Lesungen und Gespräche | Dramatik und Diskurs

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Mehr Drama!: Sharon Dodua Otoo + Laura Uribe

In einer Zeichnung in den Farben orange und grün gehen zwei Personen die Treppe hoch ins Obere Foyer des Haus der Berliner Festspiele

© Berliner Festspiele, Illustration: 3pc

In der zweiten Veranstaltung von Mehr Drama! stellen sich Sharon Dodua Otoo und Laura Uribe mit ihren Texten dem Theatertreffen-Publikum vor und sprechen im Anschluss mit den Autor*innen, die sie für das Format nominiert haben: Sasha Marianna Salzmann und Paula Thielecke.

Moderation Shirin Sojitrawalla
Dramaturgische Betreuung Anna-Katharina Müller

Sharon Dodua Otoo: On the right side / Auf der rechten Seite

Norah, Mutter zweier Söhne, lebt seit Jahren in Berlin. Bald steht ihr Einbürgerungstest bevor, doch eines Abends beim sonntäglichen Tatort-Schauen verschwindet plötzlich ihr Deutsch. Sie versteht nichts mehr, kann es nicht mehr lesen, nicht mehr sprechen. Nur Englisch bleibt ihr. Ihre Panik wächst. Wie kann sie ihre Sprache vor dem wichtigen Test wiederfinden und vor allem: ihre eigene Geschichte weitererzählen? In On the right side / Auf der rechten Seite sucht Sharon Dodua Otoo nach Identität und der eigenen Stimme in der deutschen Gesellschaft – humorvoll, dicht und natürlich bilingual. 

Lesung mit
Leyb-Anouk Elias, Elijah Otoo, Tyrell Otoo u. a.

Gespräch zwischen
Sharon Dodua Otoo und Sasha Marianna Salzmann

Auswahlbegründung

„On the right side / Auf der rechten Seite ist das erste Theaterstück der Autorin Sharon Dodua Otoo. Ein kluges, humorvolles Konversationsdrama über unsere Gegenwart in Deutschland. Die Protagonistin Norah ist Anfang 40 und lebt seit den 1990er-Jahren in Berlin. Sie hat Kunst studiert, eine Familie gegründet und arbeitet als Lehrerin. Sie führt ein ‚deutsches Leben‘, bis sie eines Morgens aufwacht und versteht – ihr Deutsch ist weg. Sie hat nur wenige Tage bis zu ihrer Einbürgerungsprüfung und aus ihr kommt nur Englisch heraus. Sie versteht ihre Söhne nicht, sie versteht die Nachrichten im Fernsehen nicht. Wir als Zuschauende begeben uns mit ihr auf die Suche danach, was vorgefallen sein könnte. Wer hat Norah das Deutsch genommen?
Sharon Dodua Otoo schafft es, ihr Publikum nicht nur mit Witz und immer neuen Wendungen zu verblüffen, sondern eine lustvolle Form für die Absurditäten der derzeitigen Identitätskriege zu finden. Ihre Protagonistin Norah fordert nicht nur ihr Umfeld heraus, auch die Erzählerin der Geschichte selbst muss auftreten und sich zu ihren ästhetischen Entscheidungen verhalten. Eine Reise ins Spiegelkabinett, der sich niemand entziehen kann.“
– Sasha Marianna Salzmann

Laura Uribe: Backyard [Ein Suchgelände]

Das Hör- und Sichtbarmachen von sonst abwesenden Stimmen im europäischen Kontext liegt auch dem Text Backyard [Ein Suchgelände] von Laura Uribe, in Co-Autorinnenschaft mit Sabina Aldana, zugrunde. Seit 2018 machen sie sich auf die Suche nach den unzähligen verschwundenen Menschen in Mexiko. Sie überführen ihre reale Recherche und die eigene Erfahrung in eine künstlerische (Schreib-)Praxis, die grausame Verbrechen sichtbar macht und den verschütteten Körpern eine Stimme gibt – als Mahnung, Erinnerung, Widerstand, aber auch als solidarischer Akt.

Lesung mit
Yanina Cerón, Katia Fellin, Wiebke Jakubicka Yervis

Gespräch zwischen
Laura Uribe und Paula Thielecke

Auswahlbegründung

„Als auswählende Autorin von Mehr Drama! des Berliner Theatertreffens war es meine Aufgabe, einen*eine Nachwuchsautor*in auszuwählen. In diesem Fall jedoch verschiebt sich diese Rollenverteilung. Laura Uribes Kunst und Perspektive, die in Co-Autorinnenschaft mit Kostümdesignerin und Art-Direktorin Sabina Aldana entstehen, sind für mich Ausgangspunkt eines Lernens. Ihre Arbeit hier hervorheben zu dürfen, verstehe ich als Ausweitung eines queerfeministischen und transnationalen Dialogs. Dem Text BACKYARD [Ein Suchgelände] geht eine künstlerische Praxis voraus, die das komplexe Spannungsfeld zwischen Repräsentation, Aneignung und Empathie befragt und die europäische Perspektive herausfordert. Daraus ergeben sich zentrale Fragen, die Laura Uribe politisch, dokumentarisch und narrativ verhandelt.
Wie kann eine Person aus Europa Realitäten und Lebenserfahrungen darstellen, die in einem völlig anderen politischen, historischen und kolonialen Kontext verankert sind? Und ist es überhaupt möglich, dies verantwortungsvoll zu tun, ohne sich Erfahrungen anzueignen? Die Annahme wäre, dass gerade eine gegenseitige, tief empfundene Empathie zu gelebter internationaler Solidarität auf Augenhöhe führen könnte. Eine Solidarität, die sich nicht aus Mitleid speist, sondern aus einem Verständnis geteilter Verantwortung. Laura Uribes Texte sind eng verbunden mit der politischen Realität Mexikos. In ihren künstlerischen Recherchen verhandelt sie die andauernde Gewalt gegen Frauen und queere Menschen, ebenso wie die unermüdliche Suche nach Verschwundenen. Ihre Arbeit zeigt die gesellschaftliche Wunde, die Femizide, Feminizide und gewaltsames Verschwinden hinterlassen, und zugleich die großen kollektiven, oft informellen Strukturen der Selbstorganisation, der Erinnerung und der Widerständigkeit, die dem etwas entgegensetzen.
Das oft benannte Spannungsfeld zwischen lateinamerikanischem und westlich geprägtem, weißen Feminismus zeigt sich nicht nur darin, dass westliche Diskurse koloniale und rassistische Gewalttraditionen häufig übersehen. Die Kritik richtet sich dabei nicht gegen einzelne Personen, sondern gegen ein europäisches Selbstverständnis, das global weiterhin wirkmächtig ist. Laura Uribes Schreiben zeigt, wie die künstlerische Umsetzung eines auf Solidarität basierenden Denkens gelingen kann. Ihre komplexen Analysen bleiben nicht abstrakt, sondern werden ästhetisch, sprachgewandt und humorvoll erfahrbar. In einer unterhaltsamen, fiktionalen Rahmung verbinden sich in ihren Texten autobiografische und dokumentarische Elemente, Interviews, Recherchematerial und die Stimmen derer, die selbst keine Kapazitäten für Kunstproduktion haben, weil sie zum Beispiel den Körper ihres Bruders aus einem Acker ziehen und weitere Wochen nach seinem Kopf suchen müssen, um Laura Uribe mit einer beispielhaften Beschreibung materieller Lebensrealität des alltäglichen Widerstandes zu zitieren. 
Laura Uribes Arbeiten reihen sich ein in ein Selbstverständnis progressiver, politischer und zugleich nachhaltiger Kunst, die Verbindung, Community und Verantwortung wirksam werden lässt. Auch wenn ihre Arbeiten bereits international gezeigt wurden, halte ich es nicht nur für dringend notwendig, sondern für wegweisend, dass ihre Protagonist*innen noch deutlich stärkere internationale Beachtung finden.“
– Paula Thielecke

Aufführungsrechte Sharon Dodua Otoo, On the right side / Auf der rechten Seite: S. Fischer Theater & Medien, Frankfurt am Main
Übersetzung von Backyard [Ein Suchgelände] aus dem mexikanischen Spanisch von Franziska Muche