Die 10 bemerkenswertesten Inszenierungen
Ein deutsches Märchen von Carl Zuckmayer
Staatstheater Cottbus
Premiere: 20.9.2025
Der Hauptmann von Köpenick © Staatstheater Cottbus
Das existenzielle Spiel mit Sein und Schein steht im Zentrum dieser höchst gegenwärtigen Interpretation des Hauptmann von Köpenick, die Sebastian Hartmann und sein spielfreudiges Ensemble expressiv und selbstbewusst überzeichnet auf die Guckkastenbühne bringen.
Der gerade frisch aus dem Gefängnis entlassene Wilhelm Voigt darf nicht arbeiten, weil er keine Papiere hat. Und um diese Papiere zu bekommen, braucht er eine Arbeitsstelle. Als alle Bemühungen scheitern, die Bürokratie zu überlisten, bleibt ihm nur noch der Versuch, das System mit seinen eigenen Mitteln zu schlagen. Er verkleidet sich, tritt nochmal auf – und plötzlich spielt er mit. Aber in welchem Spiel? Oder ist das das Leben? Sebastian Hartmann ist dafür bekannt, gemeinsam mit seinem Ensemble nach grundlegend neuen Zugängen zu Stoffen zu suchen und Anknüpfungspunkte im Hier und Jetzt zu ermöglichen. Sein Hauptmann von Köpenick spielt daher nicht nur mit der eigentlichen Stückvorlage, sondern auch mit den Erwartungen des Publikums. Denn dieses hochenergetische, bildstarke und ideenreiche Kasperletheater zerrt Abhängigkeitsverhältnisse und die Brutalität der menschlichen Existenz ins grelle Rampenlicht.
„Was macht man mit einem 95 Jahre alten ,deutschen Märchen‘, in dem ein gewitzter Schuster mithilfe einer ertrödelten Uniform ins Köpenicker Rathaus einmarschiert? Und das spätestens seit der Verfilmung mit Heinz Rühmann 1956 an die gehobene Fernsehkomödie verloren scheint, wobei gern mal vergessen wird, dass der Gegenstand, aus dem es sich speist – nämlich das Soldatische im Menschen – gar nicht nur lustig ist? Sebastian Hartmann und sein großartiges Ensemble haben eine grandiose Idee: Sie verhehlen weder das Abgründige noch das Komödiantische des Stoffes – ohne allerdings die Komödie im engeren Sinne zu reproduzieren. Hartmann hat die Fassade des Cottbusser Theaters auf dem Szenario nachgebaut. ,Der deutschen Kunst‘ steht dort geschrieben, und was sich nun ereignet, ist ein Marionettentheater (nicht nur) deutscher Mentalitätsgeschichte, in dem ein begnadet (selbst-)ironiebegabtes Schauspielteam das Stück von Carl Zuckmayer auf seine Gegenwartstauglichkeit abklopft. An der Oberfläche sieht das aus, als hätte die Crew eine Backstage-Klamotte lässig mit Diskursstoff veredelt. Tatsächlich aber führt es tief hinein in Wesen und Gegenwart des Soldatischen – auch im Theater.“
– Christine Wahl für die Theatertreffen-Jury
Programmheft (PDF, 1 MB)
Sebastian Hartmann – Regie und Bühne
Adriana Braga Peretzki – Kostüme
Lothar Baumgarte – Lichtdesign
Leonie Hahn – Dramaturgie
Torben Appel, Gunnar Golkowski, Benjamin Kühn, Charlotte Müller, Ariadne Pabst, Markus Paul, Charlie Schülke, Lucie Luise Thiede
Aufführungsrechte: S. Fischer Verlag GmbH THEATER & MEDIEN