Grußwort

„Wie viele Tage braucht es, um aus einem Kriegsmenschen wieder einen Friedensmenschen zu machen?“, fragt die Schauspielerin Katharina Bach das Publikum, als sie in der finalen Szene von Wallenstein. Ein Schlachtfest in sieben Gängen an die Theaterrampe tritt. Nach sieben Stunden theatraler Schwerstarbeit schält sie sich ausgelaugt aus ihrem Kostüm, einem muskulösen Männerkörper aus Latex. Sie lässt ihn hinter sich wie eine Schlange ihre abgestorbene Haut, lässt die kampfbereite Last auf der Bühne zurück.

Das Theatertreffen zeigt, welche Themen Künstler*innen sowie ihr Publikum im vergangenen Jahr beschäftigt haben. Im Jahr 2026 steht dabei eine Erfahrung im Zentrum, die das Denken auf deutschsprachigen Bühnen nachhaltig prägt: der Krieg. Jan-Christoph Gockels Wallenstein-Interpretation verdichtet diese Erfahrung zu einem Bild der Erschöpfung. Mit auffälligem Perspektivbruch: Es sind Frauen in Männerkostümen, die uns den Krieg auf die Bühne bringen – jenen Krieg, von dem Schiller sinngemäß sagte, wir würden ihn ausschließlich aus den Berichten von Männern kennen.

Mit weiblichen Perspektiven fordern die Inszenierungen des Theatertreffens konventionelle Entgegensetzungen von Mann und Frau heraus. Rollen werden neu lesbar – etwa im von Frauen dargestellten Heer in Gockels Wallenstein oder in der Glasmenagerie-Interpretation von Jaz Woodcock-Stewart, die eine als queer lesbare Tochter ins Zentrum rückt. Andere Arbeiten machen die Perspektivverschiebung selbst zum Thema: Sie untersuchen Macht, Deutungshoheit und gesellschaftliche Konfliktlinien wie Three Times Left is Right von Julian Hetzel oder reflektieren das Theater in seinen eigenen Zuschreibungen wie Fräulein Else von Julia Riedler und Leonie Böhm. Zugleich steht das Weibliche für eine neue kollektive Kraft auf der Bühne, wenn Performerinnen* unterschiedlichen Alters sowie mit und ohne Behinderung zusammenkommen, um in A Year without Summer von Florentina Holzinger Verletzlichkeit und Widerstandskraft des Menschen sichtbar zu machen.

Nicht nur Frauen erzählen beim Theatertreffen von solchen Perspektivverschiebungen; es ist eine ästhetische Untersuchung über Geschlechtergrenzen hinweg. Auch in Zahlen zeigt sich diese Entwicklung: Sechs von zehn Inszenierungen haben Künstlerinnen verantwortet. Noch etwas ist erfreulich: Die Einbindung von Schauspieler*innen mit Behinderung wird zunehmend selbstverständlich und eröffnet neue ästhetische Möglichkeitsräume. Auf diese Weise wird das Theatertreffen selbst zu einem Ort der Verwandlung: Festgeschriebene Bilder und Rollen werden abgestreift, neue Körper und Perspektiven treten hervor. Die Frage, wie sich Gewalt in Erfahrung verwandeln und „aus einem Kriegsmenschen wieder ein Friedensmensch“ herausschälen kann, bleibt dabei offen, aber sie hat auf der Bühne eine neue Form gefunden.

Wir wünschen den Besucher*innen des Theatertreffens 2026 anregende Erfahrungen. Der Leiterin des Theatertreffens Nora Hertlein-Hull und der diesjährigen Jury, dem Intendanten der Berliner Festspiele Matthias Pees sowie deren gesamtem Team danken wir in großer Verbundenheit. Allen Beteiligten auf und hinter der Bühne wünschen wir viel Erfolg, starken Applaus und übersenden ein herzliches „Toi toi toi“.

Katarzyna Wielga-Skolimowska
Vorstand / Künstlerische Direktorin Kulturstiftung des Bundes

Kirsten Haß
Vorstand / Verwaltungsdirektorin Kulturstiftung des Bundes