Die 10 bemerkenswertesten Inszenierungen
von Thomas Melle
In einer Bühnenfassung von Lucia Bihler und Gwendolyne Melchinger
Schauspiel Stuttgart
Premiere: 27.9.2025
Die Welt im Rücken © Schauspiel Stuttgart
Die packende Chronik einer bipolaren Erkrankung übersetzen Lucia Bihler und ihr Team in Die Welt im Rücken in ein Gesamtkunstwerk, das kraftvolle, abstrakte Bilder für seelische Zustände findet und dabei den Textkörper als Körpertext begreift.
Ein schreibendes Ich führt ein Leben in Extremen – mal energetisch überbordend bis zum Exzess, mal gefangen in quälender Leere. Die Ursache dafür ist eine bipolare Erkrankung, in der sich manische mit depressiven Phasen abwechseln und die das Ich aus den geregelten Abläufen der Gesellschaft hinauskatapultiert. Schreibend versucht das ruhelose Ich einzuordnen, was zwischen Sex mit Madonna und dem Wunsch nach Auslöschung mit ihm geschieht. Thomas Melle gewährt mit Die Welt im Rücken in virtuosen, sinnlichen Sprachbildern einen plastischen Einblick in eine Erkrankung, von der er selbst betroffen ist. Lucia Bihler legt ihre Romanadaption als visuell und emotional mitreißendes Gesamtkunstwerk an, in dem Musik, Licht, Bühne und Choreografie ineinandergreifen und Emotionen und Handlungen abstrahiert in expressive Körperlichkeit übersetzt werden. Mit ihrem sensationellen Spiel zwischen physischer Verausgabung und emotionaler Durchlässigkeit steht Paulina Alpen im Zentrum des Geschehens, ihr zur Seite eine Gruppe von Doppelgängern als Körperchor. Gemeinsam finden sie starke Bilder, die sich ins Gedächtnis brennen.
„Die ganze Bühne mutiert hier zu einem psycho-physischen Raum: Von Paula Wellmanns mit-atmenden und zuweilen schamrosa beleuchteten Vorhängen bis zu den drängenden Sounds von Sixtus Preiss wirkt alles daran mit, Thomas Melles schmerz- und humorvollen Text über seine bipolare Störung sicht- und erfahrbar zu machen. Im Zentrum dieses Gesamtkunstwerks: die großartige Paulina Alpen. Im roten Körper-Panzer von Victoria Behr – und manchmal auch ihm entgegen – spielt sie das Schwerwerden in der Depression ebenso wie den Donnerhagel der Neuronen in der Manie. Und nichts davon zu groß. Selbst das Durchdrehen ist bei ihr eine feinstoffliche Angelegenheit. Sechs Alpen-Lookalikes sind die von Melle erwähnten ,Zwitter-Agenten‘: Ausstülpungen wie Echos des eigenen Ich, die aber auch die Reaktionen der Mehrheitsgesellschaft auf inadäquates Verhalten spiegeln. Der Abend hat die poppige Ästhetik, die man von Lucia Bihler kennt, ist aber niemals effekthascherisch, sondern tief menschlich und schickt auch das Publikum auf eine Achterbahn der Emotionen.“
– Sabine Leucht für die Theatertreffen-Jury
Programmheft (PDF, 0,91 MB)
Lucia Bihler – Regie
Paula Wellmann – Bühne
Victoria Behr – Kostüme
Sixtus Preiss – Musik
Björn Leese – Choreografie
Mats Süthoff – Outside Eye
Felix Dreyer – Licht
Gwendolyne Melchinger – Dramaturgie
Paulina Alpen – Thomas Melle
Tim Bülow – Doppelgänger
Pauline Großmann – Doppelgänger
Felix Jordan – Doppelgänger
Mina Pecik – Doppelgänger
Karl Leven Schroeder – Doppelgänger
Silvia Schwinger – Doppelgänger
Aufführungsrechte: Rowohlt Theater Verlag, Hamburg