Beziehung eines linken Kulturwissenschaftlers und einer neurechten Autorin aus Wien entwickelt Julian Hetzel ein ungewöhnliches, verblüffendes Kammerspiel. Wie zusammenleben, wenn sich die eigenen Weltanschauungen diametral gegenüberstehen? Kristien de Proost und Josse De Pauw spielen ein Paar, bei dem sich politische Konflikte in den Küchentisch gefressen haben. Mit mikroskopischer Genauigkeit zoomt Hetzel in das Innere ihrer Beziehung, bei der Gespräche auf dem Spielplatz die Gewissheiten einer festen Institution erschüttern. In einem minimalistischen Setting liefern sich die beiden ein hitziges Battle um die bessere Ideologie – exemplarisch für die gesellschaftliche Spaltung. Wieso werden linke Denkmuster so schnell von rechts gekapert? Mit abgründigem Humor baut Hetzel eigenwillige Bilder für das aufgeheizte Diskursklima und die Radikalisierung, bis sich sogar die Untertitel verselbstständigen. Mit schwitzigen Händen schaut man der Performance zu und geht absolut durchgeschüttelt aus diesem konzeptionell-klugen und anregenden Abend. Ein Meisterwerk der Provokation.“
– Vincent Koch für die Theatertreffen-Jury

Ein alter Mann erklärt etwas mit erstem Gesicht, im Hintergrund bearbeitet jemand ein blutverschmiertes Plakat

Three Times Left is Right

© Rolf Arnold

Wallenstein

Ein Schlachtfest in sieben Gängen 

nach Friedrich Schiller

Regie: Jan-Christoph Gockel
Premiere: 4.10.2025
Münchner Kammerspiele
muenchner-kammerspiele.de

Jurybegründung

„Eine Doppelbelichtung der Mechanik des Krieges und eine überbordende Feier des Theaters: Das und noch viel mehr gelingt diesem Wallenstein. Sieben Stunden nehmen sich Jan-Christoph Gockel und sein Team von Individualist*innen dafür Zeit. Dass sie einem nicht lang werden, liegt an der Vielzahl der Perspektiven auf den Stoff, die sich manchmal reiben, aber immer wunderbar miteinander räsonieren. Es geht um Söldnerheere gestern und heute, um militärische Strippenzieher, die selbst an fragilen Strippen hängen, um Loyalität und die Schwierigkeit, Kriege wieder zu beenden. Zentral für die Bildwelten und den Humor des Abends sind Schillers berühmter Satz ,Der Krieg ernährt den Krieg‘, die Figur des russischen Söldnerführers Jewgeni Prigoschin und der Harry Potter-Zauberspruch ,Riddikulus‘, der beängstigende Dinge in etwas Komisches verwandelt und die lähmende Angst vertreibt. In diesem immersiven, zwischen Investigativ- und Literatur-Theater, Performance, Schau- und Puppenspiel, feiner Ironie, Satire und Ernst aufgespannten Meisterstück bleibt dagegen alles in Bewegung. Sogar die Hoffnung auf den Menschen im Krieger.“
– Sabine Leucht für die Theatertreffen-Jury

Eine glatzköpfige Person mit wütendem Gesichtsausdruck nimmt einen erschreckt wirkenden Mann von hinten in die Klammer

Wallenstein

© Armin Smailovic

Statistik

Die Jurymitglieder sichteten im Zeitraum vom 17. Januar bis 31. Dezember 2025 insgesamt 739 Inszenierungen aus Deutschland, Österreich und der Schweiz.