Grußwort

Das Theatertreffen der Berliner Festspiele ist seit Jahrzehnten ein Seismograph für den Zustand unseres Theaters – und damit auch für den geistigen Zustand unserer Gesellschaft. Die diesjährige Auswahl der zehn bemerkenswertesten Inszenierungen zeigt ein Theater, das sich weder im Ästhetizismus verliert noch in bloßer Tagesaktualität erschöpft.

Die eingeladenen Produktionen verhandeln mit großer formaler Vielfalt Fragen von Macht, Verantwortung, Erinnerung und individueller Freiheit. Sie tun dies mit künstlerischer Konsequenz, mit Mut zur Zumutung und mit einem ausgeprägten Bewusstsein für die eigene gesellschaftliche Wirkung. Auffällig ist dabei weniger ein einheitlicher Stil als vielmehr eine gemeinsame Ernsthaftigkeit: das Beharren darauf, dass Kunst mehr sein kann als Kommentar – nämlich Erkenntnisform.

Gerade in Zeiten beschleunigter öffentlicher Debatten bewahrt das Theater eine besondere Qualität: Es verlangsamt, vertieft und widerspricht. Es setzt dem schnellen Urteil die Erfahrung entgegen und dem Lärm die Konzentration. Das Theatertreffen macht diese Qualität sichtbar, indem es unterschiedliche Handschriften, Generationen und Perspektiven zusammenführt und sie dem öffentlichen Diskurs aussetzt.

Kulturpolitik hat nicht die Aufgabe, Inhalte vorzugeben, wohl aber, Räume zu sichern, in denen künstlerische Freiheit möglich bleibt. Das Theatertreffen ist ein solcher Raum – offen, streitbar und anspruchsvoll. Mein Dank gilt allen Beteiligten, die mit Professionalität und Engagement dazu beitragen, dieses Festival Jahr für Jahr zu realisieren.

Ich wünsche dem diesjährigen Theatertreffen intensive Begegnungen, produktive Kontroversen und ein aufmerksames Publikum.

Dr. Wolfram Weimer
Staatsminister für Kultur und Medien

Im April 2026